Blattmaske

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englisch: Head, foliated, foliated head; französisch: Mascaron à feuillage, tête de feuilles; italienisch: Mascherone composto di foglie.


Harald Keller (1941)

RDK II, 867–874


RDK II, 869, Abb. 1. Worms, um 1200.
RDK II, 869, Abb. 2. Schw. Gmünd, um 1360.
RDK II, 871, Abb. 3. Kolmar, um 1400.
RDK II, 871, Abb. 4. Heilbronn, Turm der Kilianskirche, 1513–29.
RDK II, 873, Abb. 5. Aschaffenburg, Schloß, 1605–16.
RDK II, 873, Abb. 6. Marcus Nonnenmacher, 1710.

I. Begriff, Zweck, Wesen

Die B. (auch Blattkopf) ist eine architektonische Zierform, die an Kapitellen, Konsolen, Schlußsteinen, zuweilen auch als Felderfüllung eines architektonischen Rahmens (Dreipaß) auftritt, später auch an kirchlichen Möbeln (Chorgestühlen, Bänken), schließlich auch in den Schmuckranken der m.a. Buchmalerei, in der Neuzeit auf ornamentalen Vorlageblättern. Menschliches Antlitz und Laubwerk gehen eine unlösliche Verbindung ein, so daß ein neuer Organismus entsteht, der weder der Pflanzenwelt noch dem menschlichen Bereich zugehört (nicht zu verwechseln mit den zuweilen auftretenden Blattknospen mit Menschengesichtern, z. B. Wetzlar, Domchor). Es bildet sich eine Zwitterform, wenn die Fleischteile des Kopfes unangetastet bleiben und nur von Laubwerk, das dem Munde entwächst oder die Stirn umwindet, lose umrahmt werden. In den bedeutendsten Beispielen hingegen werden die Gesichtszüge aus dem Blattwerk selbst herausentwickelt, so daß tatsächlich ein Fabelwesen entsteht. Blattrippen, Rankenknospen, gerollte Blätter bilden Augen, Nase, Mund.

Die B. tritt nur im römischen Altertum und in der christl. Kunst des Abendlandes auf. Der byzantinischen Kunst und der orientalischen Welt ist sie unbekannt. Auch in Europa werden Zeiten und Menschen von klassischer Haltung einem künstlerischen Gebilde, das ein geprägtes Antlitz unter dem Versteck eines pflanzlichen Ornaments verwandelt und ihm dämonische Kräfte zuwachsen läßt, immer nur Abneigung entgegenbringen. So erklärt sich die Seltenheit der B. in der italienischen Gotik (Ausnahme: Portal der Oberkirche von S. Francesco in Assisi, reifes 13. Jh. B. Kleinschmidt, Die Basilika S. Francesco I, Berlin 1915, Abb. 63). Aber eine Kunst, welche auch die Grenzfälle menschlicher Physiognomik nur einzufangen weiß durch Variation von Liniennetzen, bei der also die Naturbeobachtung noch ganz zurücktritt hinter der ornamentalen Phantasie, mußte die Blütezeit der B. werden.

II. Antike

Nachdem bereits der Hellenismus Fabelwesen aus menschlichen, tierischen und pflanzlichen Teilen zusammengesetzt hatte, entsteht in der flavischen Zeit die eigentliche B. Gegen E. 1. Jh. n. Chr. sind nur erst Backenbart und Schnurrbart des Antlitzes mit Blättern bedeckt. Die meisten antiken und frühchristl. Beispiele gehören dem Typus an, der die anatomischen Teile frei läßt und das Antlitz nur vegetabilisch umrahmt (Denkmälerliste bei [1, S. 45ff.]). Nur die viel selteneren Maskenkapitelle der östlichen Reichshälfte (Baalbeck, Kairo [1, Taf. XV, Nr. 3 u. 5] und bei R. Kautzsch, Kapitell-Studien, Berlin 1936, Taf. 45) bringen schon die völlige Durchdringung von Maske und Blatt. Wichtig für die abendländische Kunst ist das Vorkommen des ersten Typus in der römischen Provinzialkunst, besonders in den Rheinlanden (Denkmäler von Neumagen, zw. 120 u. 180 n. Chr.). Dieses antike Erbe verwendet in den Rahmungen der Widmungsblätter der Egbert-Psalter von Cividale (977–93), wo auch Bukranien mit Blattranken auftreten. Weniger deutlich ist die Herkunft der einzelnen Masken mit den polypenartigen Armen auf zwei anderen Blättern der Hs. (H. V. Sauerland und A. Haseloff, Der Psalter Egberts v. Trier in Cividale, Trier 1901, Taf. 1, 2, 5, 34). Schon vorher hatte die alemannisch-schweizerische Buchmalerei unter dem Einfluß der südenglischen B. von großartigster Abstraktion in der Karolingerzeit gebildet. (Liber viventium, cod. I von Pfäfers, St. Gallen, Stiftsarchiv. – Abb. Jos. Gantner, Kunstgeschichte der Schweiz 1, Frauenfeld u. Leipzig 1936, Abb. 50.)

III. Spätromanik

In der m.a. Kunst begegnet die B. zuerst in Oberitalien am Dom von Modena in mehreren Beispielen (G. Bertoni, Atlante storico-artistico del duomo di Modena, Modena 1921, S. 5, 12, 14, 31); häufig wird die B. jedoch erst in der deutschen spätromanischen Architektur und der gleichzeitigen deutschen und französischen Buchmalerei (Beispiele der Buchmalerei bei H. Swarzenski, Zs. f. Kg. 4, 1935, S. 166). Die B. in der Rahmung des Bogenfelds am Marktportal des Mainzer Doms (1200–15; R. Kautzsch, Der Mainzer Dom, Frankfurt 1925, Taf. 20) sind direkte Entlehnungen aus einem provinzialrömischen Denkmal, ebenso die Konsole vom Grabmal des Grafen Dedo in Wechselburg (um 1240; Ad. Goldschmidt, Skulpturen von Freiburg und Wechselburg, Berlin 1924, Taf. 81c) und die Kapitelle am Portal der Vorhalle von Maria Laach (um 1230; Ad. Schippers, Das Laacher Münster, Köln 1928, Taf. 19), also wieder auf provinzialrömischem Boden. Wesentlich roher der Gewölbe-Schlußstein im Kreuzgang von St. Emmeram zu Regensburg (um 1230; R. Hamann, Deutsches Ornament, Frankfurt 1924, Taf. 26) und am Taufstein des Limburger Doms (um 1235; E. Panofsky, Deutsche Plastik des 11.–13. Jh., München 1924, Taf. 61). Letzterem verwandt Magdeburg, Dom (um 1220; R. Hamann, Jb. d. preuß. K.slg. 30, 1909, Abb. S. 130 u. 216). Die deutsche Eigenart entfaltet sich am großartigsten am Mittelrhein: Worms, Dom, Nordportal-Innenseite, um 1200, zugleich das früheste deutsche Beispiel (Abb. 1). Die letzte Phase der Spätromanik erreicht hier bereits das Verschwinden aller Fleischteile, so daß allein das frei herausgeholte Rankengeschlinge das Antlitz bildet: Gelnhausen, Marienkirche, nördl. Chorwand, Konsole unter dem Kleeblattfries des Erdgeschosses, um 1230 (R. Hamann, Ornament Abb. 23, Marburger Phot. 9627). Soweit ist die Gotik in der Auflösung des menschlichen Antlitzes niemals gegangen.

IV. Gotik

Unabhängig von diesen deutschen spätromanischen Denkmälern, die ihre Kenntnis der B. wohl allein den antiken Bauten der römischen Provinzen verdanken, entsteht nun in der französischen Kunst des frühen 13. Jh. eine ganz andere Form der B. (Beispiele bei P. Vitry-G. Brière, Documents de sculpture française du moyen-âge, Paris 1904–1913, Taf. 87), die bereits um 1235 so verbreitet ist, daß Villard de Honnecourt mehrere Beispiele in sein geplantes Lehrbuch aufnimmt (ed. H. R. Hahnloser, Wien 1935, S. 25f. mit Taf. 10 u. 43). Der deutsche Westen greift sofort diese Form der B. französisch-akademischer Prägung auf: Köln, Dom (Inv. Abb. 46, 58, 88); Konsolen des Westarms der Liebfrauenkirche in Trier (Wallraf-Richartz-Jb. 5, 1928, Abb. S. 29); Oppenheim, Katharinenkirche, Schlußstein; Kloster Ebrach (Phot. Dr. Schnell, Scheidegg, Nr. 1430); Lettner der Elisabethkirche in Marburg [1, Taf. XV, 9]; Lettner der Marienkirche in Gelnhausen (Phot. Marburg 9599). Gemessen an den B. dieser westlich bestimmten Gruppe erweist sich der eigentümlich deutsche Charakter jener wenigen Beispiele, die den großen deutschen Bildhauern des 13. Jh. gehören. Alle drei haben sehr viel Deutsch-Spätromanisches bewahrt: Konsole unter dem Bamberger Reiter, um 1237; Ostlettner des Mainzer Doms, zw. 1233 und 39 (Inv. Hessen, Mainzer Dom, S. 160ff. u. Taf. 35 g); Magdeburg, Konsole im südl. Seitenschiff, um 1260 (Spätwerk des Meisters des hl. Mauritius, nebst anderen bei R. Hamann, Jb. d. preuß. K.slg.. 30, 1909, S. 136, Abb. 72–74), sehr ostdeutsch im Gegensatz zu den mittelrheinischen Stücken. Weitere hochgotische Beispiele der Gruppe: Halberstadt, Dom, 2. Strebepfeiler der nördl. Außenseite, um 1276; Würzburg, Deutschhauskirche, Schlußsteine, um 1290 (W. Pinder, Mittelalterl. Plastik Würzburgs, Leipzig 19242, Taf. 7); Friedberg i. Hessen, Liebfrauenkirche, Tympanon der Chorpforte, um 1290 (R. Hamann und K. Wilhelm-Kästner, Die Elisabethkirche zu Marburg I, Marburg 1924, Abb. 204); Zürich, Fraumünster, Querhaus, Schlußsteine, um 1300 (I. Futterer, Gotische Bildwerke d. deutschen Schweiz, Augsburg 1930, Abb. 223 u. 227); Zisterzienserkloster Kappel b. Zürich, Schlußsteine im Schiff, E. 13. Jh. (Inv. Zürich-Land I, Abb. 53 – 55). Merkwürdige Sonderform dieser Stufe: Regensburg, Dom, 1. Drittel und M. 14. Jh. (Luisa Hager, Büste und Halbfigur in der deutschen Kunst des ausgehenden MA, Würzburg 1938, Abb. 2–3).

Um die Wende des 13. Jh. erlahmt in Deutschland die schöpferische Phantasie, die bei der B. eines Wirklichkeitsstudiums entbehren konnte. Schon in den Kapellen am Langhaus des Mainzer Doms zw. 1279 und 91 ist ein leises Nachlassen der Vorstellungskraft festzustellen (Inv. Hessen, Mainzer Dom, S. 137, Taf. 32 e u. i). Offensichtlich ist das dann an den Schlußsteinen im Langhaus des Freiburger Münsters (fortgeschrittenes 14. Jh., s. O. Schmitt, Got. Skulpturen d. Freiburger Münsters, Bd. 1, Frankfurt 1926, Textabb. 8 u. 9), besonders aber bei der ungemein spröden, zopfigen Konsole neben der Apostelgalerie des Straßburger Münsters (um 1340; [2, S. 245]). Auch die französisch-akademische B. hält sich noch bis ins 15. Jh. in etwas trockener Formensprache: Kolmar, St. Martin, südl. Chorumgang, 3. Kap. v. W. (Abb 3).

Die neue Gesinnung, die sich in der deutschen Plastik um die M. 14. Jh. Bahn bricht, wirkt sich sofort auch in der B. aus: die ungegliederte Masse des Steins als solche erscheint als Wert. Das Blattwerk wird lappig und teigig in die Fläche gebreitet, nicht mehr à jour vor den Grund gelegt. Das Mienenspiel zeigt nicht mehr die hohe Anspannung des 13. Jh. Oft ist es roher, dafür tritt jetzt ein Humor auf, der dem 13. Jh. ganz fremd war. An die Spitze dieser Reihe gehören die zahlreichen B. des Chorgestühls des Kölner Doms (um 1320; B. von Tieschowitz, Das Chorgestühl d. Kölner Doms, Berlin 1930, Taf. 8 a, 34 a u. b, 68 a u. b, 74 a, 89 b). Besonders bezeichnend die Türsturzkonsolen der Portale und die Konsolen der Vorhalle der Hl. Kreuzkirche von Schwäb. Gmünd (um 1360; Abb. 2); Prag, Dom, Wenzelskapelle, Konsolen (um 1367; vgl. I. Opitz, Die Plastik in Böhmen z. Zt. d. Luxemburger, Taf. 17 u. Textabb. 35); mit den Prager Stücken nahe verwandt Ulm, Münster, Sakristeitür, Konsolen (um 1370; Mitt. d. Ver. f. K. u. Altertum in Ulm u. Oberschwaben 25, 1927, Abb. 9 u. 12); Lambrecht i. d. Pfalz (um 1353; Inv. Bayern, Pfalz 1, Abb. 174); Aschaffenburg, Stiftskirche, Schlußsteine, 14. und A. 15. Jh. (Inv. Bayern, Unterfr. 19, Abb. 20); Wetter b. Marburg, Sakramentshaus, 15. Jh. (Marburger Phot. 20201).

Es ist auffällig, daß die 2. H. 15. Jh., die Zeit der erwachenden deutschen Bildniskunst, der B. von ihrem physiognomischen Interesse nichts mitgeteilt hat. B. sind in dieser Zeit selten (eine von vorzüglicher Qualität in Passau, Oberhaus, Hof).

V. Renaissance und Barock

Die B. der Renaissance unterscheidet sich als das Erzeugnis einer klassischen Kunst grundsätzlich von der mittelalterlichen dadurch, daß jetzt nicht mehr das Gesicht in Pflanzenform aufgelöst wird. Vielmehr wird die Maske klassischer Prägung nur von Laubwerk umrahmt. Kaum ein oberitalienischer Ornamentstich ohne solche B.! (Berliner I, Taf. 28, 29, 31, 32, 35, 41 usw.). An Bauten: Assisi, Oberkirche, Vorhalle, um 1486 (Kleinschmidt I, Abb. 134). Apollobrunnen von Hans Vischer, 1532 (S. Meller, P. Vischer, Leipzig 1925, Abb. 135). Daneben hält sich aber in Deutschland die volkstümliche Strömung, die den Zusammenhang mit der m.a. B. wahrt: Heilbronn, Hauptturm der Kilianskirche, 1513–29 von Hans Schweiner v. Weinsberg (Abb. 4); Philipp Soldan, Balkenköpfe der Liebfrauenkirche zu Frankenberg in Hessen, 1529 (Hamann, Ornament, Taf. 37).

Im Manierismus und Barock zw. 1550 u. 1650, der eigentlichen Zeit der Maske, ist die B. außerordentlich selten, weil das Knorpelwerk das Laubwerk völlig verdrängt hat. Ausnahmen am Aschaffenburger Schloß (Abb. 5); Cannstatt, Uffkirche, Epitaph Jacob Speidel † 1613. Erst als das Knorpelwerk durch das Akanthusornament (s. RDK I, Sp. 262ff.) abgelöst wird, kehrt auch die B. zurück, allerdings nur im Stich (Fel. Rothe, Das Akanthusornament d. 17. Jh., Berlin 1938, Taf. 7, 28, 29). Schlüters Berliner Zeughausmasken zeigen, was der deutsche Spätbarock unter Masken als Baudekoration verstand.

Zu den Abbildungen

1. Worms, Dom, Langhaus-Nordportal, Innenseite. Blattmaske im Scheitel des Bogenfeldes. Um 1200. Nach Rud. Kautzsch, Der Dom zu Worms, Berlin 1938.

2. Schwäbisch Gmünd, Hl. Kreuzkirche, südl. Chorportal, mittlere Konsole auf der linken Seite der Vorhalle. Um 1360. Phot. Landesbildstelle Württemberg, Stuttgart.

3. Kolmar i. E., St. Martin, südl. Chorumgang, 3. Kapelle von Westen, Schlußstein. Um 1400. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

4. Heilbronn, Kilianskirche, Skulpturen am Hauptturm. Von Hans Schweiner von Weinsberg, 1513–29. Phot. Landesbildstelle Württemberg, Stuttgart.

5. Aschaffenburg, Schloß, 1605–16, Turmgalerie, Blattmaske. Marburger Photo.

6. Marcus Nonnenmacher, Der architektonische Tischler, Nürnberg-Frankfurt-Leipzig 1710, Nr. 23. Marburger Photo.

Literatur

1. M. Wegner, Blattmasken, in „Das siebente Jahrzehnt“, Festschrift f. Ad. Goldschmidt, Berlin 1935, S. 43ff. 2. Harald Keller, Die Entstehung des Bildnisses am Ende des Hochmittelalters, Römisches Jb. f. Kg. 3, 1939, S. 243ff.