Blasebalg

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englisch: Bellows; französisch: Soufflet; italienisch: Soffietto.


Hans Wentzel (1941)

RDK II, 832–834


RDK II, 833, Abb. 1. Niederrhein, A. 16, Jh.
RDK II, 833, Abb. 2. Süddeutsch, 17. Jh.

Der B. ist ein seit der Vorzeit bekanntes Instrument zum Feueranfachen und besteht zumeist aus Lederbalgen zwischen zwei Deckeln oder Preßflächen. In immer gleicher Form ist er von den Naturvölkern bis zur Gegenwart industriell (z. B. in der Schmiede) verwendet worden [5]; eine Ableitung sind die Tretbälge der Orgel.

Kunstgeschichtliche Bedeutung hat nur der B. als Möbelstück des vornehmen bürgerlichen oder des fürstlichen Haushalts, also der Handblasebalg am Kamin. Seine Form ist recht unveränderlich. Schon Darstellungen des 12. Jh. (Vézelay, Kapitell; Barnabasmartyrium im Zwiefaltener Passionale in Stuttgart cod. hist. fol. 415, 45 r. usw.) zeigen den bis ins 19. Jh. beibehaltenen Mechanismus von zwei herz- bis blattförmigen Deckplatten an Handhaben, die die Luft aus einer verlängerten, manchmal zugespitzten Düse herauspressen. Aus der Zeit vor 1500 haben sich keine B. – oder doch keine von kunstgeschichtlichem Interesse – erhalten; aus burgundisch-französischen Schatzinventaren des 14. Jh. erfahren wir, daß die B. an den Kaminen dieser Höfe als kleine Kostbarkeiten aus Gold- und Silberemail mit eingelassenen Wappen, aber auch aus Kupfer hergestellt waren [2]. Aus der Zeit um 1500 haben sich zwei niederrheinische B. erhalten: einer mit der Halbfigur einer Madonna im Mus. f. Kunst u. Gew. in Hamburg [3, Abb. S. 684] und einer mit der Flucht nach Ägypten und zwei (ungedeuteten) Wappenschilden ehemals in der Slg. Figdor (Abb. 1), bei dem das Luftrohr als Drachenkopf und das rückseitige Luftventil als Rundfenster mit Dreipaß gebildet sind [6. 7]. – Hervorragende Renaissance-B. sind anscheinend vor allem in Frankreich, dort in ganzen Sätzen [2], und in Italien (London, South-Kensington-Mus.) hergestellt worden. Havard bildet eine Reihe prachtvoller B. vom 16.–19. Jh. ab: im 16. Jh. waren sie vornehmlich aus Holz, geschnitzt und vergoldet, im 17. Jh. aus kostbaren Hölzern (Zeder, Ebenholz), mit Silber eingelegt oder als Lackarbeit, in der Manufaktur von Rouen sind auch B.-Deckplatten aus Fayence hergestellt worden. An sicheren deutschen B. nenne ich einen niederdeutschen B. der Zeit um 1600 mit der Flucht nach Ägypten und einen süddeutschen aus Klosterbesitz (Ulmer Gegend) von 1681 in Kerbschnitzerei und umständlicher Besitzerinschrift, beide im Mus. f. K. u. Gew. in Hamburg [3], und einen süddeutschen mit Messingbeschlag (Abb. 2).

Darstellung von B. finden sich im Mittelalter häufig bei Höllen- und bei Martyriumszenen (z. B. Laurentius, Johannes Ev., Veit), später als Abzeichen des Äolus bzw. als Attribut von Windgöttern und nach Cesare Ripa (Iconologia, Padua 1618, S. 64) als Attribut der Laune (capriccio).

Zu den Abbildungen

1. Ehem. Wien, Slg. Figdor, Blasebalg mit der Flucht nach Ägypten. Niederrheinisch, A. 16. Jh. Eichenholz mit alter Fassung. 69 cm lang. Nach Verst. Kat. der Slg. A. Figdor [7].

2. Stuttgart, Landesgewerbemus., Blasebalg mit Messingbeschlag. Aus Würzburg. 17. Jh. 61 cm lang. Phot. Mus.

Literatur

1. Gay II. S. 356/57. 2. Henri Havard, Dict. de l’ameublement, 2. Aufl. Paris o. J., Bd. 4, Sp. 1119–25. 3. Justus Brinckmann, Führer durch das Hamburgische Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg 1894, S. 684f., 697. 4. Bergner II, S. 584. 5. Paul Brandt, Schaffende Arbeit und Bildende Kunst I, Leipzig 1927, Abb. 243, 415–17, 430; II, 1928, Abb. 34, 104. 6. Otto von Falke, Aus der Slg. Figdor I, Pantheon 4, 1920, S. 331. 7. Verst.Kat. der Slg. A. Figdor, Berlin 1930, Bd. 4, Nr. 176, Taf. 92.