Blütengehänge

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englisch: Flower chain; französisch: Guirlande, feston; italienisch: Ghirlanda.


Herbert Rudolph (1942)

RDK II, 959–961


RDK II, 959, Abb. 1. Nymphenburg, 1756–57.
RDK II, 959, Abb. 2. Potsdam, Sanssouci, 1752–53.
RDK II, 963, Evangeliar Heinrichs III., zw. 1043 u. 1046. Escorial.

I. Begriffsbestimmung

Unter B. versteht man ein Ornament, bei dem an einer feinen Schnur aufgereihte Blätter entweder senkrecht herabhängen oder in leicht durchgeschwungenen Bögen wie Girlanden angebracht sind. Im Gegensatz zur Girlande handelt es sich beim B. um einfache Aufreihung von Blüten an einer Schnur, dabei meist zwischen den einzelnen Blüten Abstände gewahrt werden, wodurch das B. einen ausgesprochen anmutigen und duftigen Charakter erhält.

II. Entwicklung und Vorkommen

In seiner Entwicklung ist das B. sehr eng mit der Girlande verbunden. Es hat sich aus dieser entwickelt – in der Antike und in der Neuzeit. In der Antike ist das Ornament freilich verhältnismäßig selten (Vorkommen in pompejanischen Wandgemälden, Pompeji, Casa del Labirinto; Ludw. Curtius, Die Wandmalerei Pompejis, Leipzig 1929, S. 77, Abb. 53), ebenso im 16. Jh. Am Anfang stehen hier Mischgebilde zwischen Girlande und B. (Vorkommen in der dekorativen Malerei und Plastik, z. B. in der Raffaelschule, und im Kunsthandwerk). Im Ornamentstich des 17. Jh. (vornehmlich im französischen) erkennt man sodann, wie sich die Girlande mehr und mehr aus Blüten zusammensetzt. Bei Ch. Errard d. J. oder P. A. Ducerceau (3. V. 17. Jh.) finden wir B., in denen die Abstände zwischen den Blüten noch dicht mit Blättern ausgefüllt sind. Vom gleichen Charakter trifft man in dieser Zeit das B. in der dekorativen Malerei und im Kunstgewerbe. Im 18. Jh. ist das B. vollkommen ausgebildet, es wird jetzt vor allem in Deutschland eins der gebräuchlichsten Ornamente und verdrängt hier während der 1. H. des Jh. auf Grund seines Charakters fast vollständig die Girlande. Es wird verwendet: im Stich und am Möbel, an Chor- und Beichtstühlen, auch innerhalb von Altarbauten (z. B. Klosterkirche Osterhofen; Kittlitz, RDK I, Sp. 487, Abb. 2), an Gold- und Silberarbeiten und Porzellanen, an Teppichen und Tapeten.

III. Das B. in seiner besonderen Verwendung innerhalb der deutschen Architektur des 18. Jh.

Eine besondere Verwendung erhält das B. in der deutschen Architektur des 18. Jh. Als Metopenschmuck (z. B. Potsdam, Stadtschloß, Mittelrisalit der Hoffassade, 1745–51), an Fensterstürzen (z. B. München, Palais Preysing in der Prannerstr., um 1740), an Säulen und Pilastern (z. B. München, St. Johann-Nepomuk, 1733) wird es verwendet; an der Fassade des Asamhauses in München (um 1730) kommt es als lange und vielfach geschwungene Kette vor. Hier wird das B. zum künstlerischen Mittel, den asymmetrischen und phantastisch-dekorativen Charakter der Fassade zu erhöhen, darüber hinaus die Motive der Fassade im einzelnen zusammenzubinden und die Fassade als Ganzes mit der der Johann-Nepomuk-Kirche zu einer Einheit zu verschmelzen. – In der Innenraumgestaltung des deutschen 18. Jh. ist das B. nicht fortzudenken. In strenger und in freier Weise wird es verwendet. Als Beispiel für die strenge Verwendungsweise: Schloß Nymphenburg, Großer Saal, Ausstattung 1756/57: als Füllung von Bogenzwickeln (Abb. 1). Im gleichen Saal kommt es auch in freierer Weise vor, indem es durch eine Rocaille, die einen Emporenbogen als Kartusche bekrönt, hindurchgezogen und zugleich als bogenrahmendes Motiv verwendet ist. Kann das B. schon als Füllornament durch seinen leichten und duftigen Charakter von großer Bedeutung für die Raumstimmung werden, so vermag es in der freien Verwendung, wenn es die bewegliche Ornamentform der Rocaille durchsetzt und an Wänden und Decken von jeder Schmuckform zur anderen gezogen werden kann, den Raum zu zauberhaftem Wesen zu steigern. Alle großen deutschen Architekten und Dekorateure (B. Neumann, J. M. Fischer, G. W. v. Knobelsdorff, Joh. Aug. Nahl, Cuvilliés, J. B. Zimmermann, F. X. Feichtmayr usw.) verwenden so das B. Das Voltairezimmer in Schloß Sanssouci (Abb. 2) erhält z. B. vom B., das hier zusammen mit Blütengewinden auftritt, ganz und gar sein Wesen. – Gegen E. 18. Jh. und im frühen 19. Jh. wird das B. nur noch in strenger Weise verwendet, vor allen Dingen tritt es wieder hinter der Girlande als einem den klassizistischen Stilen gemäßeren Motiv zurück.

Zu den Abbildungen

1. Nymphenburg, Schloß, Großer Saal, Ausstattung von J. B. Zimmermann 1756/57. Phot. Gunther Schmidt, München.

2. Potsdam, Schloß Sanssouci, Voltairezimmer, Ausstattung nach Entwurf von Joh. Christian Hoppenhaupt 1752/53. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

Literatur

1. Lex. d. Baukunst 1, S. 556. 2. Berliner II–IV. 3. Peter Jessen, Der Ornamentstich, Berlin 1920. 4. Ders., Die Meister des Ornamentstichs 1–4, Leipzig 1922ff. 5. Bossert VI. 6. Göbel III, 1 u. 2. 7. Ad. Feulner, Kunstgeschichte des Möbels, Berlin 19272. 8. Herm. Schmitz, Deutsche Möbel des Barock und Rokoko, Stuttgart 1923. 9. Ad. Feulner, Bayerisches Rokoko, München 1923.