Biskuit, Biskuitporzellan

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englisch: Biscuit, white china, biscuit-baked porcelain, bisque; französisch: Biscuit; italienisch: Biscuit, Porcellana biscuit, biscotto.


Otto Pelka (1941)

RDK II, 816–820


RDK II, 815, Abb. 1. Anton Grassi (1755–1807), Wien um 1778/80.
RDK II, 817, Abb. 2. Dominikus Auliczek (1734–1804), Nymphenburg um 1770.
RDK II, 817, Abb. 3. Johann Peter Melchior (1742–1825), Nymphenburg um 1810.
RDK II, 819, Abb. 4. J. P. Melchior, Frankenthal um 1785.
RDK II, 819, Abb. 5. J. P. Melchior, Nymphenburg um 1812.

B. (von bis cuire = zweimal brennen) ist die Bezeichnung für Erzeugnisse aus unglasiertem Porzellan. Der Name deckt allerdings nicht die Sache; denn das in den europäischen Manufakturen hergestellte Hartporzellan bedarf, auch wenn es glasiert ist, eines zweimaligen Brandes, ehe es gebrauchsfertig wird, während es umgekehrt Porzellanmassen gibt, die so konstruiert sind, daß sie nur eines Brandes bedürfen, um der daraus hergestellten Ware Gebrauchsfähigkeit zu sichern; denn ein „Verglühen“, d. h. ein Vorbrand bei einer niedrigeren als der Garbrandtemperatur, ist beim B. an sich nicht nötig, erfolgt aber häufig aus Zweckmäßigkeitsgründen, um Fehler ausbessern zu können oder um ausgewitterte Salze zu entfernen. (In der Steingutherstellung bezeichnet man auffallenderweise den ersten, höhergradigen Brand als B.-Brand.) Die Zusammensetzung der B.masse kann daher die gleiche wie die der gewöhnlich verwendeten Porzellanmasse sein. Man wird also, wenn es sich nicht um Massenanfertigung handelt, für Plaketten und Denkmünzen im allgemeinen keine besondere Masse herstellen, um die Fabrikation wirtschaftlich tragbar zu gestalten. Legt man Wert auf ein besonders schönes Aussehen des B., d. h. auf ein Porzellan von größerer Durchscheinbarkeit, feinerem Korn und mattschimmernder Oberfläche, also auf eine Masse, die etwa dem Marmor von Paros ähnelt, so wird man natürlich Spezialmassen herstellen, die die marmorähnlichen Eigenschaften stärker hervortreten lassen als das gewöhnliche Hartporzellan. Derartige B.massen wurden im 19. Jh. in England unter dem Namen Parian und Belleek konstruiert, von denen das erstere auf Grund seiner Zusammensetzung dem eigentlichen Porzellan noch am nächsten kommt, während das letztere ein Frittenporzellan ist. – Die Verwendung unglasierten Porzellans für kleine plastische Arbeiten hängt eng zusammen mit der klassizistischen Stilbewegung, die im letzten Drittel des 18. Jh. zur Blüte kam. Die Ausgrabungen antiker Städte in Mittelitalien und die Bodenfunde, die man in Süditalien und z. T. auch in Griechenland gemacht hatte, legten den europäischen Porzellankünstlern von selbst die Aufgabe nahe, derartige Erzeugnisse klassischer Bildhauerkunst einer größeren Allgemeinheit zugängig zu machen. Die klassizistische Stilmode war begreiflicherweise darauf aus, die dekorative Kleinplastik dieser Strömung einzufügen, um die bürgerlichen Innenräume und die Salons der Adeligen entsprechend auszustatten (Abb. 4). Doch war mit der Verwendung eines so andersgearteten Werkstoffes niemals die künstlerische Wirkung antiker Marmorskulpturen zu erreichen. Trotz alledem hat es in Europa kaum eine Porzellanmanufaktur gegeben, die sich dieser Mode, wenn nicht aus wirtschaftlichen Gründen, entzog.

Den Anfang machte die französische Staatsmanufaktur Vincennes-Sèvres, die bereits um die M. 18. Jh. unter der Mitarbeit von bedeutenden Bildhauern (z. B. Boizot, Coypel, Falconet, Pigalle) in umfangreicher Weise höchst beachtenswerte B.-Gruppen herstellte. Die deutschen Manufakturen Meißen, Berlin, Höchst, Frankenthal und Nymphenburg, um nur die wichtigsten zu nennen, außerdem einige der kleineren thüringischen schlossen sich der damals maßgebenden französischen Produktion an. Als einen der bedeutendsten deutschen B.-Bildhauer kann man Johann Peter Melchior (1742 bis 1825) bezeichnen (Abb. 3–5), der für Höchst, Frankenthal und Nymphenburg gearbeitet hat. Unter den Werken seiner Höchster Zeit gibt es Beispiele (1770, 1771, 1777) für die auch bei anderen Künstlern gelegentlich zu beobachtende Tatsache, daß bestimmte Modelle sowohl in bemaltem glasierten Porzellan wie in B. ausgeführt wurden; in diesem Fall war wahrscheinlich zunächst an eine farbige Staffierung gedacht; denn es ist kein Beispiel bekannt, in dem ausgesprochene Modelle für B. auch in glasiertem und bemaltem Porzellan ausgeführt wurden.

Thematisch erstreckte sich die Erzeugung auf die damals beliebten allegorischen Gruppen und Darstellungen in heute noch kaum verständlichen Anspielungen und Szenen aus jetzt längst vergessenen dramatischen und Singspielwerken. Die bedeutendsten und künstlerisch wertvollsten Erzeugnisse sind indessen die bildnismäßigen Darstellungen in Medaillonform oder als Büsten: in dieser Sparte hat die B.plastik ganz vorzügliche Leistungen aufzuweisen (Abb. 1–3, 5).

Zu den Abbildungen

1. Florenz, Silberkammer des Pal. Pitti, Kaiserin Maria Theresia mit der Büste Josephs II. Wiener Biskuitfigur von Anton Grassi. (1755–1807). Um 1778/80. Phot. Cipriani, Florenz.

2. München, B.N.M., Selbstbildnis des Dominikus Auliczek (1734–1804). Nymphenburger Biskuitmedaillon. Um 1770. Dm 12 cm, Phot. Mus.

3. Ebd., Selbstbildnis des Johann Peter Melchior (1742–1825). Nymphenburger Biskuitmedaillon. Um 1810. Dm 13,5 cm. Phot. Mus.

4. Frankenthal, Erkenbert-Mus., Ariadne. Frankenthaler Biskuitfigur von Joh. P. Melchior. Um 1785. Höhe 10 cm. Nach Fr. H. Hofmann, Frankenthaler Porzellan 2, München 1911.

5. München, B.N.M., Kronprinz Ludwig von Bayern, Nymphenburger Biskuitbüste von Joh. P. Melchior. Um 1812. Höhe 22,5 cm (ohne Sockel). Phot. Mus.

Literatur

1. Bruno Kerl, Hdb. der gesamten Tonwarenindustrie, Braunschweig 1907. 2. R. Dietz, Das Porzellan, Halle 1907. 3. William Funk, Die Rohstoffe der Feinkeramik, Berlin 1933. 4. Emile Bourgeois et Georges Lechevallier-Chevignard, Manufacture Nationale de Sevres. Le biscuit de Sèvres. Recueil des modèles de la Manufacture de Sèvres au 18e siècle – Recueil des modèles modernes, 2 Bde., Paris 1921. 5. Friedr. H. Hofmann, Das Porzellan der europäischen Manufakturen im 18. Jh., eine Kunst- und Kulturgeschichte, Berlin 1932, Abb. 83, 90, 99, 174, 214, 266, 269, 346, 350, 352–54, 359.

Verweise