Bildnissilhouette

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englisch: Portrait silhouette, silhouette; französisch: Portrait-silhouette; italienisch: Silhouette.


Heinrich Leporini (1940)

RDK II, 691–695


RDK II, 691, Abb. 1. Nürnbergisch, E. 18. Jh.
RDK II, 691, Abb. 2. Georg Christoph Lichtenberg, 1783.
RDK II, 693, Abb. 3. Ludwigsburg, um 1790.
RDK II, 693, Abb. 4. Kupferstich von J. R. Schellenberg (1740–1806).
RDK II, 695, Abb. 5. Pfarrerpaar Dietz. Frankfurt, um 1780.

Bildnissilhouette, Profilumriß, meist schwarz ausgefüllt oder aus schwarzem Papier ausgeschnitten, erfreute sich in der 2.H. 18. Jh. hauptsächlich in Deutschland großer Beliebtheit und allgemeiner Verbreitung. Die Anfänge der B. liegen aber schon in früherer Zeit und haben ihre Herkunft sowohl im Scherenschnitt als auch im Schattenriß, welche dann in der B. auch ihre bedeutsamste Auswertung und weitgehendste Produktion erreichten. Mit der Schere nach dem Leben verkleinert geschnittene B. kommen in England schon zu A. 18. Jh. vor; die Scherenkünstlerin Pyburg hat bereits 1699 die Köpfe des englischen Königspaares, Wilhelms III. und seiner Gattin Maria, aus schwarzem Papier nach dem Leben geschnitten. Aber auch in England kommt ebenso wie in Frankreich für die Herstellung der nach der Mitte des Jahrhunderts zu immer größerer Verbreitung gelangenden B. fast nur der Schattenriß in Betracht. Der Umriß des von einer Person auf eine Fläche geworfenen Schattens wird nachgezeichnet und, mit dem Storchschnabel verkleinert, auf ein Blatt Papier gebracht; dieser manchmal auch herausgeschnittene Umriß wird dann mit schwarzer Farbe ausgefüllt. Zur richtigen Verfertigung des Profilumrisses bediente man sich in der Folge besonderer Vorrichtungen; so hat auch Lavater einen diesem Zweck dienenden Silhouettierstuhl (Abbildung 4) konstruiert. Der wegen seiner Sparmaßnahmen unbeliebte französische Finanzminister Etienne de Silhouette (1709–67) soll sich selbst mit der Herstellung von Schattenrissen beschäftigt und damit die Wände in seinem Schlosse in Brie-sur-Marne ausgeschmückt haben. Der Spottname „Silhouette“, den man billigen Ersatzprodukten beizulegen pflegte, hat sich für den Profilumriß, der zum Teil auch als wohlfeiler Ersatz an Stelle der Bildnisminiatur (Sp. 680ff.) erschien, in der Folge als übliche Bezeichnung dauernd erhalten. Im letzten Drittel des 18. Jh. wird Deutschland das Hauptgebiet der B. Sie findet vor allem an den kleinen Fürstenhöfen (Darmstadt, Gotha, Weimar) Eingang. Schon 1760 sandte die Landgräfin Karoline von Hessen an eine preußische Prinzessin B. und schrieb dazu: „L’on prétend que la misère les a fait inventer, ainsi on les nomme d’après l’auteur“. Aber sie verbreitete sich auch in bürgerlichen Kreisen und spielte infolge ihrer Wertschätzung von seiten der Dichter (Göttinger Hainbund, Gleim-Zirkel u. a.), Gelehrten und Künstler in der Aufklärungszeit eine besondere kulturgeschichtliche Rolle. Von größtem Interesse sind die zahlreichen B., welche sich von den Hauptvertretern dieser großen Blütezeit deutschen Geisteslebens und deutscher Literatur und ihrem Freundes- und Lebenskreis erhalten haben. Den Hauptplatz nimmt in der Entwicklung der B. Goethe auch infolge seiner Beziehungen zu Lavater ein, durch dessen Ideen über Physiognomik sein Interesse an der B. noch mehr angefacht wurde. Lavater hat schon in seinen 1775–78 erschienenen „Physiognomischen Fragmenten zur Beförderung der Menschenkenntnis“ der B. vor dem gemalten Porträt den Vorzug gegeben und in seinem großen Hauptwerk zahllose B., durch Kupferstich vervielfältigt, veröffentlicht. Auf die Verbreitung und Beliebtheit der B., welche in den 80er Jahren ihren Höhepunkt erreichten, hat nicht zuletzt auch die neue Welle klassizistischer Kunsttendenzen eingewirkt, welche in der 2. H. 18. Jh. in den kunstästhetischen Lehren und Schriften Winckelmanns und Mengs’ und in dem zur Mode gewordenen Griechenkult ihren Ausdruck fanden; mit letzterem verband sich auch die hohe Wertschätzung der schattenrißähnlichen griechischen Vasenmalerei. Während anfänglich nur Brustbilder als B. hergestellt wurden, beginnt man um die Mitte der 70er Jahre Porträts in ganzer Figur darzustellen. In den 80er Jahren erscheinen auch verschiedene Lehrbücher. Die Beschäftigung mit der B., welche bis dahin fast ausschließlich von Dilettanten betrieben wurde, wird nun auch berufsmäßig ausgeübt (Burmester, Rode in Berlin; Adolf Opitz in Dresden; Näther in Leipzig u. a.), und vielfach wird ihre Vervielfältigung durch Kupferstecher besonders für Almanache u. dgl. betrieben. Aber gegen Ende des Jahrhunderts verliert sie wieder mehr und mehr ihre Geltung und Verbreitung und artet in bloße Spielerei aus, indem die Umrißzeichnungen mehrfarbig koloriert werden u. dgl. Nur noch die von einzelnen Künstlern auch zur Herstellung von B. ausgeübte Scherenkunst (Christiane Louise Duttenhofer, Stuttgart; Wilhelm Müller, Dresden; Karl Fröhlich, Berlin u. a.) findet auch noch im 19. Jh., hauptsächlich im Kreise der Romantiker (Philipp Otto Runge, Hamburg), ihre Fortsetzung.

Zu den Abbildungen

1. Nürnberger Bildnissilhouette, E. 18. Jh. Frankfurt a. M., Kunstgewerbemuseum. Phot. Mus.

2. Georg Christoph Lichtenberg. Aus dem Brackschen Stammbuch von 1783. Frankfurt a. M., Kunstgewerbemuseum. Phot. Mus.

3. Familienmonument mit Silhouetten, Ludwigsburger Porzellan, um 1790. Frankfurt a. M., Kunstgewerbemuseum. Phot. Mus.

4. Silhouettierstuhl. Kupferstich von J. R. Schellenberg (1740–1806). Phot. Graph. Slg. München.

5. Pfarrer Joh. Franz Dietz und seine Frau Susanna, geb. von Hilten, Frankfurt um 1780. Wiesbaden, Priv. Bes.

Literatur

1. A. Corsep, Die Silhouette, Leipzig 19092. 2. Diederichs, Bd. 2. 3. Leo Grünstein, Silhouetten aus der Goethezeit, Wien 1909. 4. Th. Kroeber, Die Goethezeit in Silhouetten, Leipzig 1911. 5. E. N. Jackson, The history of silhouettes, London 1911. 6. A. Kippenberg, Die Silhouette, in: Deutsches Barock und Rokoko von Georg Biermann, Bd. 1, Leipzig 1914, S. LXVII–LXIX. 7. Charlotte Steinbrucker, Lavaters physiognomische Fragmente, Berlin 1915. 8. K. Brieger, Die Silhouette, Leipzig 1921. 9. A. Kippenberg, Technik der Silhouette, Jb. der Slg. Kippenberg. Bd. 1, Leipzig 1921. 10. Max Bucherer und Th. Kroeber, Spitzenbilder, Papierschnitte, Porträtsilhouetten, Leipzig 1922. 11. Max v. Boehn, Miniaturen und Silhouetten, München 19254.

Verweise