Bildhauerkunst (Personifikation)

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englisch: Sculpture (personification); französisch: Sculpture (personification); italienisch: Scultura (personificazione).


Liselotte Stauch (1939)

RDK II, 622–625


RDK II, 623, Abb. 1. Florenz, um 1335.
RDK II, 623, Abb. 2. Jost Amman, 2. H. 16. Jh.

Die B. (sculptura) gehört wie die Architektur (RDK I, Sp. 903ff.) und die Malerei nach m.a. Einteilung des menschlichen Wissens und Könnens zu den sogenannten artes mechanicae (s. Künste). Honorius Augustodunensis beschreibt in „De Animae Exsilio et Patria alias de Artibus“ (1136; Migne P.L. 172, Sp. 1245) die Mechanik als eine Stadt, durch die die Seele auf ihrer Wanderung in ihre Heimat, die Weisheit, kommt: „Nona civitas est medianica, per quam subeunda est patria, haec docet viantes omne opus metallorum, lignorum, marmorum, insuper picturas, sculpturas et omnes artes quae manibus fiunt.“ Diese „artes mechanicae“ charakterisiert Hugo von St. Victor (1096–1141) im Gegensatz zu den „artes liberales“ folgendermaßen: „Hae (scientiae) mechanicae appellantur, id est adulterinae: quia de opere artificis agunt quod a natura formam mutuatur. Sicut aliae septem liberales appellatae sunt; vel quia liberos, id est, expeditos et exercitatos animos requirunt, quia subtiliter de causis rerum disputant; vel quia liberi tantum antiquitus, id est, nobiles in eis studere consueverant: plebei vero et ignobilium filii in mechanicis propter peritiam operandi. In quo priscorum apparet diligentia, qui nihil intentatum linquere voluerunt; sed omnia, sub certis regulis et praeceptis stringere. Mechanica est scientia ad quam fabricae omnium rerum concurrere debent“ (Eruditionis Didascalia Cap. XXI, Migne P.L. 176, Sp. 760). Thankmar nennt sie in seiner Vita des hl. Bernward von Hildesheim (1025; Migne P.L. 140, Sp. 394) die „leviores artes“.

Diese Geringschätzung des gelehrten M.A. den bildenden Künsten gegenüber mag der Grund dafür sein, daß die mechanischen Künste im Gegensatz zu den freien Künsten an m.a. Kunstwerken nur sehr selten dargestellt sind. Das gilt in besonderem Maße von der B. Sie findet sich u. a. am Campanile des Florentiner Doms im Zyklus der „artes mechanicae“ (wohl noch nach Giottos Entwurf, Abb. 1).

Im 16. Jh. wird die B. entsprechend der allgemeinen größeren Wertschätzung der bildenden Künste häufiger dargestellt, und zwar in weiblicher Gestalt mit einem Bildwerk und den Instrumenten des Bildhauers oder als Gruppe von bildnerisch arbeitenden Personen. Jost Amman personifiziert sie auf einem Holzschnitt (Abb. 2) in weiblicher Gestalt mit idealer Gewandung, die in der Linken eine Statuette, in der Rechten einen Greifzirkel hält; verschiedene Bildhauerinstrumente und der Kopf einer Statue liegen neben ihr. Die Bronzestatuette eines süddeutschen Meisters um 1530/ 1540 (S. Meller, Die deutschen Bronzestatuetten der Renaissance, München 1926, Taf. 69) stellt eine nackte Frau dar, die neben einem Baluster stehend in der Rechten ein Instrument und im linken Arm eine Figur hält. Am Grabmal Michelangelos in Sta. Croce in Florenz (1570) erscheint die B. neben Malerei und Architektur als eine Frauengestalt in griechischem Gewande, einen Bozzetto haltend (Venturi 10, 2, Fig. 400). Auf dem Grabmal des Alessandro Vittoria in S. Zaccaria in Venedig (1602–05) sitzt sie auf dem Giebel, den Pictura und Architectura als Karyatiden tragen; alle drei sind durch Inschriften gekennzeichnet (Planiscig, 1921, Abb. 570). Cesare Ripa beschreibt in seiner „Iconologia“ (RDK I, Sp. 359) die „Scoltura“ als junge Frau mit Lorbeerzweig im Haar, deren Rechte auf dem Kopf einer steinernen Statue liegt, während die Linke verschiedene Bildhauerinstrumente hält. Sie steht auf einem reichen Teppich. – Als Gruppe gibt sie Rottenhammer auf einer Zeichnung des Berliner Kk. (Inv. 16 525): Ein Mann meißelt an einem Gebälkstück, ein anderer modelliert an einem Torso, eine Frau schwingt einen Hammer.

Im 18. Jh. wurde die B. besonders häufig dargestellt, in der Hauptsache in den seit dem 16. Jh. üblichen Typen. Chr. Fr. Glume (1714–52) schuf sie für die Attika des Schlosses Rheinsberg (Köllmann, Christian Friedrich Glume, 1936, S. 41), Joh. Seb. Barn. Pfaff für die Mainzer Dompropstei um 1785 (Mainzer Zs. 2, 1907, S. 69), Carlo Carlone in den Deckenfresken von Brühl und Ludwigsburg (Zs. f. Kg. 2, 1933. Abb. S. 184 und 185), Chr. Wilh. Ernst Dietrich (1712–74) als Radierung (Berlin, Kk. L. 42), Wilh. Christ. Meyer für die Berliner Porzellanmanufaktur 1770–72 (Lenz, Berliner Porzellan, Abb. 360) im Typus der Frauengestalt mit Bildwerk und Bildhauerinstrumenten. Marmorbüste, Meißel und Schlegel allein ohne Personifikation deuten auf die B. im Deckengemälde des Joh. Adolph Biarelle von 1740 im Spiegelkabinett der Ansbacher Residenz (Zs d. Dt. Ver. f. Kw. 6, 1939, S. 57, Abb. 6). Als Gruppe stellten sie Ebenhech dar an der Decke des Speisesaals in Sanssouci, David Roentgen auf einem Pulttisch für den Prinzen Friedrich Wilhelm (II.) von Preußen (Hans Huth, Berlin 1928, Taf. 95), Wilh. Chr. Meyer in Berliner Porzellan (Berlin, Schloßmus.). Durch Putten, die mit Bildhauerarbeiten beschäftigt sind, wird sie von Benkert im Deckenstuck der Bildergalerie in Sanssouci, von Johann Balzer (1738–99) und von Heinrich Rode in Kupferstich und Radierung (Berlin, Kk.) und von Wilh. Chr. Meyer als Berliner Porzellangruppe (Lenz, Abb. 269) dargestellt. Für das 19. Jh. gibt Carl Wilhelm Ramler in seiner „Kurzgefaßten Mythologie ...“ (Berlin 1816113, S. 487) folgende Anweisung: „Die B. wird mit Meißel und Hammer abgebildet, und hat einen marmornen Kopf oder ein Brustbild von Marmor, oder die berühmte verstümmelte Bildsäule des Herkules neben sich, die man den Torso des Michelangelo nennt.“ – Schadow gibt auf dem Titelblatt zu einem Heft Lithographien von 1828 einen nackten stehenden Jüngling, der Meißel und Hammer hält (Hans Mackowsky, Schadows Graphik, Berlin 1936, Taf. 151). An Museumsbauten des 19. Jh., so z. B. an der Berliner Nationalgalerie, findet sich (auf dem Giebel und am Eingang) die B. zusammen mit den beiden anderen bildenden Künsten.

Zu den Abbildungen:

1. Florenz, Relief am Campanile (Grundsteinlegung

1334) nach Giottos Entwurf, um 1335. Phot. Alinari. 2. Jost Amman (1539–91), Sculptura. Holzschnitt, Berlin, Kk. Nr. 230A. Phot. F. Nitzsche, Berlin.

Literatur

1. van Marle, Iconographie II, S. 255f. 2. Jul. von Schlosser, Giustos Fresken in Padua und die Vorläufer der Stanza della Segnatura, Jb. Kaiserhaus 17, 1896.