Beutel

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englisch: Bag, purse; französisch: Bourse (sac); italienisch: Borsa.


Hans Wentzel (1939)

RDK II, 452–457


RDK I, 395, Abb. 5. Weißenburg i. B., St. Andreas.
RDK II, 453, Abb. 1. 1524, München.
RDK II, 455, Abb. 2. 12. Jh. (?), Nürnberg.
RDK II, 455, Abb. 3. Lübeck, 16. Jh.
RDK II, 455, Abb. 4. Augsburg, 13. Jh. (?).
RDK II, 461, Abb. 2. Byzantinisch, 11. Jh., Konstanz.

Unter B. (Pfung, Phose, Sack, Seckel, Budel, Beutel) versteht man ein kleines Säckchen aus Stoff von rechteckigem bzw. quadratischem Schnitt, das durch Zusammenziehen einer eingezogenen Schnur an der Öffnung geschlossen wird und erst durch die Zusammenfaltung seine Beutelform erhält. – Der B. war zu allen Zeiten ein Bestandteil der weiblichen Tracht. Bei unveränderter äußerer Gestalt wechseln nur Größe, Material, Anbringung und Handhabung.

Schon im 1. Jahrtausend gehört der B. zur Tracht: er hängt an der großen Brustfibel und enthält Toilettegeräte, Schlüssel usw.; mit der Jahrtausendwende scheint sich der Unterschied zwischen B. und Tasche als spez. weiblichem und männlichem Trachtteil herauszubilden: die Tasche mit oder ohne Überschlag über einem versteiften oder metallenen Heft, Verschluß oder Ring, direkt oder nur in geringem Abstand am Gürtel befestigt, wird von Männern getragen (zahlreiche Darstellungen auf Tafelbildern etwa von Bouts, Geertgen, Memling, van der Goes, Bosch); der weiche, nicht zum Klappen, sondern zum Ziehen eingerichtete, ausschließlich aus Stoff bestehende B. wird von Frauen getragen; beide sind notwendige Bestandteile der Kleidung, da diese im MA keine eingenähte Taschen enthielt. Im Gegensatz zur Tasche wird der Beutel sehr locker befestigt, den Anforderungen der jeweiligen Mode entsprechend; auch kann er in der Hand getragen werden. Die sehr häufigen Darstellungen von B. auf Bildwerken des 12.-16. Jh. zeigen ihn fast ausnahmslos an langen Tragschnüren oder an dünnen Goldkettchen an dem unter der Brust bzw. über den Hüften sitzendem Gürtel bis tief zu den Füßen hinabhängend (Reims, Westportal, Königin von Saba; Geertgen, Sippenbild, Amsterdam, Rijksmuseum; Augsburger 10-Gebote-Relief im B.N.M., Abb. 1). Im Gegensatz zu der auch von Frauen getragenen Almosentasche (RDK I, Sp. 393ff.) ist der B. also mehr ein dekoratives Behältnis. Seine mühelose Herstellung aus allen Stoffen vom Leinen bis zum Samt, sein meist geringer Wert haben die Erhaltung von alten B. nicht begünstigt. Nur dadurch, daß sie unter Umständen nachträglich als Reliquienhülle verwendet wurden, sind einige kostbarere Exemplare auf uns gekommen. Den frühesten bekannten bewahrt das G.N.M. (Abb. 2): ein unter süditalisch-byzantinischem Einfluß entstandenes, reich besticktes Werkchen des 12. Jh. (vgl. auch die frz. Bezeichnung bourses sarazinois); ein ähnlich besticktes, wohl deutsches Beutelchen des 13. Jh. im Maximilians-Mus. Augsburg (Abb. 4); im Landes-Mus. Münster ein prachtvoller, ausnahmsweise gewebter B. des 13. Jh. aus Seide mit doppelseitigem, orientalisierendem Greifenmuster (ein sehr getreues vielfarbiges Aquarell im Schloßmus. Berlin). Im Verlauf des 13. Jh. übernimmt Frankreich, wie auf allen modischen Gebieten, auch bei der Ausgestaltung des B. die Führung (schon um 1260 gibt es in Paris ein blühendes Gewerbe der boursiers): der B. wird dort nicht mehr in lockeren, frei entworfenen Mustern bestickt, sondern in feinster Seidenstickerei nahezu gobelinartig sorgfältig wie ein Wappenteppich angelegt (B. des 14. Jh. im G.N.M.; vgl. auch Gay [1], Abb. S. 776), dazu aber auch mit Perlen und Metallfäden bestickt und mit Applikationen, Steinen und Glasflüssen besetzt [1]. Er kann also in seiner Aufteilung und der Ausstattung mit Bommeln, Troddeln, kostbaren Schleifen, Knoten und Metallknöpfen an den Verschlußschnüren der Almosentasche nahekommen, wie auch seine Verzierungen (1372 wird ein B. mit einem Frauenbildnis, einem wilden Mann und einem Einhorn erwähnt; 1420 mit der Geschichte von Pyramus und Thisbe [1, S. 776]) ihr entsprechen können. Die deutschen Beispiele dieses Typus sind zumeist einfacher; vgl. den B. in Weißenburg, RDK I, Sp. 396 Abb. 5. Aus dem 14./15. Jh. haben wir dann häufiger Zeugnisse vom B. in Deutschland: nach zahlreichen Erwähnungen in der Dichtung und vornehmlich nach in Privatbriefen ausgesprochenen Wünschen und Danksagungen [4] sind sie das beliebteste Geschenk an eine Frau, ein Zeichen der Verehrung oder Liebe (bourses de mariage, s. Havard [2]). Solche B. waren dann entsprechend mit Blumen [2], Devisen, den Initialen des Schenkenden oder Beschenkten [1, Abb. S. 198; 2, Sp. 1093] oder mit Liebessymbolen (Herz) versehen, mit kostbaren Stoffen gefüttert usw.

Die kleineren, um den Hals als eine Art Amulett getragenen Beutelchen mit Reliquien, geweihten Schriftzetteln usw. konnten auch mit religiösen Bildern und Inschriften [1, zu 1462] bestickt sein. – Die B. des 16. und 17. Jh. scheinen seltener bestickt oder verziert gewesen zu sein; das Schloß Rosenborg in Kopenhagen bewahrt eines dieser einfachen Beutelchen aus rotem Samt vom E. 16. Jh. Der ebendort bewahrte B. aus der Zeit um 1600, der aus einem zu Ornamenten (Blumenstock) verwobenen feinmaschigen Netz aus echten Goldfäden besteht, muß als ungewöhnlich reiche Ausnahme gelten.

Abgesehen von den als Liebesgaben hergestellten, aus Seide gestrickten B. (Berlin, Schloßmus.) wird der B. im späteren 17. und im 18. Jh. vornehmlich aus farbigem, gemustertem, aber unbesticktem Seidenstoff angefertigt; in dieser Form ist er unter den Namen Pompadour (= frz. Bezeichnung für einen mit Blumenmuster bedruckten Seidenstoff [2]) und Ridikül (= réticule, Netzchen [2]) bis ins 19. Jh. – besonders als Handarbeitsbeutel (vgl. [5, Abb. 93]) – gebräuchlich geblieben. Seit 1600 ist der B. aber kein Bestandteil der Tracht mehr, sondern wird ausschließlich (bei gesellschaftlichen Anlässen, zur festlichen Kleidung) in der Hand getragen. Im 19. Jh. ersetzt ihn in dieser Funktion die Damenhandtasche.

Der Geldbeutel (wohl entsprechend dem frz. alloière) kommt in Schnitt und Vorrichtung durchaus dem beschriebenen B. gleich; als Gebrauchsgegenstand des Mannes ist er unverziert, meist aus Leder (ein vorzügliches Beispiel des 15. Jh. mit Samtfutter im Nat.-Mus. Kopenhagen) oder aus starkem Stoff und durch Einlagen verstärkt. Als Geldbeutel dient seit dem 15. Jh. häufig die Beuteltasche, eine Zwischenform von B. und Tasche; sie hat die Größe und den Umfang der Tasche, aber den Ziehverschluß und den Schnitt des B. Vielfach besteht sie aus einer Kombination verschiedener einzelner Beutelchen, entsprechend den Fächern einer Brieftasche; als Geldbeutel dient sie besonders häufig als Attribut des Judas: Passionsszenen an der Walderichsfriedhofskirche in Murrhardt – ein fast damit übereinstimmendes Original aus weichem Wildleder im Mus. Lübeck, Abb. 3; vgl. auch die Beuteltaschen auf dem Bildteppich mit der Geschichte des verlorenen Sohns der Elisabethkirche in Marburg a. L., 1. H. 15. Jh., und die gotischem Vorbild nachgebildete Geldtasche des Lübecker Martinsmannes (Inv. Mecklenburg-Schwerin 2, Abb. S. 629). – Die Geldkatze ist ein gürtelartiger Schlauch, der um den Leib geschnallt wird und mit dem B. nur die Funktion und den Ziehverschluß gemein hat.

Zu den Abbildungen

1. München, B.N.M. Relief aus einer Darstellungsreihe der 10 Gebote. Nürnberg 1524. Phot. Mus.

2. Nürnberg, G.N.M. Beutel mit byzantinisierendem Muster, 12. Jh. (?). Rote Seide mit Goldfadenstickerei; Schnüre aus mit Silberdraht umwickelten Fäden. 14,5 cm hoch, 12 cm breit. Phot. Mus.

3. Lübeck, St. Annenmus. Beuteltasche aus Behlendorf, 16. Jh. Graues Wildleder. 22 cm breit, 30 cm lang (Gesamtlänge 85 cm). Phot. Mus.

4. Augsburg, Maximiliansmus. Reliquiensäckchen aus Purpurseide, mit Goldfäden bestickt. Deutsch, 13. Jh. (?). Größte Weite 7 cm, Höhe 9 cm (ohne Tragschnur). Phot. Mus.

Literatur

1. Gay I, S. 25 (alloière), 197ff. (bourse), 658 (escarcelle), 776 (gibecière). 2. Henri Havard, Dict. de l’ameublement, 2. Aufl. Paris o. J. Bd. 1, Sp. 384f. (bourse); 2, Sp. 1093 (gibecière); 4, Sp. 493 (pompadour), 773 (réticule). 3. Karl Weinhold, Die deutschen Frauen im MA, Wien 1851, S. 450f. 4. Georg Steinhausen, Deutsche Privatbriefe des MA I (Fürsten und Magnaten, Edle und Ritter), Berlin 1899, S. 57, 276, 280; II (Geistliche und Bürger), Berlin 1907, S. 12, 94. 5. Hans Jordan und Karl Gröber, Das Lindauer Heimatmuseum, Augsburg 1932, S. 21, Abb. 90. 93.