Bettler

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englisch: Beggar; französisch: Mendiant; italienisch: Mendicante.


Kurt Karl Eberlein (1939)

RDK II, 444–448


RDK II, 445, Abb. 1. Pieter Brueghel d. Ä., 1568.
RDK II, 447, Abb. 2. J. F. G. Unger nach J. W. Meil, 1779.

Der B., der in Deutschland im öffentlichen Leben, in Theater, Dichtung und Fastnacht eine große Rolle spielte, spiegelte sich auch in der bildenden Kunst und am häufigsten im 15. und 16. Jh. Seit dem Hellenismus überall beliebt, hängt das B.-Motiv mit dem Christentum, mit dem Sozialproblem Stadt – Land, mit dem Realismus und der „Armeleutekunst“ zusammen. Zuweilen berührt es das Problem Bauer. Wir unterscheiden verschiedene B.-Typen: 1. Der Bittende und Mahnende. 2. Der Krüppel, Lepröse, Blinde. 3. Der arme Elende. 4. Der Komische, Spaßmacher. 5. Der falsche Bettler. Neben dem B.-Typ erscheint die B.-Szene in immer reicherer Fassung: Bettelei – Zug – Umgang – Fest – Tanz – Hochzeit – Kampf. Aus Legende, Planetenbild, Allegorie, Sprichwort wächst die B.-Szene ins Satirische, Politische, Symbolische, die Einzelgestalt aber als gewerkschaftlicher Bühnen-, Landschafts-, Straßen-B. in Persönlichkeit und Seele, so daß also die Auffassung von der allegorisch-mystischen des Mittelalters über die sachlich-medizinische der Renaissance zur universellen und individuellen ging.

Der deutsche B.-Typus lebte in der weltlichen Kunst höfischer Buchmalerei und volkstümlicher Graphik der Holzschnittillustration wie der Kupferstiche des 15. Jh. ikonographisch ebenso wie in der kirchlichen Kunst der Legende, der Heiligen-, Heilungs- und Almosenbilder mit reifender Naturnähe (Monogrammist b × s; Dürer: Johannes und Paulus heilen die Leprösen an der Kirchentür; Holbein: S. Elisabeth; Burgkmair: Holzschnitte der Heiligen mit den Lepra-B.). Auch im Planetenbild des Saturn als Planetenkind (Hausbuchmeister: Saturnzeichnung; H. S. Beham: Stich) im Totentanz- und Sprichwortbild als Stand und Beruf erschien der B. als Krüppel und Blinder. Daß man in den Niederlanden die Blinden betonte, hängt mit der Vorliebe für Sprichworttendenz und dem Bibelwort „Ein Blinder führt den Blinden“ (Lukas VI, 9), aber auch mit der beliebten komischen Blindenfigur der Mysterienspiele, mit der Volksbelustigung und der Fastnacht (Blindenkampf, Kampf der Blinden um das Schwein) zusammen. Das B.-Bild und die B.-Studie nach dem Leben erschienen vorbildlich bei H. Bosch, der im B. nicht nur das Menschlich-Elende, sondern auch das Höllisch-Böse der Welt sah. Die beiden Blinden (nur Nachstich), Der verlorene Sohn (früher Slg. Figdor, Wien) sind didaktisch-sprichwörtlich, das Martinsfest (nur Nachstich) höllisch-moralisch, Der Kampf der Blinden um ein Schwein (verloren) komisch gemeint. Aber seine Albertina-Zeichnung mit 31 Naturstudien, in Nachstichen verbreitet, war tendenzloser Ernst, wie er weder von L. v. Leyden (Rastende Bettler) noch von B. Beham (Flugblatt mit 72 B.-Typen) oder von C. Massys (B.- und Krüppeltanz; vier Blinde) erreicht wurde. Der spöttische Blick des Städters sah gerne lieblos. Das Neue, Zukünftige lebte in den „Naer-het-leven“-Zeichnungen P. Brueghels stärker als in seinen Tendenzbildern, in den antiklerikalen „Culs-de-jatte“ (Abb. 1) und in den symbolischen Blinden, Neapel. Doch wächst hier der Typ des B.-Bauern schon ins Persönliche. Brueghel-Nachfolger wie M. van Cleve, D. Vinckboons, A. v. d. Venne sehen schon satirisch oder literarisch. Für die holländischen Sittenmaler wie Brouwer gehörte der B. wie der Bauer zum Volk.

Die Einzelgestalt des B. mit ihrem graphisch-malerischen Reiz bildete sich in Italien aus dem Vorbild der Tarock-Karten durch A. Caraccis Ausruferserie (Cris de Bologne) mit der neuen Naturnähe des „naturale“ heraus und bei Italienern und Spaniern fort (Villamena, Herera). Bellange und Callot übernahmen von Caracci die Großfigur des B., und Callot wirkte auf Bloemaert, Bossy, Businck und Holländer wie Quast, Savery, Scheyndel, Wael, die alle B.-Serien und Genregestalten brachten. Von Callot war auch Rembrandt beeindruckt, der in seinen B.-Radierungen (1628-48) den B. tendenzlos als Einzelwesen und Persönlichkeit bis zur Seelenkunst und zum Selbstbildnis erhob. Hier in der seelischen Schönheit des körperlich Häßlichen war eine Höhe der nordischen B.-Darstellung erreicht. Mit dem Problem des Holländisch-Realistischen lebte auch der B. in Malerei und Graphik des 18. Jh. und wurde, unabhängig von der höfisch-bürgerlichen Armutsromantik (Seekatz) im volkstümlichen Holzschnitt (Meil-Unger, Abb. 2) erfreulicher als in der physiognomischen Kupferstichillustration (Chodowiecki). In der neudeutschen Kunst der Nazarener, der Wiener, Düsseldorfer und Belgier wurde der B. religiös-genremäßig und volkstümlich gesehen (Schnorr, Olivier, Waldmüller, Schwind und andere). Am Ende der Entwicklung stand der moralische (Richter) und heroische B. (Laermans).

Selten wurde der falsche B. dargestellt, der in Leben, Spiel und Dichtung eine Rolle spielte (liber vagatorum; S. Brand, Das kleine Narrenschiff. Von Bettlern; L. v. Leyden: Ulenspiegel. Stich; Karikatur des 19. Jh.; Fliegende Blätter). Schließlich beachte man die Kleinplastik des Kunstgewerbes, die vereinzelt den B. darstellte (Elfenbein, Porzellan, Silber, Holz).

Die Erforschung des B. in der bildenden Kunst verdanken wir der Medikokunstgeschichte.

Seit Virchows ersten Beobachtungen an dem Münchener Elisabethbild von Holbein haben Mediziner der Pariser Salpetrière wie Charcot, Richer, Meige, dann Bruchon, van Andel, Cabanes und andere den B. als Träger der Volkskrankheiten in der Kunst verfolgt und neue Beobachtungen gebracht, die der Kunstwissenschaft dienlich waren. Doch fehlt noch die Untersuchung der Theaterkunstgeschichte, trotzdem der enge Zusammenhang von Mysterienspiel und Maler (z. B. bei Bosch und anderen) bekannt ist.

Zu den Abbildungen

1. Pieter Brueghel d. Ä., Die Krüppel, 1568. Paris, Louvre. Nach Glück, Taf. 34.

2. Joh. Wilh. Meil (1733–1805), Bettlerin mit Kind. Holzschnitt von Joh. Friedr. Gottl. Unger (1740 bis 1804), 1779.

Literatur

1. Elisabeth Sudeck, Bettlerdarstellungen vom Ende des 15. Jh. bis zu Rembrandt, Straßburg 1931 (Literaturverzeichnis). 2. H. Meige, La lèpre dans l’art. N. J. d. l. Salpetrière XI, 1897. 3. Bruchon, Des difformités, infirmités et maladies reproduites dans les œuvres de l’art, ebenda 1898. 4. E. Holländer, Plastik und Medizin, Stuttgart 1912. 5. van Andel, Quelques figures de lepreux dans l’art classique des Pays-Bas, o. O. 1919. 6. Cabanès, Mœurs intimes du passé; Esculape chez les artistes, Paris 1928. 7. J. Schumacher, Die seelischen Volkskrankheiten im dt. MA u. Darstellungen i. d. bild. Kunst, Berlin 1937 (Literaturverzeichnis).

Verweise