Bestiensäule

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englisch: Column decorated with beasts; französisch: Pilier à décor d'animaux, colonne avec animaux fantastiques; italienisch: Colonna a motivi zoomorfi.


Anton Mayer und Otto Schmitt (1938)

RDK II, 366–371


RDK II, 367, Abb. 1.-4. Freising, Dom, Bestiensäule in der Krypta.
RDK II, 369, Abb. 5. Souillac, 1. H. 12. Jh.
RDK II, 369, Abb. 6. Lucca, um 1204.

I. Begriff und Verbreitung

Die B. ist eine Freistütze, an deren Schaft Kämpfe von Tieren (Löwen, Fabeltieren) unter sich oder mit Menschen dargestellt sind. Die Säule bzw. der Pfeiler wird so zum Ort jener Szenen, die sonst vielfach an Kapitellen, Kämpfern, Friesen und Portalen erscheinen. Es handelt sich also formal bei der B. entweder um die Erweiterung der Kapitell- bzw. Sockelplastik oder um die Konzentration verstreuter Einzelglieder auf einen möglichst gedrängten Raum.

B. gibt es besonders in Frankreich, in Italien und in Deutschland. In Frankreich handelt es sich in erster Linie um die Türpfeiler (trumeaux) einiger großer Portale im Südwesten [9, Abb. 22-24. 11], in Italien um eine Reihe von Säulen an den Fassadengalerien von S. Martino und S. Michele in Foro (Abb. 6) in Lucca [14, S. 74ff. u. Taf. 133-139], in Deutschland ausschließlich um die B. der Krypta im Freisinger Dom. Die eigentliche Zeit der B. ist die Epoche der romanischen, besonders der spätromanischen Kunst: die französischen Türpfeiler (Abb. 5) stammen aus der 1.H. 12. Jh., die toskanischen Beispiele sind durch eine Inschrift an der Domfassade in Lucca auf die Zeit um und nach 1204 datiert, und etwa gleichzeitig ist die B. in Freising entstanden. – Nicht als B. zu bezeichnen sind die seltenen romanischen Säulen mit Einzelfiguren, wie die „Baumeistersäule“ an der Ostchorgalerie des Wormser Doms [9, Abb. 36], die vergleichbare am Dom zu Piacenza [9, Abb. 90 b] oder der „Riese Finn“ an einer Säule der Lunder Domkrypta. Auch die englisch-irischen Steinkreuze haben mit der B. geschichtlich nichts zu tun.

II. Die Freisinger B.

a) Beschreibung

Die Freisinger Säule inmitten der vierschiffigen Krypta, zur jüngeren Gruppe der dortigen Skulpturen gehörig [7. 13], zeigt um einen achteckigen Pfeiler gelagert mehrere Gruppen von Kämpfenden und Ungeheuern. An der Nordwestseite (Abb. 1) wird ein mächtiger geflügelter Drache von einem aus der Höhe mit dem Schwert niederstoßenden Mann bekämpft. Von Norden her (Abb. 1) greift ihn ein anderer Mann an, indem er den Hals des Untiers, das ihm mit einer Tatze in den Mund greift, mit den Armen umschlingt; sein linker Fuß steht im Rachen eines von unten heraufdringenden Schlangendrachen. Auf der Westseite der Säule (Abb. 2) stößt der große Flügeldrache an einen gleichen, dessen Körper dann die Südwestecke bedeckt; er hat einen Menschen bis zur Brust verschlungen und wird von Süden her von einem Mann bekämpft, der ihm mit der linken Hand in den Unterkiefer greift und mit der Rechten das Schwert in die Bauchseite stößt (Abb. 3). Zu Füßen dieses Streiters verschwindet ein Tierkörper (Hund, Löwe?) im Maul eines Drachens; über der ganzen Gruppe zwei in Dreiblätter endigende Ranken, die sich zu einer runden Blume zusammenrollen. Im Osten (Abb. 4) oben eine weibliche (?) Gestalt mit langem, gescheiteltem Haar und einem Zweig vor der Brust. Ein Tau als Halsring trennt diese Gruppen vom Adlerkapitell (RDK I, Sp. 185).

b) Deutung

Die inhaltliche Deutung der Freisinger B. unterliegt den größten Schwierigkeiten, da eine eindeutige Charakterisierung der Figuren durch Kostüm oder Inschriften fehlt. Dies und der Mangel an direkten Parallelen hat zu immer neuen Vorschlägen geführt (s. Lit.). Neben Versuchen, die Freisinger Darstellungen aus dem biblischen, apokalyptischen oder eschatologischen Gedankenkreis zu erklären, stehen Deutungen auf kosmischer, mythologischer, epischer, ja psychoanalytischer Grundlage. Zum großen Teil sind sie als mit der mittelalterlichen Gedankenwelt unvereinbar abzulehnen. Ohne Zweifel bedeutet der Kampf von Menschen mit Untieren für das Mittelalter eine Auseinandersetzung (Unterliegen, Bedrückung, Überwindung oder Befreiung) mit dem Bösen (Sünde, Teufel, Hölle) schlechthin, wie dies auch für die Symbolik der romanischen Portalskulpturen, Kapitelle und Friese, aber auch der Taufsteine und Initialen gilt. Der Hinweis auf den Psalter [4] (Ps. 34, 2: Apprehende manum et scutum; Ps. 27, 7: Dominus adjutor meus et protector meus ... et refloruit caro mea) ist nach wie vor sehr ansprechend. Das schließt nicht aus, daß germanisch-mythologische Vorstellungen oder Motive der mittelalterlichen Heldensage in die Darstellung verwoben wurden. Aber selbst wenn die Deutung des von einem Untier halb verschlungenen Kriegers, dem ein anderer beispringt, auf Odin im Rachen des Fenris-Wolfs (!) oder auf einen der Drachenkämpfe des Dietrich von Bern berechtigt wäre, wofür es – im Gegensatz etwa zu der durch Inschriften eindeutig bestimmten Artusdarstellung in Modena (RDK I, Sp. 1127/28, Abb. 1) – an überzeugenden Indizien durchaus fehlt, bleibt doch die christliche Grundtendenz des libera nos a malo [23] der eigentliche Leitgedanke. Dem Bildhauer (und seinem Auftraggeber) kommt es in dieser Zeit nicht so sehr auf die Illustration eines bestimmten literarischen Themas als auf eine allgemeine Maxime an; die Darstellung ist exemplum einer Idee, nicht Illustration eines konkreten Ereignisses. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es nicht überraschend, daß ähnliche Kampfszenen auch an Kirchenportalen der Gegend (Straubing, Altenstadt, Windberg, alle bei Karlinger [13]) und anderswo (Fries in Andlau [22], Kapitell im Basler Münster) vorkommen. Eine alle Einzelheiten befriedigend lösende Deutung ist in Freising bis jetzt so wenig wie anderswo gelungen und wird vermutlich auch niemals möglich sein, da es sich nicht um feste ikonographische Typen handelt. Es darf auch, zumal im Deutschland des romanischen Zeitalters, von mißverstandenen Vorlagen ganz abgesehen, die Erfindungsgabe des Meisters nicht unterschätzt werden.

III. Kunstgeschichtliche Voraussetzungen und Beziehungen

Eine unmittelbare Abhängigkeit der Freisinger B. von den südwestfranzösischen Türpfeilern braucht weder aus funktionellen noch aus stilistischen noch aus ikonographischen Gründen angenommen zu werden. Eher bestehen Beziehungen zur italienischen Plastik [7. 13], doch unterscheidet sich die Freisinger B. in der Wahl der Themen und durch das ungestüm Kämpferische der Darstellung wesentlich von den frühestens gleichzeitigen symmetrisch und ornamental gebundenen toskanischen Säulen (Abb. 6). Als Ganzes ist sie überhaupt aus bestimmten Schulzusammenhängen allein nicht zu erklären, sondern eine einmalige Erscheinung, wenn es auch an Voraussetzungen innerhalb der spätromanischen Architektur und Architekturplastik nicht fehlt. Das Bestreben, die Säulenschäfte reicher zu gestalten und zu ornamentieren, gelegentlich auch mit pflanzlichen und figürlichen Elementen auszuschmücken, ist in spätromanischer Zeit häufig zu beobachten, am stärksten bei Portalsäulen, Zwischensäulchen und Pfeilervorlagen, aber auch bei Freipfeilern und Freisäulen. Es genügt, auf die deutschen Pfalzen der Stauferzeit, auf die Krypta in Riechenberg, die Säulen aus Coulombs im Louvre und die toskanischen Galerien zu verweisen. Auch die phantastischen Knotensäulen dürfen in diesem Zusammenhang genannt werden: dem spätromanischen Architekten und Steinmetz ist jedes Mittel, die Eintönigkeit der klassischen Säulenform zu überwinden, recht. Jedenfalls ist die spätromanische Neigung zu dekorativer Pracht eine wesentliche Voraussetzung der B. Auch das (im Gegensatz zur Frühgotik) betont untektonisch-freie Verhältnis des figuralen Schmuckes zum architektonischen Hintergrund darf als typisch für die spätromanische Architekturplastik bezeichnet werden. Einzigartig in Freising ist aber die Fülle und Leidenschaft der dargestellten Kampfszenen.

Zu den Abbildungen

1.–4. Freising, Dom, Bestiensäule in der Krypta, 2. H. 12. Jh. Phot. B.N.M. München.

5. Souillac, Pfarrkirche, Türpfeiler als Bestiensäule, 1. H. 12. Jh. Phot. Dr. F. Stoedtner, Berlin.

6. Lucca, Museo Civico, Bestiensäule von der Fassade von S. Michele in Foro, um 1204. Nach W. Biehl [14], Taf. 139.

Literatur

1. Joachim Sighart, Von München nach Landshut, Landshut 1859. 2. A. Quitzmann, Die heidn. Religion der Baiwaren, Lpz. und Heidelberg 1860. 3. J. Sighart, Gesch. d. bild. Künste im Kgr. Bayern, München 1862, mit z. T. unrichtigen Nachzeichnungen; zu den Fehlern vgl. H. Pregler in: Frigisinga 2, 1925, S. 276ff. 4. Ad. Goldschmidt, Der Albanipsalter in Hildesheim und seine Beziehungen zur symbolischen Kirchenskulptur des 12. Jh., Berlin 1895, S. 69ff. 5. Jos. Ant. Endres, Das St.-Jakobsportal in Regensburg, Kempten 1903. 6. E. P. Evans, Animal Symbolism in ecclesiastical architecture, London 1906, S. 321ff. 7. Anna Landsberg, Romanische Bauornamentik in Südbayern, Diss. Frankfurt a. M. 1917, S. 18. 8. E. Abele, Der Dom zu Freising, München-Freising 19222. 9. Rich. Hamann, Deutsche und französ. Kunst im MA I, Marburg 1922, S. 14ff. 10. Erich Jung, Germanische Götter und Helden in christl. Zeit, München 1922, S. 41f. 11. Kingsley-Porter. 12. Rich. Wiebel, Drachenbilder und Drachenkampfdarstellungen in der romanischen Kunst, Deutsche Gaue 25, 1924, S. 28f. 13. H. Karlinger, Romanische Steinplastik in Altbayern und Salzburg, Augsburg 1924. 14. Walther Biehl, Toskanische Plastik des frühen und hohen MA, Italien. Forschungen II, Leipzig 1926. 15. Rich. Wiebel, Das Schottentor, Augsburg 1927. 16. R. Birkner, Die Bestiensäule in der Freisinger Domkrypta, Frigisinga 4, 1927, S. 149. 17. Hans Karlinger, Bayrische Kunstgeschichte I, München 1928. 18. E. Kolbrand, Ein Deutungsversuch der Figurensäule der Freisinger Domkrypta, Frigisinga 6, 1929, S. 251ff. 19. Leonia Lorenz, Das Schottenportal zu Regensburg, Waldsassen 1929. 20. Julius Baum, Hdb. d. Kw, 1930. 21. Rich. Bernheimer, Romanische Tierplastik und die Ursprünge ihrer Motive, München 1931. 22. Rob. Forrer, Les frises historiées de l’église romane d’Andlau, Cahiers d’Archéologie et d’Histoire d’Alsace, 1931/32. 23. Rich. Wiebel, Bildinhalt der Domplastik in Chur, Anz. f. schweiz. Altertumskunde N.F. 37, 1935, S. 50ff., 93ff. 24. Achim Krefting, St. Michael und St. Georg in ihren geistesgeschichtl. Beziehungen, Deutschkundl. Arbeiten d. Univ. Köln, Jena o. J. (1937). 25. H. Hoffmann, Großmünster in Zürich, Mitt. d. Antiqu. Ges. in Zürich 32, 2, 1938, S. 116, 125 u. ö. 26. Romuald Bauerreiß, Arbor vitae, Abh. d. bayer. Benediktiner-Akademie 3, München 1938. 27. Hans Weigert, Die Bedeutung des german. Ornaments, Festschrift Wilhelm Pinder, Leipzig 1938, S. 81ff.