Beschauzeichen

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englisch: Mark, punch; französisch: Poinçon de contrôle, poinçon de garantie, marque d'inspecteur; italienisch: Marchio, punzone.


Roland Jaeger (1938)

RDK II, 307–316


RDK II, 307, Abb. 1. Silbervergoldeter Ananaspokal, Kulmbach, um 1600.
RDK II, 307, Abb. 2 a. Eine Hälfte des Doppelpokals, Hannß Beutmüller, Nürnberg, um 1600.
RDK II, 307, Abb. 2 b. Andere Hälfte des Doppelpokals, Hannß Weber, Nürnberg, um 1600.
RDK II, 309, Abb. 3. Meisterzeichen des Hans Liebmann am Fuß des Pokals Abb. 1.
RDK II, 309, Abb. 4. Meisterzeichen des Hans Liebmann und Beschau von Kulmbach am Lippenrand des Pokals Abb. 1.
RDK II, 309, Abb. 5. Beschau von Nürnberg und Meisterzeichen des Hannß Beutmüller am Lippenrand des Pokals Abb. 2 a.
RDK II, 311, Abb. 6. Bleitafel mit Namen, Beschau- und Meisterzeichen der Mainzer Goldschmiede von 1708-1778.
RDK II, 311, Abb. 7. Ausschnitt aus Abb. 6.
RDK II, 313, Abb. 8. Zinnbeschau von Überlingen und Meisterzeichen des Meisters M. S.
RDK II, 313, Abb. 9. Zinnmarke des J. B. Blumenstock, Augsburg.
RDK II, 313, Abb. 10. und 11. Qualitätszeichen des J. B. Blumenstock für engl. Feinzinn, von der Augsburger Zinnmarkentafel von 1767.
RDK II, 313, Abb. 12. Garantiemarke der Brüsseler Bildhauerzunft für Schnitzarbeit.
RDK II, 313, Abb. 13. Garantiemarke der Brüsseler Bildhauerzunft für Polychromie.
RDK II, 313, Abb. 14. Beschau der Antwerpener Bildhauerzunft.
RDK II, 313, Abb. 15. Passauer Leinwandbeschau.

(Schaumarke, Probzeichen, Merkzeichen; Marke, merke, merk, gemerck; Zeichen, teyken, teken, tecken, signum, signale, signetum; Stempel, stemfel, stampf; Punze, bunze, puntzen, pontzen, püntzel) sind Stempel, die auf ein handwerkliches Erzeugnis als Garantie einer bestimmten Qualität gesetzt (aufgeschlagen, eingebrannt) wurden, wobei die Nachprüfung bzw. Überwachung stets, die Stempelung meistens durch eine über dem einzelnen Verfertiger stehende Instanz (Zunftvorstand, Obrigkeit) geschah. Für die Forschung bedeuten die B. historische Zeugnisse ersten Ranges. – Speziell versteht man unter B. die für die Kunstgeschichte wichtigsten auf Werken von Edelmetall (I). Doch gibt es auch sonstige B. (II).

I. Ganz überwiegend handelt es sich um B. auf Silber. Sie begegnen zuerst bei wahrscheinlich in Syrien entstandenen Werken seit E. 4. Jh. (anknüpfend an das damals ausgebildete System der Stempelung von Edelmetallbarren) bis ins 7. Jh. Die Regel sind fünf verschiedene Stempel. Daß es sich um B. (nicht um spätere Kontroll- oder Besitzstempel) handelt, beweisen außer der Analogie der Barrenstempelung die öfters erkennbare Tatsache, daß sie bereits dem halbfertigen Stück aufgeschlagen wurden, und eine literarische Quelle – eine bei Combefis, Graeco-latinae patrum bibliothecae novum auctuarium, Paris 1648, Teil II, Sp. 641 abgedruckte Legende –, wo das beste Silber fünfstempelig (πεντασϕράγιστον) heißt und von einem Silber zweiter Qualität unterschieden wird. Diesem System ist eine merowingische Stempelung nachgebildet, die wir von zwei Schalen etwa des 7. Jh. im Louvre, einem Fund aus Valdonne (unweit Marseille) kennen; daß sie bodenständig ist, folgt aus der plumperen Ausführung der Punzen, dem Vergleich mit einheimischen Münzen und dem Vorkommen des Namens ARBALDO [5].

Danach wissen wir erst – die B. von Sulmona (Abruzzen) sind als früher nicht hinreichend gesichert – 1275 wieder von B.; damals bestimmte Philipp III., daß jede französische Stadt ein eigenes B. habe (Stadtzeichen); das Pariser, eine Lilie, ist 1299 urkundlich, 1333 durch ein Denkmal bezeugt. Außerhalb Frankreichs haben wir Verordnungen über B. vor M. 14. Jh. von Bergen, Gent, Brüssel, Tournai, Bologna, London, in Deutschland als älteste die von Straßburg (1363), Nürnberg (1370) und Köln (1373); nicht zu verwechseln sind Verordnungen über Barrenstempelung, die auch hier zeitlich vorangeht (Erfurt 1289, Lübeck 1330, München 1350). Neben dem Stadtzeichen bildet manchmal von Anfang an das Meisterzeichen, das öfters auch von Amts wegen aufgeschlagen wurde, ein Bestandteil der Schau; ein Probeabschlag wurde auf der Zunft deponiert. Solche Tafeln bzw. die Nadeln sind zuweilen erhalten; so bewahrt das Altertums-Mus. Mainz eine Bleitafel mit einer eingravierten Namenreihe von 36 zwischen 1708 und 1778 tätigen Gold- und Silberschmieden: hinter die Meistermarke ist das Beschauzeichen geschlagen, die Tafel war also anscheinend eine behördliche, in der Zunftstube aufgehängte Kontrolle; auf ihr wurde bei jeder Prüfung das jeweilige Beschauzeichen hinter die Meistermarke gesetzt (Abb. 6 und 7); eine zweite Tafel aus verfiltertem Kupfer im Mainzer Stadtarchiv ist unter der französischen Herrschaft (1798) tabellenartig angelegt [8]. Mancherorts wurden Meisterzeichen schon vor Einführung eines Stadtzeichens angewandt (Königsberg, Lübeck), andernorts wurden sie erst viel später verordnet (Nürnberg 1540). Überhaupt waren die Gebräuche denkbar verschieden: eine Stadt wie Augsburg führte B. erst 1529 ein, und manche andere hatte noch bis ins 17. Jh. keine, obwohl 1548 ein Reichsgesetz B. (Stadt- und Meisterzeichen) überall verlangt hatte. Auch die städtischen Verordnungen sind nicht stets befolgt worden. Kleinere Gegenstände (manchmal bis 120 Gramm), ebenso Werke von Hofhandwerkern, Freimeistern und Juden blieben nicht selten ungestempelt.

Oft zeigt ein Gegenstand die B. an mehreren Stellen (Abb. 1, 3 und 4), was das Erkennen undeutlicher Abschläge erleichtern kann; zu beachten ist, daß häufig vor der letzten Bearbeitung oder Montage gestempelt wurde. Das Zeichen selber kann entweder vertieft oder häufiger erhaben auf einem vertieften Grund erscheinen. Genaueste Beachtung von Form und Größe, auch des Grundes, ist zur Bestimmung und Datierung nötig.

Das Stadtzeichen besteht in einem Bild (meist dem Wappen bzw. einem Teil desselben) oder dem (den) Anfangsbuchstaben des Stadtnamens; öfter sind die Stadtzeichen verschiedener Orte zum Verwechseln ähnlich. Selten tritt noch ein zweites Stadtzeichen, ein Unterscheidungsmerkmal oder das Zeichen wechselnder Stadtherren (z. B. Fürstbischöfe in Lüttich), hinzu. Das Meisterzeichen kann Namensbuchstaben (Abb. 3 und 4), eine Hausmarke oder ein Bild (Abb. 5) zeigen; letzteres ist gelegentlich ein Rebus (Schiff für Schifile, Pulverhorn für Jäger oder Widmann usw.). Außerdem enthält das Meisterzeichen zuweilen kleine Beizeichen (Punkte, Sterne, Krone usw.). Des weiteren kommen Jahreszeichen und Feingehaltszeichen vor; beide können als besondere Stempel oder als Beizeichen im Stadtzeichen auftreten. Das Jahreszeichen besteht meist aus einem einzelnen, ein Jahr (Abb. 7) oder mehrere Jahre (Amtsdauer der Schaumeister oder Wardeine) geltenden und alphabetisch wechselnden Buchstaben, öfters aus der Jahreszahl bzw. deren letzten Ziffern, selten aus den Initialen der Schaumeister. Die ältesten Vorschriften über Jahreszeichen sind von Montpellier (1427) und London (1478); deutsche Städte folgen seit 2. H. 16. Jh. (Heidelberg, Leipzig), meist aber erst im 17. und 18. Jh. Feingehaltszeichen kommen seit M. 17. Jh. auf (Straßburg 1640, Breslau 1677); sie geben die Lotzahl an (12 bis 15, auch XI d 12 g). Manchmal werden mehrere Qualitäten durch verschiedene Stadtzeichen oder zusätzliche Bildstempel unterschieden. Ferner gibt es besondere B. für importierte oder reparierte (unter Umständen beträchtlich ältere) Stücke, so bereits Wien 1527, Freiburg 1546, Straßburg 1567. Auch im 19. und 20. Jh. bekommen alte Werke bei einer Reparatur, einer Abgabenerhebung (Preußen 1809) oder einem Grenzübertritt nicht selten neue Stempel, die für Herkunft bzw. Erhaltungszustand Hinweise geben können. Häufig sind B. begleitet von einer Zickzacklinie, der Spur der Metallprobeentnahme (Tremulier-, Schwibulier-, Zwiselierstrich). Nicht zu verwechseln mit B. sind die zuweilen ebenfalls mit Punzen eingeschlagenen Versetz- oder Paßmarken, Besitzermarken und privaten Gewichtszeichen.

B. auf Gold haben größere Bedeutung nur für Frankreich (seit L. 17. Jh.). In Deutschland unterlagen Goldarbeiten vor M. 19. Jh. fast nie der Stempelung; gelegentliche Bestimmungen (Nürnberg 1578, Danzig 1634, Braunschweig 1645, Reichsgesetz 1667, Berlin 1693) haben sich nicht durchgesetzt. Feingehaltszeichen hatte Kopenhagen seit 1685 (Abkürzungen von Ducaten- und Cronengold), Hannover und Wien im 18. Jh., Straßburg seit 1762 (Karatzahl). Für moderne Stempel auf alten Stücken gilt das bei Silber gesagte.

II. Zinn hat ähnliche B. wie Silber (Abb. 8 bis 11); die frühesten deutschen Verordnungen haben wir von Zürich (1371) und Hamburg (1375). Das Meisterzeichen ist öfters (als beigemerck, klein gemerck) mit dem Stadtzeichen in einem Stempel vereinigt (Abb. 9). B. mit Jahreszahlen sind seit dem 17. Jh. häufig (München schon 1531), ebenso Qualitätsbezeichnung durch abweichendes (fehlendes) Stadtzeichen oder zusätzliche Bildstempel (Rose, Engel, Abbildungen 10 und 11, usw.). Bei Kupferlegierungen waren zuweilen wenigstens Stadtzeichen eingeführt (Hanse 1354, Köln 1397).

Hohlmaße, Waagen und Gewichte haben seit dem 14. Jh. oft besondere B., d. h. Eichmarken.

Ferner kommen für die Kunstgeschichte etwa noch in Betracht B. auf Erzeugnissen der Armbruster, Plattner, Schwert-, Messer-, Sensenschmiede, Böttcher, Brillen- und Kompaßmacher. Werke der Kunsttischler des 18. Jh. (menusiers, ébénistes) tragen ebenfalls zuweilen Stadt- und Meistermarken (Stempel, selten Brandstempel); außer den wichtigen französischen gibt es auch deutsche Beispiele (Augsburg, Potsdam). Bei den Maler- und Bildschnitzerzünften waren seit M. 15. Jh., auf Tafelbildern (Rückseite des Malbrettes) wie auf Skulpturen, manchmal eingebrannte oder eingeschlagene B. in Gebrauch, so in Antwerpen (Hand, Abb. 14, und Burg, zuweilen auch Jahresbuchstaben) und Brüssel (BRUESEL, Abb. 13, und Hammer, Abb. 12, dazu häufig weitere B.), wobei der zweite Teil des Stadtzeichens nach Vollendung der Arbeit, der erste bereits in einem früheren Stadium gesetzt wurde. Schließlich treten bei den verschiedensten Textilien B., die in angehängten Bleisiegeln oder aufgedrückten Stempeln bestanden, seit etwa 1300 auf; sie hatten durch die streng durchgeführte Qualitätsunterscheidung große Bedeutung, sind jedoch selten erhalten. Auch Bildteppiche und Stoffe (Abb. 15) tragen gelegentlich B., Stadt- und Meistermarken, in Brüssel seit 1500, danach auch in anderen Ländern.

Schon in der Antike begegnen Verfertigerstempel, Fabrikmarken auf Gegenständen aus Bronze, Eisen und Ton (nicht nachweisbar bei Gold und Silber). Als B. wären diese Ahnen des Meisterzeichens aber nur anzusehen, wenn ihr Setzen von irgendwelchen amtlichen Kontrollen abhängig war.

Zu den Abbildungen

1. Kulmbach, Luitpoldmus., Silbervergoldeter Ananaspokal mit kleinem Holzhauer am Baumstammgriff und einem Blumenbukett auf dem Deckel. Von Hans Liebmann (ca. 1597– ca. 1631), Kulmbach. Höhe 32 cm. Rosenberg 2, 2953 c. Beschau- und Meistermarke an Fuß und Lippenrand. Phot. Marc Rosenberg.

2. Ebendort, Silbervergoldeter Doppelpokal mit ananasähnlichen Buckeln. a) Eine Hälfte von Hannß Beutmüller von Venedig (Meister 1588, † 1622), Nürnberg. Höhe 14,3 cm. Rosenberg 3, 4055 e. Beschau- und Meistermarke am Lippenrand. – b) Andere Hälfte von Hannß Weber (1560–1634), Nürnberg. Rosenberg 3, 4053 h. Beschau- und Meistermarke am Lippenrand. Phot. M. Rosenberg.

3. Meisterzeichen des Hans Liebmann (Rosenberg 2, 2953) am Fuß des Pokals Abb. 1. Phot. M. Rosenberg.

4. Meisterzeichen des Hans Liebmann und Beschauzeichen von Kulmbach (Rosenberg 2. 2950) am Lippenrand des Pokals Abb. 1. Phot. M. Rosenberg.

5. Beschauzeichen von Nürnberg und Meistermarke des Hannß Beutmüller (Rosenberg 3, 4055) am Lippenrand des Pokals Abb. 2 a. Phot. M. Rosenberg.

6. Mainz, Altertumsmus., Bleitafel mit Namen und Beschau- und Meistermarken von 36 zwischen 1708 und 1778 tätigen Mainzer Goldschmieden. Phot. Prof. E. Neeb, Mainz.

7. Dasselbe, Ausschnitt. Phot. Prof. E. Neeb, Mainz.

8. Beschauzeichen von Überlingen und Meisterzeichen des Meisters M. S. (Hintze Nr. 81); die Zahl 1638 gibt an, daß M. S. damals Meister wurde. Von einer Zinnschüssel im Augustinermus. Freiburg i. B. Nach Hintze [2].

9. Zinnmarke des Johann Bartholomäus Blumenstock (Meister 1780), Augsburg (Hintze Nr. 1780). Nach Hintze [2].

10. u. 11. Qualitätszeichen des J. B. Blumenstock für englisch Feinzinn (Abschläge auf der Augsburger Zinnmarkentafel von 1767 der ehem. Slg. Figdor). Nach Hintze [2].

12. Garantiemarke für Schnitzarbeit der Brüsseler Bildhauerzunft. Nach J. M. Destrée [7], S. 59.

13. Garantiemarke für Polychromie der Brüsseler Bildhauerzunft. Nach J. Roosval, Schnitzaltäre des Jan Borman, Z. Kg. d. Auslandes 14, Straßburg 1903, S. 49.

14. Beschauzeichen der Antwerpener Bildhauerzunft. Nach Jean de Bosschère [6], S. 103.

15. Beschauzeichen für Passauer Leinwand. Nach W. M. Schmidt, Illustr. Gesch. d. Stadt Passau, Passau 1927.

Literatur

Für Edelmetall und für Zinn existieren zwei großangelegte, grundlegende Werke: 1. Marc Rosenberg, Der Goldschmiede Merkzeichen, Frankfurt und Berlin 1922–283 (Bd. I–III: Deutschland, Bd. IV: Ausland und die frühmittelalterlichen Stempel). 2. Erwin Hintze, Die deutschen Zinngießer und ihre Marken, 7 Bde, Leipzig 1921–31. 3. Otto Lauffer, Meisterzeichen und Beschau, Festgabe für Karl Koetschau, Düsseldorf 1928, S. 39ff. 4. Rud. Berliner, Die Beschau in den kunsthistorisch beachtlichen deutschen Gewerben, Münchner Jb. N.F. 8, 1931, S. 304ff. 5. Roland Jaeger, Ein Beitrag zur Gesch. der altchristl. Silberarbeiten, Archäol.

Anzeiger 43, 1928, Sp. 555ff. 6. Jean de Bosschère, La sculpture anversoise aux 15. et 16. siècles, Brüssel 1909, S. 53ff. 7. Jos. Destrée, Recherches sur la sculpture brabançonne, Mémoires de la société nationale des antiquaires de France 52, Serie 6, 2, Mémoires 1891, Paris 1892, S. 54ff. 8. Ernst Neeb, Bleitafel mit eingravierten Namen von Mainzer Gold- und Silberschmieden, ihren eingeschlagenen Marken und den Beschauzeichen, Mainzer Zs. 27, 1932, S. 110ff. 9. François de Salverte, Les ébénistes du 18e siècle, leurs œuvres et leurs marques, Paris und Brüssel 1927. 10. J. Warncke, Die Zahl 79 in den älteren Lübecker Zinngießermarken, Zs. d. Ver. f. Lüb. Gesch. u. Alt. 29, 1938, S. 345. – Weitere Lit. s. unter den einzelnen Materialien, sowie bei Harnisch, Helm, Waffen.