Bergkristall

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englisch: Rock crystal; französisch: Cristal de roche; italienisch: Cristallo di rocca.


Hans Wentzel (1938)

RDK II, 275–298


RDK II, 275, Abb. 1. Spätantik, 4. Jh. (?). Paris.
RDK II, 275, Abb. 2. Um 1000. Stockholm.
RDK II, 277, Abb. 3. Lothringen, Mitte 9. Jh. London.
RDK II, 279, Abb. 4. Lothringen (?), vor 817. Aachen.
RDK II, 279, Abb. 5. Lothringen, M. 9. Jh. London.
RDK II, 279, Abb. 6. Deutsch, E. 14. Jh. (?). München.
RDK II, 283, Abb. 7. Ägypten, um 480. Paris.
RDK II, 283, Abb. 8. Fatimidisch, A. 11. Jh. Halberstadt.
RDK II, 283, Abb. 9. Fatimidisch, 1021-1036. Nürnberg.
RDK II, 285, Abb. 10. Fatimidisch, 10. Jh. Quedlinburg.
RDK II, 285, Abb. 11. Französisch (?), um 1200. Köln.
RDK II, 287, Abb. 12. Burgund, um 1400 (?). Wien.
RDK II, 287, Abb. 13. Normannisch-sizilianisch, 12. Jh. (?). Wien.
RDK II, 287, Abb. 14. Burgund, A. 15. Jh. (?). Wien.
RDK II, 289, Abb. 15. Deutsch, 13. Jh. (?). Hallesches Heiltum.
RDK II, 289, Abb. 16. Burgund, A. 15. Jh. Wien.
RDK II, 289, Abb. 17. Georg Barst, um 1650. Wien.
RDK II, 291, Abb. 18. Um 1300. Halberstadt.
RDK II, 291, Abb. 19. Französisch (?), A. 14. Jh. Osnabrück.
RDK II, 291, Abb. 20. Ulm, um 1590. Stuttgart.
RDK II, 293, Abb. 21. Burgund (?), um 1400. Nürnberg.
RDK II, 293, Abb. 22. Nürnberg, nach 1656. Stuttgart.
RDK II, 293, Abb. 23. Deutsch, um 1550 (?). Hamburg.
RDK II, 297, Abb. 24. Deutsch, um 1660. Wien.
RDK II, 297, Abb. 25. Deutsch, 2. H. 17. Jh. Wien.

I. Material und Vorkommen

Der B. (lat. cristallum; frz. cristal de roche; engl. rockcrystal) ist eine chemisch reine, wasserhelle Verbindung von Quarz (SiO2), hexagonal gewachsen, vom Härtegrad 8 (Glas 6, Diamant 10). B. ist ein schlechter Wärmeleiter und daran am leichtesten vom Glas zu scheiden; charakteristisch sind die auf Grund innerer Spannung entstandenen Risse, die im Gegensatz zu den Sprüngen im Glas keine Aufschlagstellen aufweisen. – Größtes Vorkommen in Europa im Montblancmassiv, Fundorte außerdem in Barège (Hautes-Pyrénées), im kastilischen Gebirge und im Département Orne (Normandie), in den Brüchen von Pont Pesce und Galochère (Diamants d’Alençon). Die größten außereuropäischen Vorkommen: Aurangpur (südlich von Delhi), Madagaskar, Japan und im Ural; von diesen sind die Fundstätten in Madagaskar und im Ural erst im 19. Jh. bekannt geworden; die Vorkommen am Montblanc sind derart unzugänglich, daß sie vor dem 19. Jh. nicht systematisch erschlossen gewesen sein können; grundsätzlich gilt von sämtlichen europäischen Vorkommen, daß sie (bis gegen 1400) nur zufällige Fundstücke in den Flüssen von einem Höchstausmaß von 10–20 cm und einem Höchstgewicht von 3 kg geliefert haben können. – Die Reinheit des B. läßt keine chemische Bestimmung des Materials auf den Herkunftsort zu. Quellen über Materialversand sind selten. Plinius (Hist. nat. 37, cap. 9) scheint von den indischen Vorkommen (auch von Import?) gewußt zu haben; der arabische Schriftsteller Al-Ghuzūli († 1412) berichtet, daß man zu Ende des 14. Jh. Bergkristallblöcke in unbearbeitetem Zustand aus China bezog, was sich auf die japanischen Vorkommen beziehen muß. Die Beliebtheit des B. erklärt sich vermutlich nicht nur aus künstlerischen Gründen. Die Durchsichtigkeit des im Gegensatz zum Glas gewachsenen Materials galt als Symbol der unbefleckten Reinheit [8]. Schon Plinius (Hist. nat. 37, 12) weiß von ärztlicher Verwendung einer Pila aus B. zu berichten. Im Mittelalter „glaubte man, daß er vor Durst schütze; liturgisch benutzte man ihn am Ostersonnabend, um das hl. Feuer neu zu entzünden, und man schrieb ihm die Eigenschaft zu, Frische zu bewahren und Blutsturz aufzuhalten“ [1, S. 70; 6, zu 1256 u. 1436; 8, S. 509]; außerdem wurde der B. als Amulett gegen verschiedene andere Krankheiten (Wassersucht, Zahnschmerzen) getragen.

II. Antike und frühestes MA

Die Antike hat den B. bei ihrer entwickelten Technik der Glasherstellung und -bearbeitung und des Gemmenschnitts verhältnismäßig selten verwendet. Sie kennt ihn jedoch statt Glas als besonders kostbare lichtdurchlässige Platte (Hinterglasmalerei auf B., s. Altes Kunsthandwerk I, Wien 1928, Taf. 101); in der meisterhaften Technik des antiken Edelsteinschnitts sind zwei Löwenköpfe von Stuhl- oder Thronknäufen (Paris, Mus. de Cluny, 4. Jh.? Abb. 1) gearbeitet, die zu den prachtvollsten B.-Arbeiten der europäischen Kunst überhaupt gehören. Einen wohl frühchristlichen kleinen, 5 cm langen Fischanhänger aus B. bewahrt die Wiener Gemmensammlung [5c, S. 93]. – Von den spätantiken Werken führt keine ungebrochene Tradition zu den merowingisch-karolingischen Arbeiten. Ein B.-Ring aus einem Grab des 5./6. Jh. in Hausweiler (Bonn, Mus.) mit einer auf der Siegelplatte eingeschnittenen Venus erweist sich als Imitation einer antiken Gemme. Ob das von der Kathedrale in Noyon bis zur französischen Revolution bewahrte B.-Siegel des hl. Eligius eine abendländische Arbeit war, ist unsicher. – Die Bearbeitung des B. geschieht in vorkarolingischer Zeit weniger durch Schnitt als vielmehr durch Schliff; in dieser Technik hat sich eine größere Denkmälerreihe erhalten, die als nahezu merowingische Leitform sich grundsätzlich von karolingischen Werken unterscheidet. Die Arbeiten verdanken ihre Entstehung und Verwendung der Freude an dem schönen Material und sind daher häufig ganz unverziert: wir meinen die ungefaßten und gefaßten, mit der Hand „gemugelten“, prachtvollen, bis zu 6 cm im Durchmesser messenden B.-Kugeln, die vornehmlich in Gräbern um Rhein und Mosel, in Burgund und England gefunden wurden (u. a. im Grab Childerichs I.). Ungefaßt durchbohrt oder gefaßt in einem Netz aus Gold hängend wurden sie als Schmuckstücke oder Amulett (vgl. das sogenannte Monile Karls d. Gr. in der Geistl. Schatzkammer, Wien, Nr. 165) um den Hals getragen (Pantheon V, 1930, S. 86). Seltener sind die schönen facettierten, polygonalen Prismen aus B. und die technisch viel komplizierteren B.-Schnallen mit Metallzunge (im Museum in Mainz von beiden die besten Beispiele). Die Schmuckkugeln bleiben in der Wikingerzeit beliebt und finden sich noch, aneinandergereiht zum kostbarsten Brustschmuck, in nordischen Funden des 10. Jh. (Abb. 2). Über den gleichen Zeitraum erstreckt sich das Vorkommen von dünnen Halsketten aus aneinandergereihten durchbohrten B.-Kügelchen (gefunden in Süddeutschland, in Haithabu, auf Gotland usw.).

III. Karolingische B.-Schnitte und die Verwendung des B. in romanischer Zeit

Eine kurze, aber einzigartige Blüte erlebt der Schnitt des B. in karolingischer Zeit. Unvermittelt und ohne erkennbare Vorstufen „können wir in der M. 9. Jh. unter den Nachfolgern Karls d. Gr. plötzlich eine wahrhafte Renaissance der Glyptik oder genauer des Schnitts in B. feststellen“ [1, S. 21/22]. Aus einem Brief des Bischofs Servatius Lupus von Ferrières an Karl den Kahlen erfahren wir, daß der Bischof einen eigenen Steinschneider besaß: Misi praeterea celsitudini vestrae gemmas, quas dudum opifex noster exculpendas et poliendas acceperat: quarum formam atque nitorem, si approbaveritis, memorato artifici gratulabor (Migne, P. L. Bd. 119, S. 571). Eine frühe Arbeit ist der vor 817 entstandene Siegelstempel Lothars I. am Lotharkreuz in Aachen (4,2 : 3,6 cm; Abb. 4); er zeigt die Büste des Kaisers und die Umschrift: † XRE ADIVVA HLOTHARIVM REG(em); in Technik und Stil erinnert er an spätantike Gemmen. Vermutlich wurde auch sonst von den Karolingern B. häufiger für Siegelstempel verwendet: die allein erhaltenen Abdrücke weisen ähnliche Formen auf. – Ausgeprägt abendländischen Charakter, dem Stil der gleichzeitigen Miniaturen (bes. Utrechtpsalter) angeglichen, zeigt der unter Lothar II. (855–69) in Lothringen (Metz?) aufblühende Gemmenschnitt vollendetster Technik, der im Gegensatz zu anderen Epochen ausschließlich den B. bevorzugt. Das Hauptwerk ist die berühmte „Susannaschale“ Lothars II., ein Intaglio von 11,2 cm Durchmesser, den bis zur französischen Revolution die Abtei Waulsort an der Maas bewahrte (London, Brit. Mus. Abb. 3). In geschicktester Komposition und lebendiger Zeichnung sind auf dem Diskus acht Darstellungen aus der Susannageschichte mit eingestreuten erklärenden Schrifttexten verteilt; um die Mitte zieht sich die Stifterinschrift LOTHARIVS REX FRANCORUM FIERI IVSSIT. Die erst im MA zur Schale gefaßte Scheibe diente wahrscheinlich ursprünglich als Brustschmuck (vgl. den B.-Schmuckdiskus Alfreds d. G. (849–901) im Ashmolean Museum in Oxford) und wurde zur Zeit Karls III. von Gilbert von Florennes als Talisman um den Hals getragen.

Aus der gleichen Werkstatt stammen eine Reihe von B.-Schnitten, die bei Unterschieden der Qualität in Technik und Stil dem Hauptwerk völlig entsprechen. Es handelt sich zumindest um 11 Werke: mit der Taufe Christi im Mus. in Rouen (8,5 cm hoch) und am Kapitelkreuz im Münsterschatz von Freiburg i. Br. (4 cm); mit der Kreuzigung im British Mus. (zwei: 7,8 u. 15,5 cm; Abb. 5) und im South Kensington Mus. (an dem rhein. Triptychon des 12. Jh. vom Wahren Kreuz [1, Abb. S. 44]), im Cabinet des Médailles in Paris (6 cm), in Conques an der Rückseite des Thrones der hl. Fides (4,3 cm), am Ostensorium aus Rot im Freiburger Diözesanmus. (8 cm) und im Domschatz zu Gran in Ungarn; mit dem hl. Paulus in der Coll. Wasset der Ecole des Beaux-Arts in Paris; mit einem Engel am Rogeruskreuz aus Herford im Schloßmus. in Berlin; mit dem Abt THEODVLF an einem Kreuzreliquiar in Halberstadt [5 a, S. 26] (nur von E. Babelon [2] – und später nicht mehr – werden Kreuzigungsintaglien in Senlis und aus dem Schatz von Guarrazar in Madrid genannt). Von diesen Werken sind nur die beiden mit der Taufe Christi Platten. Bei den anderen handelt es sich um ovale Medaillons, auf deren flacher Rückseite die Darstellung eingeschnitten ist, während sich die Vorderseite konvex wölbt; vermutlich war in die Zeichnungsrillen der Rückseite eine Metallfolie eingepreßt, so daß die glitzernde Darstellung nur durch den Kristallkörper hindurch sichtbar war. – Um Ausläufer dieser Gruppe kann es sich bei den verlorenen drei kleinen Gemmen mit Laurentiusmartyrium, Abrahamsopfer und Gervasius und Protasius handeln [1, S. 37ff.]. Vielleicht gehört noch die etwas ungefüge B.-Schale (viereckig, auf niedrigen Füßen) im Domschatz von Osnabrück in einem Ostensorium des 12. Jh. mit ihrem eingeschnittenen Sternmuster [16, S. 25, Taf. 8/9] letztlich zu den karolingischen Arbeiten. – In keinem Fall läßt sich ein Anschluß an ältere Arbeiten erweisen: den byzantinischen B.-Schnitten (Intaglio aus B. mit Reiter und Engel aus Alexandria, 6. Jh. und anderen [5 b]) sind sie weit überlegen und orientalische Stücke wie die berühmte Schale des Perserkönigs Chusrau II. aus B. und Goldrubinglas (Paris), ein Geschenk Harun-al-Raschid’s an Karl d. Gr., können nur allgemeine Anregungen vermittelt haben.

Seit dem 9. Jh. sinkt die Bearbeitung des B. in Mitteleuropa auf den vorkarolingischen Stand zurück: zwar ist das Material von allen erreichbaren Steinen durchaus am begehrtesten, zwar sind die Denkmäler zahlreicher, sie entbehren aber jeder aufwendigeren Kunstfertigkeit. Sie sind wie die merovingischen Schmuckstücke nicht geschnitten, sondern nur geschliffen, ja meistens nur mit der Hand gemugelt, d. h. aus der zufälligen Fundform werden sie oval oder rund abgeschliffen; die willkürliche und stets wechselnde Form weist auf anscheinend meist höchstens faustgroße Zufallsfunde hin, die schon im Flußbett abgekantet oder abgerundet waren. In stets gleicher Art wird der B. für die mannigfaltigsten kirchlichen Geräte verwendet: als Zwischenglied für Leuchterschäfte, als Nodus bei Kelchen, als Einsatz in Reliquienkästen, als Behälter für kleinste Reliquien, als Deckplatte auf Tragaltären und über größeren Reliquien, als Ecksäulchen, als Edelstein in kostbarer Fassung auf Kreuzen, auf Bucheinbänden, als Zierstück auf Reliquiareinfassungen (ein besonders großes Stück auf dem Kreuzreliquiar Heinrichs II. in der Reichen Kapelle in München) usw.; zahllose Beispiele bei Braun [7]. Die Bearbeitung des B. für diese Zwecke verlangte keine besonderen technischen Kenntnisse, sie entspricht vielmehr der üblichen primitiven Steinbearbeitung. Daß man noch im 12./13. Jh. in Deutschland B.-Blöcke von 8–10 cm Höhe als außergewöhnliche Kostbarkeiten ansah, beweisen das Reliquiar aus Herford im Berliner Schloßmus. [7, II, Taf. 5] und das aus Norddeutschland als Kriegsbeute nach Kopenhagen (Nat. Mus.) gebrachte plumpe kurzarmige B.-Kreuz, in das eine Miniatur der M. 13. Jh. eingeschoben ist: man hat sich bemüht, ihre urtümliche Form nicht zu verändern, sondern sie in ganzer Größe trotz unregelmäßiger, ja barbarischer Erscheinung wirken zu lassen. – Die Annahme, daß sich bis nach 1200 im nördlichen Europa und vornehmlich in Deutschland und Frankreich die B.-Bearbeitung auf den Abschliff bzw. die abrundende Mugelung und Durchbohrung der Fundstücke beschränkte, beweisen auch die Quellen. Wenn Thangmar in der Vita Bernwardi berichtet: Bernwardus fecit ... calices nichilominus plures, et unum ex onichino, alterum verum cristallinum mira industria compusuit, so ist das zweifellos so zu verstehen, daß Bernward durch reiche Goldschmiedefassungen die Onyx- und Kristallschalen zu Kelchen machte bzw. machen ließ, wie das in gleicher Weise noch für Suger von St. Denis gilt, der 1145 ein spätantikes Gefäß (Ägypten, 4./5. Jh., Abb. 7) als schlanke Vase fassen ließ (Inschrift: hoc vasa sponsa dedit Aanor regi Ludovico, Mitadolus avo, mihi rex sanctisque Suger.) – Der italienische Mönch Heraclius (De coloribus et artibus Romonorum, XII, Quomodo crystallum secari) übersetzt im 10. Jh. noch wörtlich die Angaben des Plinius; was er an Neuem über die Glyptik, insbesondere über Schnitt und Skulptur des B. zu sagen weiß, sind reine Märchen. Die Herkunft der sonderbaren Rezepte ist, wie Heraclius auch zugibt, sarazenisch; vermutlich haben die Sarazenen (s. IV) ihre Technik sorgfältig geheim gehalten und statt dessen Märchen mit unerfüllbaren Vorschriften in Umlauf gesetzt. Im Gegensatz zu Heraclius erweist Theophilus, obwohl sich die gleichen Märchen bei ihm noch zauberhafter wiederfinden, sich als erfahrener Fachmann auf dem Gebiete des Steinschliffs und der Politur. Er bestätigt also, daß man im nördlichen Europa B. sehr wohl zu schleifen, kaum aber zu schneiden, zu verzieren und hohl zu schleifen verstand. Eine (angeblich interpolierte) Stelle in der Diversarum artium schedula nennt gerade jene oben angeführten typischen romanischen B.-Arbeiten: Si nodos facere volueris ex christallo, qui baculis episcoporum vel caudae labris possunt imponi, hoc modo perforabis eos ... [1, S. 49]; auch die in hochmittelalterlichen Inventaren zuweilen genannten ceraptata cristallina, und candelabra de cristallo sind wohl als Goldschmiedearbeiten mit B.-Gliedern zu verstehen. Allein in der Technik des Schleifens und Mugelns war eine prachtvoll kleine Taube vermutlich des 12./13. Jh. hergestellt, die sogar die kompliziert geschnittenen orientalischen Tierfiguren (IV) an Schönheit übertrifft: ihre Gestalt überliefert in sorgfältiger Zeichnung das Hallesche Heiltumsbuch (Abbildung 15).

IV. Orientalische B.-Arbeiten

Wesentlich bedeutender und technisch weit vollendeter als die genannten Denkmäler einheimischer Produktion und primitiver Technik sind die orientalischen Gefäße und Figuren aus B., die sich in den abendländischen Kirchenschätzen des hohen MA, namentlich auch in Deutschland, in großer Zahl finden. – Bei den im MA nach Europa gelangten Arbeiten handelt es sich so gut wie ausschließlich um Erzeugnisse des fatimidisch-ägyptischen Kunstkreises, die Carl Johan Lamm [8] in einer grundlegenden Arbeit untersucht hat; es sind mit Schnittdekor verzierte Kannen, Vasen und Fläschchen (Abb. 8), Schalen, Henkeltassen, Schachfiguren und kleine Löwen. Durch die kufischen Inschriften ägyptischer Kalifen auf einer Kanne in San Marco in Venedig und auf der Wiener Mondsichel in Nürnberg (Abb. 9) läßt sich diese Gruppe auf das 10. und 11. Jh. festlegen. Alle Arbeiten ohne Ausnahme befinden sich in Europa, was ihre Erwähnung in diesem Zusammenhang rechtfertigen mag. Am frühesten sind sie nach Deutschland gelangt und bilden in kostbarster Fassung schon seit ottonischer Zeit die Zierde der Kirchenschätze (Mathildenkreuz in Essen, um 980 gestiftet; drei von Otto III. nach Quedlinburg gestiftete Fläschchen (Abb. 10); zwei Fläschchen von vor 1014 in Borghorst; zwei Gefäße am Aachener Ambo Heinrichs II. von 1014, (RDK I, Sp. 633, Abb. 4); der Henkelnapf in dem Bamberger Kelch des Kaisers und andere von ihm und Kunigunde in den Bamberger Kirchenschatz geschenkte Kristalle usw.). Die Hauptmenge von B.-Arbeiten wird aber erst nach der Zerstörung des gewaltigen B.-Schatzes des Mustansir in Kairo (1062) nach Europa ihren Weg gefunden haben. Hier dienten sie dann als Reliquiare und Salbgefäße, aber auch als Kelchkuppen, Ampeln, Ölfläschchen, Weinkannen, Szepterknäufe, Zierstücke an umfangreichen Edelschmiedewerken und wurden auch (Schachfiguren in Osnabrück [16, S. II, Taf. 1] u. a. O.) als wertvolles Kunstgerät aufgehoben. Ihre Hochschätzung ist am besten aus der Kostbarkeit der Fassung ersichtlich. – Technisch stellen sie denn auch Höchstleistungen dar, gegen die die abendländischen Kugeln und Knäufe aus B. unscheinbar wirken. In kompliziertesten Verfahren sind sie dünnwandig ausgehöhlt, mit Hohl-, Hoch- und Tiefschnitt von zartestem bis zu kräftigstem Relief mit fatimidischem Rankenwerk und ornamentalisierten Tierfiguren verziert. Nicht einmal von den italienischen Steinschneidern des 16. Jh. (VII) ist eine ähnliche Vollendung erreicht worden.

V. Die Monolithgefäße

Die sicher ägyptischen Werke sind von höchster Bedeutung für die kunstgeschichtliche Bestimmung einer Gruppe von mächtigen Monolithgefäßen, die als Hauptwerke (schon nach den Ausmaßen) der B.-Schneidekunst am stärksten in der Literatur über B. behandelt und abwechselnd für den Orient und Europa (Burgund, Böhmen, Freiburg) in Anspruch genommen werden. Es handelt sich um rund 20 Arbeiten von besonderer Schönheit, vornehmlich Kannen, Krüge und Schalen mit eckig geknickten Henkeln und kurze Becher, in länglichen Vertikalfazetten geschliffen und ohne Dekor (Lamm, Taf. 79; 80, 1–3, 5–7, 9; 81, 1, 3–6, 10, 11; 82; 83, I, 3; 84, 2); dazu gehören einige wenige Gefäße aus Jaspis und Achat (Lamm 80,4; 81, 2, 7–9). Von den jüngeren, ebenfalls facettierten französischen Gefäßen (VI) unterscheiden sie sich durch ihre ausnehmende Größe (bis 42 cm hoch und 37 cm breit, bei 0,3–1 cm Dicke, Abb. 13), durch die Monumentalität ihrer Formensprache (der das Elegante, Zerbrechliche und Spielerische der französischen fehlt) und durch ihren schwereren Umriß. Sie können nur an einem Ort entstanden sein, und nur dort, wo man über genügende Mengen an B. beliebiger Größe und über eine vollendete Steinschneidetechnik verfügte. Ein von Lamm, Pazaurek [11] und Falke [9] nicht beachteter Becher aus B. in Dresden [14, Taf. 1 a] in einer Fassung vom A. 13. Jh. rückt die ganze Gruppe spätestens in die Zeit um 1200.

Alles, was wir über das Vorkommen des Materials und seine Verarbeitung in Europa vor 1250 aus Schriftquellen und gesicherten Denkmälern wissen, nicht minder die wohl im Orient (Byzanz), aber nicht im Abendland vorgebildete Form der Gefäße, spricht gegen ihre Entstehung in Mitteleuropa. Vielmehr lassen sich die Monolithgefäße formal und technisch nur an die orientalische Tradition überzeugend anschließen; aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie im sizilisch-normannischen Kunstkreis entstanden. (Den Nachweis werde ich im einzelnen in einem Aufsatz in der Zs. f. Kgesch. 1939 erbringen.) Überdies wissen wir, daß Suger von St. Denis (s. III) von Roger von Sizilien B.-Gefäße bezogen hat. Vielleicht hat sich die Handwerksübung unter den Staufern gehalten und ist durch diese oder die Anjou an den Norden (VI) weitergegeben worden.

VI. Der B. in gotischer Zeit

Im Vergleich mit den fatimidischen (IV) und sizilisch-normannischen (V) Arbeiten sind unsere Kenntnisse über den mitteleuropäischen gotischen Kristallschnitt gering. Es gibt zwar eine Anzahl eindeutig mitteleuropäischer Arbeiten, sie sind jedoch nur selten datierbar, und eine sichere Lokalisierung war bisher überhaupt nicht möglich. Aus der Zeit vor 1400 wissen wir nur von Paris als Herstellungsort: 1260 hören wir zuerst von Kristallarbeitern, 1292 waren in die Registres de la taille 18 Cristalliers et pierriers des pierres natures eingetragen. Vermutlich waren sie anfangs hauptsächlich Polierer; ihre Betätigung entsprach der von Theophilus beschriebenen (III). Seit M. 14. Jh. hören wir auch von Gefäßen aus B., aber keines der erhaltenen läßt sich eindeutig mit der Pariser Zunft verbinden. Von allen Gefäßen sind bisher nur drei (Abb. 14) als abendländisch gesichert [12], ein Becher (Abb. 16) scheint durch Tradition und alte Beschreibung burgundisch. Alle weiteren Lokalisierungsversuche [9–12] sind reine Hypothesen; so fehlt für die herangezogenen Orte Prag und Freiburg überhaupt eine Notiz über die Bearbeitung von B. vor 1400. Wir halten es mit E. Kris [13, S. 20] „für untunlich“, die Zahl der Vorschläge zu vermehren und beschränken uns auf eine Materialgruppierung.

a) Für die frühgotische Gruppe ist die Abhängigkeit von den Fatimidenarbeiten (IV) und dem byzantinischen Schnitt in B. (Lamm 73, 1; 76, 1) kennzeichnend. Bei einem diesen ähnlichen Umriß werden in den B.-Körper gotische Weinranken eingeschnitten, die sich sparsamer, aber wiederum ähnlich wie die orientalischen abstrakten Gewinde verteilen. Die älteste Arbeit (A. 13. Jh.) ist eine Kelchkuppa aus St. Denis [8, Nr. 67, 8], zu der noch ein fatimidischer Fuß gehört, etwas jünger ein Salbgefäß in Caen und ein Rankenzylinder im Prado (Lamm 84, 8 u. 9) das Margarethenreliquiar in New York (Bossert V, S. 31), die Reliquiare in St. Michel in Limoges und in St. Kolumba in Köln (Abb. 11; weitere s. [8, I, S. 230/31]). Die Ausmaße sind gering, die Technik noch unsicher und der Formenschatz klein. In diese Zeit wird nach seiner Rüstung ein Springer in Form eines Reiters gehören (Hamburg, Mus. für. K. u. Gew.; Lamm I, S. 215).

b) Die Kreuze mit Lilien- oder Tatzenenden sind kennzeichnend für die Verwendung des B. im 13. und 14. Jh. Es werden 8–10 durchbohrte, aus prismatischen Platten gesägte Blöcke auf ein mit Pergament umwickeltes Drahtkreuz gereiht: die ältesten im B.N.M. München (K 5/228; um 1200) und in St. Gereon in Köln, aus der Zeit um 1300 das schönste im Domschatz in Osnabrück (Abb. 19), jünger die beiden sich genau entsprechenden Kreuze im Domschatz in Aachen und im Museum in Augsburg, andere in Zwickau (Kirchenkunst II, 1930, S. 3), Aschaffenburg (mit Kruzifix der Zeit um 1480), in den Domschätzen von Halberstadt (Abb. 18) und Prag, im Museo Civico in Turin, im Mus. f. K. u. Hw. Hamburg und im B.N.M. München (2433; 15. Jh.) (u. a. O., s. [10], S. 6). Hinzuzurechnen sind die beiden Abtstäbe des 13. Jh. in Maubuisson und aus Lis in der Bibliothek in Versailles. Bis auf das Zersägen entsprechen alle diese Werke der romanischen Tradition (III); eine Verbindung mit den orientalischen Arbeiten (IV, V) oder den frühgotischen Gefäßen ist nicht zu erkennen. Es handelt sich wohl um eine nordöstliche (= deutsche?) Gruppe, die sich ohne Einflüsse seitens der Mittelmeerarbeiten aus den romanischen entwickelt hat. Diese Annahme unterstützen vornehmlich jene zahlreichen norddeutsch-nordischen Ringe und Anhänger des 13. und 14. Jh. mit nur rund abgemugelten und abpolierten B. in reicher Fassung (Mus. in Kopenhagen, Stockholm, Wisby u. a. O.). Nur wenig kunstvoller sind Deckplättchen aus B. in Brettspielen (Welfenschatz, Plenar Ottos des Milden; Aschaffenburg, Spielbrett für den „langen Puff“ vom E. 13. Jh. mit Plättchen über Miniaturen und Tonfigürchen; ein gleiches, aber etwas einfacheres im K.hist. Mus. in Wien [19, S. 13]). Dieser Gattung müssen trotz größerer Vollendung die schönen Bestecke in burgundischer Emailfassung zugezählt werden (Messer in Kopenhagen, Nat. Mus. und Wien [19, S. 28]; Gabel und Löffel in Wien, K.hist. Mus. und im South Kensington Mus., London; ein besonders schöner Löffel mit Laffe aus B. im G.N.M., Nürnberg (Abb. 21; s. H. Kohlhaussen, Niederländisch Schmelzwerk, Jb. d. preuß. K.slg. 52, 1931, S. 164). Sie werden des öfteren in burgundischen Inventaren erwähnt: „cuillier de cristal garnie, fourchette à manche de cristal“, auch in Nürnberg „zwai parilleine messerheft“. – Unklar ist, wieweit die Prager, Freiburger und Gmünder Kristalleinarbeiter an diesen Werken Anteil hatten; wir wissen von ihnen nur, daß sie hauptsächlich Rosenkränze, Herzen und andere Anhänger, und diese vornehmlich aus farbigen Halbedelsteinen, schliffen.

c) Die Kännchen und Kopflein sind die am schwierigsten zu bestimmenden spätgotischen B.-Arbeiten (W. Holzhausen, B.-Arbeiten im MA, Zs. f. bild. K. 64, 1930, S. 199ff.). Sklavischer, als sich die frühgotischen Rankenzylinder an die Fatimidengefäße anlehnen, imitieren sie die sizilisch-normannischen Monolithgefäße (V); in vielen Fällen ist die Nachahmung kaum vom Original zu scheiden. Nur sind sie kleiner als ihre Vorbilder, der Umriß ist weichlicher, zarter geführt, die Facettierung weniger kantig, zuweilen sogar unsicher; auch scheinen die meisten im Gegensatz zu den normannischen von Beginn an durch Bodenzapfen auf Metallfassung berechnet gewesen zu sein [14, S. 31/32]. Eine sichere Scheidung liegt bisher nicht vor, auszugehen ist nur von den auf Grund ihrer Technik als europäisch festgelegten drei Gefäßen [12, Abb. 1, 2]: demnach hätte man 10–20 kleine Kannen und Köpfe als europäisch anzusprechen (Lamm 84, 3–5, 14, 15; 86; I, S. 228/29, 233; Hallesches Heiltum [15] fol. 329, 332; [9, Abb. 16]). Eine Entwicklung läßt sich nicht feststellen, alle weisen den Charakter von Imitationen auf; das gilt auch für die Kopflein, deren älteste und schönste zweifellos orientalisch sind: ihre Form mit dem aus einem Block herausgeschliffenen Angriff entspricht orientalischen Henkeltassen, die ihrerseits aus Kürbisgefäßen mit natürlichem Stil entwickelt sind. Hinzuzurechnen sind diesen Werken die seit dem 13. Jh. zahlreichen einfachen, unverzierten B.-Zylinder, die an Reliquiaren der verschiedensten Form und an Monstranzen häufig vorkommen; nur selten sind sie facettiert (Wien, Geistl. Schatzkammer 169, Stefansreliquiar). Das häufige Vorkommen von französischen Fassungen (Drachenausgüsse, Drachenhenkel, Abb. 12) und die übereinstimmende Beschreibung in burgundischen Schatzinventaren vom E. 14. Jh. und A. 15. Jh. (Aiguière de cristal ... et est le biberon d’un col d’une serpent, une fiolle de cristal à plusieurs carres, s. Lamm I, S. 520/21) machen eine Bestimmung der Arbeiten als französisch möglich. – In burgundischer Fassung kommen auch erstmalig B.-Gefäße mit neuerfundenem Schliff vor: die mit eingemugelten Näpfchen, eine Technik, die zweifellos ursprünglich zur Beseitigung von Unregelmäßigkeiten und Rissen dient und dann zum Ornament wird (Gobelet de cristal, taillé a petit boullons ronds; Hofbecher Philipps des Guten, Abb. 16, Herbersteinkrug 1449, Abb. 14. Pokal in Lyon, Mus. u.a. a. O.) und die zu E. 15. Jh. auftauchenden Köpfe oder Doppelscheuern mit Bienenwabenfazettierung (frühestes Beispiel: Deckelpokal auf Hirte im Dom zu Gran, s. Kohlhaussen, Abb. 10; Doppelscheuer Baden-Baden, Hallesches Heiltum fol. 332, und in einem um 1550 gefaßten Doppelpokal in Wien [13, Nr. 32, Taf. 20]). Ob diese sicher mitteleuropäischen und für die Werke des 16. Jh. vorbildlichen Gefäße in Burgund oder Freiburg (Pazaurek) entstanden sind, ist ganz unklar; die burgundischen Schatzinventare berichten nur über dort vorhandene (darunter etwa „un ancien pot de cristal...“) oder dort gefaßte, aber nicht über ihre Anfertigung am Ort. Zu berücksichtigen ist aber, daß es in Frankreich seit dem 13. Jh. wieder einen blühenden Gemmenschnitt [1, S. 73f.] gibt; es sind zwar keine Intaglien gerade aus B. erhalten; der Steinschneider Pierre Cloet wird aber 1352 ausdrücklich für 15 Kristallteile am Thron des Königs Johann bezahlt, und es scheint, daß es sich um geschnittene Arbeiten gehandelt hat [2, S. 239]; vgl. auch die Inventarnotiz von 1380 ung escuelle de cristal, où est intaillé ung aigle ou fons. Erstmalig scheinen auch in Burgund die später so beliebten Tafelaufsätze aus B. vorzukommen; entsprechend den in Inventaren erwähnten nefs de cristal bewahrt die Kathedrale in Toledo ein B.-Schiff in Pariser Montierung des 15. Jh. Für sich stehen die schönen B.-Köpfe eines Christus und einer Maria auf zwei Buchdeckeln der Zeit um 1400 aus dem St. Nikolakloster in Passau (Abb. 6; München, Bayer. Staatsbibl. cod. lat. 16002/03): weder in den Gemmen noch im Gefäßschliff des Mittelalters gibt es für sie irgendwelche Parallelen.

VII. Der B. im Zeitalter der Renaissance und des Barock

Während der Renaissance und dem Barock sind die großen Leistungen in der Bearbeitung von B. ausschließlich von Italienern vollbracht worden; die Meister und ihre Werke hat Ernst Kris [17] untersucht. – Ausgehend vom Gemmenschnitt des 15. Jh. entwickeln sie während des Cinquecento eine ungeahnte Vollendung in der Ausgestaltung des B. mit Hoch- und Tiefschnitt in allen nur möglichen Spielarten der Steinbearbeitung. Es handelt sich um große Prunkgefäße (Vasen, Tafelaufsätze, Schalen und Schüsseln, Saucieren und Fruchtbehälter in Vogelform, Flaschen, säulen- und pyramidenartigen Zierbauten), Schiffe (Automaten), Trajanssäulen, Kästen mit B.-Einsätzen, B.-Plaketten, Kreuze, Leuchter, Intaglien mit antiken und christlichen Szenen usw. Nach italienischen Vorbildern entstehen deutsche Nachahmungen. Wir nennen eine schöne B.-Galeere (Automatenwerk [17, Taf. 118]) und einen drachenförmigen Tafelaufsatz in Wien (Abb. 25). Wie seinerzeit die mittelalterlichen fatimidischen Arbeiten, so finden auch die italienischen ihren Hauptabsatz in Deutschland, eine Anzahl italienischer Meister hat sogar zeitweise dort (Prag, Wien) gearbeitet. Über die außerordentliche Beliebtheit von B. in den deutschen und europäischen Kunstkammern unterrichtet etwa das Sammlungsinventar der Königin Christine (s. J. Denucé, Antwerpsche Kunstkamers, s’Gravenhage 1932, S. 188).

Die seit 1500 verstärkt einsetzende systematische Suche nach B. kommt aber auch dem deutschen, von Italien ziemlich unabhängigen Schliff und Schnitt von B. zugute. Wie im Mittelalter gilt auch jetzt für Deutschland, daß der B. häufig unverziert, nur wegen seines Materials verarbeitet wird. So erklärt sich die Verwendung als Halbedelsteineinsatz in kostbaren Schüsseln und Krügen [24, Taf. 13, 24], als Umhüllung für kleine Taschen-Eiuhren [14, Bd. II, Taf. 28; 19, S. 45], und die bevorzugte Anwendung für Privatsiegel (eine reiche Sammlung im G.N.M., Nürnberg; vgl. auch [3], S. 139). Zu diesen Werken sind ferner die zumeist unverzierten Kreuze und Leuchter aus B. zu rechnen: Hildesheim, Domschatz; Wilflingen i. Württ.; Kreuzpartikelreliquiar in Steinbach i. B. Ein ausnahmsweise reich gefaßtes Kruzifix vom E. 16. Jh. bewahrt das Stuttgarter Gewerbemus. (Abb. 20). Aus der Freude am schönen Material erklärt sich auch die kostbare kleine Goldemailgruppe von Orpheus und den Tieren in einer Kugel (Wien, K.hist. Mus.), und im 18. Jh. in besonders kostbaren Tafelgeschirren in ausdrücklich gegenüber dem Glas bevorzugte Fläschchen aus B. (Goldenes Kaffeegeschirr des Melchior Dinglinger, 1710 [14, II, Taf. 68], Huilier des 18. Jh. in München [24, Taf. 82]). – Die deutschen Gefäße aus B. teilen sich in zwei Gruppen. Die erste schließt sich an die italienischen Arbeiten an und versucht diese in deutsche Formensprache zu übersetzen: es handelt sich im wesentlichen um Steinschneider, die in Prag (Namenliste bei Pazaurek [21, S. 8/9]) und Hessen [20] gearbeitet haben (vgl. auch die angeblichen deutschen, italianisierenden Gefäße in der Schatzkammer der Residenz in München, Kat. 1937). Der bedeutendste Meister ist zweifellos Franz Gondelach [23], der in seinen besten Arbeiten (Imperatorenbecher, Schloß Rosenborg) den italienischen Steinschneidern zumindest gleichkommt (vgl. auch [14, Taf. 8, a]). Die zweite Gruppe einer Reihe namenloser Arbeiten entwickelt sich konsequenter aus der gotischen Tradition: fortgesetzt wird die Bienenwabenfazettierung (Abb. 17, 23), Vertikalfazetten kommen noch vor [14, Taf. 6, b; 24, 10], in Anlehnung an Metallformen werden Godrons [14, Taf. 8 b; 13, 101] und Fischblasenformen [14, Taf. 6 c] verwendet. Die Herkunft dieser Gefäße ist fraglich. – In Böhmen zuerst scheinen im 16. Jh. die matt geschliffenen B.-Gläser und -Fläschchen in Diamantierung vorzukommen [21, S. 9]. Dort vollzieht sich auch die Verquickung von Bergkristall- und Glasbearbeitung. Vornehmlich der aus Ülzen stammende Caspar Lehmann hat die beiden Techniken miteinander verbunden. Während zuerst der Schnitt in B. dem Glasschnitt wesentliche Anregungen vermittelt, gibt schon zu A. 17. Jh. die aufblühende Glasbearbeitung dem Schnitt des B. neue Anregungen zurück: auch B.-Gefäße werden nun in der verfeinerten dünnen Technik des Glasschliffs und -schnitts verziert (Abb. 22), verlieren immer mehr die plastische und voll reliefierte Eigenart des eigentlichen B.-Schnittes (mattierte Becher und Pokale mit Rankenverzierung, eingeschliffenen Porträts usw., vgl. [19, S. 126, 127, 160] und [24, Taf. 22]). Für den deutschen B.-Schliff sind plastische Arbeiten sehr ungewöhnlich, von besonderer Schönheit eine kleine Büste Leopolds I. von einem Gefäßdeckel (Abb. 24), eine Athenabüste auf einem Deckelpokal vom A. 18. Jh. in Dresden [14, Bd. II, Taf. 66] und eine kleine antikisierende Figur von einem hessischen Steinschneider in Kassel. Im Laufe des 18. Jh. verschwindet der B. zugunsten des Glases aus dem deutschen Kunstgewerbe; neu angewendet wird er vor allem für Lüster in großen Schlössern (Berlin), wo er gegenüber dem Glas wegen seinem milden Glanz bevorzugt wird. Zu Beginn des Klassizismus wird er gelegentlich für Intaglien benutzt [3, S. 94, 106].

Zu den Abbildungen

1. Paris, Musée de Cluny, Löwenkopf (Throngriff?), spätantik (4. Jh.?). Höhe ca. 8 cm. Phot. Archives photographiques, Paris.

2. Stockholm, Stat. Hist. Mus., Brustschmuck mit Anhängern. Aus Lye auf Gotland, um 1000. Phot. Mus.

3. London, Brit. Mus., Susannascheibe. Durchmesser 11,2 cm. Lothringen, M. 9. Jh. Phot. Mus. By permission of the trustees of the British Museum.

4. Aachen, Münsterschatz. Siegel Lothars I. am Lotharskreuz, um 815. Höhe 4,2 cm. Marburger Photo.

5. London, Brit. Mus. Kreuzigungsmedaillon. Lothringen, M. 9. Jh. Höhe 15,5 cm. Phot. Mus. By permission of the trustees of the British Museum.

6. München, Bayer. Staatsbibl., Vorderdeckel eines Evangeliars aus dem St. Nikolakloster in Passau (clm. 16002). Der Kopf des Weltenheilandes aus B. ca. 4 cm hoch. Deutsche Arbeit um 1400? Phot. Alb. Schneider, München.

7. Paris, Louvre. Lagena des Suger aus St. Denis. Das Gefäß mit Bienenzellenfacetten ägyptisch 4./5. Jh., Fassung 12. Jh. (vor 1151). Höhe des Gefäßes 34 cm, des Bechers 15 cm. Phot. Editions des musées nationaux, Paris.

8. Halberstadt, Dommuseum. Fatimidische Flasche von A. 11. Jh.; wahrscheinlich 1205 vom Kreuzzug mitgebracht. Um 1300 gefaßt. Höhe 17 cm. Marburger Photo.

9. Nürnberg, G.N.M., Reliquienmonstranz aus der Hofburgkapelle in Wien. Der Ring (Stabaufsatz? Zaumschmuck?) fatimidisch, mit einem Segensspruch für den Kalifen Al-Zahir (1021 bis 1036); Durchmesser ca. 19 cm, untere Dicke 4,3 cm. Fassung E. 14. Jh. Gesamthöhe 41 cm. Phot. Mus.

10. Quedlinburg, Stiftskirche, Schatz. Reliquiar zum Aufhängen. Fatimidisch 10. Jh. Vielleicht eine Schenkung Ottos III. Höhe 9,2 cm; Dicke 3 cm. Fassung 15. Jh. (Kopie nach einer solchen des 11. Jh.). Phot. E. Kliche, Quedlinburg.

11. Köln, St. Kolumba. Fünfseitiges Reliquiar. Französisch (?) um 1200. Fassung A. 13. Jh. mit späteren Ergänzungen. Höhe 15 cm. Phot. Haus der Rheinischen Heimat, Köln.

12. Wien, Kunsthist. Mus. Deckelkanne der Slg. Benda. Fassung burgundisch um 1400 (?). Höhe 23 cm. Phot. Mus.

13. Ebendort, Henkelkrug aus dem Brautschatz der spanischen Infantin Maria Theresia, der Gemahlin Leopolds I. Unteritalisch-normannisch, 12. Jh. (?). Höhe 41,3 cm. Phot. Mus.

14. Ebendort. Herbersteinscher Becher mit der Inschrift: „Mit erbschaft an kaiser Ferdinand dem ersten kam ich, sein sun erzherzug Karl zu esterreich verschenckt mich seinem hofmaster Caspern freiherrn zu herberstain mit dem namen, das ich zu gedechnus bleiben soll ewig bei dem manstamen 1564“; am Fuß die Inschrift „AEIOU 1449“. Der Becher burgundisch um 1400 (?). Höhe 15 cm, mit Fassung 25,7 cm. Phot. Mus.

15. Aschaffenburg, Hallesches Heiltum, fol. 48 v. „Eyn silberen Monstrantz mitt eynem Cristallenn vogel“. Die Taube vermutlich 13. Jh., die Fassung A. 15. Jh. Phot. B.N.M., München.

16. Wien, Kunsthist. Mus. Burgundischer Hofbecher Philipps des Guten zum Ornat des Goldenen Vlieses und mit dessen Emblemen. Mit Edelsteinen und Perlen besetzt. Höhe 46 cm. Phot. Mus.

17. Ebendort, Deckelpokal des Nürnberger Goldschmieds Georg Barst († 1661). Die Bergkristallteile in Rautenfacettierung. Fassung Silber vergoldet. Höhe 34,8 cm. Phot. Mus.

18. Halberstadt, Dommuseum. Bergkristallkreuz. Um 1300. Marburger Photo.

19. Osnabrück, Domschatz. Kreuz aus zehn Bergkristallstücken. Um 1300. Silberne Fassung westdeutsch oder französisch. Höhe 84 cm. Phot. R. Lichtenberg, Osnabrück.

20. Stuttgart, Landesgewerbemus. Kreuz des Ulmer Goldschmieds Thoma Biberach d. J., gen. Stainschneider († 1598). Höhe 29,3 cm. Phot. Mus.

21. Nürnberg, G.N.M. Löffel in Silberemailfassung. Burgund (?) um 1400. Phot. Mus.

22. Stuttgart, Schloßmus. Becher mit dem Allianzwappen Württemberg-Baden-Öttingen von Georg Schwanhardt d. Ä., Nürnberg nach 1656. Phot. Landesbildstelle Württemberg, Stuttgart.

23. Hamburg, Mus. f. K. u. Gew. Facettierter Löffel. Deutsch, M. 16. Jh. (?). Länge 14,2 cm. Phot. Mus.

24. Wien, Kunsthist. Mus., Gefäßdeckel mit Büste Leopolds I. (1657–1705). Deutsch, um 1660. Höhe 13,3 cm. Phot. Mus.

25. Ebendort, Tafelaufsatz. Deutsche Nachahmung eines spanischen Drachen. 2. H. 17. Jh. Höhe 48,5 cm. Phot. Mus.

Literatur

I–III. 1. Ernest Babelon, Histoire de la gravure sur gemmes en France depuis les origines jusqu’à l’époque contemporaine, Paris 1902. 2. Ders., La gravure en pierres fines, camées et intailles, Paris 1894. 3. Ormond M. Dalton, Catalogue of the engraved gems of the post-classical periods in the British Museum, London 1915. 4. Jos. Sauer, Ein unbekannter Kristallschnitt des 9. Jh., Festschrift Paul Clemen, Bonn 1926, S. 241ff. 5. Gustav E. Pazaurek, Glas- und Gemmenschnitt im 1. Jahrtausend, Belvedere 11, 1932, S. 1ff. 5 a. Erich Meyer, Das Dommuseum Halberstadt, Halberstadt 1936. 5 b. Helmut Schlunk, Eine Gemme des 13. Jh. mit der Anbetung der Könige, Berliner Museen 59, 1938, S. 33ff. 5 c. Fritz Eichler u. Ernst Kris, Die Kameen im Kunsthist. Mus. in Wien, Wien 1927. 6. Gay I, S. 498/99. 7. Jos. Braun, Meisterwerke der deutschen Goldschmiedekunst der vorgotischen Zeit, I und II, München 1922.

IV–VI. 8. Carl Johan Lamm, Mittelalterliche Gläser und Steinschnittarbeiten aus dem nahen Orient, 2 Bde, Berlin 1929/30 (dort in seltener Vollständigkeit die gesamte ältere Literatur!). 9. Otto von Falke, Gotisch oder fatimidisch?, Pantheon 5, 1930, S. 120ff. 10. Ders., Gotische Kristallgefäße in Istanbul, Pantheon 14, 1934, S. 208ff. 11. G. E. Pazaurek, Mittelalterlicher Edelsteinschliff, Belvedere 9, 1930, Sonderabdruck S. 1–24. 12. A. Loewenthal, Les grands vases de cristal de roche et leur origine, Gazette des Beaux Arts, 6. Reihe, Bd. 11, 1, 1934, S. 43ff. 13. Ernst Kris, Goldschmiedearbeiten des Mittelalters, der Renaissance und des Barock im Kunsthistorischen Museum in Wien I, Wien 1932. 14. Jean Louis Sponsel, Das Grüne Gewölbe zu Dresden I, Leipzig 1925, II 1928. 15. Ph. M. Halm und R. Berliner, Das Hallesche Heiltum, Berlin 1931. 16. F. Witte, Der Domschatz zu Osnabrück, Berlin 1925.

VII. 17. Ernst Kris, Meister und Meisterwerke der Steinschneidekunst in der italienischen Renaissance, 2 Bde, Wien 1929. 18. Robert Schmidt, Das Glas, Berlin-Leipzig 1922, S. 231ff. 19. L. Planiscig und E. Kris, Katalog der Sammlungen für Plastik und Kunstgewerbe des kunsthistor. Museums in Wien, Wien 1935. 20. Rudolf Hallo, Hessischer Kristall- und Steinschnitt des Barock, Altes Kunsthandwerk I, Wien 1928, S. 181f. 21. G. E. Pazaurek, Die Gläsersammlung des Nordböhmischen Gewerbemuseums in Reichenberg, Leipzig 1902, S. 8/9. 22. Ders., Württembergische Glas- und Edelsteinschneider, Der Kunstwanderer 1920, Sonderabdr. S. 1–20. 23. Ders., Franz Gondelach, Berlin 1927. 24. Max Frankenburger, Die Silberkammer der Münchener Residenz, München 1923.