Belsazar

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englisch: Belshazzar; französisch: Balthazar; italienisch: Baldassarre.


Gunnel Wentzel (1938)

RDK II, 225–229


RDK II, 225, Abb. 1. Magdeburg, um 1220.
RDK II, 225, Abb. 2. Georg Pencz, 1544.
RDK II, 227, Abb. 3. Jan Müller, um 1600.

Nach Dan. V erscheint dem babylonischen König B. bei einem Gastmahl, zu dem er die von seinem Vater Nebukadnezar 586 v. Chr. geraubten jüdischen Tempelgeräte verwendet, gegenüber dem großen Leuchter eine Hand, die gegen die weiße Wand die Worte „Mene, mene tekel ufarsin“ schreibt. Der auf den Rat der Königin herbeigeholte Daniel vermag die Schrift als Warnung zu deuten, er wird reich belohnt; in der Nacht wird B. getötet.

Im Mittelalter gehört die Darstellung B.s nicht zum allgemeinen ikonographischen Bestand; sie erscheint selten und dann sehr abgekürzt. Ein Kapitell im Chorumgang des Magdeburger Doms (um 1220, Abb. 1) zeigt einen von teuflischen Ungeheuern bedrohten König (Szepter!) neben einer Mauer, an der oben eine Hand erscheint, und ist demnach vielleicht als B.-Darstellung zu deuten. Im Speculum humanae salvationis (München, Clm. 146, M. 14. Jh., Lutz-Perdrizet Taf. 80) sitzt B. auf einem Thron, rechts steht Daniel, links oben die Gotteshand in einer Glorie. Der zugehörige Text lautet: „Quam manus domini contra regem Balthasar scribebat: Mane Thecel Phares in pariete scribebatur, quod numerus, appensio, divisio interpretatur: Iudicium enim domini tractabitur per numerum et appensionem ...“ Im Speculum dient das Gastmahl des B. als Gegenüberstellung zu dem Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Lutz-Perdrizet S. 173). In der vollständigen (156) Concordantia Caritatis des Ulrich von Lilienfeld wird B. mit dem Gleichnis vom reichen Prasser und dem armen Lazarus und mit Hiob zusammengestellt (H. Tietze, Die typologischen Bilderkreise des Mittelalters, Jb. Zentralkommission N.F. II, 2, 1904, Sp. 22ff.). In der Bibelillustration erscheint B. selten; es fehlt unter Umständen die Menetekelszene. In Ludwig Henfflins Alten Testament von 1477 (Heidelberg, Pal. germ. 16, 318 r.) schenkt B. dem Daniel einen Ring entsprechend dem Bibeltext, daß Daniel als der dritte Mann des Reiches geehrt wurde.

Wesentlich häufiger wird die Darstellung mit der Renaissance; die Tafelmalerei gestaltet das Thema aus: B. beim Mahl mit zahlreichen Nebenfiguren. Am Anfang steht das Bild von Georg Pencz von 1544 (Schwerin, G.G., Abb. 2): die Szene spielt ausnahmsweise bei Tag und ist in eine dreistöckige Architekturkulisse verlegt; im Erdgeschoß zwei Träger mit den heiligen Geräten, im ersten Stock das Mahl mit dem Menetekel an der Wand hinter dem Leuchter; in der obersten Emporenzone in vier kleineren Szenen: die Königin erwähnt Daniel, die babylonischen Schriftgelehrten bei vergeblichen Lösungsversuchen, Daniel vor dem König, Daniel wird als der dritte Mann des Reiches geehrt. – Richtunggebend für die B.-Darstellung der Folgezeit ist vor allem eine Zeichnung von Melchior Bocksberger (ca. 1540–89) in Oxford, Ashmolean Museum (Old Master Drawings 1937, Taf. 68). Das Format ist wie immer in späteren Darstellungen querrechteckig. Links sitzt unter einem Baldachin B. mit zahllosen Begleitfiguren; im Hintergrund eine Architekturkulisse, davor der große Leuchter; das Menetekel fehlt auf der Zeichnung, doch ist es nach Blickrichtung und Entsetzensgebärde des B. rechts oben zu denken. Daran schließt sich ein Stich (B 1) von Johannes Müller an (1571 bis 1628; Vorzeichnung im K. K. Amsterdam): dem Bocksberger ähnlich im Aufbau sitzt B. mit der Königin unter einem Baldachin, ein großer Leuchter über ihnen, in der Mitte im Hintergrund das Menetekel. Der Stich diente als Vorlage für das Gemälde des G. van Valkenborch (Wien, Priv.Bes.) und einen Augsburger Maler des 18. Jh. (Stuttgart, G.G. Nr. 1415). Eine Umformung im Sinne schärferer Konzentration ist das Gemälde von Frans Francken (1607–1667; Hannover, Prov.Mus.): das wesentliche Geschehen zwischen dem Menetekel und dem entsetzt zurückfahrenden König kommt dramatischer zum Ausdruck durch die Diagonalstellung der nunmehr grell beleuchteten Tafel, die Rückenansicht des B., die betontere und durch das Fackellicht ins Unheimliche gesteigerte Gestikulation der Staffagefiguren und durch die rahmende Stellung einer Prunkschau der jüdischen Tempelgeräte. – Von demselben Bildtypus geht das Gemälde des Pieter de Grebber von 1625 (Kassel, G.G. Nr. 221) aus. Jedoch ist der Vorgang unter Verzicht auf Architektur und Staffage knapper formuliert. Das Königspaar unter dem Baldachin, die Gotteshand, das Tempelgerät, die sich nach rückwärts wendenden Gäste stellen die wesentlichen Akzente dar; schon der im Bibeltext erwähnte Leuchter fehlt. In derselben Richtung weitergeführt ist das Gemälde Rembrandts um 1635 (Knowsley House, Bredius, Abb. 497): die Darstellung ist auf wenige Figuren beschränkt; im Mittelpunkt lieht das Menetekel, B. wendet sich zur Schrift, die Königin und die Hofdamen fliehen zurück.

In italienischen Werken fehlt anscheinend die durchlaufende Ikonographie: in dem Gemälde des Tintoretto (um 1560, Venedig, Slg. Italico Brass) deutet Daniel die Schrift; in einem Gemälde der Tintoretto-Schule (Schleißheim, G.G.) werden die Schrift und die profanierten Tempelgeräte stärker in den Vordergrund gerückt (beide abgebildet Pantheon 15, 1935, S. 25).

Zu den Abbildungen

1. Magdeburg, Dom, Kapitell im nördl. Chorumgang, um 1220. Phot. Dr. F. Stoedtner, Berlin.

2. Georg Pencz, Geschichte des Belsazar, 1544. Schwerin, Gemäldegalerie. Phot. Mus.

3. Jan Müller (1571–1628), Gastmahl Belsazars, Stich B. 1 b. Phot. K.K. Stuttgart.