Bekleiden von Bildwerken (Heiligenfiguren und Gnadenbilder in Gewändern)

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englisch: Draping of figures; französisch: Revêtement (des statues); italienisch: Uso di vestire le statue.


Hans Wentzel (1938)

RDK II, 219–225


RDK II, 221, Abb. 1. Preetz (Holstein).
RDK II, 221, Abb. 2. Halberstadt, Dom.
RDK II, 223, Abb. 3. Worms, 18. Jh.
RDK II, 223, Abb. 4. und 5. Altötting.

Das B. von Bildwerken läßt sich nach den erhaltenen Denkmälern und Urkunden bis in das spätere Mittelalter zurückverfolgen. Grundsätzlich ist es an die Entstehung des Andachtsbildes (RDK I, Sp. 681ff.) gebunden, mit Vorliebe wurden Gnadenbilder bekleidet.

I. Mittelalter

Das Überziehen von Figuren mit Metall, wie es sich in ottonischer und frühromanischer Zeit mehrfach bei Madonnenstatuen (Essen, Paderborn, Hildesheim) nachweisen läßt, ist nicht als B. anzusehen; vielmehr hat der Holzkern die Aufgabe, das Metall zu versteifen, das zugleich die wertvollst mögliche Fassung einer Holzfigur darstellt. Wenn aber dann im 12. Jh. die Essener Madonna mit Krone und Adleragraffe geschmückt wird, wozu im 13. Jh. noch eine Madonnenagraffe kommt (H. Bethe in Zs. f. hist. Waffen- und Kostümkunde 1933, S. 97) so haben wir es wohl mit einer ersten Vorstufe von B. zu tun. Das vollständige B. mit kostbaren Stoffen scheint erst in gotischer Zeit aufzukommen, doch sind, da Gnadenbilder immer erneut bekleidet wurden, nur wenige gotische Gewänder erhalten. Auch urkundlich werden sie nur selten erwähnt, verhältnismäßig zahlreich in Lübecker Quellen, denen die folgenden Beispiele entnommen sind. Der Maria der Lübecker Marienkirche vermacht 1367 eine Witwe ihr scharlachrotes Obergewand, 1377 eine andere ihr belles Obergewand, 1367/68 vermachen zwei Witwen jeweils ihren Seilen Mantel der Maria in der Ägidienkirche. Da diese Gaben ausdrücklich dem Bild vermacht werden, müssen sie zur Verarbeitung von Marienmänteln, nicht als verkäufliche Sachspenden für den Altar, gedacht sein, und in einem Lübecker Testament von ... heißt es auch ausdrücklich „ymagini b. Marie ad unum mantellum“ ; ferner 1459 „ik geve 13 mr. to Unser Vrouwen Bilde to erem Mantel to Helpe“ oder 1510 „achte Mark tor Stofferinge Unser Lewen Frouwen Mantels“. Diese Spenden erreichten oft beträchtliche Höhe (8 Mark = über 500 RM.); auch getragene Prunkgewänder wie gotische Brokat- oder Seidenmäntel mit Goldfadenstickerei oder Silberapplikation stellten erhebliche Werte dar. Den Gnadenbildern werden auch nicht nur Kleider oder Geld für Stoffe vermacht; 1424 bekommt eine Maria einen Rosenkranz aus Bernstein, 1479 bestimmt Hans Moller, man solle dem Marienbild „geven myner Husfrouwen karallenviftich“ (Korallenkette), und 1451 schenkt ein Erblasser seinen „sulveren Gordel Unser Lewen Vrouwen to der Losinghe“. 1484 vermacht ein Erblasser einem Antoniusbild eine „Krone – darto geve ik vif Mark, uppe dat he God vor my bidde; Telse von Essede schenkt der Maria Magdalena 1372 meam meliorem cincturam proprie viftich“; 1517 werden dem Rydder S. Jurian (von Henning v. d. Heide) 8 sulveren Knope gegeben; ehemals gehörte zu ihm ein 2 Lot schwerer Goldhelm mit Perlen und Steinen, und noch heute gehört zu der Statue ein prachtvolles Dolchbesteck der Zeit um 1500 (vgl. E. Suadicani in Pantheon 14, 1934, S. 204). Es ist also nicht verwunderlich, wenn im 15. Jh. als im Besitz einer schmerzensreichen Maria (Marien medelidynge) im Lübecker Dom u. a. (!) erwähnt werden: eine 80 Lot schwere, vergoldete Krone, zwei reich gezierte Kränze im Wert von 20 Gulden und ein Werkeltagskranz, acht mit 150 vergoldeten Silberkugeln, einem goldenen St. Jürgen und zwei vergoldeten silbernen Ringen untermischte Korallenrosenkränze, zwei Bernsteinrosenkränze, sieben teilweise mit Silber- oder Perlenborten und weiterem Silberschmuck besetzte Mäntel [1, Bd. III, S. 205]. Die Kostbarkeit dieser Ausstattungsstücke führte dazu, daß, wie es für Lübeck und Stralsund schon im 14. Jh. bezeugt ist, einzelne Statuen Tag und Nacht durch lebenslänglich angestellte Wächter beaufsichtigt wurden.

Diesem reichen Quellenmaterial aus einer einzigen Stadt steht nur ein sehr geringer Bestand an Denkmälern gegenüber; auch diese stammen zumeist aus prot. Gegenden, da die Gnadenbilder in kath. Kirchen fast ausnahmslos im Barock neu bekleidet wurden. Eines der ältesten bekleideten Gnadenbilder ist das Sarner Kindli in der Benedikterinnenkirche zu Sarnen in Unterwalden (50 cm hoch; vgl. I. Futterer, Gotische Bildwerke d. dt. Schweiz, S. 65, 173, Abb. 79 80). Es ist ein Werk des 14. Jh. und mit einem mit Metallzieraten bestickten Kleid angetan, das die habsburgische Königin Agnes 1296 auf ihrer Hochzeit trug (als Gnadenbild besitzt es aber auch mehrere andere Gewänder). Gerade bei den in Nonnenklöstern besonders beliebten und verehrten Christkindern haben sich gotische Gewänder erhalten. Die Kindchen in der Preetzer Klosterkirche (Abb. 1), im Schleswiger Dom, im Schweriner Museum (Reliquienaltar aus dem Hl. Kreuzkloster in Rostock) tragen noch heute ihre Hemdchen aus dem 16. Jh., haben z. T. noch mehrere Garnituren; ein besonders prächtiges, mit Goldfäden besticktes Gewand hat das im KestnerMuseum in Hannover. – Ein Gewand des 14. Jh. trägt die kleine 6 cm hohe Elfenbeinmadonna aus Nüchel in Kiel (Nordelbingen 13, 1937, S. 156, Abb. 13–15), ein Gewand des 15. Jh. die Sitzmadonna um 1300 aus dem Hl. Kreuzkloster Rostock im Schweriner Museum. – In der spätgotischen Weihnachtsgruppe im Kloster zu Preetz liegt das Kind im Hemdchen in einem bunten Steckkissen, zugedeckt von einem perlbestickten und fransenbehangenen Kissen. Ohne das zugehörige Gnadenbild sind die schönen Marienmäntel des 14. Jh. im Halberstädter Paramentenschatz (Abb. 2) erhalten (E. Meyer, Das Dommuseum Halberstadt, Halberstadt 1936, S. 18), die in Form und Dekoration dem Kleid des Sarner Kindlis entsprechen: rechteckig geschnittene Gewänder zum Umhängen, der Zeitmode entsprechend mit Metallzieraten übersät (ein mit goldenen Rosen besetzter Marienmantel wurde vor 1529 in St. Michael in Schleswig bewahrt). Nur aus Italien sind einige wenige gotische offensichtlich zum B. gedachte Statuen ohne Mäntel bekannt: am schönsten die Verkündigungsmaria in der Art des Nino Pisano im Museo Civico in Pisa [2, Abb. 3]; der Körper ist zwar sorgfältig ausgeführt, aber ohne jede in dieser Zeit übliche Detaillierung oder reichere Gewandbehandlung; bei dieser anderen Statue sind die Arme zum B. beweglich [2, S. 359]. Möglicherweise geht auch die auffallende Faltenarmut und das Fehlen eines Mantels bei dem Gnadenbild in Einsiedeln darauf zurück, daß von vornherein mit B. gerechnet wurde. Im allgemeinen sind aber gotische Skulpturen nicht zum B. eingerichtet, weshalb sich die Barockzeit oft sehr schmerzliche Eingriffe erlaubt hat (vgl. besonders die Madonna in Katharinenthal, Futterer, Abb. 31/32).

Über die Behängung von Gnadenbildern mit Votivgaben vgl. die betr. Artikel.

II. Renaissance und Barock

Während bis zum 15. Jh. das B. von Statuen anscheinend Ausnahme bildete (Festtagsbekleidung) und Gnadenbildern oder Bildwerken in Nonnenklöstern vorbehalten war, wird es im 16.–18. Jh. immer häufiger und ist in Süddeutschland oder Tirol noch heute, auch in kleinen Kirchen, verbreitet.

In der Barockzeit werden vornehmlich ältere, d. h. gotische oder romanische Skulpturen bekleidet (Abb. 4, 5). Auch beschränkt sich das B. nun nicht mehr hauptsächlich auf Marienbilder. Statuen aller Heiligen können mit Gewändern versehen werden. Stoff und Schnitt richten sich nach der Zeitmode und können ihr bis in alle Einzelheiten entsprechen (Tiroler Madonna in Rokoko-Kostüm, Zs. Tirol, 2. Folge, Heft 4, 1929, S. 9; vgl. auch die genannte Madonna in reichem Atlasgewand in Katharinenthal, Futterer, Abb. 30). Bevorzugt sind schwere dicke Stoffe von leuchtenden Farben, meistens mit Metallfadenstickereien oder glitzernden Applikationen (Gnadenbild in Alt-Ötting, Abb. 5). Ein prachtvolles dreiteiliges Gnadenbildkleid des 18. Jh. aus gelbem Samt mit Silber- und Reliefstickerei bewahrt die Kirche in Neukirchen (Inv. Bayern IV, 9, Abb. 71, S. 95); die Kirche in Weißenregen einen glockenförmigen Marienmantel der Zeit um 1730 aus weißer Seide mit Goldklöppelspitzen, der im Schnitt den gotischen Marienmänteln entspricht (Inv. Bayern IV, 9, Abb. 91, S. 117); ähnlich das weit ausschwingende Marienmäntelchen in bunter Blumenstickerei aus dem ehemaligen Kapuzinerkloster Tamsweg i. L. (Salzburg, Mus.). Häufig werden die Mäntel oder Gewänder nicht wie in der Gotik um die Statuen herumgelegt, sondern ihnen geradezu angezogen; das nötigt z. T. zu sehr weitgehenden Eingriffen in den Bestand des Bildwerks, weshalb Gnadenbilder häufig überarbeitet sind. Ungewöhnlich ist das aus Ostpreußen bekannte B. von gotischen Statuen mit Metall: zwei Marien des 14. Jh. in Neumark (Kulmerland) tragen mit reichem Rankenwerk verzierte Metallkleider des 18. Jh.; weitere mittelalterliche Madonnen in barockem Silbermantel in Schönsee und Braunsberg (Kath. Kirche). – Von vornherein auf B. berechnete und daher mit Ausnahme der sichtbaren Körperteile nur roh zugeschnittene Figuren sind wohl zumeist als Repliken von älteren Gnadenbildern anzusehen (Worms, Mus., 18. Jh., Abb. 3). Sonst werden Barockskulpturen im allgemeinen nicht bekleidet: der Stil der Zeit bevorzugt eine rauschend üppige Gewandung und strahlend farbige Fassung, die keiner Steigerung durch B. bedarf. – In der Kleinplastik hat der Barock einen über die Gotik weit hinausgehenden Reichtum im B. entwickelt. Ungewöhnlich gut sind wir über die einzelnen Ausstattungsstücke (Stoffe, Schmuck, attributive Zierrate) zum B. des Christkindes der Gräfin Thun von 1704 in Stift Nonnberg bei Salzburg unterrichtet (vgl. die zeitgenössischen Aufrechnungen im Inv. Österreich VII, S. 108f.). Derartige Christkinder werden auch als Gute Hirten angezogen, sitzen auf Stühlchen, in Gehäusen, in Glaskästen mit allerlei Tand und Spielzeug. Die Übergänge in das Gebiet der Volkskunst liegen hier besonders klar zutage.

Im süddeutschen Barock werden häufig Skelette von Heiligen (insbesondere von sog. Katakombenheiligen) mit kostbaren Stoffen bekleidet oder mit Golddrähten u. ä. umwickelt und in großen Glaskästen zur Schau gestellt (Freiburg i. B., Münster, St. Alexander und Severus, und an vielen anderen Orten). Die naturalistischen Neigungen der Zeit führen vielfach auch dazu, ganze Skelette oder Teilreliquien mit Wachs zu umkleiden und diese Wachsfiguren mit Gewändern, natürlichen Haaren, Ringen usw. zu versehen und mit künstlichen Blumen u. ä. zu umgeben. Ihre künstlerische Qualität ist meist gering.

In der prot. Kirche ist ein B. von Figuren nicht üblich; die schöne Ankleidefigur einer Äbtissin im Stift Wienhausen ist in Verfolg kath. Klostertradition (Christkinder) zu verstehen.

Zu den Abbildungen

1. Preetz (Holstein), adel. Damenstift, Christkind im Gehäus, Brüssel um 1510, in Hemdchen des 16. Jh. Phot. F. Schulz, Preetz.

2. Halberstadt, Dommuseum, Marienmäntelchen mit Schmuckblechen des 14. Jh. Phot. E. Bissinger, Erfurt.

3. Worms, Städt. Mus., Holzstatue des 18. Jh., zum Bekleiden bestimmt. Phot. Curt Füller, Worms.

4. Altötting, Gnadenbild aus der M. 14. Jh. ohne Gewänder. Phot. Strauß, Altötting (nach einer von Frau P. Beck freundlichst zur Verfügung gestellten Aufnahme).

5. ebendort, Gnadenbild mit Gewändern des 18. Jh. Phot. Strauß, Altötting (wie oben).

Literatur

1. Inv. Lübeck II, S. 313, 483; III, S. 203, 205, 405, 515; IV, S. 115, 229, 358, 399. 2. Pietro d’Achiardi, Alcune opere di scultura nel legno, L’Arte 7, 1904, S. 356f. 3. J. von Schlosser, Die Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance, Leipzig 1908, S. 16ff. 4. C. R. af Ugglas, Prolegomena till ett studium av det kyrkliga gold- och silbersmidet i Sverige, Konsthistoriskt Tidskrift Bd. IV, 1935, S. 17.

Nachtrag

Beate Fücker, Der Heiligen schöner Schein. Bekleidete Sakralfiguren im deutschsprachigen Raum (1650-1850), Regensburg 2017.