Bein

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englisch: Bone; französisch: Os; italienisch: Osso.


Hellmuth Bethe (1938)

RDK II, 201–204


RDK II, 201, Abb. 1. 5. oder 6. Jh., Heilbronn.
RDK II, 201, Abb. 2. 8./9. Jh., Werden.
RDK II, 203, Abb. 3. Um 1100, Berlin.
RDK II, 203, Abb. 4. A. 15. Jh., Braunschweig.

Bein (Knochen von Pferden, Rindern, Fischen usw.), seit dem Altertum beliebter billiger Ersatz für Elfenbein, von diesem aber wie von Geweih nicht immer leicht zu unterscheiden und auch in der wissenschaftl. Lit. [1] z. T. nicht getrennt. B. wird zunächst mit der Säge bearbeitet und dann geschnitzt. Kennzeichnend für B.schnitzereien ist die durch die Härte des Materials bedingte Formenstrenge, die stumpfe gelblich-weiße Färbung und die von dem Elfenbein abweichende ungemaserte Struktur.

In Deutschland geht die Verwendung des B. bis in die Steinzeit zurück, wo Pfrieme und Nadeln aus B. hergestellt wurden. In der Bronzezeit taucht erstmalig eine Büchse aus B. auf (Danzig, Staatl. Mus. f. Naturkunde u. Vorgesch.), während in der römischen Kaiserzeit, der Kunst der Völkerwanderungszeit und der Wikinger B. vorwiegend zu Kämmen verarbeitet wurde. In der Folgezeit wird B. in der Hauptsache als Belag von Kästchen verwendet. Das früheste Beispiel nordischer Herkunft mit christlichen Emblemen fand sich bei Heilbronn in einem Grab, das nach den übrigen Beigaben spätestens aus dem 6. Jh. stammt (Abb. 1); mit den eingeritzten Ornamenten aus konzentrischen Kreisen und Punkten ist es wahrscheinlich der früheste Vertreter einer auch sonst vorkommenden, bisher meist später datierten Gattung. Ein früher Holzkasten dieser Art mit figürlichen B.reliefs befindet sich in der Abteikirche in Werden (8. 9. Jh., Abb. 2). Im 9. und 10. Jh. kommt B. bei Arbeiten der Metzer Schule (Pyxis in Brüssel [3, I, 117]; Buchdeckelfragment in Berlin, K.F.M. [3, I, 77]), im 11. Jh. bei koptisch beeinflußten abendländischen Reliquienkästen in den Kirchenschätzen von Chur, Kammin und St. Gereon in Köln sowie bei einem vermutlich salzburgischen Reliquiar in St. Peter in Salzburg. Das Hauptbeispiel um 1100 ist ein großer mit figürlichen Reliefs bedeckter fränkischer (?) Reliquienkasten in Berlin, K.F.M. (Abb. 3). In der 1. H. 13. Jh. entwickelt sich die B.schnitzerei zu einer Spezialität kölnischer Werkstätten. Reliquienbüchsen und -kästen, ja Turmreliquiare und ganze Schreine werden mit statuarisch angeordneten Heiligenfiguren aus B. geschmückt (Berlin, K.F.M. [4, Taf. 34]; Darmstadt, Landesmuseum; Fritzlar, St. Peter; Paris, Cluny und Louvre; Regensburg, St. Emmeram und Stuttgart, Schloßmus.). Nebenher geht, wie auch später, die Herstellung von Brettsteinen (Berlin, K.F.M., Breslau und Hamburg, Kgw.Mus.), Schachfiguren (Berlin, K.F.M., München, Nat.-Mus.) und Trommeln für Bischofsstäbe (Kammin, Domschatz). Um 1400 erlebt die B.schnitzerei in der Profankunst einen neuen Aufschwung. In Oberdeutschland bzw. Tirol entstehen in großer Zahl auf Holz montierte beinerne Prunksättel mit reichem figürlichen und ornamentalen Zierat (Berlin, Zeughaus; Braunschweig, Herzog-Anton-Ulrich-Museum, Abb. 4; Budapest, Nat.-Mus.; Florenz, Nat.-Mus.; Wien, Kunsthist. Mus. [1]). Seit dem 15. Jh. beschränkt sich die Verwendung von B. fast ganz auf Gegenstände kleinen Formats wie Schachfiguren und Besteckgriffe (München, B.N.M.) sowie auf Einlagen in Holz (Prunkarmbrüste, -gewehre und -pistolen des 16.–17. Jh., Berlin, Zeughaus [6] und Wien, Waffensammlung [11]) und Bernstein (Bernsteinkästen um 1680 und 1700, Königsberg, Städt. Kunstsammlungen).

Außerhalb Deutschlands begegnet künstlerisch verarbeitetes B. in England, Skandinavien, den Niederlanden, Frankreich, Italien und Spanien. Die größte Rolle hat es im 14. und 15. Jh. in Italien gespielt, wo die Embriacchi in Venedig fast fabrikmäßig Triptychen, Kassetten und Spiegelrahmen aus B. herstellten.

S. auch Geweih, Horn, Zahn (Walroß- und Narwalzahn).

Zu den Abbildungen

1. Heilbronn, Mus., Reste eines Beinkästchens, Grabfund des 5./6. Jh. Phot. Dr. O. Paret, Stuttgart.

2. Werden, Abteikirche, Beinkästchen, 8. 9. Jh., Ausschnitt. Marburger Photo.

3. Berlin, Kaiser-Friedrich-Mus., Beinkasten (Inv. Nr. 616), um 1100. Ausschnitt mit Kruzifix, Kreuzabnahme und Jüngern von der Himmelfahrt. Phot. Mus.

4. Braunschweig, Herzog-Anton-Ulrich-Mus., Beinsattel, A. 15. Jh. Phot. Mus.

Literatur

1. Julius von Schlosser, Elfenbeinsättel des ausgehenden M.A., Jb. Kaiserhaus 15, 1894, S. 260ff. 2. Bossert V. 3. Goldschmidt, Elfenbeinskulpturen I–IV. 4. Wolfgang Fr. Volbach, Die Elfenbeinbildwerke, Berlin-Leipzig 1923. 5. Rud. Berliner, Die Bildwerke des Bayer. Nat.Mus. IV, Augsburg 1926. 6. Das Zeughaus, Waffensammlung I, Berlin 1929. 7. Benskulptur og Hornarbeider, Ausstellungskatalog, Kunstindustriemuseet Oslo, 1930. 8. Chr. Scherer, Die Braunschweiger Elfenbeinsammlung, Leipzig 1931. 9. P. Gößler, Die Anfänge des Christentums in Württemberg, Blätter f. Württemberg. Kirchengesch. N.F. 36, 1932, S. 173, Taf. 1. 10. Ferdinand Pax - Walther Arndt, Die Rohstoffe des Tierreichs VII, Berlin 1935. 11. Bruno Thomas, Eine deutsche Radschloßbüchse von 1593 mit Beineinlagen nach Adrian Collaert, Die Graphischen Künste N.F. 3, 1938, S. 72.