Becherschraube

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englisch: Goblet foot with screw folty; französisch: Pied d'une coupe; italienisch: Piede di bicchiere.


Edmund W. Braun-Troppau (1938)

RDK II, 148–151


RDK II, 149, Abb. 1. Millefioriglas in Becherschraube, E. 16. Jh.
RDK II, 149, Abb. 2. Marten de Vos, Herbst und Winter, 1600, Ausschnitt.
RDK II, 149, Abb. 3. Deutsches Glas in Becherschraube, 17. Jh.

Unter B. versteht man den mehr oder weniger reich geformten, gegossenen oder getriebenen Fuß aus Silber oder Bronze, der das darauf zu befestigende Glas zu „fassen“ hat. B. ist kein altes Wort, sondern ein aus der technischen Funktion abgeleiteter, aber vollkommen eingebürgerter Fachausdruck des 19. Jh. In Abb. 1 ist das Wesen der B. besonders deutlich erkennbar. Es ist der typische Knauf des Renaissancepokals übernommen, nur als oberer Abschluß sind drei bewegliche, in Steinbockköpfe auslaufende Klammern angebracht, welche den Fuß des Glases ergreifen und durch das Anziehen einer im Fuße der B. steckenden Schraube befestigt werden. Der Grund zur Erfindung der B. war wohl die praktische Erwägung, daß man im Hinblick auf die leichte Zerbrechlichkeit des zu „fassenden“ Materiales von der sonst üblichen „festen“ Fassung absah und die Befestigung durch die Klammern vorzog, die leicht ein Auswechseln des Glases erlaubte, wie dies auch tatsächlich öfters zu beobachten ist. Im allgemeinen kann man zwei Haupttypen feststellen, nämlich den mit vasen- oder kelchförmigem Nodus (Knauf) oder den mit figuralem Nodus. Die B. ist eine Erfindung der deutschen Renaissance. Die ältesten bekannten figuralen waren zwei B. in der frühen Slg. Karl Rothschild in Frankfurt a. M. (Rosenberg II, 2718). Aus derselben Zeit etwa stammen die zwei sog. „Römer“ des Osnabrücker Ratsschatzes mit ornamentalem Aufbau: Fuß, zwei Knäufe und einem durch die Schraube gehaltenen silbervergoldeten Römer als Nachbildung eines vielleicht ursprünglich wirklichen gläsernen Römers (Meister Bernhard Gobel Mayer um 1560, Rosenberg III, 4340, s. auch Inv. Hannover IV, 1 u. 2 Taf. 33). Eine besonders edle Form haben fünf B. im Reichsmuseum zu Amsterdam in Form von prächtigen Pokalfüßen mit reicher Gliederung (doppelter Nodus und figuraler getriebener und gegossener Reliefdekor) aus dem Jahre 1606 von einem Amsterdamer Meister CL (Rosenberg IV, 7581, abg. in Pit, Het Goud en Zilverwerk in h. R. M. te Amsterdam, T. 17). Diese fünf B. entsprechen durchaus der Form derjenigen B., wie sie, aus Deutschland importiert, in den Niederlanden seit Beginn des 17. Jh. beliebt waren und auf vielen gleichzeitigen Bildern erscheinen (Abb. 2). Hervorzuheben ist auch eine B. auf einem Bilde des A. Cuyp in der Slg. Cook in Richmond (Les Arts 1905, Nr. 44, S. 29), wo als figurales Zwischenglied ein sitzender nackter Bacchus auf dem Faß dient, der mit der linken Hand den Schraubennodus stützt. Dieses Modell war wohl sehr beliebt, denn es ist ganz ähnlich noch im Silberoriginal erhalten (Slg. Budge, Versteigerungskat. P. Graupe 1937, Nr. 256, T. 63). Endlich sei auf ein Bild des aus Olmütz stammenden Stillebenmalers Flegel hingewiesen (Kat. der Brueghel-Ausstellung, Wien 1935, Nr. 71).

Im 17. Jh. setzt sich als Hauptform der B. der figurale Träger durch, entweder in menschlicher Gestalt oder als Tier. Das Material ist überwiegend Bronze, zum Teil vergoldet und bunt lackiert, seltener Silber. Unter den menschlichen Darstellungen sind es meist Typen aus der bunten Soldateska des Dreißigjährigen Krieges und Exoten aus dem näheren Osten. Nürnberger Silberarbeit ist ein schwungvoll modellierter knieender Pandur, der ein Nürnberger Emailglas von 1657 mit bunter Schloßansicht trägt (G.N.M., Rosenberg III, 4218g). Von demselben Nürnberger Meister I. R. führt Rosenberg noch zwei andere B. als „Knieende“ an (4218 b-f). Das Berliner Schloßmuseum besitzt zwei wohl aus einer Nürnberger Gießerei stammende B. (Abb. 3), mit jeweils einem schwedischen Offizier (Gustaf Adolf?), der mit der erhobenen Rechten Schraube und Glas hält. Derselbe Schwede erscheint als Träger eines gerippten deutschen Spitzglases in der Slg. A. v. Lanna (II, Nr. 810, Taf. 61). Ein Türke als Träger eines deutschen Glases, eines sog. Krautstrunkes (Kat. Thewalt Nr. 287, Taf. 6), eine Türkin mit ausgebreiteten Armen in der Slg. Don José Weißberger-Madrid. Apart ist ein preziöser „französischer“ Kavalier auf Fuß mit holländischem Knorpelwerk im Stuttgarter Landesgewerbemuseum mit später aufmontiertem böhmischem Goldzwischenglas von ca. 1730 (Pazaurek, Jahresbericht 1911, S. 38 Abb.).

An B. in Tiergestalt seien zwei sehr bezeichnende hier erwähnt, im Museum zu Halle ein prächtiger auf den Hinterbeinen stehender Eber aus vergoldeter und lackierter Bronze, der ein Spitzglas trägt (Jahresbericht 1912 des Stadt. Mus. Halle, Titelbl. Rückseite) und der gleichfalls aufgerichtete Steinbock des Linzer Landesmuseums aus dem Schwanenstädter Fund (oberösterreichische oder Salzburger Arbeit, Festschrift des Linzer Landesmus. 1933).

Als Herkunftsorte sind bisher bekannt: Nürnberg, Köln, Osnabrück, Augsburg(?), Salzburg(?), Amsterdam, Haag.

Die manchmal als B. bezeichneten Glasträger der Basler Goldschmiedefamilie der Fechter sind keine B., denn es fehlt das spezifische Charakteristikum, die Schraube. Die Gläser sind bei den Basler Stücken fest anmontiert.

Analoge, sehr interessante Gebilde sind mehrfarbige geblasene Gläser, die auf einem Sockel sitzende oder steigende Tierfiguren tragen und von denen sich ein Hengst und zwei Pferde in der Slg. Max Strauß in Wien befanden. Die Tiere tragen das Glas entweder auf dem Kopf oder in den Vorderfüßen. Ob dieselben aber die direkten Vorläufer der B. sind, oder (wahrscheinlicher) Nachahmungen letzterer, ist schwer zu entscheiden, weil die Entstehungszeit dieser venezianischen Gläser nicht genau festzustellen ist (farbig abg. in Kunstschätze der Slg. M. Strauß, Wien 1921, Taf. 7 und Auktionskat. Wien Nov. 1925, Nr. 363 und 364). Auch gefälschte B. kamen mitunter vor. Ein charakteristisches, recht rohes Stück sah ich 1903 in der Slg. Thewalt (Kat. Nr. 287).

Zu den Abbildungen

1. Düsseldorf, K.gewerbemus. Dickwandiges venezianisches Millefioriglas in kupfervergoldeter Becherschraube. Höhe der Schraube 8 cm, Höhe des Glases mit Schraube 13 cm. Augsburg (?), oder auf Grund der Steinbockköpfe Salzburg (?) E. 16. Jh. Phot. Mus.

2. Marten de Vos, Herbst und Winter, 1600. Ausschnitt. Prag, Kunsthandel 1931. Phot. R. Chodura, Troppau.

3. Berlin, Schloßmus. Deutsches Glas venezianischer Art (17. Jh.) in Becherschraube. Nürnberg, um 1650. Phot. Mus.