Baumkreuz

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englisch: Tree-cross, christ on the tree; französisch: Croix écotée, croix en forme d'arbre de vie; italienisch: Croce in forma di albero, albero della vita.


Hellmuth Bethe (1938)

RDK II, 100–105


RDK II, 101, Abb. 1. Augsburg 1482.
RDK II, 103, Abb. 2. Vreden (Westfalen), M. 14. Jh.
RDK II, 103, Abb. 3. Breslau, um 1520.

Baumkreuz, eine Form des Kreuzes Christi, bei der das Kreuz als Baum mit Blättern, Blüten oder Früchten gebildet ist. Das B. unterscheidet sich durch seine naturalistischen Elemente von allen anderen Kreuzestypen, insbesondere dem „dürren“ Astkreuz (I, 1152ff.): es ist ein lebendiger, mit geheimen Kräften ausgestatteter Baum, der Lebensbaum ϰατ’ έξοχῆν.

Die Vorstellung von dem B. reicht bis in die altchristliche Zeit zurück. Schon um 200 spricht Tertullian von dem Baum des Leidens, an dem das Leben hing. Im 6. Jh. besingt der Bischof von Poitiers, Venantius Fortunatus, das B. in den Hymnen „Pange, lingua gloriosi“ und „Vexilla regis prodeunt“. Die wichtigste mittelalterliche Quelle ist der „Tractatus qui lignum vitae dicitur“ des hl. Bonaventura (1221-74). In diesem wird das Kreuz in Anlehnung an die Apokalypse Joh. als belaubter, blühender Baum geschildert, der als Seelenspeise für die Christen zwölferlei Früchte trägt. Im 14. Jh. preisen die Mystiker Meister Eckhart und Tauler den „Baum der Gottheit“ und den „blühenden, minniglichen Baum himmlischen Lebens“.

Dargestellt ist das B. meist als Weinstock, Rosenstrauch oder Eiche. In dem Weinstock lebt ein schon im alten Orient bekannter Lebensbaumtyp weiter. Das Rosenstrauchkreuz geht auf Suso (1295-1366) zurück, der in einer Vision den „köstlichen Rosenbaum zeitlichen Leidens“ sah. Die Eiche versinnbildlicht die dem B. innewohnende Kraft.

Am frühesten kommt das B. – von Ornamenten umwuchert – in der Buchmalerei vor: bei Initialen in dem Zwiefaltener Josephus der Stuttg. Landesbibl. (um 1150), einem Missale der Benediktinerabtei St. Paul im Lavanttal (um 1180) und einem Legendar im Zisterzienserstift Zwettl (um 1220). Dem Stamm des Stuttgarter Kreuzes entsprießen Ranken, an denen Christus hängt. Bei der Initiale in St. Paul ist die Form der Kreuzarme die überlieferte, während der Stamm Ranken treibt. In Zwettl erscheint das B. als grünendes Gabelkreuz. Einen verwandten Typ mit spiralförmig geschwungenen Armen zeigt ein Glasgemälde in St. Kunibert in Köln (um 1250). Im 14. Jh. tritt das von den Mystikern gerühmte B. als selbständige Form aus der Verborgenheit der Klöster heraus. Um 1350 begegnet es auf einem Gemälde am Tympanon der Nikolai-Kapelle in Reutlingen und einem Retabel im Dommuseum zu Fritzlar, E. 14. Jh. bei Holzkreuzen in Zitzmar, St. Jakob in Thorn und Kloster Seligenthal bei Landshut sowie auf einer Kasel der Stiftskirche in Vreden i. W. (Abb. 2). Die Zweige sind, wie auch später gewöhnlich, kurvig gebogen (vgl. Astkreuz II b). Das B. der Vredener Kasel ist im Gegensatz zu den nicht näher gekennzeichneten anderen Bäumen deutlich als Eiche mit fünf Astpaaren, Blättern und Eicheln erkennbar. Im 15. Jh. ist das B. eine der beliebtesten Formen des Lebensbaumes. Als Weinstock erscheint es bei dem Triumphkreuz der Lorenzkirche in Nürnberg (um 1420), auf einer Miniatur in der Hrabanus-Maurus-Handschrift der Stuttg. Landesbibl. (1449) – das Kreuz ist hier ein Reis aus der Wurzel Jesse –, auf einer mittelrheinischen Tonmodel im Berliner Schloß-Mus. (um 1450), auf einem Holzschnitt in Susos „Buch, das der Seuße heißt“ (Augsburg, Anton Sorg, 1482, Abb. 1) und auf einer Kasel im Germ. Mus. in Nürnberg (E. 15. Jh.), als Rosenstrauch auf einem Holzschnitt in der „Auslegung des Lebens Jesu Christi“ (Ulm um 1470), einem zweiten Holzschnitt in dem Augsburger Suso-Druck von 1482, einem Tafelbild im Hist. Mus. in Frankfurt a. M. (um 1480) und einem Glasgemälde über dem Westportal der Lübecker Marienkirche (um 1490). Kreuze mit Eichenlaub, Rosen und Trauben dienen als Szepter mittelrheinischer Steinmadonnen (Darmstadt und Mainz, Mus.; Amberg, St. Martin, um 1420). Vereinzelt kommt das B. auch in heraldisch strenger Stilisierung als Lilie oder mit Lilienblüten ähnlichen Kreuzenden vor (Rhein. Bronzekruzifix, um 1380, Hamburg, Mus. f. K. u. Gew., Miniatur im Buch von der hl. Dreifaltigkeit Cod. germ. 598 der Bayer. Staatsbibl. in München, um 1480). A. 16. Jh. begegnet das B. als Weinstock auf einem Altargemälde im Ulmer Mus. (um 1510), als Rosenstrauch auf einem schwäbischen Antependium im Wiener Kunsthist. Mus. (1502) und einem Retabel im Straßburger Mus. (um 1520) und als Eiche auf einem Altarflügel im Breslauer Mus. f. Kgew. und Altertümer; auf letzterem steht der hl. Bonaventura neben dem „lignum vitae“ (Abb. 3). An einem ornamental behandelten B. hängt Christus im Schrein des Claus-Berg-Altars in Odense (I, 371/72 Abb. 4). Die protestantische Kunst des 16. Jh. verwendet das B. bei Allegorien als Weinstock oder halb belaubten, halb verdorrten Baum (Holzrelief von Peter Dell im Dt. Mus. in Berlin, 1548, I, 355/56 Abb. 9; Terrakottarelief am Schloßportal in Gadebusch, 1571). Im Barock kommt das B. noch vereinzelt vor (Gabelkreuz mit Blättern und Trauben auf einer Kasel der Kölner Jesuitenkirche um 1650; Vorarlberger Holzkreuz im Mus. f. Völkerkunde in Wien, A. 18. Jh.), dann verschwindet es völlig.

Als Abart des B. sind die glatt behauenen Kreuze zu nennen, denen Blätter, Blüten oder Früchte entsprießen. Der Typ begegnet zuerst um 1200 bei einem Holzkreuz in Fjelstrup (Schleswig), in dessen Stamm und Querbalken Blätter eingeschnitzt sind. Später wachsen die Blätter aus dem Kreuz heraus: Holzkreuz in Arendsee (2. H. 13. Jh.), Triumphkreuze in St. Marien in Wismar (M. 14. Jh.), Doberan (1368), St. Katharinen in Lübeck (1489), St. Gotthard in Brandenburg (um 1500). Auf einem Kölner Tafelbild im Staedelschen Kunstinstitut in Frankfurt a. M. (um 1400) sind aus den Blättern lange Ranken geworden. Auf Rosenkranzdarstellungen des 16. Jh. sprießen aus dem Kreuz vielfach Rosen heraus (Rosenkranzaltar in Schwabach, Rosenkranztafel im Breslauer Diöz.-Mus., Rosenkranzholzschnitt von Erhart Schön, 1514). Nach M. 16. Jh. ist die Form nicht mehr bezeugt.

Außer in Deutschland hat das B. nur in Italien eine bedeutende Rolle gespielt. Es taucht als Illustration zu dem Traktat des hl. Bonaventura A. 14. Jh. in der Malerei auf (Tafelbild des Pacino da Bonaguida in der Akademie zu Florenz, Miniatur im Besitz des Fürsten Trivulzio in Rom) und läßt sich bis A. 16. Jh. nachweisen (Fresko in S. Croce in Florenz, um 1350; Reliquiar in Lucignano, um 1350; Altarkreuz in der Kathedrale zu Lucca, E. 14. Jh.; Fresken in S. Francesco in Pistoja, um 1400, und S. Maria Novella in Florenz, um 1450; Holzschnitt in dem Mailänder „Liber conformitatum“, 1513). Der Charakter der Kreuze ist im Gegensatz zu den meisten deutschen Denkmälern ausgesprochen lehrhaft. Die Zweigpaare sind mit Spruchbändern, Medaillons und Inschrifttafeln geschmückt. Christus hängt in der Regel im Geäste des Lebensbaums oder an einem mit diesem vereinigten lateinischen Kreuz. – Vereinzelt kommen beide Typen auch in anderen Ländern vor (Miniatur in einer belgischen (?) Hs. der Landesbibl. in Darmstadt, 1. H. 14. Jh.; englische Miniatur in Cod. Arundel 83 des Brit. Mus. in London, um 1330; Altarflügel des spanischen Malers Paolo Vergos, um 1490).

Das Blätter treibende lateinische Kreuz ist im Ausland eine Seltenheit (Miniatur im Psalterium des Abtes Robert Lindeseye von Peterborough, A. 13. Jh.; Fresko in St. Joh. Bapt. in Jaroslav, 17. Jh.).

S. a. Baum, Sp. 63, und Lebensbaum.

Zu den Abbildungen

1. Holzschnitt aus Henricus Suso, Das Buch, das der Seuße heißt, Augsburg 1482, fol. 59 v. Nach Schramm, Frühdrucke 4, Taf. 119, Abb. 775.

2. Vreden (Westfalen), Kasel mit Baumkreuz und Tugenden, M. 14. Jh. Phot. Denkmalarchiv d. Prov. Westfalen, Münster.

3. Breslau, Kunstgewerbemus., Altarflügel mit hl. Bonaventura und „lignum vitae“, um 1520. Phot. Mus.

Literatur

1. F. Piper, Der Baum des Lebens, Berlin 1863. 2. Bonaventura, Der Lebensbaum (aus dem Latein.), Freiburg i. Br. 18822. 3. F. X. Kraus, Gesch. d. christl. K. II, Freiburg i. Br. 1897, S. 279. 4. Bergner, S. 515ff. 5. A. Wünsche, Die Sagen vom Lebensbaum und Lebenswasser, Leipzig 1905. 6. H. v. d. Gabelentz, Die kirchl. K. im ital. M.A., Stud. z. Kg. des Auslands 55, Straßburg 1907. 7. Künstle I, S. 468ff. 8. Oskar Thulin, Johannes d. T. im geistlichen Schauspiel, Stud. über christl. Denkmäler 19, 1930, S. 36ff. 9. Oscar Doering, Christliche Symbole, Freiburg i. Br. 1933, S. 41ff. 10. August Feigel, Unsere Liebe Frau vom Heiligen Blute, Festschrift für Heinrich Schrohe, Mainz 1934, S. 79. 11. Herbert Koch, Sonderformen des Heilandskreuzes, Stud. z. dt. Kg. 303, Straßburg 1934. – Vgl. auch die Literatur zu Astkreuz

Verweise