Baum

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englisch: Tree; französisch: Arbre; italienisch: Albero.


Liselotte Stauch (A, B) und Walther Föhl (C) (1938)

RDK II, 63–90


RDK II, 65, Abb. 1. Elstertrebnitz, 12. Jh.
RDK II, 67, Abb. 2. Stralsund, 1635.
RDK II, 69, Abb. 3. Allgäuisch, um 1450/60. Staatsgalerie Ottobeuren.
RDK II, 73, Abb. 1. Consanguinitätstafel, 9. Jh., Modena.
RDK II, 77, Abb. 2. Consanguinitätstafel, Paris 1314.
RDK II, 77, Abb. 3. Affinitätstafel, Paris 1314.
RDK II, 81, Abb. 4. Sippschaftsbaum, 1696, Düsseldorf.
RDK II, 81, Abb. 5. Sippschaftsbaum, 1531, Augsburg.
RDK II, 83, Abb. 6. Stammbaum der Welfen, um 1170, Fulda.
RDK II, 85, Abb. 7. Stammbaum der Kurfürsten von Brandenburg, um 1600, Berlin.
RDK II, 87, Abb. 8. Dominikaner-Stammbaum, H. Holbein d. Ä., 1501.
RDK II, 87, Abb. 9. Baum der Philosophie, Basel 1508.


B. = Baum. A. = Arbor. Ct. = Consanguinitätstafel. At. = Affinitätstafel.

A. In der christlichen Symbolik

Der B. hat in den religiösen Vorstellungen der meisten Völker als ein den Göttern heiliges Gewächs oder als Lebens-B., dessen Früchte ewiges Leben in Jugend und Schönheit verleihen, eine wichtige Rolle gespielt. Für die christliche Welt ist nach Genesis 2, 9 das Paradies ein Garten: „produxit Dominus Deus de humo omne lignum pulchrum visu et ad vescendum suave; lignum etiam vitae in medio paradisi lignumque scientiae boni et mali.“ Entsprechend dieser Beschreibung deutet schon die frühchristliche Kunst das Paradies durch einen oder mehrere B. an ([2] und Wilpert S. 183, 232).

Zur Darstellung des Sündenfalls gehörte von Anfang an der B. der Erkenntnis, der sehr bald als Apfelbaum gekennzeichnet wird; vgl. Bd. I Sp. 749ff. und Sp. 126ff. Das „lignum scientiae boni et mali“, den B. der Erkenntnis, der durch den Sündenfall zum B. des Todes geworden ist, haben theologische Spekulation und religiöse Phantasie in Zusammenhang mit Christus und dem Kreuzestod gebracht. So sagt Irenaeus (Adversus haereses V, Kap. 17, § 3; Bibl. der Kirchenväter 4, S. 198): „Wie wir durch das Holz Gottes Schuldner geworden waren, sollten wir durch das Holz die Verzeihung unserer Schuld empfangen.“ Augustin drückt den Gedanken ähnlich aus: „In arbore perivimus, in arbore redempti sumus; in Ugno mors, in ligno vita pependit“ (Serm. 84, Kap. 3, Mai, Nova Bibliotheca Patrum Bd. 1, S. 164) und in der Predigt de Adam et Eva et sancta Maria (Serm. 1, Kap. 4, Mai, Nov. Bibl. Patr. Bd. 1, S. 3): „Igitur sicut per arborem mortui, ita vivificati per arbor em: arbor nobis nuditatem ostendit, vestitit nos arbor indulgentiae foliis: arbor peccatorum nobis incussit ardorem, refrigerium peccatorum aestibus nobis arbor advexit: arbor scientiae nobis spinas et tribulos genuit, spem et salutem nobis arbor sapientiae peperit: arbor nobis sudorem attulit et laborem, quietem et pacem nobis contulit crucis arbor etc.“. Ein deutsches Gedicht des 13. Jh. (Wackernagel, Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zum Anfang des 17. Jh. Bd. 2, Nr. 194) bringt den Gedanken in Versen:

„Von einem boume uns leit geschach,
daz hůp sich durch des slangen nit:
Got schiere ein ander holz ersach,
an dem er uns erloste sit.“

Weitere Schriftquellen s. [4, S. 54-57]. Vgl. ferner Sündenfall und Erlösung.

Die Antithese: todbringender B. und lebenbringendes Kreuz oder Lebens-B. hat die bildende Kunst in verschiedener Weise zum Ausdruck gebracht. An Dorfkirchen des 11. und 12. Jh. haben sich Darstellungen erhalten, die das Kreuz zwischen dem Erkenntnis-B. und dem Lebens-B. wiedergeben: in Gumperda (Inv. Sachsen-Altenburg, Kr. Kahla, Abb. S. 94), in Aue-Aylsdorf (Inv. Prov. Sachsen, Kr. Zeitz, S. 5, Abb. 1), in Aplerbeck (Inv. Westfalen, Kr. Hörde, Taf. 3, Abb. 5) und auf einem Türsturz im Straßburger Museum [3, Abb. 463]; Christus zwischen dem Erkenntnis-B. und dem Kreuz als Lebens-B. zeigt ein Tympanon aus Elstertrebnitz (Abb. 1). In Gegenüberstellungen oder auch mit dem Lebens-B. verwachsen wird der Erkenntnis-B. durch Totenschädel, die wie Früchte in seiner Krone hängen, als B. des Todes gekennzeichnet: auf einem frühgotischen Steinfragment aus dem Grabe des Trierer Erzbischofs Heinrich von Finstingen (Trier, Dommuseum, Inv. S. 269, Abb. 177), auf einem Relief des 14. Jh. in der Städt. Slg. in Orlamünde [3, Abb. 464], in einem burgundischen Meßbuch von 1477 in Jena [3, Abb. 465], in einer Miniatur des Berthold Furtmeyr von 1481 (RDK I, Sp. 151, Abb. 20), auf einem Holzschnitt von Hans Schäufelein von 1516 (Geisberg, Einblattholzschnitt-Katalog Nr. 1049 [7, Abb. 29]), auf dem einzelne Äpfel des Erkenntnis-B. Totenkopfgesichter zeigen. Auf einem Stich von H. S. Beham mit dem Sündenfall (Pauli 687) trägt der Erkenntnis-B. zwischen den Äpfeln einen Totenschädel, und noch drastischer ist der Hinweis auf den Tod in einem anderen Stich Behams (Pauli 7), in dem sich der Sündenfall an dem als Totengerippe gebildeten Erkenntnis-B. vollzieht. Auch Hieronymus Bosch bedient sich eines Totenschädels zur Kennzeichnung des Erkenntnis-B., den er als Mast-B. seines Narrenschiffes (Louvre) benutzt (angeregt durch Sebastian Brants „Narrenschiff“, in dem der Sündenfall als erste der menschlichen Torheiten erwähnt wird). Ein Kruzifix des 17. Jh. in Oberpleis wächst aus dem B. des Todes heraus, dessen Früchte Äpfel und Totenköpfe sind. Einen Hinweis auf die künftige Erlösung von der Erbsünde bedeutet es, wenn im Zusammenhang mit der Darstellung des Sündenfalls oder der Vertreibung aus dem Paradies die Halbfigur Christi in der Krone des B. sichtbar wird, wie auf der Holzdecke von St. Michael in Hildesheim, A. 13. Jh., in einer Handschrift des 13. Jh. in Wolfenbüttel (Cod. Helmst. 562/515; Haseloff, Eine thüringisch-sächsische Malerschule, Taf. 44, Abb. 104) und in einem Evangeliar in Seitenstetten (Nestlehner, Das Seitenstettener Evangeliar des 12. Jh., Berlin 1882, Taf. IX, 3).

Für die sich an das „lignum vitae“ anschließende, auf Christus und auf seinen Opfertod bezügliche Symbolik s. Lebensbaum.

Die Beziehung des Kreuzes zum B. der Erkenntnis fand ihren dichterischen Ausdruck in der im 12. Jh. auftretenden Kreuzeslegende. Ihr zufolge stammt das Kreuz Christi vom B. der Erkenntnis (nach anderer Version vom B. des Lebens) ab, da es aus dem Holze eines B. gezimmert wurde, der aus einem Zweig vom Erkenntnis-B. oder nach anderer Version aus drei Kernen vom Apfel des Sündenfalls auf dem Grabe Adams oder aus seinem Schädel (Stuttgarter Relief um 1340; RDK I, Sp. 162, Abb. 5) erwachsen war. Andererseits soll sich das Grab Adams an der Stelle, wo Christus gekreuzigt wurde, befunden haben, vgl. hl. Kreuz und Adam-Christus, RDK I, Sp. 160. Aus diesem Zusammenhang heraus ist wohl der B. in der Darstellung von Adams Tod an der Hl.-Kreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd (nach 1351; RDK I, Sp. 141/42, Abb. 14) zu verstehen. Auf einem rheinischen Kalvarienberg vom A. 15. Jh. (Berlin, D.M., Kat. Demmler Nr. 7942, Abb. S. 65) entwickelt sich das Kreuz aus dem Erkenntnis-B., an dessen Wurzel der Schädel Adams liegt. Auf den Erkenntnis-B. weist auch der aus dem Kreuz hervorwachsende stilisierte Zweig, der einen Totenkopf umschlingt auf einem süddeutschen Tafelbild um 1400 (früher in Sigmaringen [7, Abb. 25]). Deutlich ist die Beziehung zum Erkenntnis-B. auf dem Fresko des Giovanni da Modena in S. Petronio in Bologna: Christus hängt in den Zweigen des Erkenntnis-B., neben dem sich der Sündenfall vollzieht, während rechts und links die Patriarchen des Alten und die Heiligen des Neuen Testaments stehen [6, Abb. S. 175]; s. ferner Baumkreuz (Sp. 100). Bis ins 18. Jh. ist die Beziehung des Erkenntnis-B. zum Kreuz lebendig geblieben. Paul Egell stellt auf dem Kreuzigungsrelief seines Mannheimer Altars (Berlin, D.M., Kat. Demmler Nr. 8443) im Hintergrund den Erkenntnis-B. dar und läßt auf einem Relief im Kölner Kunstgewerbemuseum (Zs. d. dt. Ver. f. Kw. I, 1934, S. 139) das Kreuz aus dem Erkenntnis-B. herauswachsen. Wenn sich für das Kreuz ein besonderer Typ mit Astansätzen herausbildete, so ist dafür außer der Lebensbaumsymbolik auch die Version der Kreuzlegende, die das Kreuz aus dem Erkenntnis-B. entstehen läßt, maßgebend gewesen, vgl. Astkreuz, RDK I, Sp. 1152ff.

Eine mittelalterliche Weiterbildung der Kreuzeslegende [5, S. 28ff.] berichtet, Adams Sohn Seth habe vom Cherub, der das Paradies bewacht (Gen. 3, 24), die Erlaubnis erhalten, hineinzublicken. Er sieht einen dürren, laublosen B. von riesenhaften Ausmaßen, um dessen Stamm sich die Schlange ringelt. Auf dem Wipfel, der bis in den Himmel ragt, liegt ein in Windeln gewickeltes Kind, und an den Wurzeln, die bis in die Hölle reichen, erblickt Seth die Seele seines Bruders Abel. Der hl. Michael erklärt ihm, daß der B. der Erkenntnis durch den Sündenfall dürr geworden sei, daß das Kind Gottes Sohn sei und Abel in der Unterwelt, die Sünde seiner Eltern beweine. Das Motiv des auf dem Wipfel des B. liegenden Jesuskindes ist auf einem Fresko von 1479 in der Georgenkirche in Wismar (Inv. Mecklenburg-Schwerin II, Abb. S. 107), das den Erkenntnis-B. sehr ausführlich in Beziehung zur Passion setzt, dargestellt. Aus Adams Körper wächst der Erkenntnis-B., an dem sich der Sündenfall vollzieht. Links davon reicht Maria Knienden eine Traube, während rechts Eva Knienden einen Totenschädel gibt. In den Zweigen darüber ist links Christus im Grabe mit dem Engel, rechts ein Toter im Grabe mit dem Teufel dargestellt. Es folgen in den höheren Zweigen links Christi Auferstehung, rechts der Höllenrachen und wie Früchte an Zweigen hängend links ein Engels-, rechts ein Totenkopf. Auf einem aus dem Stamm sich entwickelnden Blütenkelch liegt das Jesuskind, und darüber steigt zwischen Zweigen der Crucifixus zwischen Maria und Johannes empor. – Auch Dante sieht den B. des Sündenfalls dürr und entlaubt im irdischen Paradiese (Purgatorio, Gesang 32, Vers 37ff.). Ebenso der Zisterziensermönch Guillaume de Deguilleville in seiner „Pèlerinage de l’âme“ (zwischen 1330 und 1335), einem von Dante unabhängigen Gedicht, in dem die Seele eine Reise durch Hölle, Fegefeuer und Paradies macht. Er beschreibt das Paradies als eine Ebene mit zwei B., einem grünen B., dem mystischen Apfelbaum des Hohen Liedes (Hoheslied 2, 3) und einem dürren B., dem durch den Sündenfall entblätterten B. der Erkenntnis [6, S. 163ff.]. In den illuminierten Manuskripten der „Pèlerinage“ (meist vom A. 15. Jh.) ist das Paradies durch einen grünenden und einen dürren B. dargestellt [6, Abb. S. 168, 169 u. Tafel], unter denen die Seelen mit dem mystischen Apfel spielen, was den Verkehr mit Christus bedeutet. Eine weitausgesponnene Symbolik knüpft sich weiter an die beiden B. „Obgleich der Apfel des B. der Erkenntnis süß und wohlschmeckend war, hat Adam in seinem Geschlecht nur wilde, saure Äpfel weitergezüchtet, da die Samenkerne in ihm durch die Erbsünde befleckt worden waren. So kam es, daß Gottvater, als er die Inkarnation Christi beschlossen hatte, zum Pfropfen der wilden Apfelbäume schreiten mußte“ [6, S. 171]. Dieses Pfropfen ist als Allegorie der unbefleckten Empfängnis Mariä gemeint, die das auf den Stamm Anna gepfropfte Edelreis ist. „Maria blieb auf diese Weise von der Erbsünde unbefleckt und gebar den edlen Apfel Christus. Der grüne B., der B. der Kirche, aber wuchs heran und ward zu dem B., den Nebukadnezar im Traume sah, und trug noch viele Früchte“ [6, S. 172]. In einem Manuskript der Chants royaux couronnés dans le Puy de la Conception de Rouen (Paris, B.N. F. fr. 1557, p. 92) ist dargestellt, wie in einem mit entlaubten B. besetzten Garten, der die mit der Erbsünde belastete Menschheit bedeutet, Gottvater als Gärtner ein blühendes Reis auf einen dürren Stamm pfropft [6, Abb. S. 170]. Ebenso ist der im Frankfurter Paradiesgärtlein im Vordergrund dargestellte Stamm, auf den zwei blühende Reiser gepfropft sind, zu verstehen. Das Freisein Marias von der Erbsünde drückt Luca Signorelli auf seinem Gemälde im Dom zu Cortona aus, indem er Maria auf dem Erkenntnis-B., zu dessen Füßen sich der Sündenfall vollzieht, stehen läßt (Künstle I Abb. 381); vgl. unbefleckte Empfängnis. – Die dürren B. auf Giovanni Bellinis Gemälde der sog. Madonna am See (Florenz, Uffizien), die eine Schilderung des Purgatoriums nach Guillaume de Deguilleville ist, bedeuten demnach das sündige Menschengeschlecht [6, Taf.]. In der „Pèlerinage“ ist weiter geschildert, wie in den Zweigen des Apfelbaums die Jungfräulichkeit in der Gestalt der Jungfrau Maria sitzt (dargestellt in den Manuskripten der B.N. F. fr. Nr. 823 fol. 133 v [6, Taf.] und F. fr. Nr. 376 fol. 127 r [6, Abb. S. 176]), und wie der grüne und der dürre B. eine Wechselrede halten: „Der trockene B. beklagt sich darüber, daß die Sünde ihm den Apfel geraubt; die göttliche Gerechtigkeit und in letzter Instanz Gottvater selbst entscheidet daraufhin, daß der Apfel, den der B. des Hohen Liedes getragen hat, dem B. der Erkenntnis zurückerstattet werden muß. Als Henkerin muß Justitia selbst hinaufsteigen am Kreuzesstamm und Christus anheften“ [6, S. 176]. Den Raub des Apfels vom dürren B. durch den Teufel, der auf einer Leiter steht, zeigt eine Miniatur (Paris B.N. F. fr. Nr. 829 [6, Abb. S. 172]) und die Rückerstattung des mystischen Apfels eine andere (Paris B.N. F. fr. Nr. 12465 fol. 127 r [6, Abb. S. 174]), auf der Justitia auf einer Leiter stehend Christus an das Astkreuz heftet (s. Kreuzigung und Tugenden und Laster). – Über die Symbolik des Apfelbaums des Hohen Liedes s. Hoheslied und Lebensbaum.

Der dürre B. wird auch abgesehen von der Sündenfall-Todsymbolik als Sinnbild des Todes benutzt. Auf einem süddeutschen Tafelbild um 1480 mit einer Allegorie auf Tod und Leben (Nürnberg, G.N.M.) wird der Tod durch einen Leichnam veranschaulicht, der in einer mit dürren B. besetzten Landschaft liegt. Einer der dürren B. ist im Stamm umgebrochen. Auf der in Holz geschnittenen Allegorie auf Leben und Tod von Urs Graf 1524 sitzt der Tod auf einem dürren B. (His 280). Auf einem Gemälde der 2. H. 17. Jh. (Bremen, Fockemuseum), das die Worte: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ (Röm. 7, 24) illustriert, ist ein dürrer B. neben einem Totengerippe, in dem ein Mensch hockt, dargestellt [7, S. 39 Anm. 34].

Die Gegenüberstellung von dürrem und grünendem B. dient weiter zur Kennzeichnung des Alten und Neuen Testaments, z. B. in der Inschrift des Apsismosaiks von S. Clemente in Rom, A. 12. Jh., das Christus am Kreuz inmitten eines grünen Busches zeigt: „Ecclesiam Christi viti simulabimus isti quam lex arentem sed crux facit virentem“ [8, S. 179].

In einer Hs. der Biblia pauperum (Venedig, Bibl. von San Marco [7, Abb. 34]) wachsen ein dürrer und ein belaubter B. jeweils aus dem Kopfe einer Frau. Die Unterschriften „lex timoris“ und „lex amoris“ drücken die Beziehung auf das Alte und das Neue Testament aus. Ein halb dürrer, halb grüner B. versinnbildlicht auf zahlreichen Darstellungen reformatorischen Inhalts Luthers Auffassung vom Alten und Neuen Testament: „Arbor mortis est lex, arbor vitae est Evangelium seu Christus“ (Enarratio in tertium caput Genesis. Exegetica opera latina, Erlangen 1829, Bd. 1, S. 298). So auf fünf Gemälden aus der Werkstatt Cranachs im Rudolfinum in Prag von 1529 [7, Abb. 4], im Museum zu Gotha von 1529, im Museum zu Königsberg von 1532, im Schloßmuseum zu Weimar und in der Stephanskirche zu Aschersleben (Inv. Prov. Sachsen 25, Taf. 14), auf einem Holzschnitt Cranachs d. Ä. [7, Abb. 5], auf dem Titelholzschnitt der Lübecker Bibel von 1533 von Erhard Altdorfer [7, Abb. 3], auf einem Holzschnitt des Geoffroy Tory (Hirth und Muther, Meisterholzschnitte aus vier Jh. 1898, T. 163), auf einem Gemälde von Georg Lemberger von 1535 (Kunsthandlung Malmédé, Köln [7, Abb. 10]), auf einem Holzschnitt des Peter Gottlandt von 1552 (B. 2), am Kanzelaufsatz der Petrikirche zu Hamburg von 1594 [7, Abb. 14], am Epitaph für Johannes Rudolph in Burg (Oberkirche), 1609 von Michael Spieß, auf Reliefs von Christoph Dehne am Epitaph von Lochow in Nennhausen von 1614 und am Epitaph von Hopkorf im Magdeburger Dom von 1615, an der Bekrönung der Kanzeltür in St. Jakobi in Stralsund 1635 (Abb. 2), auf einer Schnitzfüllung im Grünen Gewölbe zu Dresden [7, Abb. 8] und auf einer ganzen Reihe von bremischen Renaissancetruhen [7]. – Der dürr-grüne B. ist auch in die Bildersprache der Emblematik eingedrungen. Er illustriert den Spruch „Ab uno vita mors“ (Joh. Mannich, Sacra Emblemata, Nürnberg 1624), der dürre und der grüne B. gegenübergestellt den Gedanken „Superabo olim“ (Jacobus Boschius, Symbolographia 1701 [7, Abb. 36, 37]) und ein dürrer B. allein „Pella forza delli contrarii venti“ auf einer sienesischen Brautschachtel der 1. H. des 15. Jh. (Berlin, Schloßmuseum).

Im ausgehenden Mittelalter benutzte der Dominikaner Franz von Retz († 1421) im „Defensorium inviolatae virginitatis beatae Mariae“ den Naturgesetzen widersprechende Eigenschaften von Bäumen als Symbole der jungfräulichen Geburt. So wird der Bericht Augustins in „De civitate Dei“ Buch 21, Kap. 5 (Migne P. L. 41, Sp. 715) über immergrüne Laubbäume, die auf der Insel Tylon in Indien wachsen, zum Glaubhaftmachen des Wunders verwendet: „Si tile in virore semper manere valet, cur deum pudoris flore virgo non generaret?“ Ebenso zwei Angaben des Albertus Magnus über Eichen, auf denen Trauben wachsen (De vegetabilibus et plantis Buch 5, Tract. 1, Kap. 7, ed. Borgnet, Paris 1891, S. 147, linke Sp.) und über B., auf denen Vögel wachsen (De animalibus et de naturis rerum Buch 5): „Vitis si de ilice iberna orturn habet, cur vitem veram virgo non generaret?“ und „Carbas si de arbore yberna nasci claret, cur Spiritus sancti opere virgo non generaret?“. Darstellungen dieser Symbole finden sich in einer Hs. des Defensoriums von Bruder Antonius von Tegernsee von 1459 (Clm. 18077), in einigen Blockbüchern [9, S. 290, Taf. 20, 21, 23], in einem Druck von G. Reyser in Würzburg 1475-80, auf einem Tafelbild der Galerie in Schleißheim (Abb. 3) und auf einem Miniaturblatt des Kunsthist. Mus. Wien [9, Taf. 16].

B. spielen in der Marienverehrung auch auf Grund von Legenden, die von an B. gefundenen Marienbildern oder sonstigen Wundern berichten, eine bedeutende Rolle. Namen von Wallfahrtsorten wie Marialinden, Mariaeich, Marienbaum u. a. m. haben hier ihren Ursprung [10, S. 415]. Die Zisterzienserabtei Zwettl z. B. wurde nach der Legende bei einer grünen Eiche gegründet, die zwischen kahlen, schneebedeckten B. stand und deren oberste Äste ein Kreuz bildeten. In den Niederlanden wurde eine Brüderschaft der Maria vom dürren B. (ten drooghen boome) gegründet. Nach mündlicher Überlieferung (die jedoch in bezug auf die Person des Fürsten nicht stimmen kann) war der Anlaß ein Sieg Philipps des Guten, den er nach einem Gebet vor einem an dürrem B. hängenden Marienbild errang. Ein von Petrus Christus (der dieser Brüderschaft angehörte) um 1444 gemaltes Bild zeigt die Madonna in einem dürren B. stehend, an dessen Zweigen der Buchstabe A (Ave Maria?) hängt (Friedländer, Altniederl. Mal. 1, Taf. 65). Weitere Darstellungen auf Medaillen der Brüderschaft (Annales de la Société d’Emulation de Bruges 28, Brügge 1876/77, Serie 4, Bd. 1, S. 179, Taf. II) und auf dem Gemälde von Peter Claeissins II (c. 1607-20) in St. Walburg in Brügge (Burl. Mag. 19, 1911, S. 202).

Auf dem Antependium des Gösser Ornats ist als Marienattribut der B. Peridexion abgebildet, auf dem die Tauben wohnen; seine Erklärung bringt der Physiologus (Kirchenkunst 9, 1937, S. 76).

Die Legenda aurea berichtet von dem wundertätigen B. Persidis, der sich, als die Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten kam, anbetend zur Erde neigte; Darstellungen z. B. von Schongauer (B. 7; H. Schenck, Martin Schongauers Drachenbaum, Naturwiss. Wochenschrift N.F. 19, 1920) und Hans Baldung im Freiburger Hochaltar; s. Flucht nach Ägypten.

Als Typus für die Aufrichtung des Kreuzes und ebenso für Christus am Kreuz gilt im Speculum humanae salvationis der B., den Nebukadnezar im Traum sah (Dan. 4, 7ff.; Lutz und Perdrizet Taf. 132 XXIV, 2 u. Taf. 47).

Gleichnis. Die bildlichen Worte Johannes d. T. zu den Pharisäern: „Es ist schon die Axt den B. an die Wurzel gelegt. Darum welcher B. nicht die gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen“ (Matth. 3, 10) werden wortgetreu dargestellt im Zusammenhang mit der Taufe Christi auf einem Elfenbeinkästchen aus Werden a. R. (South-Kensington-Museum, Cat. of carvings in ivory, Teil I, Taf. IX), auf einem byzantinischen Elfenbeindeckel (11. Jh.) eines Evangeliars in München (Clm. 6831; Goldschmidt Bd. 2, Taf. 6), auf den Mosaiken der Capella palatina in Palermo, des Doms zu Monreale, des Baptisteriums von S. Marco in Venedig, auf einer Exultetrolle in der Domopera zu Pisa, 12. Jh. (Strzygowski, Ikonographie der Taufe Christi, München 1885, Taf. 19, 2), in einem Gregor von Nazianz (Paris, B.N. Anc. fonds Nr. 533 [Strzygowski Taf. III, 4]), byzantinisch 12. Jh., eines byzantinischen Evangeliars des 13. Jh. (Paris, B.N. Anc. fonds Nr. 54; Strzygowski Taf. V, 2), der Anbetung des Kindes von Filippo Lippi im K.F.M., am Epitaph des Lambert Witinghoff († 1529) in Lübeck (Zs. d. dt. Ver. f. Kw. 3, 1936, S. 276 u. 302). Am Weltgerichtsportal der Westfassade von Amiens ist unterhalb der klugen und törichten Jungfrauen ein grünender und ein dürrer B., an den die Axt gelegt ist, dargestellt.

B. Als Attribut

In der Geschichte oder Legende verschiedener Heiliger kommen B. vor, die dann in der Darstellung als Attribut dienen. Die hll. Sebastian, Pantaleon, Januarius und die hl. Afra wurden an B. gebunden und gemartert. Der hl. Aemilianus, Bischof von Trevi, wurde an einen dürren B. gebunden, der darauf neue Blüten trieb, nach anderer Version zu bluten anfing. Das Motiv des dürren B., der im Zusammenhang mit dem Heiligen neue Blüten treibt, findet sich ferner beim hl. Koloman († 1012), beim hl. Zenobius, bei den hl. Basiliscus und Eutropius, beim hl. Christophorus. Der hl. Bonifatius, der hl. Willibald, Bischof von Eichstätt († 781 oder 787), der hl. Erhard, Bischof von Regensburg († um 671), der hl. Barbatus, Bischof von Benevent, haben den B. als Attribut, weil sie von Heiden verehrte B. fällen ließen. Die hll. Bavo († M. 7. Jh.), Gerlach († 1170), Zoerardus und die sel. Edigna lebten als Einsiedler in hohlen B. Der hl. Achatius († 307) wurde mit einem Dornenstrauch gemartert. Johannes d. T. hat einen B. mit darangelegter Axt als Attribut nach Matth. 3, 10. S. ferner B. der Tugenden und Laster, Hostienbaum bei Hostie und Lebensbaum, Apostelbaum bei Apostel RDK I, Sp. 826, feuriger Busch bei Moses.

C. Als künstlerische Darstellungform verwandter Personen und Begriffe

I. Herkunft und Bedeutung der Baumvorstellung

Als Darstellungsform eines Kreises zeitlich und ursächlich voneinander abhängender Personen, Begriffe oder Institutionen taucht der B. in der bildenden Kunst erst nach dem Jahre 1000 u. Z. auf. Uraltes Symbol des menschlichen Lebens in Geburt und Vergehen wird der B. auf die natürlichste Gemeinschaft des Volkes übertragen: als Gleichnis und zugleich Darstellungsform für die Sippe. – Freilich ist dieses Bild in Wahrheit nicht ganz zutreffend. Nicht alle Angehörigen einer Sippe, eines Stammes kommen aus gleicher Wurzel; Frauen von anderer Art heiraten in die Manneslinie hinein.

Die Klarheit, mit der bildlich die Zusammengehörigkeit verwandter Personen und Begriffe sowie die chronologische Entwicklung bestimmter wesensgleicher Faktoren in der Form eines organisch gewachsenen B. ausgedrückt werden kann, hat diese Form auch für Gebiete anwendbar erscheinen lassen, die weit über den ursprünglichen Kreis der Sippe und Verwandtschaft hinausführen. Allgemeingeschichtliche, religiöse, späterhin naturwissenschaftliche Entwicklungsreihen werden mit Hilfe des B. dargestellt. Zumeist ist die Vorstellung d. h. der Name B. für den betreffenden Komplex vorhanden, ehe er in dieser sinnfälligen Darstellung seinen gültigen Niederschlag findet. Viele rein schematische Zeichnungen hat uns das frühe Mittelalter unter dem Titel eines „arbor“ überliefert, die sich erst nach geraumer Zeit zu einem wirklichen B. entwickelten!

Den besten Beweis für das Alter und die lebendige Wirkung der B.-Vorstellung, hinter der letzten Endes doch der „Lebensbaum“ unserer Vorfahren steht, bieten jene Fälle, in denen der darzustellende Gegenstand aus seinem innersten Wesen heraus dem äußeren Zwang der B.-Form Widerstand entgegensetzte, bis schließlich doch diese geläufigste und gefälligste Art der zusammenfassenden Darstellung siegte. Dieser typische Vorgang soll zunächst am Beispiel der Consanguinitätstafel verfolgt werden, die sich (ähnlich wie die Affinitätstafel) zum „Baum der Sippschaft“ entwickelt hat.

II. Verwandtschaftsbaum

Eine wesentliche Grundlage des römischen Staates war die Familie, deren Sicherung sowohl im Erb- als auch Eherecht gewährleistet war. Von Bedeutung sind hier neben den erbrechtlichen Bestimmungen insbesondere die römischen Eheverbote in Hinsicht auf die Blutsverwandtschaft, die in der kanonischen Gesetzgebung später wesentlich ausgebaut wurden. Die römischen Juristen haben sich zur besseren Übersicht über die erbrechtlichen und eherechtlichen Fragen zunächst einfache und sehr dürre Zeichnungen (stemma, scala) gemacht, die nicht zu verwechseln sind mit den aus dem römischen Brauch der Ahnenbilder einer Familie hervorgegangenen Stammtafeln. Diese Stemmata boten an Hand eines Gerüstes einen leichten Überblick über alle in Frage kommenden Verwandten eines bestimmten Menschen. Von diesem Anfangspunkt der Gradzählung (dem später meist durch ein Brustbild gekennzeichneten „ego“) ging ein aus einfachen Linien bestehendes Schema aus, in dessen einzelne Rechtecke die Bezeichnungen für die Verwandten eingeschrieben wurden (nach unten filius – filia, nepos – neptis; nach oben avus – avia, proavus – proavia, nach links frater, fratris filius vel filia, nach rechts soror, sororis filius vel filia usw. bis zum 4. bzw. 7. Grad) – ein Schema also, das nach seinem Aufbau einem von unten nach oben wachsenden B. durchaus widerspricht. In den Institutionen III, 6, 9 spricht der Gesetzgeber unter dem Titel „De gradibus cognationis“ selbst von einer solchen graphischen Zeichnung: ideo necessarium duximus post narrationem graduum etiam eos praesenti libro inscribi, quatenus possint et auribus et inspectione adulescentes perfectissimam graduum doctrinam adipisci.

Durch das römische Breviar König Alarichs II. von 506 gelangte das Stemma (scala) in den Sprach- und Rechtsunterricht, vgl. z. B. die Hs. der lex romana Paris B. N. 4412, fol. 75 b aus dem 9. Jh. und Vatic. Reg. 1023; als Teil einer in Breviar-Hss. mehrfach vorkommenden Einleitung in codd. Paris 4406, fol. 68 und 4410 sowie noch in Leiden 114. Mehrfach weisen diese Stemmata auch die Hss. des Cod. Iustiniani selbst auf; so Turin D. III, 13 fol. 67 V aus dem 10. Jh. (fr.: 13 H. VI, 4). Die Bamberger Hs. D. II 5 aus dem 12. Jh. hat statt der Verwandtschaftsbezeichnungen biblische Namen. Der äußere Aufbau dieser Schemata wechselt; öfters werden architektonische Momente in die Zeichnung gebracht (Säulen, Sockel usw.); mitunter finden sich bereits von den Schnittlinien der äußeren Quadrate auslaufende blattähnliche Verzierungen (Iuliani Epitome, cod. 122 des Kapitelarchivs von Vercelli, fol. 157 r, 10. Jh.). Isidor von Sevilla bringt in den Etymologiae (Kap. VI, Buch IX) das in seiner Zeit gültige Eherecht der katholischen Kirche und benutzt zur Erläuterung der Eheverbote das Stemma weiter. Die Miniaturen der Consanguinitätstafel (Ct.) finden sich in vielen Isidor-Hss., von denen hier nur einige für unser Thema charakteristische Zeichnungen in folgenden Hss. genannt werden sollen (über das Vorkommen von Miniaturen in frühen Hss. vgl. [1]). Brüssel, Bibl. royale, II 4856 fol. 259 r ff. (um 800, Schule v. Corbie) zeigt bereits einen Versuch zur Blattbildung (vgl. A. Boeckler, Abendländ. Miniaturen, S. 11). Entsprechend dem Sprachgebrauch des Isidor, der schon von stirps, ramus, ramusculi usw. spricht, finden sich mehrfach Ansätze zur Umdeutung des ursprünglichen kahlen Gerüstes in einen Baumstamm mit Zweigsproßen, wobei die dreieckige oder pyramidenförmige obere Tafelhälfte als Baumkrone zu gelten hat; so in der wahrscheinlich ältesten Hs. der Etymologien, dem berühmten Palimpsest Wolfenbüttel, cod. 64 Weiß. fol. 141 r. Die einzige Miniatur des ganzen Codex weist bereits offensichtlich Haupt- und Nebenwurzeln des tragenden Stammes nebst Zweigansätzen an seiner linken und rechten Seite auf.

Von Hss. des 9. Jh. mit Miniaturen dieses Typus seien hier erwähnt: Laon, Bibl. munic. 447, fol. 96 r u. v., sowie die vielleicht jüngere Hs. Modena, Dombibl., Estensis I, 17 (Abb. 1 [2]). Die Hs. Berlin, Staatsbibl. ms. lat. fol. 197, 12. Jh., fol. 161 v zeigt noch die einfache, nüchterne Tafel; für die weitere Entwicklung der Ct. vgl. Wolfenbüttel, cod. 2 Weiß. fol. 113 r u. v.; St. Gallen, Stiftsbibl., cod. 231, 10. Jh., fol. 340 und 341, sowie Schaffhausen, Ministerialbibl., cod. 42, fol. 153 v. Weitere zeichnerische Durchbildungen, wie öfters unter Vernachlässigung der Bezeichnungen und (Grad-) Zahlen, aber mehrmals bereits mit figürlichen „Blutsverwandten“ statt bloßer Namen, weisen u. a. auf cod. clm. 13031, fol. 102, um 1150 [4, S. 15 u. 18, Taf. IV], die Salzburger Hs. clm. 13004 (um 1160.70 [4, Abb. 171 u. 172]) und etwa die Hs. der Etymologien aus Salem in der Heidelberger Univ.Bibl. (sal. IX 39, fol. 64 v und 65 r, um 1200; vgl. A. v. Oechelhäuser Bd. II, 1910, S. 2). Mehrmals wächst das Schema aus einem kleinen hausähnlichen Unterbau heraus und wird von einem Menschenantlitz oder einem Ehepaar in Brustbildern gekrönt (Laon, Bibl. munic. cod. 447, fol. 96 r). Die Isidor-Hss. kennen übrigens als dritte Form auch eine kreisförmige Zeichnung der Blutsverwandtschaftsgrade, die durch radiale Teilungen bis zum 7. Grad dargestellt werden; vgl. etwa die Wiener Hs. Nat.Bibl. cod. 67, in der auf fol. 84 und 85 den beiden bekannten Stemma-Formen (zu 7 und 6 Graden) auf fol. 85 r ein Stemma in runder Form (6 Grade) folgt, dessen Überschrift lautet: stemma stirpis humane. Auf die Miniaturen der späteren Hss. des Isidor braucht hier nicht eingegangen zu werden. Selbstverständlich gingen sie auch in die frühen Drucke seiner Werke über, von denen ich insbesondere die Origenesausgabe des Vulcanus, Basel 1577 (mit drei Stemmata) nenne (neben der du Breul’schen Paris 1601), da deren Tafeln in alle späteren Ausgaben bis zu der von Lindsay 1912 übergegangen sind.

Eine vollendete, sehr lebendig ausgeführte Darstellung der Verwandschaftsgrade in reiner B.-Form, die, wie bemerkt, schon in den vorangehenden Jahrhunderten mehrfach angedeutet wurde, findet sich in der reich illustrierten, enzyklopädischen Hs. des liber floridus zu Wolfenbüttel, 1. Gud. lat. 2°, fol. 68 v, geschrieben im späten 12. Jh., dem auf fol. 68 r eine genealogia per gradus consanguinitatis descripta in der alten starren Form, jedoch ebenfalls mit Rankenverzierungen, vorangeht. Im Autograph des Kanonikers Lambertus aus St. Omer (1114-20, Gent, Stadtbibl. Nr. 16) soll nach Boeckler (Abendl. Miniaturen, S. 96) die ikonographische Übereinstimmung sehr eng sein. Die Hs. weist übrigens weitere B. auf (fol. 231 v usw., vgl. unten).

Als nächste Quelle für die weitere Entwicklung der Ct. ist das Decretum Gratians zu betrachten, der in seiner Sammlung der erlassenen Ehegesetze in Pars II, causa 34, quaestio IV auch den Isidor anführt. Boeckler [4, S. 17] hat die beiden Hss. clm. 13004 (ca. 1160-70; fol. 308 V und 309) und clm. 17161 (bald nach 1150) bereits behandelt, in denen, nunmehr mit Figuren geschmückt, die Ct. eine weitere künstlerische Ausgestaltung erhielten. Bemerkenswert ist insbesondere der aus Schäftlarn stammende clm. 17161, der auf fol. 165 r eine ausgesprochen baumartige Darstellung der Ct. bringt, bei der die Verwandtschaftsgrade in die zu Medaillons eingerollten Zweige geschrieben sind. Die Hss. des Decretum Gratiani weisen durchwegs neben der eigentlichen Ct. auch die Affinitätstafeln (arbor affinitatis) auf, die an Hand der in kleine Kreise eingeschriebenen Verwandtschaftsbezeichnungen (2 Reihen rechts und links, in der Mitte die Angabe: primus gradus, secundus gradus usw.) eine Übersicht über die verbotenen Grade zwischen Verschwägerten geben. Größtenteils sehr sorgfältig ausgeführte Miniaturen beider „arbores“ finden sich in dem cod. 906 der Trierer Stadtbibliothek von 1141, in der Hs. des Decretum Gratiani der Pariser Bibliothek Ste. Geneviève vom E. 13. Jh. sowie in der Bologneser Hs. in der Stadtbibl. zu Leipzig Nr. 243 aus der M. 14. Jh., fol. 1 v und 2 (vgl. R. Bruck, 1906, Abb. 133 u. 134; hierzu auch der gleichzeitige clm. 23552 mit zwei großen und 37 kleineren Miniaturen Veroneser Malerei) und im ms. lat. 3893 der Pariser Nat.Bibl. von 1314 (Abb. 2 u. 3). Die Ct. werden nun meist vor einen bärtigen alten Mann gestellt, der in seinen Händen Zweige hält, deren Ranken später die ganze oder obere freie Fläche bedecken. Die früheste Darstellung dieser wohl als Adam zu deutenden Gestalt (noch ohne jede Ranke) findet sich in Verbindung mit der Ct. in einer Hs. der Canones Burchardi (Manchester, Rylands Library, Nr. 96, fol. 83, aus Oberitalien, 2. H. 11. Jh.), denen sich die das Stemma tragenden Figuren in clm. 13031 und 13004 im 12. Jh. anschließen; bei letzteren sind bereits je vier Rankenbäume in die freien Ecken gesetzt, belebt von Vögeln und anderen Tieren.

Bezeichnend für beide „arbores“ ist der immer wiederkehrende Versuch, das B.-Motiv in Zusammenhang, wenn möglich in Einklang mit den Tafeln zu bringen. Bei der At. gelingt dies meist durch eine mit der Tafel als solcher allerdings nur in dekorativer Verbindung stehenden Beigabe eines Bäumchens, auf das ein Jüngling und eine Jungfrau mit erhobenem Arm deuten bzw. dessen Zweige von ihnen gehalten werden (clm. 28160 fol. 322 v).

Beide Tafeln finden sich weiterhin in vielen Hss. der Glossatoren wieder; z. B. in der „Summa super titulos decretalium“ des Magisters Gaufred de Trano († 1245) und des „Ordo judicarius“ Tancredi († 1236) der Frankfurter Stadtbibl. (Praedicat. 1547, französisch, letztes Viertel des 13. Jh.; vgl. Swarzenski-Schilling, Die illuminierten Handschriften, S. 51, Nr. 49 u. Taf. 24). Auch die offizielle Darstellung der Decretalen Gregors IX. bringen diese „arbores“ (bereits Alexander II. spricht 1063 von der Ct. als von einer „pictura arboris“); vgl. etwa die deutsche Hs. Wolfenbüttel, Landesbibl. 12 Helmst. 2˚ aus dem 13. Jh. und die oberitalienische Hs. sal. 10, 17 der Heidelberger Univ.Bibl. aus dem 14. Jh. Erwähnt seien ferner noch die Hss. des Johannes de Deo Hispani „Declarationes arboris consanguinitatis et affinitatis“ in der Stadtbibl. Frankfurt a. M., Batt. 12, A. 14. Jh. (vgl. Swarzenski-Schilling S. 59 u. Taf. 45 b), die Summa des Heinrich von Segusio von 1314 in Brüssel, Bibl. royale, cod. 7452, fol. 238 V und 240 (hierzu auch clm. 28160) sowie die belgische Decretalen-Hs. Brügge, Stadtbibl. 365, fol. 2 r und 5 v aus der 1. H. 14. Jh., und die italienischen gleichzeitigen Hss. der Leipziger Univ.Bibl. mss. 965, 967 und 968 (vgl. Bruck a. a. O. S. 99ff. und Abb. 81, 82, 83, 84). Aus dem 15. Jh. nenne ich noch die Hs. der „Extractiones extracte a fratre Humberto sup. IV lib. sent.“ der Univ.Bibl. Erlangen von 1468.

Weiteste Verbreitung haben diese meist nach kanonischer Komputation zu behandelnden Darstellungen der Verwandtschaftsgrade gefunden durch den Kommentar des Bologneser Juristen Johannes Andreae (1270-1348) „Über die Consanguinitäts- und Affinitätsbäume“, der meistens mit dem „Liber sextus decretalium“ Bonifatius’ VIII. (auch in den ersten Drucken) zusammen auftritt. Als gutes Beispiel nenne ich die frühe Bologneser Hs. aus dem ersten Drittel des 14. Jh. in der Stadtbibl. zu Frankfurt, Batt. 10 (vgl. Swarzenski-Schilling S. 103, Taf. 45 a, wo auf den ikonographischen Zusammenhang mit Pal. lat. 629 und ms. 243 der Leipziger Stadtbibl. hingewiesen wird). In den Miniaturen der Kommentare des Andreae und erst recht in seinen frühen Drucken gelangt das B.-Motiv zum vollen Siege: für die Inkunabeln vgl. die ersten Drucke aus Nürnberg bei Creußner 1472, 1473, 1476, 1477, 1478ff., aus Augsburg bei Zainer (nicht nach 1473), aus Straßburg bei Knoblochtzer (um 1483) mit zahllosen Neuauflagen. Eine deutsche Ausgabe erschien zuerst bei Zainer, Augsburg 1474. Ganz ähnlich wie in den Drucken der Isidorischen Etymologien (etwa Zainer, Augsburg 1473) stellt sich nun die Verwandtschaftstafel als stolzer „Baum der Sippschaft“ dar. Der „Sippenbaum“ als Hilfsmittel des juristischen Unterrichts und Verfahrens wird in den handschriftlichen und gedruckten Bearbeitungen des deutschen und kanonischen Rechtes vom Ausgang des Mittelalters ab immer wieder verwandt (so schon bei Johann Rothe oder im Landrecht des Sachsenspiegels [Berlin, Staatsbibl. ms. germ. fol. 631, fol. 46 v, mittelrhein., E. 14. Jh.], im Layenspiegel des Ulrich Tengler usw.). Er findet auch in den landesherrlichen „Ordnungen“ bis weit ins 18. Jh. hinein seine Verbreitung. Als Beispiel sei angeführt die Nürnberger „Reformation“ von 1564, die einen noch ziemlich dürftigen B. bringt, oder die Ausgaben der „Gülich-Bergische Rechts-, Lehen-, Gerichtsschreiber-, Brüchten-, Policey und Reformationsordnung Herzogs Wilhelm V.“ von 1565, 1582, 1606, 1635 und die spätere Ausgabe von 1696 und 1751 (Abb. 4). – Er wird aber auch in rein künstlerischer Absicht auf Kupferstichen und Holzschnitten, dann jedoch meist anspruchsvoller und prächtiger ausgeführt (Abb. 5).

Das Ende des Sippschafts-B. brachte die Zeit der Aufklärung, deren kritische Überlegungen etwa in Zedlers Lexikon aller Wissenschaften und Künste (Leipzig und Halle 1743, Br. 37, Sp. 1772) nebst neuen Vorschlägen ihren Niederschlag fanden, dem Erich und Grubers Artikel über die „Genealogie“ in der Erkenntnis folgte, daß dieses Verwandtschaftsschema überhaupt nicht durch einen B. dargestellt werden könne.

Eine ähnliche Entwicklung zur B.-Form hin zeigt die künstlerische Behandlung der heute geläufigsten genealogischen Darstellung, der Ahnentafel. Die Führung eines Abstammungsnachweises durch die „Ahnenprobe“ der Eltern, Großeltern usw. ist für die Ritterbürtigen und Adligen seit etwa 1100, für andere Stände (Handwerker usw.) seit dem 13. Jh. üblich. Zur Erlangung der Turnier-, Lehns- und Stiftsfähigkeit, später auch für die Zulassung zu Hofämtern wurde die meist durch Wappen und Namen der 8, 16, sogar 32 Ahnen geführte Ahnenprobe bzw. der Vorgang bei der „Aufschwörung“ bald ein Anlaß zur malerischen und heraldischen Ausschmückung der Ahnentafel. Tausende solcher Pergamente und Papiere lagern heute noch in den Archiven der hohen Stifter (etwa Köln, Mainz, Trier, Münster usw.), angefangen von den einfachen Nachweisen in Form von 4 oder 8 nebeneinandergestellten Wappen (um 1500) bis zu den künstlerisch wertvollen, besiegelten Ahnennachweisen des 16. bis 18. Jh. Die allmählich aufkommenden Verbindungen und Verzierungen der Ahnenquartiere durch Bänder, Leisten, Ranken usw. wuchsen sich zu stattlichen Laubgeflechten aus, bis auch hier die tatsächliche B.-Form angewandt wurde, die in diesem Falle womöglich noch weniger wesensgemäß als bei der Ct. und At. ist.

Der „Ahnenbaum“ wurde von M. 16. Jh. ab in zahllosen Kupferstichen, Holzschnitten, Malereien usw. jeweils für Probanden aus bestimmten Familien verwandt, bis diese Darstellungsform zugunsten eines nüchternen, dafür jedoch sinngemäßeren Ahnenaufbaues etwa zur gleichen Zeit verschwand wie der rein theoretische Sippschafts-B. J. Chr. Gatterers wissenschaftliche Abhandlung über den „Ahnenbaum“ im 3. Kapitel seines „Abriß der Genealogie“ von 1788 bildet gleichzeitig den Endpunkt in dieser künstlerischen Entwicklung der Ahnentafel an der Schwelle eines Jahrhunderts, dem die Ahnen selbst nicht mehr viel bedeuteten.

III. Stammbaum

a) Es ist nunmehr auf den eigentlichen Stamm-B. einzugehen, insoweit er zunächst als Symbol für die Blutsverwandtschaft diente. In diesem Sinne bezeichnet B. die künstlerische Darstellung der Ausbreitung eines Geschlechtes in Gestalt eines B., dessen Wurzel bzw. Stamm der älteste Ahnherr der Sippe bildet, von dem aus Söhne, Enkel und fernere Nachkommen als Äste, Zweige und Blätter ausgehen. Voraussetzung ist hierbei immer die bildliche Darstellung eines bestimmten, geschichtlich faßbaren Geschlechtes mit all seinen Eigenarten nach Umfang und Dauer der einzelnen Generationen und Linien. Der Stamm-B. ist scharf zu scheiden von der Stammtafel, die künstlerisch und literarisch gesehen wesentlich weiter zurück zu verfolgen ist. Bilder von Stammbäumen sind der Kunst des ersten Jahrtausends unbekannt und kommen (wie bereits Haseloff [5] in Hinsicht auf die „Stammbäume Christi“ betonte) häufiger erst im 12. und namentlich im 13. Jh. vor.

Die Historia Welforum (Landesbibl. Fulda, um 1170 beendet, Abb. 6) gibt eine Darstellung der älteren Welfen-Linie, der ganz unverkennbar eine wenn auch stark ornamental behandelte B.-Form (mit zum Teil in die Ranken als Medaillons gesetzten Brustbildern) zugrunde liegt. In den Stamm dieses B. werden in je ein oder zwei auf Säulen stehenden Bogen die Bilder der unmittelbaren Linie gesetzt. Aus der gleichen Zeit ist in einem Fragment eine weitere Zeichnung erhalten, die das Geschlecht der Welfen darstellt unter Verwendung pflanzlicher Motive: die Mitglieder dieses Hauses sind mit ihren Namen in die Rundungen von Ranken eingezeichnet, die das ganze Blatt überziehen und nicht eigentlich einer klar erkennbaren Wurzel entspringen. Doch steht auch hier der älteste Ahne am unteren Blattrande (vgl. R. Forrer, Unedierte Miniaturen Bd. II, Straßburg 1907, Taf. 2).

Der obengenannte Stamm-B. der Welfen dürfte die Urform aller der unzähligen Stammbäume adliger und bürgerlicher Geschlechter sein, die von dieser Zeit an Hss. und Drucke, als plastische Bildwerke oder Glasmalereien die Wände zahlloser Kirchen und Schlösser, die Sammlungen von Gemälden, Metallarbeiten, Schnitzereien in Kunst- und Münzkabinetten schmücken. Wenn auch zunächst noch dürftige, ornamental gehaltene B.-Formen das äußere Gerüst für die Namen oder Brustbilder der Stammesangehörigen bilden, so tritt doch der wirkliche B., aus dem die Nachfahren sprießen, bald kräftig in den verschiedensten Gestalten hervor. Lehrreich für diese Entwicklung ist u. a. die Gruppe der Hss. des Bernardus Guido „De origine prima gentis francorum“ (vgl. cod. lat. 90 der Bibl. in Montpellier, cod. R 4 des Trinity-College zu Cambridge, cod. 295 der Bibl. des Bernhardskloster zu Alcobaza Portugal] und cod. lat. F der Bibl. zu Dresden). Zu erwähnen sind hier auch die Wandgemälde auf der Burg Karlstein, die das Geschlecht Karls IV. behandelten.

Vollends seit der Zeit Maximilians, die eine zweite Welle der Begeisterung für Stammbäume aller Art bringt, ist diese genealogische Darstellungsform vorherrschend geworden. An ihr haben sich bekannte und unbekannte Maler, Bildhauer, Holzschnitt- und Kupferstichmeister versucht. Sie schmückten den B. mit den Wappen der Familien; statt der Namen trägt der B. nun unmittelbar die Halb- oder Ganzgestalten der Nachfahren, die ihre Namensschleifen oder Schilde in den Händen halten. Während des ganzen 16. und 17. Jh. sind die Stammbäume außerordentlich beliebt (Abb. 7); im 18. und vor allem im 19. Jh. gehen die Bildwerke an Umfang zurück, um erst heute wieder mit dem mächtig erwachenden Sinn für Art und Schicksale deutscher Geschlechter eine neue Blüte zu erleben.

b) Zwischen den weltlichen Stammbäumen des 12. Jh. und den religiösen Darstellungen in Stammbaumform (s. u.) stehen zwei eigenartige Zeichnungen des clm. 14159 „De laudibus sanctae crucis“ (1170-85). Die beiden dort auftauchenden Stammbäume Noahs und Tharahs (fol. 187 v und 188) weisen inhaltlich keine Beziehung zu dem Text der Hs. auf (vgl. Boeckler [4 S. 33, 43f. u. Abb. 43 u. 44]). „Aus der Brust des Noah entspringen drei Zweige. Sie tragen Medaillons mit den Köpfen seiner drei Söhne und vereinigen sich oben als Rahmen für das Verzeichnis der 72 Sprachen, die von Noahs Söhnen herstammen.“ Die Rahmeninschriften geben weitere geschichtliche Erläuterungen über die Verteilung der Erde unter diese Juden (vgl. Genesis X). Vorwiegend genealogischen Inhalts ist auch die Zeichnung fol. 188; der Wurzel des B., die Tharah bildet, entspringen drei Stämme: Nachor, Abraham und Aron. Der Hauptzweig, der aus dem Kopf des jüdischen Stammhalters wächst, führt über Isaak und Salomon zu Christus. Auch diese Darstellung gewinnt durch die weiterhin angeführten Namen aus der hebräischen Geschichte einen weltlich-historischen Charakter [4, S. 43 f]. Bemerkenswert ist, daß die Namen in den großen Blüten in richtiger Folge von unten nach oben zu lesen sind, die symbolische B.-Form also ernsthaft durchdacht erscheint.

c) Die zahlenmäßig im 12. Jh. und den folgenden Jahrhunderten zweifellos häufigste B.-Darstellung (zunächst noch unter weitgehender Benutzung von Ranken und Laubornamenten) ist der sog. Stammbaum Jesse in Anknüpfung an Jes. 11, 1: „egredietur virga de radice Jesse“. Als erste Illustration dieser Art ist eine Miniatur des Wysehrader Evangeliars (um 1085, heute in Prag) anzusehen. Handelt es sich bei der Darstellung aller Vorfahren Christi in diesem Codex (nach Matth. 1, 1-17) bereits um eine Art Stammbuch des Religionsstifters, so trägt die Zeichnung des Jesse, der auf dem Fuße eines B. mit sieben Vögeln (Gaben des hl. Geistes) im Gespräch mit dem Geschenke gebenden König sitzt, zum erstenmal den – wenn auch noch sehr einfachen – Typus der Wurzel Jesse. Eine zweite Komposition dieses Themas mit fünf Vorfahren Christi findet sich in dem Antiphonar aus St. Peter in Salzburg (jetzt Wien, Nat.Bibl., um 1130). Herrad von Landsberg schuf in ihrem Hortus deliciarum eine der schönsten, zeichnerisch sehr durchgebildeten Jessedarstellungen. Haseloff [5, S. 89] unterscheidet ab 1200 zwei Abwandlungen des nunmehr fest gewordenen Typus: „entweder werden an dem Stamme, der vom lagernden Jesse ausgeht, die Gestalten Davids, Mariae und Christi angebracht und weitere Ahnen etwa seitlich in den Verzweigungen des B., oder es thront Maria mit dem Kinde im B. und alle anderen Vorfahren in den Ranken Windungen“. Näheres und Abb. im Art. Jesse.

An der Ausgestaltung des Jesse-B. und der Verbreitung der B.-Darstellung für weitere (religiös-mystische) Themen überhaupt haben insbesondere die Miniaturen eine Reihe von Hss. des „Speculum virginum“ des Conrad von Hirsau mitgewirkt [6]. Von Hss. des 12. Jh. nenne ich: London, Brit. Mus. Arundel 44; Köln, Stadtarchiv W. 276 a; Berlin, Staatsbibl., Phill. 1701; ferner Zwettl, Klosterbibl. cod. 180, um 1220; Rom, Vatikan pal. cod. lat. 565; Leipzig, Univ.Bibl. ms. 665; Troyes, Stadtbibl. 252 und 413; Arras, Bibl. munic. 282. Für die Ausgestaltung des B.-Motivs wesentlich sind hier insbesondere die Darstellungen der Tugend- und Lasterbäume (s. RDK I, Sp. 163/4, Abb. 6 u. 7). Wie die einzelnen, aus der Haupttugend der Caritas fließenden guten Eigenschaften in B.-Form gebracht werden können, ist bereits der obengenannten Hs. des liber floridus, Wolfenbüttel L. B. 1. Gud. lat. 2°, grundsätzlich geläufig: hier finden wir neben einem eigenartigerweise von historischen Notizen begleiteten arbor palme (ecclesia) den in natürlicher Form gehaltenen arbor bona, der aus einer seltsamen Verquickung von Tugenden (charakterisiert durch Frauengestalten in Medaillons) und wirklichen, aus den gleichen Ästen sprossenden, sie begleitenden Blumen und Pflanzen besteht. In den Hss. des spec. virg. werden diese B. der personifizierten Laster und Tugenden durch die verschiedenen Jahrhunderte abgewandelt; vgl. Tugenden und Laster.

Neben diesen „Bäumen“ tauchen insbesondere in den nächsten Jahrhunderten neue Themen in gleicher Form auf; so wird die Philosophie als Stammbaumträgerin mit ihren verschiedenen Disziplinen (Abb. 8), die wirkliche oder geforderte soziale Rangordnung im Bilde des B., auf dessen Ästen Bauern, Könige, Landsknechte und Kardinäle sitzen, vorgeführt. Auch die Werke der Barmherzigkeit (vgl. RDK I, Sp. 1457ff.) können in Baumform dargestellt werden. Auf einem Bilde von Anton Möller von 1607 in der Danziger Marienkirche wächst aus der mit Kruzifix und Kelch versehenen Barmherzigkeit ein B., dessen Stamm die Madonna bildet; aus ihr wachsen Zweige, die in Rundbildern mit Werken der Barmherzigkeit münden (Drost, Danziger Malerei, 1938, Taf. 62). Selbst einzelne Orden haben sich zur Verherrlichung ihrer Stifter und Mitglieder solche B. zugelegt; vgl. etwa das den Meditationes des Johannes de Turrecremata von 1479 beigegebene Blatt mit dem hl. Dominikus als „Jesse“. aus dem ein mächtiger B. wächst, in dessen Zweigen sich Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Mönche versammeln, wobei die Zugehörigkeit zum gleichen Orden das verwandtschaftliche Band darstellt (E. Kelchner, Der Pergamentdruck der Agenda ecclesiae moguntinensis von 1480, Frankfurt a. M., 1858). Am ehemaligen Hochaltar des Frankfurter Dominikanerklosters von Hans Holbein d. Ä. (jetzt im Städel) ist der Wurzel Jesse der Stammbaum der Dominikaner gegenübergestellt (Abb. 9). Über graphische Darstellungen des Gegenstandes vgl. Schreiber, Hdb. III, 222f. Ein Stammbaum der von Altenberg ausgehenden Cistercienserklöster, der die säuberlichen Ansichten der genau dadierten einzelnen Gründungen in Medaillons trägt, findet sich in der Hs. C 38 der Düsseldorfer Landesbibl., fol. 1, 15. Jh. aus Altenberg (vgl. E. Weise, Ein niederrheinisches Denkmal deutscher Kulturarbeit im Osten, Prussia H. 29, 1931).

Zu den Abbildungen

Zu A und B:

1. Dresden, Altertumsmuseum im Großen Garten, Tympanon aus Elstertrebnitz, 12. Jh. Phot. Mus.

2. Stralsund, St. Jakobi, Bekrönung der Kanzeltür, Hans Lucht, 1635. Phot. Kunstgesch. Seminar, Greifswald.

3. Staatsgalerie Ottobeuren, Meister der Ottobeurer Marientafel, um 1450/60, Holz, 107 x 79 cm, Inv. Nr. 1472.

Zu C:

1. Modena, Dombibl. Estensis I, 17, Consanguinitätstafel, 9. Jh. (?) Phot. Dr. G. Haseloff, Kiel.

2. Paris, Bibl. Nat., Lat. 3893, Decretum Gratiani, Consanguinitätstafel, 1314. Nach H. Martin, La miniature française, Paris 1924, Taf. 25.

3. Ebendort, Affinitätstafel. Nach Martin, Taf. 25.

4. Gülich-Bergische Rechts-, Lehen-, Gerichtsschreiber-, Brüchten-, Policey und Reformationsordnung, Düsseldorf 1696, Sippschaftsbaum. Phot. Verf.

5. Cicero, De Officiis, Augsburg 1531, Sippschaftsbaum mit der Unterschrift: Die sypschafft ist uns dar zů gut, das eyner hilff dem andern thůt, in not zusamenrynt das plůt. Phot. Verf.

6. Fulda, Landesbibl. D 11, Historia Welforum, Stammbaum der Welfensippe um 1170. Phot. Bibl.

7. Berlin, Preuß. Staatsbibl., Stammbaum der Kurfürsten von Brandenburg, gemalt (in Kleve?) für Georg Friedrich (1539-1603) und seine Gemahlin Elisabeth von Brandenburg-Küstrin. Phot. Bibl.

8. Frankfurt a. M., Städelsches Kunstinstitut. Dominikaneraltar von H. Holbein d. Ä., 1501. Phot. Mus.

9. Gregor Reisch, Margarita philosophica, Baum der Philosophie, Basel 1508. Phot. Verf.

Literatur

Zu A und B:

1. Molsdorf Nr. 109, 403, 423, 892, 893, 919, 1028, 1029, 1031, 1032, 1147. 2. Kraus I, S. 145. 3. Bergner S. 548f. und S. 564. 4. Ferd. Piper, Der Baum des Lebens, Evang. Kalender 1863, S. 54-57. 5. August Wünsche, Die Sagen vom Lebensbaum und Lebenswasser. Ex Oriente Lux Bd. 1, 1905. 6. Gustav Ludwig, Giovanni Bellinis sog. Madonna am See in den Uffizien, eine religiöse Allegorie, Jb. d. Preuß. K.slg. 23, 1902, S. 163ff. 7. Ernst Grohne, Die bremischen Truhen mit reformatorischen Darstellungen und der Ursprung ihrer Motive. Abhandl. und Vorträge hrsg. v. d. Bremer Wiss. Ges. Jg. 10, H. 2, 1936. 8. Alois Thomas, Die Darstellung Christi in der Kelter, Forschungen zur Volkskunde 2021, 1936, S. 176ff. 9. Jul. v. Schlosser, Zur Kenntnis der künstlerischen Überlieferung im späten MA., Jb. Kaiserhaus 23, 1902, S. 290ff. 10. St. Beissel, Marienverehrung I, Freiburg 1909. 11. Wolfgang Menzel, Christl. Symbolik, Regensburg 18562. 12. R. Bauerreiß, Arbor vitae. Abhandlungen der Bayerischen Benediktinerakademie III, München 1938. S. ferner die Literatur zu Attribut, RDK I, 1212ff.

Zu C:

1. E. M. Meyers, Eine germanische Zählung der Verwandtschaftsgrade, Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 6, 1925, S. 1ff. 2. Ch. H. Beeson, Isidor-Studien, 1913, S. 10. 3. Jos. Freisen, Gesch. d. kanonischen Eherechts bis zum Verfall der Glossenliteratur, Paderborn 18932. 4. A. Boeckler, Die Regensburg-Prüfeninger Buchmalerei des 12. und 13. Jh., München 1924. 5. A. Haseloff, Eine thüringisch-sächsische Malerschule, Stud. z. dt. Kg. 9, Straßburg 1897. 6. A. Watson, The speculum virginum with special reference to the tree of Jesse, Speculum III, 1928. 7. Martha Strube, Die Illustrationen des Speculum virginum, Diss. phil. Bonn 1937.


Verweise