Barock (Wortgeschichte)

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englisch: Baroque (word-history); französisch: Baroque (histoire du mot); italienisch: Barocco (storia del termine).


Wolfgang Stammler (1937)

RDK I, 1468–1469


I. Herkunft des Wortes

Das Wort entstammt dem Portugiesischen; hier bedeutet barocco eigentlich „Steinchen“, dann „unregelmäßige Perle“. Dieser Juwelierausdruck wandert im 16. Jh. nach Frankreich, wo perle baroque zum Fachausdruck wird, der in Deutschland die Brockenperle erzeugt und in England sich als baroque „schiefrund“ heimisch macht. In Frankreich entwickelt sich aus „schiefrund“ die allgemeine Bedeutung „sonderbar“; dieses franz. baroque ergab ital. barocco, nhd. barock.

II. B. als allgemeine Charakterisierung

Dem franz. Klassizismus mußte die der Renaissance folgende „schwülstige“ Stilart zunächst in der Baukunst „sonderbar“ vorkommen. Daher benannte man derartige Kunsterzeugnisse en goût baroque. Der gleichen Einstellung huldigt der deutsche Rationalismus. So finden wir seit 1751 in Deutschland Rahmen im goût Baroc, barockschen Schmuck, barockischen Geschmack als Bezeichnungen für die Stilart des 17. und 18. Jh. Der Aufklärer verband damit stets eine gewisse herabsetzende Ansicht. B. ist also in Deutschland zunächst nicht Stilbezeichnung, sondern hat wie in Frankreich und Italien die Bedeutung „sonderbar, lächerlich“. Auch Goethe folgt diesem Sprachgebrauch, ebenso die Romantiker. Bis zu einem gewissen Grad hat sich diese allgemeinere, spöttisch ironisierende Verwendung des Wortes bis zur Gegenwart erhalten.

III. B. als Stilbezeichnung

Als Stilbezeichnung wird das Wort anscheinend erst seit der Mitte des 19. Jh. verwendet. Im Jahre 1855 bezeichnen Jakob Burckhardt (Cicerone) und Wilhelm Lübke (Geschichte der Architektur) den von der Kunstgeschichtsschreibung der ersten Jahrhunderthälfte als Manierismus und Naturalismus benannten, der Renaissance folgenden Stil als Barock. 1866 erklärt J.Falke (Geschichte des modernen Geschmacks): „Wir pflegen den Kunststil, welcher der Renaissance folgte, als den Barock-Stil zu bezeichnen“. Seit den 70er Jahren spricht man allgemein, auch in Laienkreisen, von „Barockrahmen, Barockkirche, Barockeinrichtung“ usw. Jakob Burckhardt verwendet anfangs neben Barock auch Barocco, bis er sich für die deutsche Form entscheidet (die ital. Form hat sich auch sonst in Deutschland bis in die 90er Jahre gehalten). Er gebraucht, wie es scheint, als erster die Kurzform der Barock, und bis heute schwankt man zwischen dem Maskulinum und dem Neutrum, das anscheinend zuerst in den 80er Jahren auftaucht. Mitunter verwendete man bis in die Nachkriegsjahre, nach Analogie der Antike, auch das Feminium die Barocke.

Die Einbürgerung des Wortes B. als Stilbezeichnung geht mit einer neuen Wertschätzung barocker Kunstwerke Hand in Hand. 1887–89 erscheint im Rahmen der Geschichte der neueren Baukunst Cornelius Gurlitts „Geschichte des Barockstiles“, 1888 Heinrich Wölfflin’s „Renaissance und Barock, Eine Untersuchung über Wesen und Entstehung des Barockstils in Italien“. Alois Riegl hält 1894/95 seine berühmten Vorgesungen über die Kunstgeschichte des Barockzeitalters; 1897 veröffentlicht August Schmarsow „Barock und Rokoko, Eine kritische Auseinandersetzung über das Malerische in der Architektur“.

IV. B. als Bezeichnung für ein allgemeines Stilprinzip

Seit der Jahrhundertwende wird B. in übertragener Bedeutung als allgemeines Stilprinzip verwendet und zur Bezeichnung der Spätphasen aller Stile benützt, die zur malerischen Auflösung der Form und zu Bewegungs- und Ausdruckssteigerung streben. Dehio sagt in der „Kirchlichen Baukunst des Abendlandes“ II (Stuttgart 1901, S. 19): „ein jeder Baustil hat zur letzten Phase das Barock“; in seinem Aufsatz „Der Meister des Gemmingendenkmals in Mainz“ (Jb. d. Preuß. K.-Slg. 30, 1909) spricht er von spätgotischem Barock. L. v. Sybel handelte schon 1888 in seiner Weltgeschichte der Kunst von einem antiken Barockstil; er nennt auch die spätrömische, vor allem die antoninische Kunst barock. In der Archäologie hat sich der Begriff B. besonders seit der Entdeckung des Pergamon-Altars durchgesetzt (A. v. Salis, Berlin 1912, S. 1ff.). – Auf die Literatur- und Geistesgeschichte wurde der bis dahin nur kunstgeschichtliche Fachausdruck zuerst von Wolfgang Stammler ausgedehnt, der einem Literaturbericht den Titel „Zeitalter des Barock“ gab (Zs. f. d. dt. Unterricht 30, 1916, S. 28). Seitdem hat sich der Ausdruck, wie einst das Wort Renaissance für alle Gebiete des Lebens im 17./18. Jh. eingebürgert.

Literatur

1. H. Schulz, Deutsches Fremdwörterbuch I, Straßburg 1913, S. 77. 2. J. Brüch in „Wörter und Sachen“ VII, 1921, S. 166. 3. E. Gamillscheg, Etymologisches Wörterbuch der französischen Sprache I, Heidelberg 1928, S. 83.