Baldachin-Grabmal

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englisch: Tomb, canopied tomb; französisch: Tombeau sous dais, dais; italienisch: Tomba a baldacchino.


Otto Schmitt (1937)

RDK I, 1402–1409


RDK I, 1403, Abb. 1. Maria Laach, Abteikirche.
RDK I, 1403, Abb. 2. Ehem. Royaumont, Abteikirche.
RDK I, 1403, Abb. 3. Marburg, Elisabethkirche.
RDK I, 1405, Abb. 4. Straßburg, Münster.
RDK I, 1405, Abb. 5. Wien, Akademie.
RDK I, 1405, Abb. 6. Eberbach, Klosterkirche.
RDK I, 1407, Abb. 7. Jever (Oldenburg), Stadtkirche.

(B. = Baldachin; G. = Grabmal; B.-G. = Baldachingrabmal; G.-B. = Grabbaldachin).

Die sachliche und künstlerische Funktion des B. über Grabmälern hat große Ähnlichkeit mit der des Ciboriums beim Altar (Sp. 473ff.), d. h. er dient dem Grabmal zum Schutz und zum Schmuck. Deshalb wäre es auch richtiger, von „Ciboriumgrabmal“ zu sprechen; die Bezeichnung B.-G. hat sich jedoch seit längerer Zeit durchgesetzt. – Wie beim Altarciborium kann man freistehende, angelehnte und eingebaute B.-G. unterscheiden. Im Mittelalter bestehen die freistehenden B. meist aus einem oder mehreren Gewölben, die von Säulen oder Pfosten mit Bogenverbindung getragen werden; später sind Flachdecken auf Säulen mit Architravverbindung häufig. – Vorläufer des angelehnten B.-G. sind wohl die schon in romanischer Zeit vorkommenden Bogengräber. In die Wand eingebaute Grabmäler wird man nur dann B.-G. nennen dürfen, wenn es sich um regelrechte architektonische Gehäuse mit besonderen Gewölben auf Stützen oder Konsolen handelt (Abb. 4). Andernfalls wird man in der Regel richtiger von Nischengräbern sprechen. – Zu den B.-G. rechnen wir auch diejenigen B.-Anlagen, die über den erhobenen und in Schreinen o. ä. beigesetzten Gebeinen von Heiligen (Reliquien) errichtet sind.

I. Freistehende und angelehnte B.-G. Zu den ältesten Beispielen des freistehenden B.-G. gehört das Grabmal, das Ludwig der Hl. um 1260 seinem ältesten Sohne in der Abtei Royaumont errichten ließ. Erhalten hat sich nur die Tumba (in St. Denis). Der B. bestand nach einer Zeichnung von Gaignières (Abb. 2) aus einem von 4 dünnen Säulenbündeln getragenen rechteckigen Kreuzrippengewölbe mit Maßwerkbrüstungen als Bekrönung. Andere Zeichnungen von Gaignières bezeugen, daß dieser Grabmaltypus in Frankreich sehr verbreitet gewesen ist, doch hat sich an mittelalterlichen Beispielen – im Gegensatz zu England – fast nichts erhalten. Als großartigstes Denkmal sei das B.-G. Papst Johannes’ XXII. († 1334) in Avignon genannt. Den ältesten deutschen G.-B. dürfen wir, da die von R. Hamann (Zs. d. dt. Ver. f. Kw. 1, 1934, S. 16ff.) vorgeschlagene Rekonstruktion des Bamberger Papstgrabes durchaus hypothetisch ist, in dem sechseckigen Gehäuse über der Tumba des Pfalzgrafen Heinrich in Maria Laach sehen (Abb. 1). Man hat zwar angenommen, der B. habe ursprünglich einem früher zu Häupten des Grabmals stehenden Altar als Ciborium gedient (Ad. Schippers, Münster 1921), doch ist schon wegen der für ein Altarciborium ganz ungewöhnlichen Polygonalform die von Jos. Braun (Sp. 481) gegebene Deutung als B.-G. vorzuziehen. Die Errichtung des noch ganz in spätromanischen Formen gehaltenen Laacher B. erfolgte unmittelbar nach der Erhebung der Gebeine des Stifters (1255); die Tumba mit der Figur des Pfalzgrafen ist einige Jahre jünger. – Auch das sog. Mausoleum der Hl. Elisabeth in Marburg (2. H. 13. Jh., Abb. 3) ist nach Jos. Braun (briefl. Mitt.) kein Altarciborium sondern ein B.-G.; er erhebt sich über dem ursprünglichen Bodengrab der Heiligen und diente vielleicht zur feierlichen Aussetzung des Elisabethenschreins. Die Anlage erinnert in vieler Hinsicht an das von Ludwig d. Hl. errichtete B.-G. des Prinzen Ludwig (Abb. 2). Im 14. Jh. ist der Gedanke des freistehenden B.-G. in Deutschland nur in der Goldschmiedekunst und als Reliquienciborium nachweisbar; wir nennen die 1,25 m hohe „Reliquienkapelle“ des Aachener Domschatzes (Inv. Rheinprovinz 10, 1 S. 227ff.). Das für den Mainzer Erzbischof Gerlach († 1371) in Kloster Eberbach errichtete „Nassauer Hochgrab“ (Abb. 5) wurde von Karl Schäfer (1910; s. a. Inv. Reg.-Bez. Wiesbaden 1, S. 171) als Freigrab rekonstruiert, doch hat E. L. Fischel (1923) dagegen begründete Zweifel erhoben, und R. Hamann [6, S. 304] rechnet mit der Möglichkeit, daß es sich ursprünglich überhaupt nicht um ein Grabmal, sondern um ein Hl. Grab handelt. Der heutige Befund (Abb. 6) spricht dafür, daß das Denkmal immer an die Wand gelehnt war, wenn es auch früher an einem anderen Platz gestanden hat; die Grabplatte des Erzbischofs Adolf (links) ist erst im 18. Jh. unter dem B. aufgestellt worden, die des Gerlach lag horizontal auf der Tumba. Die Gesamtanlage weist Übereinstimmungen mit dem (eingebauten) Lichtenberg-Grabmal im Straßburger Münster auf (Abb. 4). – Das von Veit Stoß 1492 ausgeführte Marmorgrab des Polenkönigs Kasimir Jagiello im Dom zu Krakau steht in einem von 8 Pfeilern getragenen spätgotischen B., den Jörg Huber aus Passau, wohl nach Stoß’ Entwurf, seit 1494 schuf. Maßgebend für die Anbringung des B. war vermutlich die Tatsache, daß auch schon einige polnische Königsgräber des 14. Jh. im Krakauer Dom B.-Anlagen sind. Auf deutschem Boden kennen wir auch im Zeitalter der Spätgotik das freistehende B.-G. nur in Verbindung mit Reliquiaren. Im Nürnberger Sebaldusgrab P. Vischers besitzen wir ein Beispiel von unvergleichlichem Glanz. Der erste Entwurf von 1488 (Wien, Akademie, Abb. 5) sah eine Gesamthöhe von etwa 13 m (!) vor; das 1507–19 ausgeführte Denkmal ist 4,17 cm hoch.

Eine besondere Blüte erlebt das B.-G. in Deutschland wie in Frankreich und den Niederlanden im Zeitalter der Renaissance. Noch in spätgotischen Formen ist das G. der Margarete von Österreich in Brou gehalten, an dessen figürlichen Teilen Konrad Meit 1526–32 maßgebend beteiligt war. Obwohl es mit der Kopfseite an einen Pfeiler angelehnt ist, darf es als freistehendes B.-G. bezeichnet werden, während sein gleichzeitig und von denselben Künstlern ausgeführtes Gegenstück, das Grabmal der Margarete von Bourbon, ein eingebautes B.-G. ist. Den reinen Renaissancestil vertreten in Frankreich u. a. das zwischen zwei Chorpfeilern der Kathedrale von Limoges aufgestellte B.-G. des Bischofs Jean de Langeac (1544) und dann vor allem die mächtigen „Hallenfreigräber“ für Ludwig XII., Franz I. und Heinrich II. in St. Denis. Übereinstimmend stellen die drei Königsgräber die königlichen Gatten zweimal dar, unter dem B. als „gisants“, darüber als „priants“. Diesem Typus folgt auch Corn. Floris in seinem B.-G. für Christian III. von Dänemark in Roskilde (1568–75), während Hendrik de Keyser im Delfter Grabmal Wilhelms des Schweigers (1609ff.) bei aller Abhängigkeit vom Grabmal Heinrichs II. in St. Denis zu einer freieren Anordnung kommt. In Deutschland zeigt reine Renaissanceformen zum ersten Male ein Erzbaldachin in Aschaffenburg, der wahrscheinlich für das Grabmal des Kardinals Albrecht von Brandenburg in Halle bestimmt war, ein Werk der Vischerhütte aus dem Jahr 1536. Vier schlanke Pfeiler sind durch eine flache Decke verbunden, auf der leuchterhaltende Engel und das Wappen des Kardinals angebracht sind. Heute steht auf dem Dach des B. ein Reliquienschrein der Hl. Margarete, einer Gefährtin der Hl. Ursula. Der Annahme, daß der B. als Schutzdach oder gar als Portament für den Margaretensarg bestimmt war, widerspricht die Inschrift am B., die nur an einem Profangrab sinnvoll ist (Inv. Bayern 3, 19 S. 76 u. Abb. 44). – Ungefähr gleichzeitig war der 1716 beseitigte B. über dem Grabmal des Bischofs Johannes V. Thurzo im Breslauer Dom entstanden. Ein Stich zeigt den von 6 Säulen getragenen und rückwärtig geschlossenen B. (Inv. Niederschlesien 1, S. 102). Eine verwandte Anlage in der Breslauer Elisabethenkirche, das Marmorgrabmal Heinrichs von Rybisch, ist 1534-39 ausgeführt (Inv. Niederschlesien 2, S. 118). Möglicherweise sind die Breslauer B.-G. durch die polnischen Königsgräber angeregt (s. o.); ein schöner Renaissance-B. wurde 1524, wohl von einem Italiener, über dem G. des Königs Ladislaus († 1444) im Dom zu Krakau errichtet.

Das großartigste B.-G. auf deutschem Boden ist das Denkmal des Häuptlings Edo Wiemken in der Stadtkirche zu Jever, 1561–64 wahrscheinlich von dem Florisschüler Heinrich Hagart errichtet; über dem Marmorsarkophag mit der Liegefigur des Verstorbenen erhebt sich ein riesiger achteckiger Kuppelbau aus Eichenholz (Abb. 7); weitere Ansichten im Inv. Oldenburg 5, S. 172ff. und bei Carl Ahmels, Über die Renaissancedenkmäler unter Maria von Jever, Diss. Hannover 1917). – Aus der Zeit der späteren Renaissance nennen wir das G. des Grafen Ludwig von Löwenstein in der Stadtkirche zu Wertheim, die sog. „Bettlade“, 1614–18 von Michael Kern; der B. ist aus zehn Säulen mit Architrav und flacher Decke gebildet (Inv. Baden 4, 1 S. 263). Das ungewöhnlich prunkvolle B.-G., das Hans Krumper um 1620 (mit Benutzung älterer Statuen) über der spätgotischen Grabplatte Kaiser Ludwigs d. Bayern in der Frauenkirche zu München schuf, kündigt bereits den Wandel zum Frühbarock an; die den mächtigen Dachaufbau tragenden Pfeiler sind untersetzt und so dicht gestellt, daß die Grabplatte kaum mehr sichtbar wird. Beim Grabmal des Geheimrats Samuel von Behr († 1621) von Franz J. Döteber in der Klosterkirche von Doberan überdeckt ein sechssäuliger Stein-B. ein fast lebensgroßes holzgeschnitztes Reiterdenkmal auf Steinsarkophag (Inv. Mecklenburg-Schwerin III, Tafel nach S. 658). In der ebenfalls in Doberan befindlichen Grabanlage für Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg, 1634 von Döteber vollendet, ist der Gedanke des B.-G. zur Grabkapelle erweitert (Inv. Mecklenburg-Schwerin III S. 654ff.). – Später wird das B.-G. bald ganz durch riesige Wand- oder Nischengräber und durch Grabkapellen (oft in Verbindung mit Gruftanlagen) verdrängt. Auch der Klassizismus lehnt das B.-G. ab, gibt aber gelegentlich in nach oben offenen Säulenstellungen dem Sarkophag eine architektonische Umbauung, die äußerlich an das B.-G. erinnert; vgl. etwa das Grabmal des Erzbischofs Balduin von Luxemburg im Dom zu Trier, das 1832 mit einer aus Spolien errichteten Säulenstellung umgeben wurde (Inv. Rheinprovinz 13, 1 S. 271). Romantische Wiederaufnahme eines mittelalterlichen Gedankens führte zu der eigenartigen Gestaltung des Denkmals der Königin Luise in Gransee; an der Stelle, an der bei der Überführung von Hohenzieritz nach Berlin 1810 der Sarg der Königin über Nacht gestanden hatte, wurde 1811 nach dem Entwurf Schinkels ein Denkmal aus Eisenguß errichtet, das einen Sarkophag unter achtsäuligem gotischen B. zeigt. II. Das eingebaute B.-G. kommt in Deutschland kaum vor. Ältestes und bedeutendstes Beispiel ist das G. des Bischofs Konrad von Lichtenberg († 1299) im Straßburger Münster, vielleicht ein Werk des Meisters Erwin (Abb. 4). Drei gotische Gewölbe überdachen die Figur des Bischofs, die auf einer Platte, nicht auf einer Tumba ruht; den vorderen Abschluß bildet eine dreiteilige Arkade mit reichen Wimpergen. Eine ähnliche, aber zweiteilige Anlage besitzt die Kathedrale von Limoges im Grabmal des Bischofs Bernard Brun († 1349 oder 1350). Auch für diesen Typus enthalten die Zeichnungen von Gaignières zahlreiche Beispiele. Ein spätes, das Grabmal der Margarete von Bourbon in Brou, wurde bereits erwähnt. – In Deutschland, namentlich im Westen, bevorzugt man das Nischengrab, sei es indem man die Grabfigur in eine Wandnische einstellt, die in einem Bogen schließt und oft mit Maßwerk verkleidet ist, oder daß man der Wand eine Bogenarchitektur vorblendet, die eine Nische bildet und die Grabfigur ganz oder teilweise aufnimmt. Dem erstgenannten Typus gehören auch die großen schweizerischen Denkmäler des späteren 14. Jh. in Neuenburg und La Sarraz an. Als Beispiel für den zweiten seien die Grabmäler der Trierer Erzbischöfe Kuno von Falkenstein († 1388) und Werner von Nassau († 1418) in St. Kastor in Koblenz genannt. Auch Zwischenformen kommen vor; selbst die Grenze zwischen eingebautem B.-G. und Nischengrab ist nicht immer sicher zu ziehen. Eine Sonderstellung, die sich weder unter den einen noch unter den andern Begriff bringen läßt, nimmt das Grabmal des Markgrafen Bernhard I. von Baden († 1431) in Herrenalb ein (Inv. Württemberg, Schwarzwaldkreis S. 184f.). Die Tumba ist in einen Wanddurchbruch zwischen Chor und einer Seitenkapelle eingebaut und nach beiden Längsseiten offen, die Hochwand durch portalartige Bogen mit eingestellten Statuetten abgefangen. Eine vergleichbare Anordnung findet sich mehrfach in Frankreich, wo Tumbengräber mit Vorliebe zwischen benachbarte Freipfeiler der Chorarkade eingebaut sind (vgl. Limoges, Kathedrale).

Zu den Abbildungen

1. Maria Laach, Abteikirche, Stiftergrabmal mit Baldachin. Nach 1255. Phot. Staatl. Bildstelle Berlin.

2. Grabmal des Prinzen Ludwig von Frankreich († 1259), ehem. in der Abteikirche zu Royaumont. Nach einer Zeichnung von Gaignières, Paris B. N. Phot. Kunstgesch. Seminar Marburg.

3. Marburg, Elisabethkirche, sog. Mausoleum der hl. Elisabeth, 2. H. 13. Jh. Phot. Staatl. Bildstelle Berlin.

4. Straßburg, Münster, Grabmal des Bischofs Konrad von Lichtenberg († 1299). Phot. Staatl. Bildstelle Berlin.

5. Eberbach, Klosterkirche, „Nassauer Hochgrab“ des Erzbischofs Gerlach († 1371). Phot. Staatl. Bildstelle Berlin.

6. Peter Vischer, Entwurf zum Nürnberger Sebaldusgrab, 1488. Wien, Akademie. Nach G. Dehio, Gesch. d. Deutschen Kunst III.

7. Jever, Stadtkirche, Grabmal des Friesenhäuptlings Edo Wiemken, 1561–64 von Heinrich Hagart aus Antwerpen. Nach Carl Ahmels, Über die Renaissancedenkmäler unter Maria von Jever, Diss. Hannover 1917.

Literatur

1. Viollet-le-Duc, Architecture 9, S. 21ff. 2. Otte I, 335ff. 3. Bergner 299ff. 4. R. de Lasteyrie, Arch. romane S. 717. 5. Ders., Arch. gothique II, S. 570. 6. R. Hamann und K. Wilhelm-Kästner, Die Elisabethkirche zu Marburg II, Marburg 1929, S. 115ff.

Verweise