Baldachin

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englisch: Baldachin, canopy, tester; französisch: Baldaquin; italienisch: Baldacchino, capocielo.


Joseph Braun, S.J., I und Otto Schmitt, II (1937)

RDK I, 1389–1402


RDK I, 539, Abb. 9. Brauweiler, Abteikirche, um 1200.
RDK I, 935, Abb. 13. Bamberg, Baldachin, um 1235.
RDK I, 949, Abb. 8. Straßburg, Münster, Engelspfeiler, um 1230.
RDK I, 951, Abb. 10. Freiburg, Münster, Strebepfeiler, um 1275.
RDK I, 1391, Missale Albrechts von Brandenburg, Aschaffenburg.
RDK I, 1395, Abb. 1. Freiburg i. Br., Münster.
RDK I, 1395, Abb. 2. Freiburg i. Br., Münster.
RDK I, 1395, Abb. 3. Freiburg i. Br., Münster.
RDK I, 1395, Abb. 4. Freiburg i. Br., Münster.
RDK I, 1397, Abb. 5. Freiburg i. Br., Münster.
RDK I, 1397, Abb. 6. Freiburg i. Br., Münster.
RDK I, 1397, Abb. 7. Freiburg i. Br., Münster.
RDK I, 1399, Abb. 8. Mainz.
RDK I, 1399, Abb. 9. Königsberg i. Pr.
RDK I, 1399, Abb. 10. Mainz, Dom.

Über Herkunft und ursprüngliche Bedeutung des Wortes vgl. Sp. 465f. Der B. spielt in der Kunst eine bedeutende Rolle, vornehmlich im Kunstgewerbe, aber auch in der Architektur und in der Bildhauerkunst. So kommt er über Altären (Sp. 465ff.) und Grabmälern (Sp. 1402ff.), über Chorgestühlen, Dreisitzen, Bischofsstühlen, Kanzeln, Sakramentshäusern, Taufbecken, Hl. Gräbern, Reliquiaren, über Betten, Brunnen, Denkmälern, Thronen usw. vor, besonders auch in Verbindung mit der Architektur als Schutz- und Zierdach über Statuen und Portalen. – Im folgenden wird der B. nur in seiner Bedeutung als Traghimmel (I) und als Schutzdach über Bildwerken (II) behandelt. Für die übrigen Verwendungsmöglichkeiten vgl. die einzelnen Stichworte.

I. Baldachin, tragbarer, eine bei eucharistischen Prozessionen, wie bei der Fronleichnamsprozession, bei der Übertragung des Allerheiligsten in das Hl. Grab am Gründonnerstag und seiner Wiedereinholung am Karfreitag, sowie bei feierlichen Versehgängen, bei Reliquienprozessionen und bei dem feierlichen Empfang des Bischofs und der daran sich anschließenden Prozession zur Verwendung kommende, aus Zeug gemachte und von Stangen emporgehaltene Überdeckung. Bei eucharistischen Prozessionen wird diese über dem Allerheiligsten getragen, bei Reliquienprozessionen nach heutiger Vorschrift im Gegensatz zum früheren Brauch nur mehr über Reliquien des hl. Kreuzes und der Leidenswerkzeuge, bei Empfang des Bischofs über dem Bischof, beim Einzug des Papstes zu feierlichen Pontifikalhandlungen über der Sedia.

Genannt wird der Prozessionsbaldachin in lateinischen mittelalterlichen Quellen, Inventaren, liturgischen Büchern u. a. pannus, mappula, cortina, pallium, umbraculum, papilio, tegumentum, coelum, in volkssprachlich abgefaßten deutschen „Himmel“, französischen ciel, dais, italienischen palio. Den Namen Baldachinus (deutsch Baldachin, franz. baldaquin, ital. baldachino) erhielt das Gerät erst im ausgehenden Mittelalter. Er findet sich in Italien bereits in einem Inventar des Domes zu Mailand von 1445, in Deutschland in einer Mainzer Urkunde von 1492 (J.Braun, Der christl. Altar II, 270f.) In Deutschland herrscht seit dem ausgehenden Mittelalter die Benennung Himmel vor.

Seine früheste Erwähnung findet der Prozessionsbaldachin in dem um 1143 geschriebenen römischen Ordo des Kanonikus Benedikt c. 17, 40, 47 (Migne, P. L. 178, 1032, 1040, 1043), in dem 50 Jahre jüngeren Ordo des Cencius c. 12 (ebd. 1082) sowie in Innocenz’ III. Schrift „De sacro altaris mysterio“ Lib. 2, c. 7 (Migne, P. L. 217, 803). Es handelt sich hier um einen B., unter dem der Papst bei Stationsfeiern in der Stationskirche zum Altar zog. Um 1200 redet auch schon ein Liber ordinarius der Kathedrale zu Laon bei Beschreibung der Auferstehungsfeier von einem B., der bei derselben über dem Allerheiligsten getragen wurde (U. Chevalier, Ordinaire de Laon, Paris 1897, 148), gegen E. 13. Jh. Durandus von Mende (Rationale l. 1, c. 7, n. 24) von einem papilio seu umbraculum, unter dem bei der Kirchweihe die zur Konsekration des Altares dienenden Reliquien herbeigeholt wurden. Häufig hören wir nach Einführung der Fronleichnamsprozession, d. i. seit dem 14. Jh., von einem bei dieser über dem Allerheiligsten getragenen B., und zwar auch in deutschen Quellen, wie beispielsweise in einem Liber ordinarius der Essener Münsterkirche aus dem 14. Jh.: Et ubicumque presbiter cum sacramento steterit vel iverit, ibi quatuor scholares tenebunt et portabunt super eo unum tegumentum cum quatuor baculis, super quibus ipsum tegumentum erit firmiter ligatum, in einem Schatzverzeichnis des Domes zu Würzburg von 1448: Ein hymmel, der ist bloe mit sechs übergulten Stäben, und in einem Inventar der Abtei Michelsberg zu Bamberg von 1483: Unum scricum rubeum pannum pro coelo in die corporis Christi. Drei „Himmel“ werden in einem Inventar der Stiftskirche zu Halle von 1525 erwähnt, von denen zwei der Vorgänger Albrechts von Brandenburg, der Erzbischof Ern st von Magdeburg, einen Albrecht beschafft hatte.

Der Prozessionsbaldachin tritt heute in drei Formen auf. Bei der ersten besteht er aus einem großen, quadratischen oder langrechteckigen, den Rand entlang mit Behängen versehenen, oben zwischen den Spitzen der es tragenden Stäbe waagerecht ausgespannten, bei der zweiten aus einem ebensolchen, jedoch einem leichten, starren Rahmen aus Holz aufgezogenem Tuch. Bei der dritten, die aber in Deutschland nicht heimisch wurde, hat er Schirmform. Die Zahl der ihn tragenden Stangen beläuft sich bei B. der ersten und zweiten Form je nach ihrer Größe auf vier oder sechs, seltener auf acht. Solche der dritten Form, die von rückwärts her über den Priester gehalten werden, weisen nur eine Tragstange auf. Sie werden nur bei feierlichen Versehgängen gebraucht. Der bei eucharistischen Prozessionen und Versehgängen zur Verwendung kommende B. muß nach dem Caeremoniale episcoporum aus weißem Zeug gemacht sein.

Von den heute noch in Gebrauch befindlichen Formen des Prozessionsbaldachins ist die erste die älteste. Die Angaben der Quellen lassen daran keinen Zweifel. Die zweite ist eine spätere Weiterbildung der ersten. Allem Anschein nach entstand sie erst im ausgehenden Mittelalter. Besondere Verbreitung fand sie in Deutschland, wo sie die Urform fast ganz verdrängte, geringe in Italien. In der Zeit des Barocks gab man B. der zweiten Form gern statt einer flachen eine geschweift kuppelförmige Decke mit Kreuz oder Gotteslamm auf der Spitze. Die dritte Form ist nicht auch eine Umbildung der ersten, sondern ein eigener Typus, der sich allem Anschein nach von dem sog. soleclum (soliculum), einem dem Papst bei feierlichen Aufzügen zustehenden Sonnenschirm, das uns schon auf einem Fresko des 13. Jh. in der Silvesterkapelle bei der Kirche der SS. Quattro Coronati zu Rom begegnet, als Vorbild herleitet.

Hergestellt wurde der Prozessionsbaldachin ursprünglich aus weißem Linnen, später aber, besonders seit Einführung der Fronleichnamsprozession, mit Vorliebe aus oft sehr kostbaren Seidenzeugen, Brokaten und Samten. Ein hervorragend reicher wird im Testament Albrechts von Brandenburg erwähnt: Item noch einen vast schonen großen hymel von ganz gezogenem golt (Goldbrokat) mit perlen und edelgesteynen gezieret, den soll man jerlichs über das sacrament an sechs stangen in der procession tragen. Daß man schon wenigstens im ausgehenden 13. Jh. das Baldachintuch auch wohl mit Bildwerk schmückte, erfahren wir von Durandus von Mende (Rationale l. 4, c. 6, n. 11). Zwei mit bildlichen Darstellungen (Krönung Marias bzw. Jessebaum) bemalte B., von denen einer dem 15., der andere dem 16. Jh. entstammt, finden sich im Germanischen Museum zu Nürnberg. Ein dritter aus dem 16.-17. Jh. daselbst ist nur mit Ornament bemalt. Es sind die einzigen Prozessionsbaldachine überhaupt, die sich aus ihrer Zeit in Deutschland erhalten haben. Sie zeigen die zweite Form.

Die Tragstäbe hatten im Mittelalter oben gewöhnlich als Abschluß eine Kugel, eine Lanzenspitze oder einen Knauf, doch auch wohl Figuren der Evangelisten oder Engelfiguren, wie aus den diesbezüglichen Angaben der Quellen erhellt. In der Zeit des Barock brachte man auf ihnen gern Feuerurnen oder auch wohl Federbüsche an.

Ältere Bildwerke deutschen Ursprungs mit Darstellungen des Prozessionsbaldachins, die uns über diesen Aufschluß geben, haben sich nur in geringer Zahl erhalten. Genannt seien als besonders lehrreich die Miniaturen der Chronik des Konzils von Konstanz des Ulrich von Richenthal: Fronleichnamsprozession, Festzug nach der Krönung Martins V., Prozession der Juden mit den Gesetzestafeln (Ausgabe der Handschrift in kolorierten, photographischen Wiedergaben, Stuttgart 1869), die Holzschnitte des Heiltumsbuches von Hall in Tirol: Reliquienprozession (Kunstfreund N.F. VIII, 1892, 6of.), eine Miniatur Glockendons im Missale Albrechts von Brandenburg in der Schloßbibliothek zu Aschaffenburg: Fronleichnamsprozession (Abb.) und ein Holzschnitt in der Bibliothek von Schlettstadt von 1477: Fronleichnamsprozession (Bull. de la Soc. des amis de la Cath. de Strasbourg 2e sér. 3, 1935). Sie bieten Beispiele sowohl der ersten wie der zweiten Form.

II. Statuenbaldachin (und Figurentabernakel).

A. Bedeutung. B. nennt man auch das über einer Statue angebrachte Schutz- oder Zierdach, das an der Wand hinter der Figur befestigt ist. Wird der B. von Säulen oder Pfeilern getragen, so daß die Statue in einem bis auf die Rückwand offenen Gehäuse steht, so spricht man richtiger von Tabernakel. In ihrer sachlichen und künstlerischen Bedeutung wie in ihrem Vorkommen berühren sich B. und T. so eng, daß sie hier zusammen behandelt werden können.

An der Entwicklung der mittelalterlichen Statue haben B. und T. einen erheblichen Anteil. Wichtiger als der praktische Schutz, den sie der Statue gewähren, und größer als ihre dekorative Wirkung ist ihre künstlerische Bedeutung. Die gotische Statue, die auf Grund bestimmter Bewegungsenergien über sich hinausleitet, findet in dem sie umgebenden T. und dem sie überragenden B. Halt und Ausklang. Aus Altären, Portalen oder Strebepfeilern gerissene Statuen oder Aufnahmen und Abgüsse etwa der Naumburger oder Bamberger Figuren ohne T. und B. ergeben daher ein künstlerisch unbefriedigendes Bild.

B. Geschichte. Die Antike kennt weder den B. noch das T. Die griechische Statue ist in sich beschlossen und bedarf keiner ihr Halt und Richtung gebenden Umrahmung und Bedachung. Wo aus praktischen oder kultischen Gründen eine Statue in ein Gehäuse eingestellt werden muß, verwendet man die Wandnische oder die Ädikula (Sp. 167). Mit dem Verflachen der Raumvorstellung und der Körperhaftigkeit in der Spätantike und der Bevorzugung der Reliefdarstellung in frühchristlicher Zeit geht eine zunehmende Enträumlichung der Umrahmung Hand in Hand; aus Nischen und Ädikulen werden Rahmen, die in der Spätzeit ihres architektonischen Charakters oft restlos entkleidet sind. Auch im Mittelalter ist die Geschichte von B. und T. engstens mit der Geschichte der Statue verknüpft. Die Bildhauerkunst der älteren Zeit, die fast ausschließlich in Relief arbeitet, stellt die Figuren gern in einen Rahmen, der in seltenen Fällen als Nische gebildet ist (Münster, Fragmente von einem Hl. Grab aus St. Mauritius im Landesmuseum; Xanten; Brauweiler); in der Regel verwendet man Blendarkaden von geringer Tiefe. Wieweit man zunächst davon entfernt ist, der Figur ein wirkliches ihrem Raumgehalt entsprechendes Gehäuse zu geben, beweisen in besonders krasser Form die Portalskulpturen von St. Emmeram in Regensburg, bei denen die Figuren weit vor die Umrahmung vorspringen. Vermutlich waren beim Grabmal des Widukind in Enger Figur- und Rahmentiefe schon stärker angeglichen, doch läßt der Zustand des Denkmals ein sicheres Urteil nicht zu. In der monumentalen Steinplastik des 12. Jh. wird nicht selten ein völliger Ausgleich zwischen Figur und Rahmen im Sinn einer einheitlichen Vorderebene erreicht, aber es fehlt auch nicht an Beispielen für das Fortleben der älteren Auffassung, der namentlich auch die Goldschmiedekunst bis weit in das 13. Jh. treubleibt. Bevorzugte Rahmenform ist jedenfalls bis zum Einbruch der Gotik die Blendarkade oder ein entsprechendes rechteckiges Rahmensystem, wofür Chorschranken (Sp. 946, Abb. 3), Altarantependien (Sp. 449/50, Abb. 6; Sp. 451/52, Abb. 7) und -retabeln (Sp. 539/40, Abb. 8; Sp. 545/46, Abb. 15) sowie Portale zahlreiche Belege bieten. Wieweit man in Deutschland um 1200 von der Verwendung des B. und des T. meist noch entfernt war, beweisen besonders treffend die Hildesheimer Chorschranken; die „Faltkuppeln“ über den Figuren werden nicht räumlich im Sinn eines B. ausgewertet, sondern rein dekorativ über die Bogen der Blendarkaden gesetzt. Einen Ansatz zur T.-Bildung kann man am ehesten in dem Altaraufsatz von Brauweiler sehen (Sp. 539/40, Abb. 9), wo entsprechend der starken statuarischen Rundung aller Figuren der thronenden Muttergottes in der Mitte ein (ihre Tiefe allerdings nur zur Hälfte erfassendes) Gehäuse aus zwei Vollsäulen mit einer Art Muschelverbindung gegeben ist. Nur in dem sog. Baumeisterrelief und besonders an der Galluspforte des Basler Münsters(Sp. 947/48, Abb. 6) haben sich die Blendarkaden des Andlauer Portals zu frei vor die Wand gedeihen, nach drei Seiten offenen Säulen-T. gesteigert, in denen Einzelfiguren und Reliefgruppen untergebracht sind.

So spärlich diese Denkmäler auch sind, sie beweisen doch eine innerhalb der Spätromanik vorhandene Neigung, mit dem kubischen Gehalt der Figur auch die Räumlichkeit des Rahmens von der Blendarkade zum T. zu entwickeln. Aber erst im Zusammenhang mit der Rezeption der Gotik im 13. Jh. findet das T. seine folgerichtige Ausbildung, und gleichzeitig lernt Deutschland auch den B. kennen, der in Frankreich seit M. 12. Jh. über der neu geschaffenen Säulenstatue (Sp. 943ff.) in Brauch gekommen war. Während die ältere Bamberger Werkstatt den B. noch nicht kennt, sondern bei der Blendarkade verharrt, haben sämtliche Meister der jüngeren Werkstatt ihren Statuen B. gegeben, auch wenn sie im Dominnern stehen. Das gleiche gilt von Straßburg (Sp. 949, Abb. 8) und Naumburg, wie überhaupt von fast allen Statuen der gotischen Frühzeit. Auch nachdem man um die M. 13. Jh. dazu übergegangen war, die Leibungsstatuen der Portale in Gewändenischen aufzustellen (Sp. 950, Abb. 9 und Sp. 817/18, Abb. 5), blieb man bei der Bekrönung mit B., 10 daß hier nun eine Art Nischentabernakel entsteht (s. u.). B. werden jetzt auch in die Bogenläufe aufgenommen und dienen hier gleichzeitig als B. für die unteren und als Konsolen für die oberen Statuetten. Eben so werden Reihen von B. gern zur oberen Abgrenzung von Reliefs (Naumburger Lettner) und zur horizontalen Unterteilung von Bogenfeldern verwendet.

Die Form des einzelnen B. ist in der Frühzeit seltener die eines quadratischen (Neuweiler i. E.), häufiger die eines polygonalen Rippengewölbes mit zierlichen Aufbauten von oft sehr individueller Prägung (vgl. Adamspforte und Sp. 935, Abb. 13). Schon um die M. 13. Jh. tritt eine weitgehende Typisierung ein. Die weitere Ausbildung folgt der allgemeinen Entwicklung der gotischen Einzelformen (Gewölbe, Bogen, Maßwerk usw.). Die spätere Zeit bevorzugt geschwungene, malerisch reiche Gebilde (Sp. 954, Abb. 13), verschmäht auch nicht die Verwendung naturalisierender Elemente (vgl. Astwerk, Sp. 1166ff.). Das Freiburger Münster besitzt wie viele andere Kirchen B. aus allen Etappen des gotischen Zeitalters (O. Schmitt, Gotische Skulpturen des Freiburger Münsters, Frankfurt a. M. 1926); die Spätzeit wird u. a. auch durch die Kaiserstatuen am Freiburger Kaufhaus (1524ff.) und durch den Dreisitz im Münsterchor repräsentiert.

Wo abseits der Portale am Kirchenäußern Statuen aufgestellt werden, also besonders an Strebepfeilern, bevorzugt man in der Regel das T. Auch die T. lassen sich bis in die Frühzeit der gotischen Plastik zurückverfolgen (Straßburg, Jüngling mit Sonnenuhr am Querschiff). Die formale Entwicklung entspricht im großen und ganzen der für die B. angedeuteten. Zunächst und auch in der Folgezeit immer wieder von viereckigem Grundriß, werden sie seit E. 13. Jh. (Straßburg, Fassade) häufig aus dem Dreieck entwickelt. Die Rückseite ist immer geschlossen. Eine Ausnahme macht nur das auch in anderer Hinsicht ungewöhnliche Reiterdenkmal Kaiser Ottos d. Gr. vor dem Magdeburger Rathaus. Den Urzustand seines allseitig offenen T. (ca. 1240–50) zeigt ein Holzschnitt von 1588. – Nicht selten werden tabernakelähnliche Gebilde, die man Nischentabernakel nennen könnte, durch Verbindung einer von Säulen flankierten Nische mit einem B. erreicht (Sp. 951, Abb. 10). – Auch für die Entwicklung des T. enthält das Freiburger Münster Beispiele aus allen Stadien. Sehr zahlreich sind dabei die Nischentabernakel, die in den verschiedensten Varianten vorkommen: In einfachster Form, nur mit einer Rundstabprofilierung des Randes, bei den Königsstatuen der südlichen Oststreben (Abb. 2); mit ausgebildeten Säulen und entwickeltem B. beim Mann mit der Sonnenuhr (Abb. 3); paarweise übereck gestellt bei den südlichen Weststreben (Sp. 951, Abb. 10) und in besonders glanzvoller Durchführung mit mächtigen Konsolen und B. bei dem sitzenden Grafen am Turm (Abb. 4); in spätgotischer Bereicherung und Auflösung schließlich an den Chorfireben (Abb. 5). – Die eigentliche Tabernakelform zeigen, zunächst über quadratischem Grundriß, die Aufsätze der südlichen Oststreben, dann die Apostelgehäuse der nördlichen Westfireben (Abb. 6) und die zweite und dritte Zone der Turmskulpturen; die T. an den Eckfialen des Turmoktogons sind dreieckig (Abb. 7); noch komplizierter im Grundriß und in reichen spätgotischen Formen ist das T. mit Heimsuchungsgruppe in einem Strebeaufsatz der Südseite. Ein 1758 ausgebauter Chorstrebepfeiler mit der Reiterfigur des Hl. Georg kehrt zu den Formen der gotischen Frühzeit zurück, eben so ein Entwurf Christian Wenzingers von 1786, der allerdings auf eigentliche T.-Bildung verzichtet (Anna Kempf in Oberrhein. Kunst I, 1925/26, S. 40 und Taf. 24/25).

Im Zeitalter der Renaissance verlieren sowohl der B. wie das T. ihre Bedeutung als fast unerläßliche Begleiter der Statue. Am Äußeren wie im Inneren der Bauwerke werden die Figuren jetzt mit Vorliebe in Nischen (München, St. Michael; Heidelberg, Schloß, Sp. 953/54, Abb. 14), seltener in Blendarkaden, oft auch ganz ohne architektonische Umrahmung (Augsburg, St. Ulrich u. Afra, Simpertuskapelle; Köln, St. Maria Himmelfahrt) aufgestellt. Nur in der dekorativen Architektur der Altäre, Sakramentshäuschen, Taufen und Grabdenkmäler kommt das T. vor. Bei Corn. Floris u. a. findet man ein in streng klassischen Formen ausgeführtes T., das durch die Kombination einer Figurennische mit einer frei vorgesetzten Säulenstellung entsteht (Königsberg, Grabmal Herzog Albrechts I., 1568–70, Abb. 9). Mit anderen spätgotischen Elementen wird auch das Figuren-T. in der manieristischen Spätrenaissance wieder etwas häufiger; Christoph Dehne und andere Magdeburger Bildhauer, aber auch Ludwig Münstermann, verwenden ein dem Floris-T. ähnliches Gehäuse, während es etwa Hans Degler (Augsburg, Sp. 554, Abb. 23) und Jörg Zürn (Überlingen) zu einer rückwärts offenen Bogenstellung reduzieren. Im Barock kommt häufiger nur der (oft muschelförmige) B. vor, allerdings fast ausschließlich als Schutzdach von Häuserstatuen (Würzburg, Mainz, Abb. 8), und auch da fast nur an Hausecken. Sonst bleibt am Innen- wie am Außenbau die Einfügung von Statuen in Nischen oder ihre freie Aufstellung durchaus die Regel. Erst die historisierenden Epochen des 19. Jh. haben von B. und T. wieder häufiger Gebrauch gemacht.

C. Für die große Bedeutung des B. im Zeitalter der Gotik ist es bezeichnend, daß auch Statuen, die in keinerlei architektonischer Verbindung stehen, häufig mit einem B. überdacht werden, selbst dann, wenn es sich, wie bei Tumbagräbern, um Liegefiguren handelt. Überhaupt bietet das Grabmal jeder Form zahllose Beispiele für die Anbringung von B. über Figuren. Daneben kommt allerdings auch immer wieder die Umrahmung der ganzen Figur mit einer Blendarkade vor, und etwa bei den Würzburger Bischofsgrabmälern wird im 14. Jh. gelegentlich ganz auf Rahmenwerk verzichtet. Als Grabmäler des 13. Jh. mit einem B. über der Figur des Verstorbenen seien das Bamberger Papstgrab und die Holzfigur des Grafen Heinrich III. von Sayn († 1247) in Nürnberg genannt. Für die Folgezeit genügt ein summarischer Hinweis auf die bischöflichen Grabdenkmäler im Dom zu Mainz, wo sie seit dem späten 14. Jh. an den Pfeilern des Mittelschiffs aufgerichtet werden, und in Köln, wo man bis zum Ausgang des Mittelalters bei der Liegetumba verharrt. In beiden Fällen wird fast ausnahmslos ein B. über der Figur des Verstorbenen angebracht. Zu Beginn des 16. Jh. dringt aus Italien die Bogenstellung als bevorzugtes Rahmensystem der nun meist aufgerichteten Grabfigur ein, zunächst gelegentlich noch in absonderlicher Verbindung mit dem B., wie beim Denkmal des Erzbischofs Uriel von Gemmingen († 1514) in Mainz, aber bald unter völliger Abstoßung des B. Erst im Zeitalter des Barock spielt der B. bei Grabmälern noch einmal eine Rolle, nun aber nicht mehr in architektonischer, sondern in naturalistischer Form, als malerische Stoffdraperie, deren Faltenmassen Rahmen oder Hintergrund der Figur bilden. Es genügt auch hier, auf die Denkmäler des Mainzer Domes (Kurfürst A. Fr. von Ingelheim, † 1695, Abb. 10; Dompropst Heinrich Ferdinand v. d. Leyen, † 1714 u. a.) hinzuweisen. In älterer Zeit sind naturalistische Stoffbaldachine bei Grabmälern höchst selten; einen zeltartig aus Stoff gedachten B. zeigt das Grabmal der Kaiserin Eleonore († 1467) in Wiener Neustadt.

D. Während die gotischen Grabdenkmäler in der Regel nur den B. verwenden, spielt im Altarschrein des späteren Mittelalters sowohl der B. wie das T. eine große Rolle. Es ist durchaus die Regel, daß Einzelstatuen wie Gruppen und Reliefs unter B. oder in T. stehen. Vgl. die Abb. im Artikel Altarretabel Sp. 545ff., besonders auch den Frankfurter Maria Schlaf-Altar, Sp. 546, Abb. 14. Ergänzend sei als frühes Beispiel für die Unterbringung einer Statuengruppe in einer T.-Anlage der Dreikönigsschrein im Dom zu Schleswig (gegen 1300) genannt. Im Ostseegebiet findet man seit dem 13. Jh. häufiger Kastenaltäre mit Faltflügeln, deren Schrein nur eine einzige Statue (Muttergottes, St. Olaf) enthält. Oft hat der Schrein die Gestalt eines von dünnen Säulen getragenen T. mit geschlossener Rückwand und zinnenbekröntem Dach; in andern Fällen beschränkt sich die architektonische Umrahmung auf den Sockel und einen an der Rückwand angebrachten B. In Süddeutschland ist dieser Typus seltener: kleiner Friedberger Altar in Darmstadt; Zeller Altar des Hans Strigel von Memmingen im Bayr. Nationalmuseum München (Kat. Halm-Lill Nr. 204). Von einem T.-Altar um 1300 aus Steinkirchen in der Lausitz hat sich nur das Gehäuse mit der Statue eines Apostels erhalten (Berlin, DM., Kat. Demmler Nr. 3198).

Zu den Abbildungen

Aschaffenburg, Hofbibliothek Ms. 10, Fronleichnamsprozession aus dem Missale des Nürnberger Malers Nikolaus Glockendon für Kardinal Albrecht von Brandenburg, 1524. Phot. Dr. W. Serauky, Halle.

1. Freiburg i. Br., Münster, David an der Westseite des Langhauses, um 1275. Phot. G. Röbcke, Freiburg i. Br.

2. Ebd., Königsstatue an einer südlichen Oststrebe, um 1250. Phot. G. Röbcke, Freiburg i. Br.

3. Ebd., Mann mit Sonnenuhr, an einer südlichen Oststrebe, um 1250. Phot. G. Röbcke, Freiburg i.Br.

4. Ebd., Sitzender Graf am Turm, um 1280. Phot. G. Röbcke, Freiburg i. Br.

5. Ebd., Nischentabernakel an einem südlichen Chorstrebepfeiler, um 1500. Phot. G. Röbcke, Freiburg i. Br.

6. Ebd., Bartholomäus an einer nördlichen Weststrebe, um 1270. Phot. G. Röbcke, Freiburg i. Br.

7. Ebd., Statuentabernakel am Turmoktogon (Nordwestecke), um 1320–30. Phot. G. Röbcke, Freiburg i. Br.

8. Mainz, Betzelsgasse 1, Immaculata, um 1760. Phot. Professor Dr. E. Neeb, Mainz.

9. Königsberg i. Pr., Dom, Grabmal Herzog Albrechts I., 1568–70 von Cornelis Floris. Phot. Staatl. Bildstelle Berlin.

10. Mainz, Dom, Grabmal des Kurfürsten Anselm Franz von Ingelheim († 1695). Phot. Professor Dr. E. Neeb, Mainz.

Literatur

1. Franz Bock, Geschichte der liturg. Gewänder III, Bonn 1871, 186ff. 2. Joseph Braun, Die liturg. Paramente in Gegenwart und Vergangenheit, Freiburg 1924, 239f. 3. Ders., Liturgisches Handlexikon, Regensburg 1924, 351. 4. Charles de Linas. Les disques crucifères, le flabellum et l’umbella, Revue de l’Art chrét. XXXV, 1884, 16ff. 5. Otte I, 372.

s. Architekturplastik Sp. 959. Für die Entwicklung des B. vgl. Viollet-le-Duc, Architecture 5, S. 1ff.

Verweise