Backstein

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englisch: Brick; französisch: Brique; italienisch: Cotto.


Otto Stiehl (1937)

RDK I, 1340–1345


RDK I, 1341, Abb. 1. Gotischer Backsteinfries.
RDK I, 1341, Abb. 2. Gotischer Backsteinfries.
RDK I, 1341, Abb. 3. Gotischer Backsteinfries.
RDK I, 1343, Abb. 4. Stargard (Pommern), Marienkirche, um 1400.

Unter B. – häufig auch als Ziegel bezeichnet, während manche diese Bezeichnung auf Dachziegel, tegulae, beschränkt wissen wollen – verstehen wir die aus Ton oder dem durch stärkere Sandbeimischung minderwertigerem Lehm als „Tonpatzen“, „Luftziegel“ geformten und dann durch scharfes Brennen gehärteten und wetterfest gemachten Bausteine handlicher Abmessungen, die zur schichtmäßigen Herstellung von Mauerkörpern dienen. Größere Stücke gebrannten Tons pflegt man als „Terrakotten“, flache, als Wand- oder Fußbodenbelag verwendete Platten als „Fliesen“ von den B. zu unterscheiden. Von den gewöhnlichen, nur bis zur völligen Gare gebrannten Steinen unterscheidet man weiter die „Klinker“, die aus geeigneten Tonen bis zur beginnenden Schmelzung gebrannt, „versintert“ sind. „Verblender“ oder „Vormauerungssteine“ wurden in alter Zeit nicht besonders hergestellt, sondern als beste Wahl aus dem allgemeinen Brandgut ausgesondert.

Die Technik des B. ist zeitlichen Veränderungen unterworfen gewesen. Ihre Kenntnis ist deshalb für die Einordnung der Bauten in die zeitliche Entwicklung von Wert.

Im allgemeinen wurden die B. in rechteckigen hölzernen Formen „Kästen“ in gleicher Größe „geschlagen“ oder „gestrichen“ [2.3]. Eine urtümlichere, in der Lombardei im 12. Jh. vielfach zu beobachtende Art, die Stücke aus großen flachen Tonkuchen zu schneiden, von der Verwendung römischer Bruchstücke zu unterscheiden durch die sichtbaren glatten Schnittflächen, liefert Steine von verschiedenen Abmessungen besonders in der Dicke: sie tritt in Deutschland nur an wenigen Erstlingsbauten (Verden, Domturm; Hagenau) auf. Die in Kästen geformten Steine haben für die einzelne Bauausführung gleiche Größe, doch wechselt diese je nach den technischen Gewohnheiten und künstlerischen Absichten der verschiedenen Zeiten in weiten Grenzen. Die Römer verwendeten mit Vorliebe quadratische Ziegel von 30–50 cm Seitenlänge und 3–5 cm Dicke, kannten daneben aber auch rechteckige B. von etwa 1 : ½′ u. ä. [4]. Die älteren lombardischen Bauten verwenden Steine von sehr verschiedener Größe, bei denen auch die Dicke am gleichen Bau zwischen 5 und 7 bis 8 cm schwankt. Kurz vor 1200 geht man dann zu einheitlichen Größen von etwa 24 : 10 : 6,6 bis 30 : 12 : 8 cm. Ähnlich sind die Steine der ersten norddeutschen B.-Bauten 25–26 cm lang, 9,5–10 cm breit und 5–7 cm stark. Gegen 1200 steigerten sich diese Maße auf 26–29 cm Länge, 12–14 cm Breite und 8–9,5 cm Stärke. Gelegentlich, so an den Keilsteinen der Bogenwölbungen finden sich auch abweichende Steingrößen. Die gotische Zeit vergrößert die Steine weiter auf 9,5–11 cm Stärke, 14–16 cm Breite und 27–31 cm Länge. Abweichungen von diesen allgemein gültigen Maßen nach unten hin finden sich zu allen Zeiten aus technischem Grunde, so besonders an der Wasserkante [3] mit ihren sehr fetten und schwer trocknenden Tonen, dann auch an spätgotischen Wölbsteinen der Werksteingebiete. – Auch geht diese allmähliche Vergrößerung nicht in gleichmäßigem Zuge vor sich, sondern unter vielfachen Rückschlägen und Einzelabweichungen. Sie kann daher als Mittel der Zeitbestimmung nur zur Festlegung größerer Zeitabschnitte benutzt werden. – Die deutsche Renaissance arbeitet zunächst mit dem mittelalterlichen Format weiter, gelangt dann gegen die Barockzeit hin allmählich zu Maßen, die dem heutigen „Normalformat“ 25 : 12 : 6,5 gleichen oder nahestehen.

Die älteren Zeiten haben die rote Farbe der B. bevorzugt, gelbliche Töne seltener benutzt, dabei jederzeit schreiende Farben vermieden. Im Mittelalter scheute man nicht die Belebung der Flächen durch die Abwechslung der im Brande erzeugten helleren und tieferen Töne vom hellen Fleischrot bis zu einzelnen schwärzlich verfinsterten Steinen hin. Daneben wurden solche verfinsterten Steine auch wohl als Ersatz von Glasuren zu regelrechten Musterungen der Flächen benutzt. Die Renaissance und besonders das Barock legen größeren Wert auf die gleichmäßige Färbung der Flächen; erst gegen 1800 tritt, wenn auch sehr vereinzelt, an der Wasserkante, vielleicht unter englischem Einfluß, eine Freude an möglichst bunter Mischung verschiedener Farbentöne auf. Über die farbige Entwicklung des B. im 13. und 14. Jh. vgl. [3 S. 13 ff] und [9]. Zum Teil wurden die B. nach der Vermauerung noch rot überstrichen [3 S. 22].

Die Oberfläche der Steine zeigt im allgemeinen die durch die Handstrichtechnik bedingte rauhe Körnigkeit. Die in der Lombardei vielseitig ausgebildete Bearbeitung der Sichtflächen mit Flächhammer, Scharriereisen usw. übernimmt man in Deutschland nur an den ersten Bauten, beschränkt sie auch bald auf die Außenseite der Rundapsiden, wo sie zur Herstellung der Rundform wenigstens an den Läufern nötig war, ferner auf die Kantensteine und sorgfältig gearbeitete Bogenkeilsteine. Über die im lübeckischen Gebiet (Lübeck, Mölln usw.) sehr verbreitete sorgfältige Scharrierung s. [3 S. 9ff.]. Schon in spätromanischer Zeit stirbt diese Verfeinerung, die naturgemäß vor dem Brennen ausgeführt wurde, ganz aus. Im ersten Drittel des 13. Jh. treten als weitere Bereicherung der Oberfläche die Glasuren auf, zeitlich gesichert zuerst in schwarzer Farbe an dem alten Westbau von St. Petri in Lübeck (1225–40). Altenkirchen auf Rügen etwa gleichzeitig. Die ältesten sind im Gesamtton braun bis schwarz, später meist grün bis schwarz; in echten Stücken durchscheinend und in offenbar beabsichtigtem starkem Farbwechsel von tiefgelb über braun bis schwarzgrün am gleichen Stücke schillernd, seltener gleichmäßig deckend gelb oder hellgrün.– Mancherorts werden seit dem 14. Jh. Ziegelstempel verwendet, so in Lüneburg, Lübeck, auf Fehmarn, in der Mark Brandenburg (Tangermünde), vgl. [3. 10. 11. 12]. Ob es sich bei den eingeprägten Zeichen um den Steinmetzzeichen entsprechende Urhebermarken handelt, ist noch nicht genügend untersucht worden, nur die Lübecker Marken sind eindeutig Ziegeleistempel (B. der St. Petri-Ziegelei sogar in Skagen nachweisbar). – Über die am Äußeren von Backsteinbauten wie an Werksteinbauten vorkommenden Wetzrillen vgl. diese.

Formsteine werden von den ältesten Zeiten an gefertigt für die meist sehr sorgsam behandelten Bogenstirnen, für die Ecken der schrägen Fensterleibungen, sodann für die Gliederungen der Tür- und Fenstergewände, diese ebenso wie die Gewölbedienste nicht selten als hochkantig gestellte Stücke wie in der Lombardei in das Schichtmauerwerk eingesetzt, endlich für Gesimse, Konsolen und Bogenfriese (Abb. 1–3). Diese Sonderstücke wurden zuerst in Anlehnung an Hausteintechnik schnitzend aus dem halb oder ganz lufttrockenen Ton gearbeitet, wobei man sich gelegentlich von der Bindung an das Maß der Flächensteine freimachte. Bald aber werden sie aus Flächensteinen geschnitten. In gotischer Zeit hält man die gleichmäßige Steingröße strenger als Grundmaß der Formgebung fest; die Formsteine und auch die Teilstücke selbst reicher Maßwerkfriese werden nun stets als „snedestene“, beim Bau von St. Johann in Lüneburg mit dem Wert von etwa 10 Flächensteinen berechnet, aus solchen mit dem Schneidedraht ausgeschnitten (Abb. 4). Für reiche Gewände fertigte man in frühgotischer Zeit gelegentlich größere Tonblöcke von 2–3 Schichthöhen, in spätgotischer Zeit auch Steine doppelter Breite, etwa 28 : 28 : 10 cm groß.

Die Mauermassen bestehen meistens aus Füllmauerwerk und einer ½ Stein starken vorgesetzten Verblendschicht von „Läufern“, die durch tiefer hineingreifende Steine „Binder“ mit dem Füllmauerwerk verankert wird. Seltener und wohl nur in romanischer Zeit ist das Mauerwerk aus Ziegeln durchgeschichtet und zwar abweichend von heutiger Arbeitsweise so, daß sozusagen eine Anzahl von ½ Stein starken Wänden hintereinander gestellt und wieder durch Binder miteinander verankert sind. Beide Ausführungsweisen geben volle Freiheit für die Abwechslung von Läufern und Binden. Man läßt entweder nach je einem Läufer einen Binder folgen – der sogenannte „gotische“ oder „polnische“ Verband – oder nach je einem Läufer zwei Binder – der sogenannte „märkische“ oder „wendische“ Verband. Die Bezeichnungen sind zwar geschichtlich völlig unbegründet, jedoch handwerklich eingewurzelt. Bei beiden Verbänden bilden sich in der Fläche durch die immer gleiche Folge der Stoßfugen leicht zusammenhängende große Linien zum Schaden der einheitlichen Flächenwirkung. Um sie zu vermeiden, wechselt man besonders in späterer gotischer Zeit gern mit beiden Folgen in der gleichen Schicht ab, schaltet wohl auch stellenweise noch mehr Läufer ein, um eine unregelmäßigere Verteilung der Stoßfugen und dadurch eine ruhigere Flächenwirkung zu erzielen [3].

Das Gebiet der Backsteinverwendung umfaßt in der Römerzeit naturgemäß alle von den Römern besetzten deutschen Lande, doch stirbt die Herstellung von B. mit dem Sturz der Römerherrschaft ab. Im deutschen Mittelalter setzt die Herstellung von B. gegen E. 12. Jh. in mehreren Gebieten ein: 1. im bayerischen Alpenvorland vom Lech bis zur Inngrenze, 2. in Norddeutschland von dem damals zum deutschen Reiche gehörenden Friesland den Meeresküsten entlang bis zu den östlichen Grenzen des Deutschordenslandes, im Binnenlande vor allem in der Mark Brandenburg, in Mecklenburg, Pommern und Posen beherrschend, mit Ausläufern bis weit nach Obersachsen, Schlesien und Polen hineingreifend, 3. seit etwa E. 12. Jh. wird B. auch ausgiebig am Oberrhein (Straßburg) und gelegentlich am Mittel- und Niederrhein (Kloster Eberbach, Kaiserswerth) als Baustoff von Mauermassen usw. gebraucht. Außerhalb der geschlossenen B.-Gebiete bedient man sich des B. zu den mit ihm leichter herzustellenden Gewölben seit dem 14. Jh. in Mittel- und Süddeutschland auch bei sonst reinen Werksteinbauten. In der gleichen Zeit drängt er am Niederrhein und weiter westlich den dort heimischen Bruchstein- und Tuffbau zurück und verdrängt ihn seit dem 16. Jh. vollständig, wie er auch in anderen Gegenden über die ihm im Mittelalter gesetzten Grenzen stark vordringt.

S. Backsteinbau, Baukeramik.

Zu den Abbildungen

1.–3. Gotische Backsteinfriese am Dom zu Schwerin, an der Katharinenkirche zu Bandenburg und am Dom zu Culmsee (Westpreußen). Nach Zeichn. des Verf.

4. Stargard (Pommern), Marienkirche, Strebepfeiler am Chor, um 1400. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

Literatur

1. Karl Dümmler, Hdb. d. Ziegelfabrikation, Halle 1910–142. 2. Paul Friedrich, Blütezeit und Niedergang unserer Ziegelindustrie, Lübeck 1897. 3. Heinrich Delfs, Fläche und Farbe im Lübeckischen Ziegelbau, Diss. Braunschweig 1920 (ungedr.). 4. Jos. Durm, Die Bauk. d. Etrusker. Die Bauk. d. Römer, Hdb. d. Arch. II, 2, Leipzig 19052, S. 184. 5. O. Stiehl, Zur Wiederaufnahme mittelalterlicher Backsteintechnik, Die Denkmalpflege Jg. 7, 1905, S. 21ff. 6. Ders., Der Backsteinbau romanischer Zeit, Leipzig 1898. 7. Mogens Clemmensen, La parente entre les architectures en briques lombarde et danoise, Kopenhagen 1925. 8. O. Stiehl, Backsteinbauten in Norddeutschland und Dänemark, Stuttgart o. J. (1924), S. VII, XVIIIff. 9. Leo Bruhns, Die Kirchen Rostocks, Rostock 1926. 10. Franz Krüger, Ziegelstempel in Lüneburg, Festblätter des Museumsvereins für das Fürstentum Lüneburg 5, Lüneburg 1933. – 11. Ders., Mittelalterliche Ziegelstempel, Forschungen und Fortschritte X, 1934, S. 191. 12. R. Haupt, Kurze Geschichte des Ziegelbaus, Heide i. H. 1929.

Verweise