Babel, Turmbau zu

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englisch: Erection of the Tower of Babel; französisch: Babel, Babylone, tour de Babel; italienisch: Torre di Babele.


Rolf Fritz (1937)

RDK I, 1315–1321


RDK I, 1315, Abb. 1. Hortus Deliciarum, E. 12. Jh.
RDK I, 1317, Abb. 2. Welislav-Bibel, Anf. 14. Jh. Prag.
RDK I, 1317, Abb. 3. Weltchronik, um 1411. Berlin.
RDK I, 1317, Abb. 4. Stundenbuch des Herzogs von Bedford, 1420–30. London.
RDK I, 1317, Abb. 5. Breviarium Grimani, Anf. 16. Jh. Venedig.
RDK I, 1319, Abb. 6. Pieter Bruegel d. Ä., 1563. Wien.

Babel, Turmbau zu, künstlerische Darstellung des biblischen Berichtes vom Turmbau zu B. (1. Mose 11, 14), die entweder die Erbauung des Turmes oder seine Zerstörung oder beide gleichzeitig schildert. Die frühesten Darstellungen (Salerno, Elfenbeinantependium, 11. Jh.; Mosaiken zu Monreale und Venedig, 12. Jh.) zeigen besonders ausführlich die am Bau des Turmes beschäftigten Handwerker. Der Turm selbst ist ein einfacher, flächenhaft gegebener Bau, oft mit mehreren Geschossen, die sich stufenförmig nach oben verjüngen. Diese Auffassung zeigt auch die Miniatur des Hortus Deliciarum (Abb. 1), deren Einzelheiten für die Steinmetztechnik der Zeit bedeutsam sind. Im 13. Jh. wird die Figurenkomposition reicher (Prag, Welislav-Bibel, Abb. 2), und im 14. Jh. kommt die Darstellung des Turmbaues zu B. in zahlreichen Hss. vor (Bibeln, Speculum humanae salvationis). Besonders in den Weltchroniken (München, Staatsbibl. Cgm. 4, 5, 11; Stuttgart, Landesbibl. H. B. XIII: 6, 1383; Kassel, Landesbibl. Ms. theol. 2° 4, 1385; Berlin, Kk. cod. 78 E 1, um 1411, Abb. 3) macht sich ein stärkeres Interesse an der architektonischen Gestaltung des Turmes geltend. Außerdem schildern die Künstler ausführlich die lebhafte Tätigkeit der verschiedenen Handwerker am Bau, und oft erscheint der sagenhafte Bauherr des Turmes, der Riese Nimrud.

Die entscheidende Wandlung der Ikonographie vollzieht sich in der französischen (Pariser) Buchmalerei um 1400. (Beispiele: Augustin, De civitate Dei, Paris, Bibl. Nat. ms. fr. 23 und Bedford-Stundenbuch, London, Kgl. Bibl. Add. M. S. 18850, Abb. 4). An Stelle des flächenhaft gegebenen Turmes tritt ein viereckiger oder runder, um den sich Rampen bis zur Spitze emporwinden. Dieser, wohl unter dem Einfluß orientalischer Vorbilder (Samarra, Cairo, Tulun-Minâre) entstandene Typus wird zur herrschenden Form, die ihre höchsten Steigerungen in den Darstellungen im Breviarium Grimani (Abb. 5) und bei Pieter Bruegel d. Ä. (1563, Abb. 6; bei diesem Typus ist eine Einwirkung des Colosseums in Rom unverkennbar) erfuhr. In der 2. H. 16. Jh. wächst die Zahl der Darstellungen des Turmbaues zu B. stark an. Vor allem in den Niederlanden entstehen in dieser Zeit Tafelbilder (Hendrick van Cleve, Momper, die Valkenborchs u. a.) und Graphiken (C. Antonisz, P. Galle u. a.) in großer Menge. Der Typus des Rampenturmes wird im Anschluß an Bruegel beibehalten und oft durch Kombination mit dem Stufenturm-Typus bereichert. Die Bilder, häufig in großem Format, zeigen eine Fülle von Figuren und malerischem Beiwerk. Gelegentlich kommt als Gegenstück zum Turmbau zu B. der Bau des Templum Salomonis vor (z. B. 1932 im Brüsseler K.-Handel, Poupé).

In Deutschland erscheint der Turmbau zu B. häufig in der Bibelillustration (Koberger Bibel 1483, Schedels Weltchronik 1493, Holbein 1539, H. S. Beham, Tobias Stimmer 1576) und in der Graphik des 17. Jh. (M. A. Hannas, C. Meyer). Zu Anfang des 17. Jh. verschwindet die Darstellung des Turmbaus zu B. als Gemälde in der niederländischen Malerei fast völlig. Die Kleinkunst bemächtigt sich des Motivs (Elfenbeinrelief am Münzschrank von Christof Angermaier, 1632, München, Bayer. Nat.-Mus.) und auch das Kunstgewerbe benutzt die Form des Rampenturmes (Kugellaufuhren in Dresden 1602 und in Braunschweig). In Zusammenstellungen von Fragen für das Steinmetzexamen spielt während des Mittelalters und der Renaissance die Frage nach dem Turmbau z. B. eine große Rolle.

Am Ende des 17. Jh. erscheinen die ersten Rekonstruktionsversuche des Turmes zu B., die aber stark unter dem Einfluß der überlieferten Ikonographie stehen (Athanasius Kircher, Turris Babel, Amsterdam 1679). Sie setzen sich bis in das 18. Jh. hinein fort (Fischer von Erlach, Entwurff zu einer historischen Architektur, Wien 1721).

Zu den Abbildungen

1. Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg, fol. 27, E. 12. Jh. Nach der Ausgabe von Straub u. Keller, Straßburg 1898.

2. Miniatur in der Welislav-Bibel, Böhmischer Meister, A. 14. Jh. Prag, Univ.-Bibl. Phot. Bibl.

3. Miniatur in der Toggenburg-Bibel, Chronik des Rudolf v. Ems. Schweizer Meister, um 1411. Berlin, Kk. Cod. Nr. 78 E 1. Phot. Mus.

4. Miniatur aus dem Stundenbuch des Herzogs von Bedford, des Regenten von Frankreich. Französ. Meister, ca. 1420–30. London, Königl. Bibl. Add. M. S. 18850. Phot. Mus.

5. Miniatur aus dem Breviarium Grimani. Flämischer Meister, A. 16. Jh. Venedig, Bibl. von S. Marco. Nach der Ausgabe von Scato de Vries, Leiden und Leipzig 1904/05.

6. Pieter Bruegel d. Ä., signiert und datiert 1563. Wien, Staatl. Gal. Phot. Kunstverlag Wolfrum, Wien.

Literatur

1. Theodor Dombart, Kunsthist. Studie zum Babelturmproblem, Mitt. der Vorderasiatischen Ges. Jahrg. 21, 1916. 2. Paul Brandt, Schaffende Arbeit und bildende Kunst Bd. 1, Leipzig 1927, S. 243ff. (zahlr. Abb.). 3. Walter Andrae und Rolf Fritz, Der Babylonische Turm, Erläuterungen zum Kabinett des Babylonischen Turmes usw., Berlin 1932 (m. 18 Abb.). 4. Rolf Fritz, Die Darstellungen des Turmbaues zu Babel in der bildenden Kunst, Mitt. d. Dt. Orientges. zu Berlin, Nr. 71, 1932 (mit ausführl. Literaturangaben und Abbildungsnachweisen). 5. E. Lacroix, Mittelalterl. Baugerüste, Dt. Kunst und Denkmalpflege Jg. 1934, S. 220. 6. Heinrich Jerchel, Die Bilder der südwestdeutschen Weltchroniken des 14. Jh., Zs. f. Kg. 2, 1933, S. 381ff.