Bürgerbauten

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englisch: Civic architecture; französisch: Architecture civile; italienisch: Edifici civici.


Adolf Bernt (1951)

RDK III, 178–180


Sammelbezeichnung für alle spezifisch bürgerlichen Bauten innerhalb der Stadt. Grundsätzlich hat man zwischen privaten, öffentlichen und Gemeinschaftsbauten zu unterscheiden. Die privaten B. für Wohnung, Handwerk und Handel stehen zahlenmäßig an erster Stelle, wogegen die öffentlichen B., die nach dem Verwendungszweck sehr verschiedene Form annehmen, durch Größe und künstlerischen Wert im Vordergrund stehen. Die Gemeinschaftsbauten sind verhältnismäßig selten und haben kaum Typen gebildet.

Während die privaten B. mit dem Beginn des Städtebaus auftreten, beginnt die Errichtung öffentlicher B. erst mit der Emanzipierung vom Stadtherren, meist in heftigen Kämpfen gegen die Immunität (Freiung). Zu den ältesten B. dieser Gruppe gehören die Rathäuser, die sich ins 12. Jh. zurückverfolgen lassen. Seit dem 14. Jh. differenzieren sich die Bedürfnisse des Bürgertums und damit auch die B., deren größter Reichtum sich im 15. und 16. Jh. entfaltet. Nachdem durch den Dreißigjährigen Krieg und das Anwachsen der Macht der Fürsten ein Stillstand eingetreten war, entstehen im 18. und vor allem im 19. Jh. durch neue Bedürfnisse der Kultur und Hygiene, der Industrie und des Handels zahlreiche neue Typen.

Der Schwerpunkt liegt im 14. Jh. bei den Hansestädten, im ausgehenden MA verlegt er sich nach Oberdeutschland. In der Barockzeit erfaßt er, vom Süden ausgehend, auch fast alle Residenzstädte und im geringeren Maße auch die Hansestädte. Seit A. 19. Jh. verteilen sich die B. allseitig, am weitaus stärksten aber auf die Großstädte.

In der nachfolgenden Zusammenstellung ist in ( ) beigefügt, wie oft die einzelnen Typen bei Dehio [1] erwähnt sind, d. h. also nach dem Stand von 1939.


I. Private B.


a) Wohnbauten: Bürgerhaus, Steinwerk, Kemenate, Gartenhaus

b) Einzelbetriebe für

1. Handwerk: Werkstätten der einzelnen Handwerke

2. Handel: Schranne, Bude

3. Verkehr: Fuhrbetrieb, Postgebäude

4. Unterkunft: Herberge, Gasthaus (80), Burse, Hotel

5. Geselligkeit: Schenke, Wirtshaus, Kaffeehaus.


II. öffentliche B.


a) Verwaltung: Rathaus (800), Kanzlei (10), Archiv

b) Rechtspflege: Gericht, Peinkammer, Gefängnis

c) Kriegswesen: Stadtbefestigung, Zeughaus (30). Rüstkammer, Schützenhaus (5)

d) Geldwesen: Münze, Steuerhaus, Bank

e) Versorgung:

1. Ernährung: Speicher (50), Mühle (50), Backhaus, Brauhaus (10), Fleisch-(Fisch)haus, Schlachthof, Salzhaus (zus. 10)

2. Wasser: Wasserleitung, Brunnen

3. Bekleidung: Manghaus, Walkhaus, Gewandhaus, Schuhhof

4. Bauwesen: Bauhof, Ziegelei

f) Gesundheitspflege und Fürsorge: Bad (10), Spital (90), Apotheke, Siechenhaus, Waisenhaus (20), Altersheim

g) Kultur: Schule (50), Universität (10), Bibliothek, Theater, Museum

h) Handel: Marktplatz, Kran, Waage, Kaufhaus (15), Zollhaus, Börse

i) Verkehr: Marstall, Straße, Tor, Brücke, Bahnhof

k) Feuerwehr: Spritzenhaus.


III. Gemeinschaftsbauten.


a) Beruf: Zunfthaus (Innungs-, Gildehaus, zus. 60)

b) Geselligkeit: Hochzeitshaus (Ball-, Tanzhaus), Artushof (1), Trinkstube, Kalandhaus.


Die Zusammenstellung ist der Übersicht wegen vereinfacht. Verwandte Typen schließen sich oft zusammen, vertreten sich gegenseitig oder folgen einander. Ursprung und Entwicklung der B. sind nicht immer nur vom Bürgertum abhängig, sondern stehen in wechselseitiger Beeinflussung mit den Bauten der Kirche und des Landesherrn. Dies trifft vor allem für die B. der Gesundheitspflege und Fürsorge sowie der Kultur zu. Doch kann man sagen, daß der überwiegende Teil der B. selbständige künstlerische Leistungen des Bürgertums waren.

Literatur

1. Dehio I – V; Dehio, Österr. 1; Dehio-Gall 1–5; Dehio-Ginhart 1–3. – 2. G. v. Below, Das ältere dt. Städtewesen und Bürgertum, Bielefeld und Leipzig 1898. – 3. Bürgerbauten aus vier Jh. dt. Vergangenheit, Königstein i. T. 1921. – 4. K. H. Clasen, Hdb. d. Kw. S. 227ff. – 5. Dehio, Dt. K. 2, S. 333ff. – 6. A. Haupt, Hdb. d. Kw. 2, passim.

Verweise