Börse, Börsengebäude

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Exchange, stock-exchange; französisch: Bourse; italienisch: Borsa.


Hans Feldbusch (1942)

RDK II, 1041–1044


RDK II, 1041, Abb. 1. Antwerpen, "Neue" Börse, beg. 1531.
RDK II, 1043, Abb. 2. Philipp Gerlach, Entwurf für eine Börse in Berlin, um 1700.

I. Begriff

Als B. bezeichnet man solche Gebäude, in denen sich Kaufleute regelmäßig zusammenfinden, um unmittelbar miteinander oder durch Vermittlung von Maklern Handelsgeschäfte in Waren oder Wertpapieren abzuschließen. Die Herkunft des Wortes „Börse“ ist strittig; wahrscheinlich kommt es vom mittellat. bursa = Geldbeutel.

II. Geschichte

A. Antike

Schon die Antike kannte Gebäude, die für die Abwicklung von Handels- und B.-Geschäften bestimmt waren: die Marktbasiliken. Von den zehn seit dem 2. Jh. v. Chr. auf den verschiedenen römischen Foren errichteten Basiliken sind die Basilika Julia, die Basilika Ulpia und die konstantinische Basilika wenigstens soweit erhalten, daß sie die Anlage und die gewaltigen Ausmaße dieser Gebäude erkennen lassen. Sie boten mit ihrem überhöhten Mittelschiff und den durch Bogenstellungen abgetrennten Seitenschiffen die Gewähr für die Aufnahme großer Menschenmassen und für gleichmäßige Beleuchtung.

B. Renaissance und Barock

Aus der Notwendigkeit, dem seit dem 13. Jh. immer mehr anwachsenden Handel geeignete Räume zu schaffen, entstanden in Flandern und Holland die großen Handelshallen (Ypern, Brügge, Mecheln, Gent, Löwen, Antwerpen, Amsterdam [3]). Sie waren in erster Linie Lagerhäuser, haben darüber hinaus aber auch als Waren- und Produkten-B. gedient. Die älteste B. im engeren Sinne besitzt Antwerpen in seiner „Vieille Bourse“. Bereits im 14. Jh. wurde in der Rue des Jardins ein als B. bezeichneter Holzbau errichtet. Gegen E. 15. Jh. verlegte man die Vieille Bourse in ein Anwesen der gleichen Straße; gedeckte Bogengänge umschließen kreuzgangähnlich drei Seiten eines Hofes. Diese Anlage ist bis heute erhalten geblieben. 1531 begann der Stadtbaumeister Dominikus van Waghemaker mit dem Bau einer neuen, bedeutend größeren B. von ähnlicher Anlage [1; 4, S. 18]; Laubengänge umgaben allseitig einen rechteckigen Hof, in dem sich unter freiem Himmel die Geschäfte abspielten (Abb. 1). Nach den Plänen dieser bereits 1538 abgebrannten zweiten Antwerpener B. wurde 1564–70 die B. zu London erbaut (1866 durch Feuer zerstört).

Von anderen wieder untergegangenen B.-Gebäuden des 16. Jh. in Toulouse (1548), Paris (1563), Hamburg (1583) sind keine Pläne erhalten. Man darf jedoch annehmen, daß die Antwerpener B. Vorbild für sie gewesen ist. Die Amsterdamer B. von 1608 kennen wir wenigstens aus einem Stich des 17. Jh. [1, Abb. 344]. Zweistöckige Gebäudetrakte, deren unteres Geschoß sich in weiten Arkaden öffnet, umschließen einen langgestreckten Hof. 1620 bis 1640 wurde die noch heute bestehende Kopenhagener B. nach Plänen der Brüder Lourens und Hans Steenwinkel errichtet; sie stellt sich im Grundriß als langgestreckter Rechteckbau dar und weicht zum erstenmal vom Typus der Hofanlage ab (Joh. Werner, Börsen, Kopenhagen 1915). 1652 lieferte Julien Destré den Entwurf zu der ebenfalls erhaltenen, jedoch stark entstellten B. in Lille. Sie liegt hier inmitten eines von Kaufmannshäusern gebildeten Baublocks und besteht wieder aus einem von Arkaden mit einem darüberliegenden Stockwerk umgebenen Hof [4, S. 41 und Abb. 166 bis 168]. Ausgangspunkt für alle diese Anlagen mögen die Lauben m.a. Rathäuser gewesen sein, die ja häufig, besonders in Norddeutschland (Thorn, Lübeck; vgl. Backsteinbau, RDK I, Sp. 1360ff.), auch als Kauf- und Lagerhäuser zu denken sind.

Ein völlig neuer B.-Typus setzt mit der um 1686 nach Plänen von Jean Baptiste Broebes (1686–92 Ratsbaumeister in Bremen) begonnenen Bremer B. ein; an Stelle der Hofanlage tritt ein palastähnlicher Bau. Ein Stich des Baumeisters (Stadtarchiv Berlin; [5, Abb. 16; 6, Abb. 19]) zeigt den Ostteil des mit zwei Pavillons projektierten Gebäudes. In ihrer äußeren Erscheinungsweise, dorischer Pilastergliederung, Wechsel von Haustein und Backstein, Mansartdach und Pavillons mit vorgelegter dorischer Tempelfront, folgt diese erste Bremer B. ganz dem französischen Zeitstil. Nur ein Teil des Entwurfes gelangte zur Ausführung. 1736 wurde der Bau durch ein zweites Stockwerk wesentlich umgestaltet (Steindruck von F. A. Dreyer [5, Abb. 17]), 1888 durch Feuer teilweise zerstört und bald darauf ganz abgebrochen. Nur wenige Jahre später zeichnete Broebes’ Schüler Philipp Gerlach (1679 bis 1748) einen Entwurf für eine Berliner B., der aber nicht zur Ausführung gekommen ist (Abb. 2). Ein langgestreckter, schloßähnlicher Bau wird durch ein stärker betontes Mittelrisalit und zwei Eckpavillons gegliedert. Über dem rustizierten Erdgeschoß erhebt sich das von Mezzanin und Mansartdach bekrönte Hauptgeschoß.

C. 19. Jh.

Zu Beginn des 19. Jh. werden infolge des immer ausgedehnteren Welthandels allenthalben Handelsbauten und vor allem B. notwendig. Der Klassizismus erinnert sich an die großen B.-Bauten der Antike und legt seine B. mit Vorliebe basilikal an. Für Berlin baute Becherer 1801–02 im Lustgarten eine B. mit großem B.-Saal und einer als Sommer-B. benutzten Kolonnade an der Hauptfassade. Ein Entwurf von Friedrich Gilly, der in Erinnerung an das Pantheon eine kuppelbekrönte Rotunde mit Nebengebäuden vorsah, kam nicht zur Ausführung (Alste Oncken, Friedrich Gilly, Berlin 1935, S. 92f. u. Taf. 75). Es folgen B.-Gebäude in fast allen europäischen Großstädten: Paris (1808–27, von Brogniard und Labarre), Stettin (1832, von Zwirner), Hamburg (1837–42, von Wimmel und Forsmann), London (1841–44, von Tite), Frankfurt a. M. (1844, von Stüler).

Zu den Abbildungen

1. Antwerpen, „Neue“ Börse, von Dominikus Waghemaker 1531 beg., 1538 abgebrannt. Stich von Petrus van der Borcht. Nach A. J. J. Delen, Iconographie van Antwerpen, Brüssel 1930, Taf. 26.

2. Philipp Gerlach (1679–1748), Entwurf für eine Börse in Berlin, um 1700. Berlin, Stadtarchiv. Phot. Arch.

Literatur

1. Alph. Schneegans, Börsengebäude, in Hdb. d. Arch.2, 4, 2, 2, S. 222ff., dort auch weitere Literatur. – 2. Wasmuth I, S. 586ff. – 3. F. Schröder, Die gotischen Handelshallen in Belgien und Holland, München und Leipzig 1914. – 4. Rich. Graul, Alt-Flandern, Dachau bei München 1915. – 5. Das alte Bremen, hrsg. von dem Focke-Museum für Bremische Altertümer, Leipzig 1922. – 6. Rud. Herz, Berliner Barock, Berlin 1928.

Verweise