Automat (Selbstgetriebe und Uhrwerke)

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englisch: Automaton; französisch: Automate; italienisch: Automa.


Kurt Karl Eberlein (1937)

RDK I, 1306–1309


RDK I, 189, Abb. 2. Villard de Honnecourt, 1. H. 13. Jh.
RDK I, 1307, Straßburg, Trompeter von der Orgel.

Automat (Selbstgetriebe und Uhrwerke). Die Entwicklung der A.-Kunst geht von den frühesten Gliederpuppen und Marionetten der Antike, von den hydraulischen und pneumatischen Druckwerken und Theatern der Alexandriner und Griechen (Heron, Philon, Ctesibius) in die abendländische Kultur über Renaissance und Barock bis heute und spielt in der Geschichte des Kunstgewerbes eine große Rolle. Der deutsche Anteil ist besonders zu beachten, der sich in der Literatur von Tristan und Wolfdietrich bis zu Hoffmann und Spitteler immer wieder spiegelt. Schon Gerbert soll einen sprechenden Kopf, schon Albertus Magnus einen eisernen Menschen geschaffen haben. Joh. Müller, genannt Regiomontanus, fertigte im 15. Jh. zwei A., eine eiserne Fliege und einen eisernen Adler, für Maximilian. Gleichzeitig entstanden in der Schweiz (Valais) als Symbole der Erhebung die statuenartigen „Mazze“. In Italien ersannen L. B. Alberti und L. da Vinci (Engel und Löwe), A. und Gianello della Torre erfand für Karl V. im Kloster S. Jerónimo de Yuste automatische Figuren. Hervorragend waren die burgundischen Maler-A. Philipps d. Gr. (Fasanenbanket, 1453). Als kirchliche A. des Mittelalters spielen Christus-Schächer-Teufels-Figuren lange eine Rolle (Christus. Mus. Dachau, 18. Jh.), die Apparate der Mysterienspiele („ingegni“ wie der Adler des Villard de Honnecourt, Sp. 189 Abb. 2), oder wie „notre dame du montement à Rabastens“, die komischen Altarengel (Kloster Schönthal a. d. Jagst, 1730–37), Orgelfiguren (Kloster Weingarten, von Gabler, 1750; München von Gallmayr, 1753), Orgelköpfe (Neustadt a. d. H.), Orgel-„Rohraffen“ (Straßburger Münster: Samson, Bretzelmann, Trompeter [Abb.]).

Weltberühmt waren die automatischen Glockenschläger, die mit und ohne Figurendefilee seit 1300 überall als Turmuhren entstanden und Jaquemart, Hans, Jack, Jean hießen. Ich nenne nur die „Hänse“ von Straßburg (1352–54, 1574 von Dasypodius, Isaak und Josias Habrecht, 1836 von Schwilqué), Prag, Stettin, Koblenz, Jena, München, Graz, Bern, Lund, Roskilde, das „Männleinlaufen“ von Nürnberg (1356–61), Villingen (1401), Danzig (1464–70), München (1514), Münster i. W. (1540–43), Plauen (1548), Heilbronn (1525), Lübeck (1561/62), Osnabrück (1578), Eßlingen (1589), Braunschweig (1594), Malchin (1596), Augsburg (1616), Rostock (1641–43) ... München (1908), Rothenburg o. d. T. (1910), den „Lallen-König“ Basels (um 1500). Die Jaquemarts finden sich als Standuhren (von Isaak Habrecht für Sixtus V., London, Brit. Mus., 1589, nach Vorbild der Straßburger Münsteruhr) wie als Tischuhren (Goldschmiede-A. des 16. Jh. aus Nürnberg, Augsburg, Ulm, Dresden). Die automatischen Uhren in Form von Schiffen (Schiff Karls V., Cluny-Mus., von Jamnitzer und Schlottheim), von Wagen, Krippen (von Hans Schlottheim, 1585, Dresden) mit Musikwerk (Grünes Gewölbe, Slg. Feill-Hamburg, K.-Slgen. Wien), als Standuhren (horloge de Morand, Louis XIV., 1706, Paris), als pendules d’appartements (pendule Marie Thérèse, Wien) als Holzuhren, Uhrbilder (tableaux mécaniques schon 1498) sind überall gesucht.

Die antiken hydraulischen A. kommen durch die Renaissance wieder auf (Valla, Commandini, Aleotti) und leben im 17. Jh. fort. Salomon de Causs, Schwenter, Kircher, Herbst, der Nürnberger Martin Löhner fördern diese Wasser-A., die in dem „Wunderschloß“ der Grotte von Hellbrunn bei Salzburg einen Höhepunkt erreichen (1613 von Max Littlich für Gf. von Hohenems, mit einem Grottentheater mit 256 Figuren, 1748–52 von Lorenz Rosenegger). Auch das griech. automatische Theater ersteht wieder und feiert als „Schattentheater“ seit 1770 (Seraphim, Paris) Triumphe. Es wird zum automatischen Spielzeug wie die Taschenuhren und Tabatieren mit Schleifern, Schmieden, Tänzern, Musikanten, zaubernden Magiern. Immer hatten die mechanischen Tiere eine Rolle gespielt (z. B. 2 Krebse von Hans Schlottheim, 1589, physik. Salon Dresden), jetzt erscheint als Lieblingstier der singende Vogel im Käfig auf Uhren, Vasen, Spiegeln, Tabatieren.

Aber das Höchste waren doch die „Wundermaschinen“ der automatischen Menschen, die gehend, musizierend, schreibend, zeichnend, sprechend die Welt erregten und wirklich kunstreich waren. Die berühmte Slg. Vaucanson verlor sich von Stuttgart aus in alle Winde. Im 16. Jh. fertigte der Nürnberger Hans Bullmann automatische Figuren. Der Dresdner Kreuzschuldirektor Valentin Merbitz beschäftigte sich um 1700 mit Sprechfiguren, wie später der Münchner Gallmeyr (1753), dann C. G. Kratzenstein (1780), A. Felkel (1780), Posch (1807). Der berühmte Schreiber von Knauß (1760, Wien) ist allen „Androiden“ der Vaucanson, Jacquet-Droz, Maillardet ebenso überlegen wie der Trompeter Jo. Gottfr. Kaufmanns (1808–10). Schließlich sei noch die automatische Orthopedie erwähnt, die in Deutschland im 15. Jh. blühte, so daß die eiserne Hand des Götz von Berlichingen (Schloß Jagsthausen) keine Ausnahme darstellt. Ambroise Paré blieb dann der Meister solcher Automatismen, die in den heutigen Prothesen fortleben.

Zur Abbildung

Straßburg, Münster, Trompeter von der Orgel. Vielleicht Kopie des späten 16. Jh. nach Original des 14. Jh. Phot. Frauenhaus, Straßburg.

Literatur

1. Alfred Chapuis et Edouard Gélis, Le Monde des automates, Etude historique et technique. Preface de Mr. Edmond Haraucourt, 2 Bde, Paris 1928 (mit Bibliographie). 2. Rob. Marcolongo, La meccanica di Leonardo da Vinci, Atti della R. Accademia delle scienze fisiche e matematici di Napoli, Napoli 1932. 3. Alfred Ungerer, Les horloges astronomiques et monumentales, Straßburg 1931. 4. J. v. Schlosser, Die Kunst- und Wunderkammern der Renaissance, Leipzig 1908. 5. F. M. Feldhaus, Die Technik der Vorzeit, der geschichtl. Zeit und der Naturvölker, Berlin und Leipzig 1914, Sp. 46ff. 6. Ders., Die Technik der Antike und des Mittelalters, Wildpark-Potsdam o. J. (1931). 7. Blind, Les automates truquées, 1927.

Verweise