Ausschnittarbeit

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englisch: Fretwork, fret saw work; französisch: Découpage; italienisch: Avoro a traforo, frastagliatura.


Hans Wentzel (1937)

RDK I, 1287–1293


RDK I, 69, Abb. 6. Düren, 1733.
RDK I, 1287, Abb. 1. Stockholm, 11. Jh.
RDK I, 1289, Abb. 2. Roger von Helmarshausen, um 1100.Paderborn.
RDK I, 1291, Abb. 3. Wienhausen, 14. Jh.
RDK I, 1291, Abb. 4. Marburg, Anf. 14. Jh.

A. bezeichnet jene Technik, die ihre künstlerische Wirkung dem Vorgang des Ausschneidens verdankt: ein ebenes Material wird ohne plastische Innenbehandlung mit Schere, Meißel oder Säge ausgeschnitten und gegen einen Hintergrund abgesetzt. Die A. ähnelt der Durchbrucharbeit und ist gegen diese in einzelnen Fällen schwer abzugrenzen. Doch spricht bei Durchbrucharbeit neben den Konturen wesentlich die plastische Behandlung der stehengebliebenen Teile (also das Relief), während bei A. ausschließlich oder doch in erster Linie die Umrißzeichnung das Entscheidende ist, also ein zeichnerisches Element („Laubsägearbeit“). Demzufolge wäre etwa der Kamm des Godehardschreins im Dom zu Hildesheim als A., der der berühmten Aachener und Kölner Schreine als Durchbrucharbeit zu bezeichnen. Ebenso nennen wir Elfenbeinschnitzereien mit durchbrochenem Grund (Genoels-Elderen, Sp. 1147 Abb. 1; Drogosakramentar, Sp. 273 Abb. 9 u. Sp. 622 Abb. 1; s. auch Sp. 263/64 Abb. 5 u. 6) Durchbrucharbeit im Gegensatz zur A. bei gewissen Elfenbeinkästchen vermutlich orientalischer Herkunft, bei denen aus der nicht reliefierten Platte Kreuze oder ähnliche Figuren ausgeschnitten sind (Köln, Kammin).

A. ist im allgemeinen nur für Metall, Papier, Textilien, Leder und Stein verwendet worden. Bei allen diesen Materialien wird der dekorative oder figürliche Vorwurf ganz entsprechend einem Scherenschnitt rein als Silhouette ausgeschnitten und höchstens durch Farbe oder Gravierung verziert.

Bei A. in Leder werden die einzelnen Ornamentteile aus einfarbigem Leder ausgeschnitten, dann übereinander gesetzt und ergeben durch ihre verschiedene Farbe und durch die verschiedene Reliefhöhe das Gesamtbild. A. in Leder ist schon sehr früh üblich und vielleicht aus dem Orient übernommen, vgl. [1 S. 73–75]. Sie findet hauptsächlich Anwendung bei Ledereinbänden (bis in die Gegenwart hinein), -kassetten und -hüllen (vgl. „Zs. für Einbandkunst“ und „Archiv für Buchbinderei“).

Verwandt ist der Vorgang bei der textilen A., wo aus einzelnen Stoffteilen die besonders geformten Läppchen ausgeschnitten und dann übereinandergenäht werden. Vgl. auch Applikationsstickerei, Sp. 857. Bei dem Papier hat die A. die vielseitigsten Möglichkeiten ergeben, die je nach dem Interesse in den verschiedenen Jahrhunderten verschieden stark angewandt worden sind. So ist der Papierschnitt die geläufigste Form, aus weißem oder farbigem Papier; die Silhouette – also die A. in schwarzem Papier – ist erst eine spätere Abart dieses Papierschnittes. Er ist vor allem in der Volkskunst gepflegt worden und hat dort besondere Leistungen hervorgebracht. In dem sog. „kleinen Andachtsbild“ ist A. eine der üblichsten Techniken; es werden zum Teil auch A. in Papier und Stoff zusammen verwendet, vgl. Spamer [1].

A. in Holz ist nicht sehr häufig, da die Bildsamkeit dieses Materials plastische (reliefmäßige) Ausgestaltung nahelegte; wenn in der A. ähnliche Effekte gesucht werden, findet man sie meistens auf dem Gebiet der Durchbrucharbeit; nur selten ist in der höheren Kunst die reine Laubsägearbeit verwendet worden. Am ehesten findet sich die Technik an gotischen Kästen, wenn zwei verschiedenfarbige Hölzer in A. übereinanderliegen. Entsprechend den üblichen Schnitztraditionen ist es beliebt, die obere ausgeschnittene Holzplatte mit geritzter Innenzeichnung zu versehen. – Eine besondere Art hölzerner A. sind aus einer flachen Holzscheibe in den Umrissen ausgesägte und auf der Vorderseite bemalte Figuren. Sie finden hauptsächlich Anwendung als Kreuznebenfiguren – vgl. etwa die Kreuzigungsgruppe der Zeit um 1300 in Södra Råda (Schweden) und die der Barockzeit in Glückstadt – und in späterer Zeit als Kostüm- und Reklamefiguren. – A. in Horn kommt besonders an Kämmen vor, Empire und Biedermeier haben reiche Zierformen für den Schmuckkamm ausgebildet.

In Stein kommt die A. verhältnismäßig selten und meist nur in der Frühzeit der christlichen Kunst vor. Es genügt, auf Fenster (Transennen) und Schranken frühchristlicher Kirchen hinzuweisen. Verbreiteter ist auch bei Stein die Durchbrucharbeit.

Ein besonderes Gebiet stellen die A. in Metall dar. Die Bezeichnung A. ist hier nicht immer in dem Maße berechtigt wie bei anderen Stoffen, da sich nicht in allen Fällen mit Sicherheit sagen läßt, ob die fehlenden leeren Stellen wirklich ausgeschnitten sind oder ob sie von Anfang an durch Formguß u. ä. fehlten. Bei Bronze ist die Entscheidung besonders schwer zu treffen, ob es sich um in durchbrochener Form gegossene Arbeiten handelt oder ob die Zeichnung aus der fertigen Metallplatte herausgeschnitten ist. Jedoch ist A. zweifellos schon die Technik für die Bronzeschmuckplatten der Völkerwanderungszeit (vgl. G. Neckel, Kultur der Alten Germanen, Potsdam 1934, Abb. 119 bis 121). Das schönste Beispiel ist ein Wikinger-Befehlshaberzeichen des 11. Jh. aus Söderala in Stat. Hist. Museum, Stockholm (Abb. 1), vgl. Fornvännen 1930, S. 367. Die Tradition setzt sich im Mittelalter fort, denn wahrscheinlich ist in der Technik den nordischen A. verwandt jene besondere Art der A., die man nach der Bezeichnung des Theophilus opus interrasile nennt. Man versteht darunter eine ausgeschnittene, gravierte und versilberte oder vergoldete Kupferplatte, die gegen Holz usw. aufgelegt ist. Das opus interrasile kommt hauptsächlich an Buchdeckeln vor, da sich die Technik ganz besonders für die kostbar auszuführende, aber glatte Unterseite von Buchdeckeln empfahl; daneben ist es auch an Schreinen und Tragaltären verwendet worden. Angewandt wurde es hauptsächlich in der Zeit um 1100. Ein frühes Beispiel ist der Rückdeckel des Sakramentars Heinrichs II., s. Deckert [8 Abb. 2], ein spätes Werk etwa der Buchdeckel aus der 1. H. 14. Jh. im Kölner Kunstgewerbemuseum [8 Abb. 6]. Am reinsten findet sich das opus interrasile bei Roger von Helmarshausen, vgl. den Abdinghofer Tragaltar des Paderborner Domes und den der Franziskanerkirche ebd. (Abb. 2); besonders schön daneben die Schreinbeschläge im Kasseler Landesmuseum [8 Abb. 1 u. 3]. Nach Deckert ist das opus interrasile als Vorform technisch wichtig gewesen für das opus punctile, ja sogar für den Grubenschmelz des 12. Jh. – In Einzelfällen ist die A. in der Form des opus interrasile auch in anderem Material imitiert worden, so etwa in Stein. Das kennzeichnendste Beispiel ist die Altarvorderwand von St. Guilhem-le-Désert, die in einzigartiger Weise eine Metalltechnik auf den Stein überträgt und eine Metallwirkung völlig erreicht (vgl. R. Hamann, Der Schrein des Heiligen Ägidius, Marburger Jb. 6, 1931, S. 114 Abb. 6–10). Aus dem 14. Jh. nennen wir an Metall-A. die prächtige Bodenplatte eines Radleuchters mit heraldischen Tieren und Ornament in Wienhausen (Abb. 3); vgl. die allerdings nicht ausgeschnittene, aber durchbrochene Bodenplatte des Kronleuchters in St. Andreas, Halberstadt, s. Westfalen, 1936, Taf. 13. – Ferner kommt im Mittelalter A. für Grabplatten vor: die Figur des Verstorbenen wird in Kupfer oder Messing ausgeschnitten, etwas graviert und gegen den Stein aufgelegt. Kennzeichnende Beispiele sind das Grabmal des Willem Wenemaer († 1325) und seiner Frau († 1336) aus Kupfer im Genter Altertümermuseum (M. Rooses, Die Kunst in Flandern, Stuttgart 1914, Abb. 62) und das Grab des Bischofs Bertram Cremori († 1377) im Lübecker Dom. – Daneben dient A. auch für Appliquen, so für Embleme und Buchstaben auf Grabsteinen (vgl. die Kelchapplique im Berliner Schloßmus. Nr. A. F. 2033).

Häufiger wird Messing für A. angewandt, besonders bei der Instrumentenherstellung seit dem 16. Jh. Bei Uhren, astronomischen Geräten, physikalischen Apparaten usw. kommt vielfach als einziges Schmuckmotiv die ausgeschnittene Messingverzierung vor. Prachtvolle Messing-A. weiterhin etwa an Leuchtern, vgl. die Krone im Rathaus zu Münster aus dem E. 16. Jh. [3 Abb. 141].

Ausgedehnte Anwendung und Verbreitung hat die A. in dem unbildsamsten Material erfahren, in Eisen, d. h. in Eisenblech. Es scheint sogar, daß die reichere formale Ausbildung der Schmiedeeisenarbeit durch die A. in Eisenblech angeregt wurde. – Die Verwendungsmöglichkeiten des ausgeschnittenen Eisens sind sehr groß. Aus der Gotik ist die schönste Arbeit die A. an Schreingitter und Mausoleum der Hl. Elisabeth in Marburg aus dem Anf. 14. Jh. (Abb. 4): in lebhaften grazilen Formen von bemalten Einzelsilhouetten, Maßwerk, Drôlerien, Ritter, Musikanten, die Verkündigung usw. – Daneben sind die prachtvollen Leistungen zweifellos auf den sog. Türblechen vollbracht worden, die von der Gotik an bis weit in das 18. Jh. die A. als beliebte Ziertechnik verwenden. Aber auch Gitter, Türbeschläge, Türangeln usw., die üblicherweise in Schmiedeeisen gearbeitet werden, kommen durchaus in A. vor, dazu Kerzenhalter, Kronleuchter, Automatenfiguren (Turmhähne usw.). Besondere Wirkungen bei Kleinkunstwerken in Eisen, so bei Gittern kirchlicher Bestimmung (an Sakramentshäusern usw., vgl. [2 Taf. 19]). Im Zusammenhang mit dem Instrumentenbau gibt es auch in Eisen beachtliche Leistungen; vgl. den Fangstuhl aus Ambras in den Kunsthist. Slg. in Wien.

In den edlen Metallen ist A. verhältnismäßig selten angewandt worden, weil die Bildsamkeit des Materials die Verwendung von A. als zu primitiv erscheinen ließ. Doch kommt sie hier und da vor, so in Silber in Form von ausgeschnittenen Buchstaben und Blättern an der Lübecker Christkindwiege in Namur (15. Jh., vgl. J. Warncke, Die Edelschmiedekunst in Lübeck, Lübeck 1927, Nr. 192 a, Taf. 10); auch für Schmuckbleche ist A. in Silber angewendet worden; vgl. die Hefteln und Tasseln des Pritzwalker Silberfundes in Form von Lilien usw. (Berlin, Schloßmuseum). Einfache Formen silberner A. als Schilde oder Anhänger an Prunkbechern und Willkommpokalen.

Vgl. auch Sp. 69/70 Abb. 6; ferner die Artikel Silhouette, Bildnissilhouette, Einlegearbeit, Intarsie, Mosaik, Durchbrucharbeit.

Zu den Abbildungen

1. Stockholm, Statens Historiska Museum, Fahne aus der Kirche von Söderala, ursprünglich Befehlshaberzeichen eines Wikingerschiffes. Bronze vergoldet. 11. Jh. Phot. Dr. F. Stoedtner, Berlin.

2. Paderborn, Franziskanerkirche, Tragaltar von Roger von Helmarshausen, um 1100. Phot. Kunstgesch. Seminar Marburg.

3. Wienhausen, Zisterziensernonnen-Klosterkirche, Bronze-Bodenplatte eines Radleuchters, 14. Jh. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

4. Marburg, Elisabethkirche, Bekrönung des den Schrein der hl. Elisabeth umgebenden eisernen Gitters, Anf. 14. Jh. Phot. Kunstgesch. Seminar Marburg.

Literatur

1. Adolf Spamer, Das kleine Andachtsbild vom 14. bis zum 20. Jh., München 1930. 2. J. Starkie Gardner und W. W. Watts, Ironwork from the earliest times to the Renaissance and later periods, 2 Bde, London 1927–30. 3. H. Lüer und M. Creutz, Gesch. der Metallkunst I, Stuttgart 1904. 4. Ad. Brüning, Die Schmiedekunst, Leipzig o. J. 5. Otto Höver, Das Eisenwerk, Berlin 1927. 6. F. Stuttmann, Deutsche Schmiedeeisenkunst, 5 Bde, München 1927/28. 7. E. Haenel, Alte Waffen, Berlin 1920. 8. H. Th. Bossert, Gesch. d. Kunstgewerbes 5, Berlin o. J. (1932). 9. Hermann Decken, Opus interrasile als vorromanische Technik, Marburger Jb. 6, 1931 S. 137ff.