Auge Gottes

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englisch: Eye of God; französisch: Oeil de Dieu, Œil de Dieu; italienisch: Occhio di Dio.


Georg Stuhlfauth (1937)

RDK I, 1243–1248


RDK I, 563, Abb. 39. Mainz, 1780.
RDK I, 1245, Wien, Servitenkirche, 1739.

Auge Gottes, Symbol Gottvaters, näher des dreieinigen Gottes, sofern es sich in seiner typischen Form darstellt: als menschliches Auge inmitten eines Dreiecks, des Zeichens der Trinität, das von einer Gloriole umstrahlt ist (Abb.). Der gesamten älteren christlichen Ikonographie einschließlich der Renaissance unbekannt, hat diese Schöpfung des Barock allgemeinste Verbreitung und Verwendung gefunden, im 18. Jh. bis in das 19. Jh. hinein sich besonderer Beliebtheit erfreut und in der Gegenwart kirchlich und außerkirchlich sich erhalten. Entstehung und Herkunft des Zeichens liegt im Dunkeln. Die Annahme, es sei von den alten Ägyptern („Auge des Horus“ [6, 7], Abzeichen des Sonnengottes „Ra“, Auge des Osiris) übernommen worden [8], ist abzulehnen [9].

Das Dreieck ist der christlichen Kunst seit dem 4. Jh. bekannt, als trinitarisches Symbol aber, als das es die Manichäer ansahen, nicht gebraucht und von Augustin scharf abgelehnt. Die Idee des Auges für Gottes Allwissenheit und Allgegenwart geht auf die Bibel zurück (Hiob 34, 21; 36, 7; Ps. 11, 4; 139, 16; Sir. 23, 28f.; 1. Petr. 3, 12 u. a.), und in diesem Sinne ist das A. in der Glorie oder auch im Lichtkegel, aber ohne Dreieck, bildnerisch seit dem Beginn des 17. Jh. nachweisbar. Die frühesten von mir festgestellten Beispiele bieten eine deutsche Medaille vom J. 1613 mit der Büste eines Erasmus von Landau im Berliner Münzkabinett, deren Revers über der Justitia schwebend das A. zeigt [10], weiter ein satirischer Kupferstich auf die Pulververschwörung in London vom J. 1605, gedruckt in Amsterdam 1621 (Berlin, Kk. Sign. K. E. B., Unbekannt 876-133), ein Titelkupfer Matthaeus Merians in Joh. Phil. Abelinus, Theatrum Europaeum, Frankfurt a. M. 1643 und eine Medaille von 1646 auf die erste Vermählung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg [11, 4. Jahr 1740 S. 337]. – Vorstufen der Verbindung des Auges mit dem Dreieck liegen vor in der Figur des von drei Kreisen umrahmten Dreiecks mit der Hand Gottes (so bereits im Regensburger Utaevangeliar, 11. Jh., clm. 13 601), im Giebel-Dreieck mit der Halbfigur Gottes selbst (als Flachrelief über dem Grabmonument des Pfarrers Matthäus Faber in der Kirche zu Eggenburg, 1582 (Inv. Österr. 5, Taf. 6), wohl auch in dem Dreieck, das zum Gegenstück das Tetragramm in der Strahlenglorie hat (auf einer Medaille vom J. 1574; Avers: Dreieck, Revers: יהוהi[12])

In der Verbindung von Auge und Dreieck geht das A. anscheinend nicht über die Mitte des 17. Jh. zurück. Noch im Jahre 1658, dem ersten Erscheinungsjahr seines Orbis pictus, kennt Amos Comenius zur Veranschaulichung Gottes wohl das Dreieck mit dem Tetragramm (bzw. mit dem dreimaligen Anfangsbuchstaben desselben und einem T-Kreuzchen; Nr. 1: Deus – Gott) oder das Tetragramm mit Strahlen und Wolken (Nr. CXLVII: Christianismus – Das Christentum), auch das Auge (Nr. CXLIX: Providentia Dei – Die Vorsehung Gottes), aber dieses noch nicht im Dreieck, sondern nur in der Gloriole zwischen Wolken, aus denen rechts die Hand Gottes mit dem Szepter hervorkommt, vgl. hierzu [13]. Die frühesten Beispiele der herrschend gewordenen Form des A. im Dreieck geben zwei englische Medaillen auf König Karl II. vom Jahre 1660 und auf König Wilhelm III. vom Jahre 1690 sowie zwei österreichische Medaillen auf die erste Belagerung Wiens vom Jahre 1683 [11, 1. Jahr 1737, Taf. an S. 192] und die 1677 entstandene Bekrönung des hl. Kreuzaltares in der nördlichen Kreuzkapelle des Klosters Springborn in Ostpreußen [14 S. 201]. Mit dem 18. Jh. tritt das A. immer stärker in Erscheinung. Am häufigsten wird es angetroffen an Altären der Barock- und Rokokozeit und zwar sowohl in katholischen wie in evangelischen Kirchen (Kath.: Dorfkirche zu Radl, um 1700, Inv. Österr. 6 S. 100; s. ebd. S. 154: 1740 usf.; Hochaltar in Birnau, 1750, Sp. 559 Abb. 32; Käppele in Würzburg, 1750; Kirche des Klosters Schäftlarn, Seitenaltar des Bildhauers J. B. Straub, um 1755; Joh. Nepomuk-Altar in St. Ignaz in Mainz, 1780, Sp. 564 Abb. 39; Klosterkirche zu Fraustadt im Rg.-Bz. Schneidemühl; Evang.: Kirche in Postwitz, um 1700 [Inv. Sachsen 31, S. 225]; Jakobikirche in Stettin, 1709; Kirche in Garlipp, um 1710 [Inv. Prov. Sachsen 3, 1933, Taf. 53]; Garnisonkirche in Potsdam, 1735; Kanzelaltar in Klaeden, Prov. Sachsen, um 1770; als Zutat des 18. Jh. an einem Altar aus dem 16. Jh. in Biegen [Inv. Brandenburg 6, 1 S. 12]; am Rahmen von C. D. Friedrichs Tetschener Altar [1808] u. ö.). In der Regel dient das A.-Zeichen bei den Altären als Bekrönung; doch erscheint es zuweilen auch im Hauptfeld selbst, wie auf dem Seitenaltar der Klosterkirche in Schäftlarn, wo der hl. Augustinus zu ihm emporblickt. Dasselbe tut St. Johann in einem Ölgemälde des Christian Wink in der Pfarrkirche zu Oberndorf, um 1775, während auf dem entsprechenden Bilde sein Partner St. Paul zum Tetragramm emporschaut (Inv. Österr. 10, 568). Natürlich fehlt das A. auch nicht am sonstigen Kircheninventar und Kirchenschmuck bis hin zur Altardecke neuester Zeit. Wir finden es an Orgeln (prot. Kirche zu Harpersdorf in Schlesien, 1735; Marienkirche zu Strausberg bei Berlin, 1773); an Kanzeldeckeln (evang. Pfarrkirche zu Gohre, 1714-22, Inv. Prov. Sachsen 3, 1933, Taf. 54, und in der kath. Pfarrkirche zu Schönbach in Österreich zusammen mit den vier Kirchenvätern, 1720, Inv. Österr. 4 S. 219; ferner in der Stadtkirche zu Bergen auf Rügen, 1742, und in der Kirche in Berka vorm Hainisch, 1752, Inv. Thüringen Sachsen-Weimar-Eisenach III, 1 S. 388; in der Wiener Servitenkirche, 1739, Abb.). Noch früher begegnet es auf dem Schild in der Hand St. Michaels an der Hochfront der kath. Dreifaltigkeitskirche in München, 1711–14; an gleicher Stelle zeigt es ein hl. Michael der Slg. Röhrer in Augsburg. Als ältere Beispiele seiner bis in die jüngste Zeit fortgesetzten Anbringung an Decken und Gewölben, mit Vorliebe in Deckenmitten, seien angeführt die evang. Kirche in Werben (Pommern, 1738), die evang. Ludwigskirche in Saarbrücken (um 1770) und die kath. Pfarrhofskapelle in Talgau (1755; Inv. Österr. 10 S. 244). Größter Beliebtheit erfreut sich das A. in Nord- und Süddeutschland seit der Wende des 18./19. Jh. an Grabmälern; wir finden es, um aus der Fülle auch hier nur einzelne wenige herauszugreifen, an dem Obelisk des Levin Joachim Frhr. von Meerheimb (1802) in der Marienkirche zu Rostock; an der Eisentür der Grabkapelle in der Turmhalle der gleichen Kirche (1814), an Grabsteinen vor der kath. Kirche in Scheidt, auf dem prot. Friedhof in Kandel, vor der prot. Kirche in Minfeld (sämtlich Pfalz) usf. Desgleichen zeigen es die 2. H. 18. Jh. und die 1. H. 19. Jh. öfter als Titelvignette in kirchlichen Gesang- und Andachtsbüchern (vgl. Ode zum Lob der Gottheit in den Werken der Schöpfung, Frankfurt a. M. 1749).

In eigenartigen Verbindungen erscheint es in einer illuminierten Hs. des Stiftes Heiligenkreuz: Ephemerides abbatiales ... domini Gerardi ... authore et scriptore P. Daniele Scheuring ... (gest. 1741), mit Federzeichnungen von Giov. Giuliani; hier ist vor dem Titelblatt eingeklebt „Kronos mit Sense und Fernrohr, neben ihm ein Engel mit dem Stiftswappen; Zodiakus mit den Sternbildern des Löwen und der Jungfrau, darüber das Auge Gottes“; in derselben Hs. Federzeichnung zu S. 23: Caritas „greift mit der Rechten in eine Wahlurne, die von der göttlichen Weisheit, mit einem Szepter und dem Auge Gottes, gehalten wird“; zu S. 37: Die göttliche Weisheit krönt die Clementia; über jener schwebt das Auge Gottes, von der Gloriole umstrahlt (Inv. Österr. 19, 267f.). Über der Büste des Äskulap schwebt es auf dem reichen Titelblatt der schweizerischen „Pharmacopoea Helvetica“, 1771, zwischen Wolken in dem vom Sonnennimbus umleuchteten Dreieck (Abb. Janus 10, 1905, Taf. zu S. 349). In einem Elfenbeinrelief des Germ. Nat.-Mus. in Nürnberg von Michael Knoll (1769) schwebt das A. über dem von der deutschen Kaiserkrone überragten doppelköpfigen Reichsadler innerhalb eines besonders geschnitzten Rankenpaares, „aus dem Blütenbüschel hervorwachsen, über denen jedesmal die Büste eines der römischen Kaiser deutscher Nation von Rudolf von Habsburg bis auf Joseph II. angebracht ist“ (Abb. Otto Pelka, Elfenbein, Berlin 1920 S. 225).

Der mystisch-magische Charakter des A. macht es begreiflich, daß es eine nicht geringe Rolle in der Volkskunde spielt. Das Museum für deutsche Volkskunde in Berlin besitzt hierfür zahlreiche Beispiele zumeist des 19. Jh. Zum Gebrauch des A. als Amulett und zum Schutz gegen bösen Blick vgl. noch Bächtold-Stäubli [4]: Augenamulett und -talisman. Im kleinen Andachtsbild hat das A. erst seit dem späten 18. Jh. und auch dann nur ganz selten Aufnahme gefunden [15 Taf. CXXXI, 2, CXL, CCI]. Auf Sonnenmonstranzen des späten Barock findet sich das A. bisweilen als Ersatz der Darstellung Gottvaters (Braun, Altargerät S. 409). Äußerst selten begegnet es schließlich auf (nicht-freimaurerischen) Medaillen; Gerard van Loon [12] verzeichnet es nur je einmal für die Jahre 1660, 1690 und 1705, ohne Dreieck außerdem noch je einmal für die Jahre 1678 und 1688. An Stelle des A. steht auf den Medaillen des 16. Jh. (bei G. van Loon [12] von 1574 an) bis 18. Jh. sehr häufig das gleichwertige Tetragramm; zuweilen finden sich beide Zeichen auf der nämlichen Medaille zusammen, [11, 4. Jahr 1740 S. 337]. Als Emblem benutzen das Zeichen die Freimaurer [16], zumeist mit Dreieck, gelegentlich statt dessen mit Hexagramm; ältestes Beispiel in Deutschland und überhaupt [16 Bd. 8 n. 33] vom Jahre 1772: strahlendes Auge ohne Dreieck über einem ruhenden Löwen.

Zur Abbildung

Wien, Servitenkirche, Deckel der Kanzel, 1739. Ausschnitt. Phot. Josef Wlha, Wien.

Literatur

1. Buchberger I, 802. 2. RGG. I, 2013f. 3. Künstle I, 226. 4. H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I, 701. 5. Georg Stuhlfauth, Das Dreieck. Die Geschichte eines religiösen Symbols, Stuttgart 1937, 26f. 6. Bilderatlas zur Religionsgeschichte, hrsg. von Hans Haas, 2-4: Ägyptische Religion, Leipzig 1924, Abb. 103, 164, 10. 7. Jul. v. Negelein, Weltgeschichte des Aberglaubens 2, Berlin 1935, S. 37, 71f., 262. 8. Eliz. Villiers und A. M. Pachinger, Amulette und Talismane, München 1927, S. 33. 9. Ad. Erman, Die Religion der Ägypter, Berlin und Leipzig 1934, S. 281f. u. 260.

10. Jos. Bergmann, Medaillen auf berühmte und ausgezeichnete Männer des österr. Kaiserstaates, 2 Bde, Wien 1844-57: Bd. II, 247ff. 11. Joh. Hier. Lochner, Samlung merkwürdiger Medaillen, 1. Jahr 1737, 4. Jahr 1740, Nürnberg (1737 bzw. 1740). 12. Gerard van Loon, Beschryving der Nederlandsche Historipenningen, 4 Bde, s’Gravenhage 1723-31: I, 1723, S. 203. 13. Christian Wolff, Theologia naturalis I, Frankfurt u. Leipzig 1736, § 91. 14. Anton Ulbrich, Gesch. d. Bildhauerkunst in Ostpreußen, 2 Bde, Königsberg i. Pr. 1926-29. 15. Ad. Spamer, Das kleine Andachtsbild vom 14. bis zum 19. Jh., München 1930. 16. Abbildungen Freimaurerischer Denkmünzen und Medaillen, 8 Bde, Hamburg 1898-1906.