Außenkanzel

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Exterior pulpit, outside pulpit; französisch: Chaire extérieure; italienisch: Pulpito esterno.


Guido Schoenberger (1937)

RDK I, 1293–1306


RDK I, 1297, Abb. 1. Mühlhausen, Marienkirche, 14. Jh.
RDK I, 1297, Abb. 2. Kiedrich, Michaelskapelle, um 1440.
RDK I, 1299, Abb. 3. Danzig, Heiligleichnamskirche, 1707.
RDK I, 1299, Abb. 4. Geisa, Wallfahrtskapelle, 1564.
RDK I, 1301, Abb. 5. Oberöwisheim, Pfarrkirche, 1477.
RDK I, 1301, Abb. 6. Mainbernheim, Friedhofskanzel, um 1618.
RDK I, 1303, Abb. 7. Wallfahrtskapelle St. Wendelin, M. 18. Jh.
RDK I, 1303, Abb. 8. Ulm, Rathauskanzel, Federzeichnung 1680.

Außenkanzel (Freikanzel, Benediktionsloggia, Heiltumskanzel, Heiltumsstuhl, Predigtstuhl, Ablaßkanzel, Pilgerkanzel, Feldkanzel, Friedhofskanzel, Ratskanzel).

I. Begriff

Dem Wortsinn nach bedeutet A. im Gegensatz zu der innerhalb eines Raumes befindlichen Kanzel eine formgleiche oder ähnliche Anlage außerhalb eines Bauwerks. Hier kann sie im architektonischen Zusammenhang mit diesem Gebäude errichtet sein: angebaute A. oder freistehend: Freikanzel. Dazu kommt als Zwischenform die in die architektonisch ausgestaltete Umgebung eines Bauwerks einbezogene A. Die A. findet sich an kirchlichen und profanen Bauwerken und kann auch als Freikanzel kirchlichen und profanen Zwecken dienen. Aus dem Gebrauchszweck der kirchlichen A. ergibt sich die Notwendigkeit, den Begriff auf Benediktionsloggien und Heiltumsstühle auszudehnen.

II. Zweck

Allgemein ist die Außenkanzel sinnvoll, wenn die von ihr vorzunehmende Funktion im Freien stattfinden muß oder die Menge, für die sie vorgenommen wird, zu groß ist, um im Inneren des zur Verfügung stehenden Raumes Platz zu haben. So findet sich z. B. die A. häufig gerade bei kleinen kirchlichen Bauten, während sie bei den großen Kathedralen nicht erforderlich ist. Für kirchlichen Gebrauch kommt, häufig miteinander vereinigt, in Betracht: die Benediktion (Segensspendung), die Heiltumsweisung (Vorzeigen von Reliquien), die Predigt, insbesondere an Wallfahrtsorten, oder bei Predigten berühmter Wanderprediger, bei besonderen Anlässen (Kreuzpredigt, Ablaßpredigt), die Totenpredigt. Bei weltlichem Gebrauch handelt es sich vorwiegend um Bekanntmachungen der weltlichen Obrigkeit, Privilegienverlesung u. a., Versammlungen im Freien. III. Die Formentwicklung der A. in Gestalt einer kleinen Rednerbühne steht bis zu einem gewissen Grade in Parallele mit der Entwicklung der Innenkanzel. Das bedeutet, daß auch sie erst verhältnismäßig spät, nicht vor dem 12. bis 13. Jh. in Italien entstanden ist; aber während für jene Ambo und Lettner, sind für diese Loggia, Balkon und Altan Vorformen des Außenbaues, die auch in der späteren Formentwicklung der A. wichtig bleiben.

1. Der Sache nach waren die Segensspendungen der Päpste „urbi et orbi“, wie sie bis 1870 und wieder seit 1932 regelmäßig in der Osterzeit oder bei besonderen Anlässen von St. Peter und von S. Giovanni in Laterano aus stattfinden, von beispielhafter Bedeutung. Eine frühe Darstellung dieser päpstlichen Funktion findet sich auf einem nur in Resten erhaltenen Fresko des Giotto-Kreises im Lateran: Papst Bonifaz VIII. verkündet das Jubeljahr 1300. Schon der mittelalterliche Bau von St. Peter besaß vor der Nordostecke des Atriums eine kleine vierteilige Loggia mit einem Obergeschoß, und auch der Bau an der Südostecke öffnete sich in den beiden Obergeschossen in hohen Arkaden. An der Stelle der nördlichen wurde nach Albertis Plänen unter Pius II. und Julius II. eine große dreigeschossige Benediktionsloggia errichtet. Ein Stich des 16. Jh. [10 S. 124] zeigt die Spendung des Ostersegens für die riesige den Petersplatz füllende Menge. Vor der Segensspendung wurde von der gleichen Stelle aus die Bulle „In Coena Domini“ verlesen. Bei S. Ambrogio in Mailand (12. Jh.) ist das Loggienmotiv mit fünf nach der Mitte steigenden Öffnungen in ganzer Fassadenbreite über der Vorhalle ein Bestandteil der Kirche selbst geworden. Das bleibt für Italien zukunftsreich: das Modell Sangallos für den Neubau von St. Peter ordnet die Loggia mit einer hohen Öffnung über dem mittleren Eingang an, und noch im römischen Barock ist es bei wichtigen Bauten das bestimmende Motiv der Fassadengestaltung (Sta. Maria Maggiore, Lateran, Sta. Maria in Via Lata).

Die Altanform findet sich bei einer ganzen Gruppe oberitalienischer Kirchen des 12. und 13. Jh. Die Kathedralen von Verona, Parma, Modena, Ferrara haben über den Portalportiken einen überdachten geräumigen Altan.

Dagegen kommt der Freibalkon auf Konsolen ursprünglich aus dem Profanbau. Er findet sich bezeichnenderweise besonders häufig am Palazzo Communale, wo er als Ratskanzel diente (Piacenza, 1280; Florenz, um 1300; Pistoia, 1. H. 14. Jh.; Udine, um 1450; Venedig, Dogenpalast, 15. Jh.). Er wird später in den Kirchenbau übernommen. Seitdem Maderna in der Fassade St. Peters die vielseitigen Möglichkeiten der Benediktionsloggia Alberus durch eine Reihe von Balkonen im ersten Geschoß ersetzt hatte, von denen dem mittelsten die eigentliche Würde der Loggia der Segensspendung zukommt, wurde diese Disposition ein Lieblingsmotiv römischer Fassaden des 17. und 18. Jh. (z. B. Gesù, S. Andrea della Valle, S. Isidoro, S. Carlo al Corso, S. Carlo al Catinari, Sta. Susanna, Sta. Maria della Vittoria u. a.).

A. im engeren Sinne gibt es in Italien verhältnismäßig wenige. Die frühsten, die noch dem 12. Jh. entstammen, in Borgo S. Donnino und in Bologna bei S. Stefano an der Fassade der Kirche del Crocifisso. Jene ist ein ganz einfacher, kleiner halbrunder Balkon, diese gleichfalls rund, auf Konsolen, die mit Bogen verbunden sind, auf die Ecke gesetzt, mit glatter gemauerter Brüstung. In Form und Stellung ist sie ein Vorläufer der berühmtesten A. Italiens am Dom in Prato, die 1434–38 von Donatello und Michelozzo geschaffen wurde. Dem Zweck nach ist sie in erster Linie Heiltumskanzel, zur Vorweisung der Gürtelreliquie (sacra cintola). Durch ihre Architektur und den für A. ungewöhnlichen plastischen Schmuck ist sie die einzig wirklich bedeutende Lösung der Bauaufgabe. – Neben der runden kommt auch viereckige und polygonale Form vor. Sie wird schon um 1300 durch die Fresken Giottos in der Arenakapelle bezeugt (Kindermord, Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel). Erhalten ist eine quadratische Kanzel am Baptisterium von Pistoia (1359), eine rechteckige an der Südseite des Doms von Modena, eine polygonale, in fünf Seiten des Sechsecks vorspringend, an der Kathedrale von Perugia, von der 1425 der hl. Bernhardin von Siena predigte. Die profane A. am Palazzo del Commune in Monza (1293) hat über rechteckigem Körper ein Baldachindach, und die A. des Foro dei Mercanti in Bologna ein hohes polygones Pyramidendach in reichen gotischen Formen (1382).

In Frankreich ist die Loggienform an der Fassade der Sainte Chapelle in Paris (1248) vertreten. Über der die ganze Frontbreite einnehmenden Vorhalle liegt eine hohe nach West, Nord und Süd geöffnete Loggia und darüber im Rosengeschoß noch ein offener Altan. Durch die Tatsache, daß die Kapelle insbesondere zur Aufbewahrung der Dornenkrone und anderer 1239 nach Paris verbrachter Reliquien erbaut wurde, erhält diese Fassadendisposition ihren Sinn. Die eigentliche A. kommt erst wesentlich später vor [9]. Beispiele aus der 2. H. 15. Jh. sind: Kathedrale von Nantes (an der Westseite des Südturms), St. Aubin de Guérande (an der Westfassade neben dem Portal), Notre Dame de St-Lô (zwischen zwei Strebepfeilern der Nordseite) und Notre Dame de Vitré (an einem Strebepfeiler der Südseite). Alle haben polygonale Körper, mit Maßwerk verziert. Alle haben Bedachungen. Mit ihrer Richtung auf einen öffentlichen Platz oder die Straße sind sie ausgesprochene Predigtkanzeln. Eine einfachere A., geöffnet zum Hof eines Kreuzgangs, ist bei der Kathedrale von St.-Dié erhalten (Anf. 16. Jh. [7. 8]). In der Bretagne findet sich eine späte Gruppe als Friedhofskanzeln, z. B. Guerne (17. Jh.), Guimiliau (1642 [9]); in die Fenstergliederung eingezogen, treten sie nur schwach gerundet aus der Kappellenwand hervor; sehr hoch, in der Höhe des Kranzgesimses erst, ist das Schalldach angeordnet.

Auch in Deutschland kommt die A. nicht vor dem 13. Jh. vor; sie findet sich häufiger erst seit dem 15. Jh. Die Balkon- und Altanform gehört auch hier insbesondere dem Profanbau an und ist bei Rathäusern, z. T. im Zusammenhang mit der Treppenanlage, überaus häufig (Gelnhausen, Freiburg i. Br., Heilbronn, Lindau, Augsburg, Nördlingen, Dettelbach, Schweinfurt, Altenburg, Halberstadt, s. a. Gent 1518). Am Römer in Frankfurt wurde je nach Bedarf vor dem Kaisersaal ein hölzerner Altan errichtet. Die Loggienform findet sich z. B. am Altstädter Rathaus in Braunschweig als beherrschendes Fassadenmotiv.

Bei Kirchenbauten ist das früheste feststellbare Beispiel bezeichnenderweise an einer kleinen Wallfahrtskirche, St. Kunigund auf dem Altenberg bei Burgerroth (Inv. Bayern III, 1 S. 231). Die Kanzel ist nur noch in Resten erhalten, doch ist erkennbar, daß es ein Freibalkon an der Ostseite des Langhauses war, auf den man durch eine Tür vom Chor her gelangte; die Rückwand ist in einer Blendnische mit Rundbogenfries gegliedert, über dem ein Dach auf Konsolen vorgezogen war. Der Balkontypus kommt auch noch später vor. Bei der Marienkirche in Mühlhausen (14. Jh., Abb. 1) erhebt sich über dem Hauptportal an der Front des Südquerhauses ein offner Altan, geschmückt mit vier Figuren, die sich über die Brüstung lehnen, nach der Überlieferung das Kaiserpaar bei der Huldigung des Rates. Darüber befindet sich, hoch oben im Giebel, noch ein kleiner Balkon mit Maßwerkbrüstung, der zur Vorzeigung von Reliquien benutzt wurde. Ein gleicher Balkon mit geschlossener Brüstung ist ebenso hoch an der Nordquerhausfront angebracht. Gleichfalls in so bedeutender Höhe wurde vor dem Westturm des Aachener Münsters, zugänglich aus dem Obergeschoß der im 14. Jh. auf die karolingischen Treppentürme aufgebauten Heiltumskammern, ein geräumiger gedeckter Altan gelegt. Sowohl dieser als auch die vom Westturm zum Vierungsturm in gleicher Höhe führende Brücke wurde bei den Heiltumsweisungen benutzt. Ein Altan über einer Vorhalle findet sich bei der Frauenkirche in Nürnberg und an der Südseite der Kirche von Christenberg bei Marburg; dieser wird noch heute an Himmelfahrt und Pfingsten zur Predigt benutzt. Eine Zwischenform zwischen Altan und Loggia zeigt die schöne A. der Michaelskapelle in Kiedrich i. Rheingau (Abb. 2), erbaut um 1440, zwischen zwei Strebepfeiler der Nordseite eingespannt. Der Eingang liegt in der Fußbodenhöhe des oberen Kapellenraums. Die A. dient doppeltem Zweck: der Grabpredigt und der Weisung der Valentinsreliquie aus der gegenüberliegenden Pfarrkirche an Wallfahrtstagen. Eine Vereinigung von Altan und Kanzel, eine Disposition, die ursprünglich am Lettner vorkommt, bot die A. der Leonhardskirche in Frankfurt (Inv. Frankfurt a. M. Bd. 1 Abb. 27). Sie entstammt dem Umbau der romanischen Kirche im 15. Jh. Die Nordseite öffnete sich zum Friedhof in vier Arkaden; über den beiden mittleren lag zwischen zwei Strebepfeilern ein offener Altan, aus dem in der Mitte ein Kanzelkörper von einer Konsole getragen in fünf Seiten des Achtecks vorsprang. Der Zugang erfolgte aus dem Innern von der Empore aus, und über dem Portal zog sich ein Schalldeckel nach vorn bis über die Kanzel, der, pyramidenförmig hochgezogen, als Bekrönung einen Doppeladler trug. Dieser weist auf den Verwendungszweck: von der Kanzel aus wurden der auf dem Friedhof versammelten Bürgerschaft die kaiserlichen Privilegien von Rats wegen verlesen. Die Richtung nach dem Friedhof beweist aber auch die Benutzung zur Grabpredigt. Schließlich ist auch die Verwendung als Heiltumskanzel mit der öffentlichen Weisung der Leonhardsreliquie für die Jahre 1497 und 1504 bezeugt. Diese Vereinigung von Altan und Kanzel hat sich an der Südseite der Heiligleichnamskirche in Danzig erhalten (1707, Abb. 3).

Die A. im engeren Sinne, die in Deutschland nicht vor dem späteren Mittelalter zu finden sind, sind meist sehr einfach, reine Zweckbauten; keine erreicht die schmuckhafte Wirkung der französischen Kanzeln von St. Lô oder Vitré oder den bedeutenden Eindruck der Kanzel von Prato. Aus dem 14./15. Jh. stammt die Predigtkanzel an der Franziskanerkirche von Rufach (Oberelsaß). Sie ist als offener kleiner rechteckiger Altan vor einen der Strebepfeiler der Nordseite gesetzt und wird aus der Kirche auf einem Gang längs des tiefen Strebepfeilers betreten; sie ist wichtig als Beispiel an einer Bettelordenskirche (Inv. Elsaß-Lothr. 2, S. 579 Abb. 96–98). Vor einem Strebepfeiler der Nordseite des Chors von St. Stephan in Wien steht die sog. „Capistranskanzel“ aus dem 15. Jh., die aber ursprünglich eine Freikanzel war (s. u.). Die häufigste Anordnung ist das Auskragen eines polygonen Kanzelkörpers auf Konsolen aus der Kirchenwand, in der Regel mit Dach- oder Schalldeckel. So in Geisa (Thüringen) an der Wallfahrtskapelle auf dem Gangolfsberg 1564 (Abb. 4), in Seelenberg (Taunus) an der Pfarrkirche, 16. Jh.; an der Fallerkapelle bei Wittlich, 1718 (Inv. Rheinprov. 12, 4 S. 336 Fig. 183); in Bergweiler an der Fintenkapelle, 1741 (Inv. Rheinprov. 12,4 S. 32 Abb. 4); die kleine Kapelle liegt mitten in einer Wiese als Wallfahrtsort für kranke Kinder. Ungewöhnlich repräsentativ innerhalb des deutschen Barockkirchenbaus ist die Anordnung der A. bei der Wallfahrtskirche St. Wendelin i. Baden (M. 18. Jh., Abb. 7), wo sie in der Mitte des ovalen Ostturms über dem Portal eingebaut ist, ausgestattet mit hohem Schalldeckel wie eine Innenkanzel; vgl. auch Neresheim.

Andere Anordnungen kommen vor. Bei der Wallfahrtskapelle in Heinzerath (Inv. Rheinprov. 12, 4 S. 142 Abb. 74) liegt die A. in der Südmauer und öffnet sich nach außen wie ein Fenster von einer flachen Nische gerahmt. Bei der Wallfahrtskirche St. Salvator in Schwäbisch-Gmünd, 1617 (Inv. Württemberg, Jagstkreis 1 S. 401) ist sie in die Ecke zwischen Langhaus und Turm gestellt und wird von einer Säule getragen. Ein besonders stattliches Beispiel dieser Art ist die (erneuerte) Ratskanzel am Ulmer Rathaus (Abb. 8).

In den meisten Fällen sind die A. durch eine Tür in der Kirchenwand zugänglich, zu der man im Innern auf einer Treppe gelangt. Außentreppen sind selten. Sie kommen vor an der A. der Pfarrkirche St. Mauritius von Oberöwisheim, 1477 von Pfarrer Andreas Korz gestiftet (Abb. 5). Sie liegt an der Südwand, nach dem ehemaligen Friedhof zu gerichtet, an die Kanzel anschließend steht in flachbogig geschlossener Nische eine Ölberggruppe, deren Bodenhöhe mit dem Kanzelboden gleichläuft. Eine Außentreppe hat auch die moderne A., die 1932 an die Außenwand der Wallfahrtskapelle St. Gertrudis bei Oberreifenberg (Taunus) angebaut wurde. Bei der Friedhofskirche von Spalt (Mittelfranken) wird die steinerne A. mit einem mächtigen Schalldeckel aus Holz von der korrespondierenden hölzernen Innenkanzel aus betreten.

Die A. in Tremmen (Inv. Brandenburg II, 1 S. 240) ist auf einem Strebepfeiler an der Westfassade aufgebaut. Dagegen ist die sog. „Tetzelkanzel“ der Herrgottskirche von Creglingen um 1400, die die Bekrönung des schlanken Treppentürmchens an der Südseite hoch über dem Friedhof bildet, kaum als A. zu betrachten. Eine ähnliche Disposition findet sich an dem Treppenturm der Deutschordenskirche von Würzburg, um 1300 (Inv. Bayern III, 12 S. 173). Als weitere Beispiele seien genannt: Alsfeld (Oberhessen), Friedhofskapelle, 1610; Oberursel (Taunus), Friedhofskapelle, 17. Jh. (Inv. Reg.Bez. Wiesbaden II S. 112); Hessenthal (Unterfranken), Kreuzkapelle, 1618 (Inv. Bayern III, 24 S. 46 Abb. 36); Saalfeld (Thür.), Johanneskirche; Büttstedt (Thür.), Dorfkirche; Laudenbach (Jagftkreis), Bergkirche; Murnau (Steiermark), Annakirche (15. Jh.).

2. Eine Zwischenstellung zwischen angebauter A. und Freikanzel nehmen die A. ein, die in die architektonische Umgebung eines Kirchenbaus einbezogen sind. Ein berühmtes italienisches Beispiel bietet die Baldachinkanzel bei S. Francesco von Assisi, die auf einer mächtigen Strebemauer der Kirche hoch über den Kreuzgang aufgebaut ist und noch heute an Ostern und Pfingsten zur Vorweisung der 1320 erworbenen Schleierreliquie an die Pilger dient [11]. Für den gleichen Zweck der Reliquienweisung wurde 1480 in die Brüstung der großen Terrasse vor der Aschaffenburger Stiftskirche ein runder Kanzelkörper auf Konsole einkomponiert, auf den freien Kirchplatz hin gerichtet (Inv. Bayern III, 19 S. 151 Abb. 114). Aus der gleichen Zeit stammt die polygonale Kanzel am Dom zu Erfurt, die sich von der Höhe der Kavatenplateaus auf die „Graden“, die große Freitreppe zum Dom, öffnet. Schließlich sei die Predigtkanzel auf der Terrasse des Berggartens beim ehemaligen Kapuzinerkloster in Bernkastel genannt, die mit rundem, durch gotisierende Kleeblattbögen durchbrochenem Körper auf einer reich profilierten spitz zulaufenden Konsole E. 17. Jh. eingebaut wurde (Inv. Rheinprov. 15, 1 S. 67 Abb. 44).

3. Die Geschichte der eigentlichen Freikanzel reicht weit zurück. Jede absichtsvoll erhöhte Rednerstelle gehört in ihre Entwicklungsreihe. Es sei vor allem an die Rostra auf dem römischen Forum erinnert. Innerhalb der mittelalterlichen Entwicklung steht die bewegliche Freikanzel am Anfang. Es gibt darüber viele Nachrichten, die auch über Zweck und Art des Gebrauches aussagen. 1109 wurde eine Kreuzreliquie von Jerusalem nach Paris übertragen. Seit dieser Zeit wurde sie alle zwei Jahre in der Ebene von St. Denis von einer eigens dafür errichteten Tribüne aus dem Volk gezeigt und der Segen erteilt [7]. Der hl. Bernhard v. Clairvaux predigte 1146 von einer Tribüne aus auf dem Hügel von Vézelay vor den Kreuzfahrern [7]. Aber auch in der Stadt ging man, wenn nötig, auf einen freien Platz vor der Kirche. 1416 hat man in Frankfurt „einen Predigtstuhl vor St. Catharinen uff den Roßmarkt getragen, als man da predigte“ [13]. Wie ein solcher Predigtstuhl aussah, erkennt man auf dem Bilde des Sano di Pietro (im Dom zu Siena), das die Predigt des Hl. Bernardin v. Siena auf der Piazza vor dem Palazzo Pubblico im Jahre 1427 darstellt. Auf vier Beinen erhebt sich ein oben mit Stoff überspanntes, ziemlich kleines Gerüst, das gerade für den Prediger Raum bietet, der die Paxtafel vor sich hält. Wenn einer der berühmten Prediger längere Zeit in einer Stadt verweilte, so wechselte man den Platz der Predigt je nach der zu erwartenden Menge der Zuhörer. Nach einem Bericht von 1454 [13] predigte Johannes Capistranus in Frankfurt an den Wochentagen auf dem Friedhof der Bartholomäuskirche, an den Festtagen gewöhnlich „uff dem Samstagsberge“ (Ostseite des Römerbergs) „uf ein Geroist und do laisz er noch der predigt annoch messe uf, und stund das geroiste auf dem hoesten berge, dem rathuse uber“. Er hält seine Predigt in lateinischer Sprache, aber ein Ordensbruder übersetzt sie sofort ins Deutsche. Der Bericht betont die Menge der Menschen, die aus Stadt und Umgebung zusammenströmten. 1466 predigte ein anderer Barfüßer, Jacob Mene von Köln, an Okuli zuerst auf dem Pfarrkirchhof von einem Predigtstuhl aus, dann während der Fasten wochentags täglich von 6 bis 7 in der Bartholomäuskirche, Sonntags auf dem Kirchhof; am Palmsonntag vor 10 000 Menschen; am Karfreitag wieder in der Kirche, „do was die phar also voll volks, das zu allen doren lang zippel hene usz stunden“ [13]. In Wien war 1416 ein hölzerner Altan errichtet worden, auf dem ein Predigtstuhl mit einer Fahne angebracht war. 1430 wurde dieser durch eine steinerne Kanzel auf dem Domhügel beim Domherrnhof ersetzt, auf der dann auch Capistran predigte. Im Lauf des 17. Jh. wurde sie an die Nordseite des Chors von St. Stephan versetzt.

Bei Wallfahrtsorten kommt an Stelle der angebauten A. auch die feste Freikanzel häufig vor. Das frühste Beispiel bieten vermutlich die Externsteine, wo an zwei Stellen, auf der Höhe des Grabfelsens und an der Kapelle, Plätze für einen Prediger vorbereitet sind [14]. Bei der sehr alten Auraeuswallfahrt im Zahlbacher Tal bei Mainz wurde noch im 18. Jh. von einer Freikanzel gepredigt, die vor der Westseite der Kirche unter einem Baume aufgestellt war [15]. Bei der Magdalenenkapelle bei Baunach (Unterfranken) ist um 1500 eine steinerne Pilgerkanzel errichtet worden, zu der eine Holztreppe hinaufführte (Inv. Bayern III, 15 S. 36 Abb. 30). Von 1576 stammt die Freikanzel von Amorsbrunn bei Amorbach, die an die Umfassungsmauer angelehnt, einen Körper aus drei Polygonseiten mit Blendmaßwerkfeldern auf profiliertem Fuß besitzt. Nicht weit davon befindet sich ein Heilbad für die Pilger (Inv. Bayern III, 18 Abb. 63, 72). Ein Beispiel des 15. Jh. in Österreich ist die Feldkanzel in St. Lambrecht (Mitt. d. Centralkomm. XVI S. 47f.).

Am häufigsten kommen aber die Freikanzeln auf Friedhöfen für Grabpredigten vor. Auf dem Friedhof von Prichsenstadt (Unterfranken) wurde 1605 gegenüber einer Halle für die Trauerversammlung eine Freikanzel errichtet mit quadratischem Körper, der nur eine Stufe über den Fußboden erhöht ist und auf vier Säulchen ein Dach trägt (Inv. Bayern III, 8 S. 183). Ähnlich im Aufbau sind die Friedhofskanzeln in Mainbernheim von 1618 (Abb. 6) und in Sickershausen von 1690 (Inv. Bayern III, 2 S. 18). Auch in Thüringen finden sie sich, z. B. auf dem Friedhof in Weida (Inv. Thüringen, Sachsen-Weimar-Eisenach 5, S. 387). Eine besonders zahlreiche geschlossene Gruppe findet sich in der Bretagne. Es sind meist niedrige, viereckige, polygonale oder runde Kanzelkörper, ohne Dach, aber alle überragt von großen Steinkreuzen, mit denen sie in fester Verbindung stehen. Sie kommen seit dem 15. Jh. vor. Besonders stattliche Kanzelbauten wurden im 18. Jh. in Quelven und St. Anne d’Aurey errichtet, kleine Pavillons mit offenen Freitreppen, die von rechts und links heraufführen, während sich darunter ein kleiner Karner befindet [9].

Unter den Begriff der festen Freikanzeln fallen schließlich auch die altanartigen Heiltumsstühle, die zur regelmäßigen Weisung großer Reliquienschätze dienten. Seitdem die Reichsheiltümer, d. h. die Krönungsinsignien der deutschen Kaiser und die dazugehörigen Reliquien, von Sigismund der Stadt Nürnberg zur dauernden Aufbewahrung anvertraut worden waren, wurden sie von 1424 bis 1523 jährlich 14 Tage nach Karfreitag dem Volke gewiesen. Vor dem Schepperschen Hause am Markt wurde zu diesem Zweck ein hölzerner Altan aufgeschlagen, in dem unten Ritter und Stadtknechte Wache hielten, während vom Obergeschoß aus unter einem Zeltdach der Bischof von Bamberg mit anderen hohen Geistlichen die Weisung vernahm [16]. In Wien wurde 1486 bei St. Stephan ein steinerner Heiltumsstuhl erbaut (Altana lapidea). Es war ein rechteckiges Gebäude mit Satteldach, unten ein großer Schwibbogen, im Obergeschoß, an den Ecken und in den Mitten der Langseiten mit Statuen auf Konsolen geschmückt. Hier befanden sich an den Langseiten je acht, an den Schmalseiten je drei spitzbogige Fensteröffnungen, an denen die Reliquien am Sonntag nach Ostern gezeigt wurden. Er wurde 1699 abgebrochen (Inv. Österreich 23, S. 41 Abb. 10, S. 54 und S. 165 Abb. 118, 119).

Zu den Abbildungen

1. Mühlhausen (Prov. Sachsen), Marienkirche, Fassade des Südquerschiffs, 14. Jh. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

2. Kiedrich (Rheingau), Michaelskapelle, um 1440. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

3. Danzig, Heiligleichnamskirche, A. an der Südseite, 1707 angebaut, Holz. Bei späterer Restaurierung der Altan rechts und links von der Kanzel geschlossen. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

4. Geisa (Thüringen), Wallfahrtskapelle auf dem Gangolfsberg, A. bei einem Umbau 1564 angefügt. Nach Inv. Thüringen, Sachsen-Weimar-Eisenach 4, Taf. S. 88/89.

5. Oberöwisheim (Baden), Pfarrkirche St. Mauritius. A. gestiftet 1477 von Pfarrer Andreas Korz. Phot. Wilhelm Kratt, Karlsruhe.

6. Mainbernheim (Unterfranken), Friedhofskanzel, um 1618. Phot. Bayer. Landesamt f. Denkmalpflege, München.

7. Wallfahrtskapelle St. Wendelin (Baden), M. 18. Jh. Nach Inv. Baden 7.

8. Ulm, Kanzel am Rathaus. Federzeichnung des Leutnants Paul Wille aus Chur, 1680, Ausschnitt. Ulm, Mus. Phot. Mus.

Literatur

1. Otte I S. 301. 2. Bergner S. 283. 3. Buchberger Bd. 5, Sp. 792 ff; 8, Sp. 807ff. 4. Cam. Enlart, Manuel d’archéologie I S. 758ff. 5. La Grande Encyclopédie Bd. X, S. 215 (chaire). 6. Enciclopedia Italiana 28 S. 532ff. (pulpito). 7. Viollet-le-Duc, Architecture II S. 411 (chaire). 8. R. de Lasteyrie, L’architecture religieuse en France à l’époque gothique Bd. 2, Paris 1927. 9. R. Grand, Les chaires à prêcher au dehors des églises, Bull. mon. 83, 1924 S. 306ff.

Einzelne Denkmäler: 10. W. Pastor, Die Stadt Rom zu Ende der Renaissance, Freiburg i. Br. 1916, S. 18 Abb. 14 und S. 124 Abb. 101. 11. Beda Kleinschmidt, Die Basilika S. Francesco in Assisi Bd. 1, Berlin 1915, S. 32. 12. J. G. Battonn, Örtliche Beschreibung der Stadt Frankfurt a. M., Bd. 5, Frankfurt 1869, S. 4. 13. H. Grotefend, Quellen zur Frankfurter Geschichte, Bd. 1, Frankfurt 1884, S. 191. 14. A. Fuchs, Im Streit um die Externsteine, Paderborn o. J. (1934). 15. F. Singer, St. Auraeus und sein Heiligtum zu Mainz, Mainz 1903. 16. F. T. Schulz, Die deutschen Reichskleinodien, Leipzig 1934, S. 48 und 50.

Verweise