Atzmann

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englisch: Atzmann, lectern in form of a deacon; französisch: Atzmann, lutrin en forme de diacre; italienisch: Leggio a figura di diacono.


Otto Schmitt (1937)

RDK I, 1220–1223


RDK I, 1221, Abb. 1. Naumburg, um 1250/60.
RDK I, 1221, Abb. 2. Heiligenstadt, 1. H. 14. Jh
RDK I, 1221, Abb. 3. Würzburg, Anf. 16. Jh.

Atzmann ist eine nur am Mittelrhein, hier aber mehrfach und zu verschiedenen Zeiten nachweisbare Bezeichnung für ein liturgisches Lesepult in Gestalt eines Diakons. „Adtsmannus seu statua lapidea representans levitam tenentem in manibus librum“ wird in einer Handschrift des frühen 18. Jh. [1] ein nicht mehr vorhandenes Lesepult im Westchor des Mainzer Doms genannt, das möglicherweise ein Werk des Naumburger Meisters war, und 1762 beschenkt der Mainzer Kurfürst den Dom zu Worms mit einem „silbernen pulpitro oder Atzmann“ (E. Kranzbühler in Festschrift f. Friedr. Schneider, Freiburg i. B. 1906 S. 308). Bereits im 17. Jh. wird ein A. in St. Stephan, im 16. Jh. ein solcher in St. Peter in Mainz erwähnt [1]. Wie das Wort A., das im Mittelhochdeutschen meist „Schwindsucht“ bzw. „Bildzauber für Schwindsucht“ bedeutet (Lexer, Mhd. Wörterbuch, 1872 Sp. 104; Handwörterbuch des dt. Aberglaubens I, 1927 Sp. 671) zu dem hier definierten Sinn kommt, ist noch nicht geklärt.

Der A. ist in der Regel die aus Stein, seltener aus Holz gebildete lebensgroße und vollrunde Statue eines Diakons in den liturgischen Gewändern, der in den Händen ein Buchpult, seltener ein aufgeschlagenes oder geschlossenes Buch, hält. Er diente als Buchträger für den Chordienst, aber wohl auch zum Verlesen von Epistel und Evangelium. Im letzteren Fall konnte er leinen Platz auf dem Lettner haben, wie es Jos. Knauth (Denkmalpflege IV, 1902 S. 102ff.) für das Straßburger Münster wahrscheinlich gemacht hat. Die oben erwähnten Mainzer Denkmäler scheinen jedoch, mindestens in spät- und nachmittelalterlicher Zeit, nicht auf dem Lettner, sondern in der Mitte des Chors gestanden zu haben. – Der A. kommt nach den erhaltenen Beispielen und den historischen Quellen immer nur in der Einzahl vor, doch kann ihm in Gestalt eines Pultengels ein Gegenstück gegeben werden (vgl. Ebersdorf).

Die ältesten erhaltenen Beispiele stammen aus dem 13. Jh.; das Motiv könnte aber in das 12. Jh. zurückreichen, in welchem die anthropomorphe Durchbildung vergleichbarer Gegenstände (Engel mit Sonnenuhr, Weihwasserbecken, Lesepulte) einsetzt und überhaupt die Idee der Tragfigur in der Monumentalplastik wieder eine Rolle zu spielen beginnt. Da das Motiv des A. in Deutschland ziemlich gleichzeitig bei 2 in Frankreich geschulten, aber voneinander unabhängigen Künstlern (dem Meister des Straßburger Lettners und dem des Naumburgers) auftritt, liegt es nahe, seinen Ursprung in Frankreich zu suchen, wo lebensgroße Tragfiguren besonders früh und häufig vorkommen; doch hat sich in Frankreich anscheinend kein A. erhalten. – Über das Problem des Erfurter Wolfram, den Ad. Goldschmidt im Urzustand für einen romanischen Buchträger halten möchte, vgl. Sp. 1103/04 mit Abb. 22; auch die profane Tracht und der Bart unterscheiden den Wolfram von den gesicherten A.

Beispiele des 13. Jh. in Naumburg (Abb. 1), Straßburg (Frauenhaus, vom Lettner des Münsters) und Fritzlar (Stiftskirche, Inv. Reg.-Bez. Cassel II Taf. 62), des 14. Jh. im Diözesanmus. in Limburg a. d. L. (aus Kloster Marienhausen im Rheingau; vgl. Nassauische Heimatbl. 17, 1913/14 S. 97ff.), in Sinnershausen (Inv. Sachsen-Meiningen I, 2 S. 261/62) und in Heiligen- stadt im Eichsfeld (Abb. 2), des frühen 15. Jh. in Frankfurt a. M. (Dom, hier in Verbindung mit dem Sakramentshäuschen) und in der Kilianskirche zu Corbach (Waldeck), aus der Zeit um und nach 1500 in Mainz (Dommus., aus dem Kloster St. Jakob), Bingen (Stiftskirche; vgl. Binger Kirchenkalender 1912), Würzburg (Dom, Werkstatt Riemenschneiders; Abb. 3) und in Ebersdorf (Inv. Sachsen Bd. 6, Tafel IX/X). Mit Ausnahme des letzteren, der zugleich als einziger einen Pultengel als Gegenstück besitzt, sind alle aus Stein. Mit dem Ausgang des Mittelalters scheint der A. aus der Mode zu kommen (doch s. o. Worms!), wie er denn wohl auch im Mittelalter immer nur die Ausnahme bildet. Dagegen ist das Motiv des Pultengels beibehalten und namentlich in der Barockzeit eifrig weitergebildet worden.

Zu den Abbildungen

1. Naumburg, Dom, Stein bemalt, lebensgroß. Um 1250-60. Phot. Kunstgesch. Seminar Marburg.

2. Heiligenstadt (Eichsfeld), Bergkirche St. Martin, Atzmann, Stein, 1. H. 14. Jh. Phot. Eduard Bissinger, Erfurt.

3. Würzburg, Dom, A. aus Stein, Höhe 180 cm. Riemenschneider-Werkstatt, Anf. 16. Jh. Phot. L. von Herrnböck, Würzburg.

Literatur

1. Franz Falk, Der „Atzmann“ in mittelrhein. Kirchen, Gesch.-Blätter f. d. mittelrhein. Bistümer I, 1883, Sp. 12 u. 13. 2. Otte I5, S. 302. 3. Bergner, Kirchl. Kunstaltertümer, S. 291.

Verweise