Atlas

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englisch: Atlas, satin; französisch: Satin; italienisch: Raso.


Dorothee Klein (1937)

RDK I, 1194–1196


RDK I, 1193, Abb. 1. Grundbindungen.
RDK I, 1195, Abb. 2. Gerard Terborch. Berlin.

Atlas (vom arabischen atlas = glatt, zart), französisch und englisch: satin (vom lateinischen setinus), italienisch und spanisch: raso. – A. ist eine der drei Grundgewebeformen neben Taffet (Leinen) und Köper (Abb. 1). Ihre Eigentümlichkeit besteht darin, daß die einzelnen Bindungspunkte der Kett- und Schußfäden sehr weit über die Stoffoberfläche verstreut liegen (vgl. das Webediagramm Abb. 1), so daß dieselbe besonders glatt und glänzend erscheint. Man unterscheidet Schuß- und Kett-A., je nachdem, welche Fadenlage die Stoffoberfläche bildet. Kett-A. ist die häufigere Form. A. kann in jedem Material hergestellt werden, jedoch kommen seine Eigenheiten in der Seide am besten zur Geltung. Neben reinseidenem A. (sog. Roll-A.) kommt als einfachere Qualität häufig halbseidener Kett-A. mit Seidenkette und unsichtbarem Baumwollschuß vor. Die von O. v. Falke mit dem Namen Atlasstoffe bezeichneten byzantinischen Seiden des 10.-12. Jh. mit vertieft liegendem linearem Ornament haben mit echtem A. nur den starken Seidenglanz, nicht die Webart, gemeinsam. Sie finden sich, zu Gewändern verarbeitet, gerade in deutschen Kirchenschätzen (Willigiskasel, Mainz; Kasel Bernhards von Clairvaux, Xanten, usw.). Der echte A. muß in China schon vor dem 14. Jh. bekannt gewesen sein. Vermutlich wurde die Webeform dort schon früh aus dem Kettköper entwickelt, der bereits in den Seiden der Hanzeit (um Christi Geburt) angewendet wird. Unter den chinesischen Seiden, die seit dem 14. Jh. in großer Zahl nach Europa kamen, ist bereits vollentwickelter A. vertreten. Er erscheint dort vornehmlich als Grundgewebe in Brokaten und ist vermutlich auch in dieser Form mit der allgemeinen Seidenwebekunst in Europa verbreitet worden. Die Bestimmung ungemusterter A.-Gewebe fällt vorderhand noch schwer. Einige besonders frühe Beispiele (halbseidener A.), wahrscheinlich orientalischer Provenienz, sind in Gewändern verarbeitet, die der Halberstädter Domschatz bewahrt. Im Jahre 1516 ist – erwiesenermaßen – A. von der venezianischen Faktorei der Fugger nach Deutschland exportiert worden [5]. Diese Stücke sind vermutlich schon in Italien selbst (Florenz, Lucca, Venedig) gewebt worden. Sie gehörten dann zu den ältesten europäischen A.-Geweben überhaupt. Im 17.–18. Jh. ist die A.-Technik auch in Frankreich, Deutschland, in der Schweiz und den Niederlanden geläufig (vgl. etwa die Gewänder auf Genrebildern von Terborch, Abb. 2, und Netscher). Die erste deutsche Weberei, die nachweislich A. (halbseidene Qualität) hergestellt hat, ist die Manufaktur in Langensalza, die 1670 gegründet wurde [3]. Im Laufe des 18. Jh. muß A. dann besonders in den von Friedrich d. Gr. begünstigten Seidenwebereien (vor allem Berlin und Krefeld) produziert worden sein. A. ist, wo immer hergestellt, zu kostbaren Gewändern, Wand- und Möbelbespannungen verwendet worden.

Zu den Abbildungen

1. Die Grundbindungen: Leinen-, Köper- und Atlasbindung. Nach B. Vlček, Handbuch der Weberei, Wien 1933.

2. Gerard Terborch (1617–81), Väterliche Ermahnung. Berlin, Staatl. Mus. Phot. Mus.

Literatur

1. Henri Silbermann, Die Seide, Bd. 1 und 2, Dresden 1897. 2. Otto v. Falke, Kunstgeschichte der Seidenweberei, Berlin 1913. 3. Ernst Flemming, Textile Künste, Berlin o. J. (1923). 4. Nancy Andreas Reath, The Weaves of Hand-Loom-Fabrics, Philadelphia 1927. 5. Alfr. Weitnauer, Venezianischer Handel der Fugger, München 1931.

Verweise