Atelier

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englisch: Studio; französisch: Atelier; italienisch: Studio, bottega.


Hans Döllgast (1937)

RDK I, 1170–1172


RDK I, 1171, Abb. 1. Nürnberg, 1487.
RDK I, 1173, Abb. 2. Adriaen van Ostade, 1663.
RDK I, 1173, Abb. 3. Villa Kaulbach, München.
RDK I, 1175, Abb. 1. Gerard Terborch (1617-81), Das Maleratelier.
RDK I, 1177, Abb. 3. G. F. Kersting, C. D. Friedrich im Atelier, 1811.

Atelier, mittellat. artiliaria von lat. ars = Kunst, altfranz. artelier: Werkstatt, insbesondere Künstlerwerkstatt. Die Bezeichnung A. gilt heute nicht allein für den Arbeitsraum eines Künstlers, sondern allgemein für jeden Raum von bedeutenderem Ausmaß und spezieller Anordnung der Beleuchtung für gehobene handwerkliche Betätigung (z. B. A. eines Goldschmiedes, eines Photographen usw.).

Für das Altertum sind besondere Räume als Künstlerwerkstätten bezeugt bei Vitruv im 6. Buch über Architektur IV, 2 unter den nach Norden zu richtenden Gemächern: „... non minus pinacothecae et plumariorum textrine, pictorumque officinae, ubi colores corum in opere, propter constantiam luminis, immutata permanent qualitate.“ Später finden sich sowohl Angaben in mittelalterlichen Klosterplänen als Analogien in noch bestehenden Anlagen.

Der Plan von St. Gallen (820) erwähnt die große Schreibstube nördlich vom Chor der Kirche, einen Saal mit 7 Fensterachsen an der Nord- und Ostseite mit dazwischenliegenden Schreibpulten für Buchmaler und einem Tisch von gewaltigen Ausmaßen in der Mitte des Raumes. Ein gesonderter Trakt mit vielen Innenhöfen enthält Wohnungen und Arbeitsstätten der Handwerker für Metall und Leder, der Waffen- und Goldschmiede, der Gerber und Walker. Manche Betriebe werden sich in gedeckten Hallen abgewickelt haben. Sowohl Bibliothek wie Arbeitsräume sind – ähnlich gelagert – in allen späteren Klöstern des Mittelalters nachweisbar. Der Handwerkerraum oder Brudersaal (frateria) liegt bei normalen Klosteranlagen am Südostende des Kreuzgangs und ist – meist durch besonders reichliche Fenster ausgezeichnet – manchmal zwei- und mehrschiffig angelegt.

Das profane mittelalterliche A. der Architekten und Bildhauer sowie die Werkplätze der Steinmetzen wird man in der Regel in der „Hütte“ (s. Baubetrieb, Bauhütte) zu suchen haben. Die zünftig organisierten Meister verlegten das A., soweit es sich nicht um Architektur und Monumentalplastik handelte, wohl ausnahmslos in ihre Privathäuser. Man wird sich die Künstler- und Handwerkerräume nicht anders vorzustellen haben als die Stuben und Gewölbe der Kaufleute, also meist Erdgeschoßhallen mit vielen Fenstern und Öffnungen gegen die Straße, zugleich Werkstatt und Verkaufsraum. Noch das Dürerhaus in Nürnberg weist keinen ausgesprochenen Werkstättenraum auf. Benvenuto Cellini richtet sich 1540 ein altes Schloß, Petit Nezle, in Paris als Werkstatt für seine Arbeiten am Hofe Franz I. und zugleich als Wohnung ein. Ein Bild von mittelalterlichen Künstlerwerkstätten vermitteln namentlich die zahlreichen Lukasbilder (Abb. 1). Vgl. auch das Straßburger Gemälde von Konrad Witz (Ausschnitt in „Festschrift zum ... 13. Juli 1901“, Basel 1901 S. 303) und den Hl. Eligius von Petrus Christus in New York. Auch in der Folgezeit, bis in das 19. Jh. hinein, dient – wie die zahlreichen Künstlerselbstbildnisse (vgl. Atelierbildnis) beweisen – irgendein Wohnraum mit teilweise abgeblendeten Fenstern als Künstlerwerkstatt (Ostade, Abb. 2; Terborch, Sp. 1175/76 Abb. 1; Kersting, Sp. 1178 Abb. 3). Erst die Münchner Künstlervillen des ausgehenden 19. Jh. (Lenbach; Kaulbach, Abb. 3; Stuck, O. J. Bierbaum, Künstler-Monographien 42 S. 142f.; Ignatius Taschner-Dachau) erheben das A. zu repräsentativer Bedeutung. Die Entwicklung der Technik des Glas- und Eisenbaues führt zu der Form des A. im neuzeitlichen Sinn mit großen stehenden und liegenden Lichtflächen. Wirtschaftliche Gründe fordern die Zusammenlegung mehrerer A. in Stockwerkhäusern oder sog. Künstlerhöfen (Augsburg, Architekt Holzer †; München, Architekt U. v. Seeck). Die Einstellung auf reines Nordlicht wird durchbrochen, das beidseitige Tageslicht, möglichst sogar abblendbare Südsonne, wird sowohl zur technischen wie gesundheithchen Forderung erhoben.

Zu den Abbildungen

1. Nürnberg, GNM, Hochaltar der chem. Augustinerkirche zu Nürnberg (früher Peringsdörfer Altar genannt), Flügelbild. Nürnberg 1487. Nach alter Photographie.

2. Adriaen van Ostade, Ein Maler in seinem Atelier, 1663. Dresden, Gemälde-Gal. Phot. Mus.

3. München, Villa Kaulbach, erbaut von Gabriel von Seidl, 1887. Grundriß des 1. Stocks. Nach: München und seine Bauten, München 1912.

Literatur

1. Hans Huth, Künstler und Werkstatt der Spätgotik, Augsburg 1923. 2. Paul Brandt, Schaffende Arbeit und bildende Kunst, Leipzig 1927. 3. Dorothee Klein, St. Lukas als Maler der Maria, Berlin 1933. 4. Ausstellungs-Katalog „Das Sittenbild.“ (Staatl. Museen, Nat.-Gal.), Berlin 1936-37. 5. Ludw. Goldscheider, Fünfhundert Selbstporträts von der Antike bis zur Gegenwart, Wien 1936. 6. O. Stiehl, Hdb. d. Architektur 4. Bd., H. 2, S. 7.

S. a. Atelierbildnis.