Astrolabium (astrolabium planisphärium)

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englisch: Astrolabe; französisch: Astrolabe; italienisch: Astrolabio.


Hans Wentzel (1937)

RDK I, 1161–1166


RDK I, 1161, Abb. 1. Regensburg, Ulrichsmuseum.
RDK I, 1163, Abb. 2. Berlin, Schloßmuseum, Pommerscher Kunstschrank.

„A. ist anders nichts, dann die himlische Sphaera oder Kugel auff eine ebene flache Figur gebracht, oder aufgerissen, und mit allen zugehörigen Circkelrissen, Linien und Punkten beschriben. Es ist aber unter allen Instrumenten, so zu deß Himels lauff gehören, und von den Gestirnkündigern erdacht worden, dieses das fürnembste und nutzlichste“ [5].

Das A. ist angeblich von Hipparch um 150 v. Chr. (oder sogar – s. [16] – von Apollonius von Perga um 240 v. Chr.) erfunden worden, hat leine gültige Form dann von den Arabern erhalten und ist noch im ersten Jahrtausend n. Chr. nach Europa übernommen worden. Im 9. Jh. lehrt Tatto von Reichenau den Gebrauch des A., im 11. Jh. schreibt Hermann Contractus von Vehringen († 1054) zwei Werke über das A.: „De mensura astrolabii liber“ und „De utilitatibus astrolabii liber“ [6, S. 76, 165].

Seine Verwendungsmöglichkeit war außerordentlich groß; es war das Universalgerät für astronomische und nautische Messungen für den allgemeinen öffentlichen Gebrauch vom 15. bis zum 18. Jh. Zahlreiche, besonders deutsche A. sind in den europäischen Sammlungen erhalten (Hauptsammlungen von A.: Slg. Mensing, Amsterdam [14]; Science Museum, South Kensington; Lewis Evans Collection, Oxford; Schloßmuseum, Berlin; Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg [7] usw.).

Durchgängig besteht das A. aus Messing oder vergoldetem Kupfer. Es hat die Form einer zum Aufhängen eingerichteten flachen Scheibe (Abb. 2). Die Scheibe, die sog. Mater, ist in der Mitte ausgehöhlt und mit verschiedenen, sog. Landkarten ausgelegt, Metallringen mit eingravierten Meß-Skalen für die einzelnen Berechnungssysteme. Auf dieser Scheibe mit den Ringen liegt das Rete, die graphische Abbildung des Tierkreises und der wichtigsten weiteren Sternbilder in ihrer Lage zueinander. Das Rete ist in seiner Form außerordentlich unregelmäßig – und zwar wird diese Unregelmäßigkeit meistens auf Kosten der Naturtreue zugunsten eines ornamentalen Gebildes (Blumenornament) noch gesteigert.

Das älteste der bekannten A. ist das des Regensburger Klosters St. Emmeram im St. Ulrich-Museum (Abb. 1). Es hat noch nicht die später allgemein übliche Form der aufhängbaren Scheibe, sondern ist ein monumentales Denkmal eines A. Vor der steinernen A.-Scheibe kniet auf der Sockelplatte des Achteckpilasters eine jugendliche männliche Figur, die zum Himmel emporschaut. Nach der Umschrift der Scheibe „sideros motus radio (mathemat. Zeichenstab) percurrit Aratus“ soll sie den griechischen Dichter Aratos darstellen, der um 270 v. Chr. das Lehrgedicht „Phainomena“ verfaßte und dessen Werk (in lateinischer Übersetzung) vielleicht die Errichtung des A. veranlaßte. Auf der Rückseite der Scheibe finden sich eingetieft die für A. charakteristischen Kreisskalen mit verschiedener Gradeinteilung, außerdem verschiedene Himmelslinien, davon die Horizontallinie mit „orizon“ bezeichnet. Wahrscheinlich waren die Kreise ursprünglich mit Metall ausgelegt, vielleicht auch wie regelmäßig bei den späteren A. das Rete aufgelegt. Umlaufend auf der Rückseite die Bedeutungserklärung bzw. Gebrauchsanweisung „clima cicli cardo (= Weltachse) celi locus extima sigili . multus ad hec usus est . patet hinc sub acumine visus“ (Inschriften nach I. A. Endres, Führer durch ... St. Ulrich in Regensburg, Regensburg 1920, S. 12).

Diese Ausgestaltung steht in dem heutigen Denkmälerbestand für sich allein – die weiteren uns bekannten m.a. A. [15, S. 19], haben schon die übliche A.-Form und sind aus Metall. – Die allgemeine Verwendung des A. als nautisches und astronomisches Meßinstrument bringt eine reiche Literatur über seine Herstellung und Benutzung mit sich – zum Teil Werke mit genauen Rissen, die jeden Instrumentenmacher zur A.-Herstellung befähigten [1, 3, 4, 5]. Bei Ritter [5, S. 13] Angabe der älteren Bearbeiter des 16. Jh. Die bekanntesten deutschen A.-Meister sind Georg Hartmann, Nürnberg (1537, Berlin, Schloßmus.; 1540, Hannover, Kestner-Mus. usw.), Wenzel Jamnitzer, Augsburg (1578, Mathematischer Salon, Dresden); Christoph Magnus, Hamburg (1608, Hamburg, Mus. f. Hamburg. Gesch.); Elias Habermel, Prag (1585, Berlin, Schloßmus. u. a. O.); J. A. Lynden „1585 Hailbrunnae“ (Brüssel); Michael Quignet, Antwerpen usw. Entsprechend der Bestimmung des sehr kompliziert angelegten Instruments tritt im Interesse einer einfachen Handhabung der Schmuck hinter dem reinen Gebrauchszweck zurück. Jedoch hat fast immer das Rete ein reiches Ornament, fast immer sind Teile der Vorderseite und größere Flächen der Rückseite zu Gravierungen rein dekorativer Art benutzt, Henkel und rückseitige Zeiger häufig mit vollplastischen gegossenen Figuren verziert. Das reichste der deutschen A. ist das des Wenzel Jamnitzer [11]: auf der Vorderseite Sol und Luna und messende Putten, eine Inschrifttafel und allegorische Figuren, auf der Rückseite ein orientalischer Mathematiker und Chronos, die Figuren der Astronomie und der Geometrie. Die „zway horologia“ des Jamnitzer sind besonders groß, 52 cm im Durchmesser; im allgemeinen sind die A. handlicher, mit einem durchschnittlichen Durchmesser von 10-20 cm. Ein besonders kostbares Exemplar ist die Astrolabiumuhr der Slg. Mensing [14, S. 48], eine süddeutsche Arbeit aus der Zeit um 1580: auf den Zeigern Sol und Luna, auf dem Mantel das Paradies der Tiere im Stil von Jost Ammann, auf dem Deckel der Sündenfall nach Aldegrever, außerdem reiches Blatt- und Fruchtwerk in der Art des Jost Amman. A. kommen auch sonst an Uhren vor, so herausnehmbar auf der Rückseite einer Augsburger Turmuhr des 17. Jh. (Versteigerungskatalog d. Slg. A. S. Drey, Berlin 1936, Nr. 187, Taf. 44). Emblematische Gravierungen haben die A. des Georg Hartmann (Hannover, Antwerpen); Tierkreiszeichen, Rollwerk und plastische Köpfe die des Gualterus Arscenius (Slg. Mensing), ähnlich die des Erasmus Habermel und zahlreiche unbezeichnete A. Jedenfalls sind schmucklose A. wie das des Pommerschen Kunstschrankes (Abb. 2) selten.

Da die Messungen mit dem A. auch für astrologische Berechnungen dienten, wird der Name A. auch auf illustrierte Bücher fast rein astrologischen Inhalts übertragen [2].

Das A. kann auch als Attribut der Astronomie dienen; so hält die Astronomie auf dem A. des Wenzel Jamnitzer ein A. in der Hand, s. Freie Künste.

Zu den Abbildungen

1. Regensburg, St. Ulrich-Museum, A. aus dem Kreuzgang von St. Emmeram. Stein, Anf. 13. Jh. Phot. Kunstgesch. Seminar Marburg.

2. Berlin, Schloßmuseum, A. aus dem Pommerschen Kunstschrank, Silber vergoldet. Augsburg, 1610. Phot. Mus.

Literatur

1. Geoffrey Chaucer, Tractatus de Conclusionibus Astrolabii, Bred and mylk for childeren, 1391, ed. W. W. Skeat, London 1872. 2. Johannes Angelus, Opus astrolabii plani in tabulis, Augsburg bei Erhard Ratdolt 1488. 3. Johannes Stoeffler, Elucidatio fabricae ususque astrolabii, Oppenheim 1524. 4. Petrus Beausardus u. a., Annuli astronomici instrumenti cum certissimi, tum commodissimi, usus, Lutetiae (= Paris) 1558. 5. Franz Ritter, Astrolabium, Das ist Gründliche Beschreibung und Unterricht wie solches herrliche und hochnützliche Instrument auff allerley Polus höch sowohl auch nach eines jeden selbst gefälligen größ auffgerissen und verfertigt werden soll, Nürnberg bei Paulus Fürst o. J. (1640?). 6. Rud. Wolf, Geschichte der Astronomie, München 1877, S. 160ff. 7. Justus Brinckmann, Das Hamburgische Museum für Kunst und Gewerbe, Leipzig 1894, S. 771ff. 8. C. Schuchhardt, Führer durch das Kestner-Museum Bd. II, Hannover 19042, S. 52. 9. Jos. Destrée, Les Dinanderies aux expositions de Dinant et de Middelbourg, L’Art flamand et hollandais, Bd. III, 1905, S. 82. 10. Mitteilungen des Germanischen National-Museums, Nürnberg 1911, S. 78/79. 11. Max Engelmann, Mathematische Instrumente von Wenzel Jamnitzer, Mitt. aus den sächs. Kunstsammlungen V, 1914, S. 44. 12. Wilhelm Jesse, Führer durch das Museum für Hamburgische Geschichte, Hamburg o. J., S. 60. 13. A. Rohde, Geschichte der wissenschaftlichen Initrumente, Leipzig 1923. 14. Max Engelmann, Sammlung Mensing, Altwissenschaftliche Instrumente, Bd. I und II, Amsterdam 1924, S. 13ff. 15. O. M. Dalton, British Museum, A guide to the mediaeval antiquities and objects of later date, Oxford 1924, S. 19ff. 16. The Encyclopaedia Britannica Bd. II, „Astrolabe“, London-New York 192414, S. 574. 17. Enciclopedia Italiana Bd. V, „Astrolabio“, Mailand-Rom 1930, S. 96/97, Taf. 19/20. 18. Henry B. Culver, Early scientific instruments, The Connoisseur 97, 1936, S. 147. 19. Alexander Watt, Exhibition of Instruments and tools of navigators, astronomers and physicians Paris 1936, Apollo 23, 1936, S. 278.