Aspis

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englisch: Asp; französisch: Aspis; italienisch: Aspide.


Heinz Köhn (1936)

RDK I, 1147–1152


RDK I, 1147, Abb. 1. Buchdeckel aus Genoels-Elderen, 8. Jh. Brüssel. Ausschnitt.
RDK I, 1147, Abb. 2. Mainz, Grabmal Erzbischof Siegfrieds III., † 1249. Ausschnitt.
RDK I, 1149, Abb. 3. Deckel des Ratmann-Missale, 1159. Hildesheim.
RDK I, 1149, Abb. 4. Magdeburg, Dom, Marmormadonna, um 1240.

Aspis, in der antiken Naturwissenschaft Artbezeichnung für Giftschlangen, wahrscheinlich insbesondere für die Uräusschlange und ihre Spielarten (Pauly-Wissowa II A 524ff.). Was man über sie, nicht wenig fabelnd, zu willen vorgab, wurde zu einem Teil der mittelalterlichen Tierbeschreibung durch Isidor von Sevilla vermittelt. Weit wichtiger war, daß die Vulgata in Psalm 57 (Luther 58) das Gebaren der Gottlosen betrachtet: secundum similitudinem serpentis, sicut aspidis surdae et obturantis aures suas, quae non exaudiet vocem incantantium ... Dieser hinfort charakteristische Zug wird vergleichsweise in Kap. 21 (über das Wiesel) des alten Physiologus [1] erwähnt, in seinen späteren lateinischen und volkssprachlichen Übersetzungen zu einem eigenen Abschnitt erweitert. Psalter, *Bestiarien und wiederum Isidor mit seinen oft ausgeschriebenen Etymologiae (Migne P. L. 82, col. 443) geben dem Motiv der A., die ein Ohr an die Erde preßt, das andere mit dem Schwanz zustopft, um die Stimme des Beschwörers nicht zu hören, die weiteste Verbreitung. Rabanus Maurus (Migne P. L. ist, col. 230) erblickt darin ein Gleichnis des religiös verstockten Judentums, Honorius Augustodunensis (Migne P. L. 172, col. 913) allgemeiner das Bild der Sünde, die das innere Ohr mit irdischen Gelüsten verhärtet und die sakramentalen Wirkungen von Taufe und Abendmahl vernichtet. Darstellungen besonders in der Buchmalerei (Albanipsalter, Initiale zu Psalm 57 [2 S. 53f.]).

Am häufigsten – in der gesamten abendländischen Kunst des Mittelalters – kommt die A. vor in Verbildlichungen von Psalm 90, 13. Durch die christologische Deutung des Verses: super aspidem et basiliscum ambulabis et conculcabis leonem et draconem entstand ein ikonographisch überaus bedeutsames Thema: der triumphierende Christus über diesen 4 Tieren stehend. Seine theologische Erklärung erbringt am gründlichsten das Speculum ecclesiae des Honorius Augustod. (Migne P. L. 172, col. 913-916): die A. gilt ihm als Sünde, der Basilisk als Tod, der Löwe als Antichrist, der Drache als Teufel, alle 4 durch Christus überwunden. Auch wenn die Erklärung nicht so ins einzelne geht und in den Tieren unterschiedslos den Teufel oder gottfeindliche Kräfte verkörpert sieht, so ist das Ganze doch als Erlösungssymbol zu verstehen. Es ist daher frömmigkeitsgeschichtlich konsequent, wenn das Bild Christi als des Besiegers dieser Tiere bereits mehrfach in der altchristlichen Kunst anzutreffen ist, – haben Male [6] und Wulff [4] recht – zuerst in Alexandrien (Karmûz Katakombe), dann – von hier aus sich verbreitend – auf mehreren Tonlampen des 5.-6. Jh. [5., S. 440, Anm. 3], im Mosaikenschmuck des orthodoxen Baptisteriums zu Ravenna und an Sarkophagen derselben Stadt (Familiensarkophag der Pignatta. Wulff I, Abb. 173). Frühchristliche Darstellungen dieser Art werden die Vorlagen der karolingischen Elfenbeinschnitzerei gebildet haben, von der als Beispiele überkommen sind der wohl aus dem früheren 8. Jh. stammende Buchdeckel von Genoels-Elderen (Abb. 1) und die bekannten Stücke der Ada-Gruppe, der Deckel der Bodleiana in Oxford (Goldschmidt, Elfenbeinskulpt. I, 5), des vatikanischen Mus. (aus Kloster Lorsch, ebda. I, 13) und der Straßmayerschen Galerie in Agram (ebda. I, 15; Fälschung?). Christus erscheint, wie vorwiegend auch in der altchristlichen Kunst, stets stehend mit den 4 Tieren, unter denen die A. an ihrer im Unterschied von dem Drachen meist kleineren Schlangengestalt leicht zu erkennen ist. Diese Vierzahl wird in der Folgezeit fast allgemein reduziert auf die Zweiheit von Löwen und Drachen, den beiden Lieblingsbestien der Romanik; A. und Basilisk verschwinden. Es besteht in diesen und den meisten anderen Fällen kein Anlaß, den gebliebenen Drachen, wie es im Schrifttum gewöhnlich geschieht, als A. zu bezeichnen. Gewiß sind die Vorstellungen des Mittelalters über die Körperform von Drachen und Schlangen nicht streng festgelegt, da es stärker als an der äußeren Erscheinung an ihrem Sinngehalt interessiert ist; so wird im Albanipsalter bei Psalm 57 die A., anderwärts die Paradiesschlange, als Drache gebildet. Dennoch dürfte es das richtige sein, von einer A. nur dann zu reden, wenn es durch eine eindeutige Beziehung auf einen Text gerechtfertigt ist. Beispiele für Darstellungen des stehenden Christus mit nur mehr 2 Tieren sind etwa die gravierten Deckelplatten des Evangelistars von Poussay, Anf. 11. Jh. (Sauerland-Haseloff, Egbertpsalter, Taf. 52), und von Ratmanns Missale in Hildesheim (Abb. 3), die Elfenbeine in Dresden (um 1100; Goldschmidt, II, 168) und Florenz (M. 12. Jh.; Goldschmidt,III, 25), die Kasel, die als ungarischer Krönungsmantel diente (1. H. 11. Jh.; J. Braun, Paramente, Abb. 92), u. a. In der deutschen Großplastik, der eine monumentale Wiedergabe des Themas in seiner ursprünglichen Fassung im Gegensatz zu Frankreich (Amiens, Bourges u. a.) fehlt, verbindet sich das Motiv der unter die Füße getretenen Löwen und Drachen mit dem Typus der *Maiestas Domini, so auf den Korssunschen Türen (M. 12. Jh.), den Tympana der Pfarrkirche in Ifen (Karlinger, Roman. Steinplastik in Altbayern, Augsburg 1929, Taf. 95) und des Marktportals am Dom zu Mainz, wo nur noch der Drache geblieben ist. Die beiden Tiere gehen weiterhin auf einen analogen ikonographischen Typus über, und zwar auf die sog. Sedes sapientiae, die auf einem Thronsessel sitzende Maria mit meist linksseitigem Kind, entsprechend der Zurückverlegung der Verdienste Christi auf seine Mutter. Maria als der Thron des wahren Salomo wird so zugleich als die Überwinderin der bösen Mächte gekennzeichnet. Anscheinend ist diese Übertragung zuerst in Frankreich erfolgt, wenn sich auch das älteste erhaltene Beispiel in Spanien (Madonna von Solsona [8 u. 9]) befindet. In Frankreich selbst bringt Neuilly-en-Donjon in Burgund [8 u. 9] eine Ausgestaltung von eigenartiger Rauheit und Größe. Im 13. Jh. ist dann das Motiv – vielleicht auch durch Vermittlung von Elfenbeinstatuetten (vgl. das Stück im Hamburger Mus. f. K. u. Gew.; Goldschmidt, III, 133) – in die deutsche Kunst gelangt. Hier befinden sich 2 Drachen – dies eine ornamentale Vereinfachung des Psalmmotivs – unter den Füßen der Sitz-Madonnen der Wessobrunner Chorschranken (um 1250, München, Bayr. Nat.-Mus.; Karlinger, Taf. 178), des Tympanons der Leechkirche in Graz (1283; Kieslinger, Zur Gesch. d. got. Plastik i. Österr., Wien 1923, Taf. 4) und des Marienschreins in Aachen (1215 bis 1236). Nur auf einem Drachen ruhen die Füße der Madonnen aus St. Jean l’Evangeliste in Lüttich [8, Taf. XXXII b], aus Oignies (heute in New York [8, Taf. XXXII d]), an einem Giebel der Kapitolskirche in Köln, um 1200 (Zs. f. christl. K. 18, 1915, S. 25) und der häufigen Holzskulpturen vom Mittel- und Niederrhein. Im Hinblick auf das Marktportal des Mainzer Doms darf auch bei diesen Beispielen noch an Psalm 90 gedacht werden, wenngleich es schon möglich ist, daß hier ein anderer – typologischer – Gedanke ausgesprochen werden sollte, der Gedanke an Maria als die „alter Eva“, die der Schlange den Kopf zertritt (Gen. 3, 15; vgl. Sp. 152ff.). Löwe u. Drache kommen vor unter der stehenden Marmor-Madonna im Magdeburger Dom (1235-40; Abb. 4), doch ist es nicht sicher, ob die Bestien ursprünglich mit ihr zusammengehören. Schließlich dringen die beiden Psalmtiere auch in die Grabmalsplastik ein, wiederum in Frankreich früher als in Deutschland. Sie liegen als Sinnbilder der überwundenen Sünde und Tod unter den Füßen der auf den Grabplatten dargestellten Toten; so spricht sich die Auferstehungsgewißheit, die Zuversicht auf ewiges Leben aus. Als einige Beispiele seien angeführt die Grabmäler Heinrichs III. von Sayn † 1247 (Nürnberg, Germ. Mus.), Siegfrieds III. v. Eppstein † 1249 (Mainz, Dom; Abb. 2), der Ulrich und Agnes von Württemberg † 1266 (Stuttgart), der Herzogin Agnes † 1266 (Wienhausen), des Pfalzgrafen Heinrich (Maria-Laach, um 1260), des Matthias von Bucheck † 1328 (Mainz, Dom), die gravierte Messingplatte der Bischöfe Burchard v. Serken († 1317) u. Johann von Mul († 1350) im Lübecker Dom mit je zwei Drachen (Dehio, Gesch. d. dt. Kunst, II Abb. 402).

Zu den Abbildungen

1. Brüssel, Bibl. Roy., Ausschnitt aus dem Elfenbein eines Buchdeckels aus Genoels-Elderen, 8. Jh. Nach Ad. Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen, Bd. 1, Berlin 1914, Taf. 1.

2. Mainz, Dom, Ausschnitt von der Grabplatte des Erzbischofs Siegfried III. von Eppstein, † 1249. Phot. Prof. Dr. E. Neeb, Mainz.

3. Hildesheim, Dom, vergoldete Kupferplatte vom Einband des Ratmannmissale, 1159. Phot. Dr. F. Stödtner, Berlin.

4. Magdeburg, Dom, Marmormadonna, um 1235–40. Phot. Kaiser-Friedr.-Mus. Magdeburg.

Literatur

1. Friedr. Lauchert, Gesch. d. Physiologus, Straßburg 1889. 2. Ad. Goldschmidt, Der Albanipsalter in Hildesheim, Berlin 1895. 3. Cabrol-Leclercq I, 1, 1137, u. II, 1, 511. 4. Oskar Wulff, Altchristl. u. byz. K., Hdb. d. Kw. Berlin o. J. (1914). 5. Jos. Sauer, Symbolik d. Kirchengebäudes, Freiburg i. Br. 19242. 6. Mâle, I. u. II. 7. Wilhelm Molsdorf, Christl. Symbolik d. mittelalterl. K., Leipzig 19262. 8. Richard Hamann, Die Salzwedeler Madonna, Marburger Jb. III, 1927, S. 77ff. 9. A. Kingsley Porter, Romanesque Sculpture of the Pilgrimage Roads, 10 Bde. Boston 1923. Weitere Literatur s. bei Basilisk, Bestiarium, Drache, Physiologus u. Tiersymbolik.