Ars moriendi

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englisch: Ars moriendi; französisch: l'Art de bien mourir; italienisch: Ars moriendi.


Wilh. Ludw. Schreiber († 12. 2. 1932), mit Ergänzungen von Hildegard Zimmermann († 15. 11. 1932) (1936)

RDK I, 1121–1127


RDK I, 1123, Abb. 1. Meister E. S., Kupferstiche, um 1450.
RDK I, 1123, Abb. 2. Meister E. S., Kupferstiche, um 1450.
RDK I, 1125, Abb. 3. Blockbuch, niederländisch (?), um 1460. London.
RDK I, 1125, Abb. 4. Blockbuch, niederländisch (?), um 1460. London.

Ars moriendi (Ars bene moriendi, Speculum artis bene moriendi, Spiegel der Kunst wohl zu sterben, auch kurz Sterbebüchlein genannt), Erbauungsbuch des späteren Mittelalters, Bildfolge von fünf Bildpaaren, die Kämpfe des Himmels und der Hölle um die Seele des sterbenden Menschen darstellend, und Schlußbild der seligen Sterbestunde; mit theologischem Text, dessen ursprüngliche Fassung lateinisch ist.

Als Editio princeps ist die Kupferstichfolge des Meisters E S (L. 175-185, Abb. 1 u. 2 [2. 11. 13-15]) anzusehen, die den Arbeiten seiner Frühzeit in den fünfziger Jahren aufs engste stilistisch verbunden ist, und daher nicht (wie dies in einer von Schmarsow vertretenen, von Lehrs u. a. zurückgewiesenen Polemik behauptet wurde [5-10]) nach den Holzschnitten der niederländischen Blockbuch-Ausgabe (s. unten) kopiert sein kann (ein im Verlauf der Polemik von W. L. Schreiber unternommener Kompromißvorschlag, der in den Holzschnitten eine spätere eigenhändige Bearbeitung durch E S annimmt, ist bei der reinen stecherischen Tätigkeit des Goldschmieds E S jedenfalls ausgeschlossen). Die Folge wird vermutlich in direktem Auftrag des anonymen Textverfassers und in enger Fühlungnahme mit ihm entstanden und für eine Herausgabe in Buchform mit handschriftlichem Text (ohne den sie teilweise unverständlich bleibt) bestimmt gewesen sein. Veranlassung dürfte die furchtbare Seuche gegeben haben, die man den Schwarzen Tod oder das Große Sterben nannte, und die in der Zeit von 1347 bis zum Ausgang des 15. Jh. fast die Hälfte der Bevölkerung Europas dahingerafft haben soll; sie mußte den Gedanken an den Tod in allen Kreisen der Menschheit in den Vordergrund rücken. Der Klerus predigte ständig über den Tod, und hervorragende Geistliche wie Johannes Gerson, Domenico Capranica, Mathias von Krakau u. a. verfaßten Traktate, wie man sich auf das letzte Stündlein vorbereiten solle. Diese verschiedenen Anweisungen, die man Ars bene moriendi oder kurzweg Ars moriendi betitelte, wurden zunächst handschriftlich verbreitet. Sie schilderten, wie der Unglaube, Verzweiflung, Ungeduld, Eigendünkel und Geiz die letzten Gedanken des Sterbenden zu beeinflussen versuchen, wie aber Engel ihm zu Hilfe kommen, ihn auf den rechten Weg führen, und wie schließlich seine Seele Eingang in den Himmel findet. Diese Fassung fand den größten Beifall, und da man in jener Zeit Wert darauf legte, den Text durch das Bild zu unterstützen, so entstanden zahlreiche Kopien und Nachahmungen der Kupferstichausgabe des E S und des unbekannten Textverfassers. In dieser Form wurde die A. teils mit lateinischem Text, teils in Übersetzungen eines der verbreitetsten Bücher nicht nur in Deutschland und fast noch mehr in Frankreich, sondern auch in den Niederlanden, in Italien, Spanien, selbst in England.

Die 11 Darstellungen sind folgende: I. a) Einflüsterung von Glaubenszweifeln, mit Hinweisen auf den Glauben der Juden, der Heiden (Königin von Saba), auf den Zweifel der Flagellanten und Selbstmörder (Abb. 1); b) Ermutigung im Glauben durch Gottvater und Christus, Moses und Maria mit Heiligen (Abb. 2). II. a) Versuchung durch Verzweiflung mit Hinweisen auf begangene Sünden, wie Ehebruch, Urkundenfälschung, Raub und Mord; b) Trost gegen die Verzweiflung mit Hinweisen auf Petri Verrat, auf Sauls Bekehrung, den Schächer am Kreuz und die große Sünderin Maria Magdalena. III. a) Ungeduld im Leiden; b) Ermahnung zur Geduld durch Gottvater mit dem Pestpfeil, Christus als Schmerzensmann und hl. Märtyrer. IV. a) Versuchung durch Hoffart, dargestellt durch vom Teufel überreichte Kronen, während Gottvater auf die Kinder als die Größten im Himmelreich hinweist; b) Eingebung der Demut mit Hinweis auf die durch die Sünde des Stolzes gefallenen Engel und den hl. Einsiedler Antonius, der durch seine Demut den Teufel besiegte. V. a) Versuchung durch die Sorge um das Zeitliche, Familie, Haus, Keller und Stall; b) Ermahnung zum ewigen Heil mit Hinweis auf Maria, die den Sohn am Kreuze sehen mußte, auf Christus, der sterbend seine Mutter zurücklassen mußte, auf den guten Hirten und die klugen Jungfrauen. Im Schlußbild VI weichen die Teufel machtlos vor dem am Kreuze sterbenden Christus vom Bette des Sterbenden, dessen Seele die Engel in Empfang nehmen.

Drei Folgen von Kupferstichkopien sind auf uns gekommen: vom Meister mit den Blumenrahmen, dessen Folge in Buchform mit niederdeutschem Text erhalten ist, vom Meister des Dutuitschen Ölbergs, der die Folge des Vorgenannten kopierte, und vom Monogrammisten M Z, dessen Folge nur in Exemplaren aus einer Neuauflage des 17. Jh. begegnet.

Der Kupferstichfolge des Meisters ES schließt sich sodann die ausgezeichnet ausgeführte Folge blattgroßer Holzschnitte einer vermutlich niederländischen Blockbuchausgabe um 1460 an, deren einziges erhaltenes Exemplar das Brit. Mus. London [2. 11. 13] besitzt. Den meiden Darstellungen (Abb. 3 u. 4) sind hier Spruchbänder eingefügt mit kennzeichnenden Worten, die dem xylographischen Text des Blockbuches entnommen sind. Diese Ausgabe hatte sodann den größten Erfolg im In- und Auslande. Nicht weniger als sieben Blockbuchausgaben sind getreu nach ihr kopiert und unterscheiden sich nur durch die mehr oder minder große Geschicklichkeit der Formschneider. Der Text und die Bildinschriften sind bei zwei derselben aber nicht lateinisch, sondern deutsch; die eine rührt von Ludwig zu Ulm, die andere von dem Nürnberger Hans Spoerer her. Auch kann man bei mehreren dieser Ausgaben verschiedene Auflagen unterscheiden, indem der sie begleitende Text teils handschriftlich, teils xylographisch ist. Nicht direkt kopiert, aber doch in Anlehnung an die Bilder des Meisters sind zwei weitere Ausgaben entstanden, bei denen Kostüm und Mobiliar teilweise so erheblich umgearbeitet sind, daß man das Vorbild kaum noch erkennen kann, während der Text der gleiche geblieben ist. Beide dürften flämischer Herkunft sein, doch hat die eine das große Format beibehalten, während es bei der anderen stark verkleinert ist. – Neben diesen Blockbüchern sind die Holzschnitte der niederländischen Blockbuchausgabe aber auch in einer Anzahl typographischer Ausgaben nachgebildet worden: In Köln druckte um 1478 Nicolaus Goetz zwei lateinische Ausgaben mit Holzstöcken, die schon vorher in einem Blockbuch Verwendung gefunden hatten, und in der Zeit von 1493–1500 erschienen bei Conrad Kacheloven in Leipzig drei Ausgaben mit deutschem und vier mit lateinischem Text.

In den Niederlanden entstanden mehrere Ausgaben: Peter van Os in Zwolle druckte 1488 und 1491 ein Sterfboek mit recht guten Kopien. Weniger sorgfältig geschnitten sind sie in den Delfter Ausgaben, die 1488 bei Christian Snellaert und um 1500 bei Cornelis Cornelissen erschienen. Außerdem druckte Peregrin Barmentloe 1488 in Hasselt die Conste weh te connen leuen ende salich to steruen sowie Adrian van Berghen in Antwerpen gegen 1500 die Leringe om salich to steruen.

Besonders zahlreich sind die in Frankreich erschienenen typographischen Ausgaben. Die früheste dürfte um 1485 von Pierre Bouttellier in Lyon mit französischem Text gedruckt sein und ist mit neun freien Kopien von der Hand des Monogrammisten I. D. (Jean Dalles?) geschmückt. Von diesem rührt auch noch eine zweite Folge von 12 Bildern her, die in dem Tractatus brevis ac valde utilis de arte bene moriendi eines unbekannten Druckers erschien. Übrigens ist vielleicht in Lyon auch die Blockbuchausgabe der Originalholzstöcke des Meisters E S mit französischem xylographischem Text gedruckt worden; sie ist natürlich weitaus älter als alle typographischen Ausgaben. Die früheste Pariser Ausgabe erschien 1490 bei Jean Du Pré. Vorzüglich sind die 11 Nachschnitte in Le liure intitulé lart de bien mourir, das Gillet Cousteau und Jehan Menard 1492 für A. Vérard druckten. Für letzteren druckte „Le petit Laurens“ im folgenden Jahr Lart de bien viure et bien mourir mit guten Metallschnitten. Schließlich erschien noch um 1500 Lart de mourir bei Antoine Caillaut.

Weit seltener sind Nachschnitte der Blockbuchbilder in Italien. In Venedig erschienen nur zwei undatierte Ausgaben, deren eine mit 11 flüchtigen Holzschnitten auf schraffiertem Grund von Jo. Bapt. Sessa gedruckt ist, während die andere, deren Drucker sich nicht genannt hat, sehr rohe Kopien enthält. – Eine Florentiner Ausgabe enthält 34 Bilder, von denen 11 dem Blockbuch nachgeahmt sind; hingegen haben die Illustrationen der in Florenz und Mailand gedruckten Ausgaben von Savonarolas Arte del bene morire nichts mit dem Meister E S zu tun.

Fast noch günstiger stellte sich das Verhältnis in Spanien. Nicht weniger als drei Ausgaben der arte de bien morir mit je 11 Bildern druckten in den Jahren 1483 bis ca. 1493 Paul und Hans Hurus in Zaragoza [12]. Eine Ausgabe mit anderen Nachschnitten und Text in katalanischer Mundart erschien 1497 bei Nikolaus Spindeler in Valencia.

In England druckte William Caxton um 1490 eine A. Es ist eine Ausgabe in Kleinquart von nur 8 Blatt, die aber keine Bilder hat.

Auch in der Monumentalmalerei wird die A. gelegentlich dargestellt; vgl. die Fresken in Solna (Schweden; Sveriges Kyrkor, Uppland, Bd. I, H. 2).

Zu den Abbildungen

1. und 2. Meister E. S., Kupferstiche, um 1450. Nach [15 Taf. 131].

3. und 4. Blockbuch, niederländisch (?), um 1460. Nach [11 S. 56 u. 58].

Literatur

1. Ars moriendi, editio princeps, Phot. Faksimile des Unicum im Besitz T. O. Weigels in Leipzig, hrsg. von T. O. Weigel, Leipzig 1869. 2. Ars moriendi, a reproduction of the copy in the Brit. Mus., ed. by W. Harry Rylands, Introduction by George Bullen, London 1881. 3. Ars moriendi, lithogr. Faksimile der in der Fürstl. Fürstenberg. Hofbibl. zu Donaueschingen verwahrten Ausgabe, hrsg. von Alb. Fidel. Buetsch, Augsburg 1874. 4. Bery Pitteau, Ars bene moriendi, Paris s. d. (oberdeutsche Blockbuchausgabe). 5. Max Lehrs, Der Künstler der Ars moriendi, Jb. d. preuß. K.-Slg. 11, 1890, S. 161ff. 6. Aug. Schmarsow, Der Meister E. S. und das Blockbuch, Ber. über die Verhandl. d. Sächs. Ges. d. Wiss., Phil. hist. Kl., Bd. 51, 1, Leipzig 1899. 7. Henry Thode, Das Blockbuch Ars moriendi eine Nürnberger Schöpfung?, Rep. f. Kw. XII, 1899, S. 364. 8. Aug. Schmarsow, Ist der Bilderzyklus Ars moriendi deutschen oder niederländischen Ursprungs?, Rep. f. Kw. XIII, 1900, S. 123ff. 9. Max Lehrs, Entgegnungen, Rep. f. Kw. XII, 1899, S. 458 u. XIII, 1900, S. 263. 10. Ludw. Kämmerer, Ars moriendi rediviva, Zs. f. Bücherfreunde III, 1, 1899/1900, S. 225. 11. Lionel Cust, The master E. S. and the Ars moriendi, Oxford 1898 (Stiche des E. S. und des Erasmusmeisters, sowie princeps). 12. Ars moriendi, Societat catalana de bibliofils, Barcelona 1905 (1. Ausg. des P. Hurus). 13. Max Lehrs, Geschichte und kritischer Katalog des ... Kupferstichs im 15. Jh., Bd. 2, Wien 1910, S. 247-261. 14. Max Geisberg, Der Meister E. S., Meister der Graphik, Bd. 10, Leipzig 19242, S. 19 bis 23. 15. Ders., Die Kupferstiche des Meisters E. S., Berlin 1923/24.

Verweise