Aron Ha-Kodesch

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englisch: Ark; französisch: Aron Ha-Kodesch; italienisch: Aron Ha-Kodesch (sacro scrigno).


Erna Stein (1936)

RDK I, 1116–1121


RDK I, 385, Abb. 2. Memmelsdorf (Unterfranken).
RDK I, 387, Abb. 2. Oldesloe (Holstein).
RDK I, 387, Abb. 3. Seester (Holstein).
RDK I, 1117, Abb. 1. Maimonides-Hs., 2. H. 14. Jh. Frankfurt a. M.
RDK I, 1117, Abb. 2. Ansbach, Synagoge, 1743.
RDK I, 1117, Abb. 3. Ansbach, Synagoge, 1743.

Aron Ha-Kodesch (= hl. Schrein oder hl. Lade; in der Lit. oft kurzweg Aron genannt) nennt man den an der Ostwand der Synagoge angebrachten Schrein, der zur Aufbewahrung der Thorarollen und der hl. Schriften dient (Sp. 386, Abb. 2,3). Der Name A. geht auf die Erwähnung in der Bibel Ex. 25, 10; 2. Chron. 35, 5 und Num. 10, 35 zurück. Ursprünglich auch Teba (= Arche, das biblische Wort für die Arche Noah) genannt; bei den spanischen und orientalischen Juden wurde auch der Name Hechal (= Tempel) üblich. Über die verschiedenen hebräischen Bezeichnungen s. [1 u. 3].

Der A. ist ursprünglich ein tragbarer Kasten (Lade), der in einem Nebenraum des Tempels oder der Synagoge gestanden hat und nur zu gottesdienstlichen Handlungen hereingebracht wurde. Im architektonischen Bauplan der antiken Synagogen ist ein bestimmter Platz für den A. nicht vorgesehen. Es sind auch keinerlei Reste eines antiken A. gefunden worden, die einen Begriff von der Gestalt und dem Material des A. geben könnten. Nur in den galiläischen Synagogen in Tell Hum (ehem. Kapernaum) und Chorazin (Keraze) sind vor der Eingangswand Reste eines Einbaues aus späterer Zeit gefunden worden, die von Kohl und Watzinger [7] als A. gedeutet werden. Bei den m.a. Synagogenbauten des 12.-14. Jh. finden sich an der Ostwand häufig apsidenartige Anbauten, die, durch eine Tür verschließbar, für den Innenbau nur als Wandschrank in Erscheinung traten (Speyer 11. Jh., Worms 12. Jh., Fürth u. a.; Miniaturen in der Haggadah von Sarajevo, nordspanisch E. 13. Jh., ed. D. H. Müller und Julius v. Schlosser, Wien 1898, Fol. 32 und 34). Aus den Synagogen in Miltenberg (um 1290), Nürnberg (um 1400) und Prag (1535) sind Reste von steinernen A.-Bauten erhalten (jetzt in den neuen Synagogen eingebaut). In allen drei Fällen handelt es sich um mit Krabben besetzte Spitzgiebel. Der untere Teil dieser A.-Bauten ist nicht bekannt, doch hat man sie sich wohl im Typus kleiner rechteckiger Wandnischen oder Wandtabernakel zu denken. Da die in den Wandnischen aufbewahrten Thorarollen und Schriften unter der Feuchtigkeit der Mauer litten, traten an ihre Stelle im späteren Mittelalter gelegentlich hölzerne Schränke mit Doppeltüren und spitzgiebeligem Aufbau (Abb. 1), manchmal mit einem zweiten oberen Fach und Türfüllungen. (Älteste Darstellungen dieser Schrankform schon auf einem Fries der antiken Synagoge in Tell Hum, ebenso auf den Goldgläsern der jüdischen Katakomben in Rom [3. Jh. n. Chr.], vor allem aber in ital. Miniaturen des 14. und 15. Jh., Abb. 1). Um 1500 fällt der abschließende Giebelaufbau fort; es bleibt nur noch ein von profanem Mobiliar nicht mehr unterscheidbarer Schrank mit den typischen Stilmerkmalen der Zeit, wie er aus der Synagoge in Modena vom Jahre 1505 und aus Reggio um 1525 (beide jetzt im Musée Cluny in Paris) erhalten ist. – Im 17. Jh. gibt es wieder regelmäßig große A.-Bauten, was mit der stärkeren Hinwendung der Synagoge zu ihrer sakralen Bestimmung zusammenhängt. Denn obwohl der A. durch seine Aufstellung an der nach Jerusalem (Osten) hin orientierten Wand die Gebetsrichtung bestimmte, nahm während des ganzen M.A. das Bima (Bema, s. Almemor, Sp. 384ff.) den geistigen und architektonischen Mittelpunkt ein. (Über die Wechselbeziehung zwischen A. und Bema s. Krautheimer [5 S. 87, 92/97].) Nur in einem einzigen Fall, bei der 1673 erbauten sefardischen Synagoge in Amsterdam, tritt der A. als gleichwertiger architektonischer Mittelpunkt neben das Bima (Gegenüberstellung von A. und Bima) und bestimmt dadurch eine neue architektonische Raumlösung, die aber bereits die Überwindung des m.a. Synagogentypus darstellt. Die großen A.-Bauten des 17. Jh. tragen deutlich alle Merkmale der gleichzeitigen kirchlichen Altarbauten: es entstehen Schaufassaden von 1 bis 3 Travéen; die Ädikula ruht auf freistehenden Säulen, Vasen und Obelisken dienen als Giebelaufsätze (Venedig, Padua, Amsterdam u. a.; s. a. Sp. 386, Abb. 2). Gelegentlich kommen im 18. Jh. auch komplizierte zwei- und mehrstöckige A.-Bauten vor, wie der nur noch in einem zeitgenössischen Kupferstich erhaltene A. der Berliner Synagoge in der Heidereuther Gasse (erbaut 1712) und in Husiatyn (Galizien), der außerdem noch mit Wandmalerei verbunden ist. Auch die Türflügel des A. tragen oft reichen Schmuck an plastischer Holzschnitzerei. Zu den typischen Emblemen gehören: die Gesetzestafeln, die Krone (Keter Thora = Krone der Lehre) und der siebenarmige Leuchter. Bei den besonders reich ornamentierten holzgeschnitzten A. in Böhmen, Polen und den übrigen östlichen Provinzen treten daneben noch Arabesken und Tiergestalten (Löwe, Adler, Hirsch und Vögel) und die segnenden Priesterhände auf. E. 18. Jh. finden sich in vielen Synagogen der ehemaligen Provinz Posen auch noch Darstellungen von biblischen Musikinstrumenten am A., wahrscheinlich in Anlehnung an die früher im Tempel zu Jerusalem verwendeten Musikinstrumente (150. Ps.). Besonders schöne Beispiele dafür sind die in der Literatur unter dem Namen „Instrumentenschrein“ bekanntgewordenen A. der Synagogen zu Kempen, Posen, Schildberg und Fordon. Einige wenige jüdische Schnitzer solcher ornamentalen A. sind aus Osteuropa bekannt.

Der eigentliche Schrein, der die Thorarollen birgt, die mit einem kostbaren, reich gestickten Vorhang (Parochet, Abb. 2) geschmückt, der in deutschen Gemeinden vor der Flügeltür, in Gemeinden mit sefardischem Ritus hinter derselben angebracht wird. Wie die Abbildungen der A. auf den Goldgläsern des 3. Jh. n. Chr. und die Malereien in den jüdischen Katakomben in Rom (an der Via Nomentana) beweisen, war die Lade durch eingesetzte Bretter früher in Fächer geteilt zur horizontalen Aufbewahrung der Thorarollen; in späterer Zeit kam die vertikale Aufstellung auf (Abb. 3), der man (aus rituellen Gründen) jetzt die Schrägstellung vorzieht. Der liturgischen Forderung gemäß muß der A. über dem Synagogenniveau erhöht sein; es führen daher stets mehrere Stufen zu ihm hinauf. Die Stufen des A. sind von Brüstungen eingefaßt, die namentlich in Polen reich ausgebildetes hölzernes oder schmiedeeisernes Ziergitter und Gittertüre zeigen. Auf den Brüstungen stehen die Jahrzeitlichter für die Toten oder der Chanukkaleuchter (Menora); auch ein Lesepult für den Vorbeter oder Rabbiner wird oft hier angebracht. Seit dem 14. Jh. wird es Gewohnheit, an der Ostwand über dem A. einen Okulus anzubringen (frühestes Beispiel: Speyer 14. Jh.). Wohl erst neueren Datums ist die Sitte, den Ner tamid (ewiges Licht) in der Mitte über den Flügeltüren der Lade anzubringen.

Für den Hausgebrauch kennt man A. in Miniaturform, meistens aus Silber oder Holz.

Zu den Abbildungen

1. Frankfurt a. M., Privatbesitz, Maimonides-Hs., italienisch, 2. H. 14. Jh. Nach Schilling-Swarzenski, Die illuminierten Hss. ... in Frankfurter Privatbesitz, Frankfurt 1929.

2. und 3. Ansbach, Synagoge, erbaut 1743. Der A. geschlossen u. geöffnet. Phot. K. Michelsohn, Ansbach.

Literatur

1. Ismar Elbogen, Der jüd. Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung, Frankfurt a. M. 19313. 2. Jüd. Lexikon IV, Berlin 1930, Sp. 799, 989f. 3. Encyclopaedia Judaica III, Berlin 1929, Sp. 386ff. 4. Ernst Cohn-Wiener, Die jüd. Kunst, Berlin 1929. 5. Richard Krautheimer, Mittelalterliche Synagogen, Berlin 1927. 6. Samuel Krauß, Synagogale Altertümer, Wien 1922. 7. Heinr. Kohl u. Karl Watzinger, Antike Synagogen in Galiläa, Leipzig 1916. 8. Alfred Grotte, Deutsche, böhmische und polnische Synagogentypen vom 11. bis 19. Jh., Berlin 1915. 9. Heinrich Frauberger, Über alte Kultgegenstände in Synagoge und Haus, 1. Der Thoraschrein. Mitt. d. Ges. z. Erforschung jüd. K.denkmäler 3/4, Frankfurt a. M. 1903, S. 7ff. 10. (im Text nicht mehr berücksichtigt) Jac. Zwarts, Die Bundeslade „Heilige Zion“ Aksums und ihre Beziehungen zur antiken Synagoge, XIV. Internationaler Kunsthistorischer Kongreß 1936, Actes du Congrès I S. 36ff.

Verweise