Armreliquiar

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englisch: Arm reliquary; französisch: Bras-reliquaire; italienisch: Reliquiario di braccio, braccio reliquiario.


Heinrich G. Lempertz (1936)

RDK I, 1106–1112


RDK I, 1107, Abb. 1. Welfenschatz, 11. Jh.
RDK I, 1107, Abb. 2. Essen, 12. Jh.
RDK I, 1107, Abb. 3. Welfenschatz, E. 12. Jh.
RDK I, 1107, Abb. 4. Lüneburg, E. 12. Jh.
RDK I, 1109, Abb. 5. Welfenschatz, E. 12. Jh.
RDK I, 1109, Abb. 6. Köln, St. Kunibert, nach 1222.
RDK I, 1109, Abb. 7. Essen, Anf. 14. Jh.
RDK I, 1109, Abb. 8. Hochelten, 15. Jh.
RDK I, 1111, Abb. 9. Breslau, 1465.
RDK I, 1111, Abb. 10. Bamberg, 2. H. 15. Jh.
RDK I, 1111, Abb. 11. Essen, E. 15. Jh.
RDK I, 1111, Abb. 12. Köln, Schnütgen-Museum, um 1600.
RDK I, 1113, Abb. 13. Königswinter, 14. Jh.

Armreliquiar (brachiale, brachium) nennt man Reliquienbehälter, meist in Form eines Armes, zur Aufbewahrung und zur feierlichen Aussetzung einer Arm- oder Handreliquie eines Heiligen, aus Holz (meist bunt gefaßt) oder Metall, vorwiegend vergoldetem oder unvergoldetem Silber in Blechplatten über Holzkern (Abb. 4). In diesem befindet sich eine Aushöhlung zur Aufbewahrung der Reliquie. Die Höhlung ist in der Frühzeit gewöhnlich ganz verdeckt (Abb. 1 bis 5), später durch ein Gitter oder durchsichtiges Material (Horn, Glas, Kristall, Halbedelstein, Edelstein usw.) verschlossen, das die Reliquie sichtbar läßt und zum Öffnen eingerichtet ist (Abb. 6-9, 11, 12).

Die Form ist die eines kurz unter dem Ellbogen abgeschnittenen (rechten oder linken) Unterarmes, der mit einem Gewandärmel bekleidet ist. In der Regel dient die Schnittfläche als Basis für das aufrechtstehende Reliquiar, und zwar unmittelbar oder auf einem Untersatz in Gestalt einer ovalen, runden, viereckigen oder polygonalen Platte (Abb. 1, 6-12; Hildesheim, Domschatz), eines profilierten oder abgetreppten niedrigen oder höheren Sockels, eines Gehäuses usw., oft mit Füßen in Gestalt von Kugeln, Klauen, architektonischen Motiven, naturalistischen Gebilden, Tieren, Engeln usw. (Abb. 7, 8, 12).

Nach oben endet das Reliquiar in eine Hand. Doch kommen auch handlose Reliquiarien vor (Köln, St. Kunibert, 1222, Abb. 6). Die Hand ist geöffnet mit nebeneinander ausgestreckten Fingern, segnend, schwörend, bewegt oder einen Gegenstand, meist das Attribut des Heiligen haltend (Welfenschatz, Sigismund-Reliquiar, 11. Jh., Abb. 1; Magdalenen-Reliquiar; Bamberg, St. Veit, Abb. 10), zuweilen behandschuht (Abb. 2). Als Zeichen der Verehrung sind die Finger oft mit nachträglich angefügten Ringen oder der Arm mit später angebrachten Schmuckstücken verziert (Abb. 8), doch gibt es auch Beispiele, bei denen sie schon in der Entstehung mitgestaltet, selbst in Holz mitgeschnitten sind (Welfenschatz, Maria-Magdalena-Reliquiar). Die Säume der Gewandteile und Handschuhe sind im Geschmack der Zeit in der Regel bortenartig geschmückt durch Zierbänder, die mitgearbeitet oder in anderem Material aufgesetzt sind, mit Edelsteinen, Filigran, Gruben- oder Zellenschmelz, Silberschmelz, Reliefs usw. in Formen und Art der betreffenden Gegend und Zeit (Abb. 1-8, 10).

A. werden zuerst im 10. Jh. erwähnt. Bischof Gualdricus von Auxerre († 933): „... fabricari fecit ... in honore S. Stephani unam manum auream gemmis positam et alteram in honore S. Germani absque gemmarum ornatura: positis in ambabus ipsorum pignoribus Sanctorum simul cum augmento aliarum reliquiarum“ (Phil. Labbe, Nova Bibliotheca manuscriptorum librorum I, Paris 1657, p. 443). Häufiger werden die A. seit dem 11. Jh., wohl im Zusammenhang mit der wachsenden Verehrung und Sitte der Schaustellung der Reliquien. In dieser Zeit wird die Hauptwirkung auf die Silhouette bei unrealistischer Formensprache und linear stilisiertem Faltenwurf gelegt. Der Welfenschatz enthält ein A. des hl. Sigismund aus dem 11. Jh. (Hildesheimer Arbeit? [9 Nr. 24, 8 Nr. 26], Abb. 1), die Schatzkammer des Domes zu Osnabrück bewahrt ein niederdeutsches A. aus der Zeit um 1100 (Meister des Osnabrücker Kapitelkreuzes).

Im 12. und 13. Jh. werden die A. reicher. Die Borten erhalten neben Email- und Steinschmuck Reliefdekor und oft vom Grund sich abhebendes, gekörntes Filigranwerk. Hierhin gehören: ein A. aus dem St. Blasius-Dom zu Braunschweig im dortigen Museum, mit der Aufschrift: GER-TRUDIS HOC FABRICARI FECIT. Es wird von manchen als ein Geschenk der Gründerin des Braunschweiger Domes, der Herzogin Gertrud († 1077), von anderen (wohl richtiger) als Arbeit des 12. Jh. und als Geschenk der 1143 verstorbenen Herzogin Gertrud, der Mutter Heinrichs des Löwen, angesehen. Ferner das A. der hl. Anna aus dem Ende des 12. Jh. im Welfen-Museum zu Hannover. Zwei niedersächsische A. des späten 12. Jh. im Welfenschatz mit der Aufschrift: DUX HENRICUS ME FIERI IUSSIT gelten im Katalog des Schatzes von 1930 [9] als Geschenke Heinrichs des Löwen († 1195); nach anderer Auffassung sind sie Geschenke seines Sohnes und Nachfolgers Heinrich († 1227). Ein A. in Fritzlar stammt aus der Werkstatt des Rogerus von Helmershausen.

Schöne Beispiele des 13. Jh. sind ein prachtvolles A. der St. Gereonskirche in Köln mit der Widmungsinschrift des Dekans Hermann (urkundlich nachweisbar 1214-42) und des Propstes Arnold von Born (nachweisbar 1215-50).

Die meiden A. gehören dem gotischen Zeitalter an. Fast jede Schatzkammer enthält ein oder mehrere Beispiele. Die Behandlung wird naturalistischer, der Faltenwurf der Gewandteile freier und reicher. Die Verschiedenheit der Stoffe vom schweren Brokat mit wenigen Falten bis zur reichen unregelmäßigen Faltengebung dünner Stoffarten wird trefflicher wiedergegeben; daneben werden architektonische Motive verwertet. Aus dem Basler Münsterschatz ist ein A. des hl. Walpert (3. V. 13. Jh.) nach Leningrad (Eremitage) und ein A. des hl. Valentin (4. V. 14. Jh.) in das Metr. Mus. zu New York gelangt (Abb. Inv. Schweiz, Basel-Stadt II S. 68ff. u. 179ff.). Weiter nennen wir: das A. des hl. Kosmas im Schatz der Münsterkirche zu Essen (Abb. 7) mit der Stifterinschrift: BEATRIX ABBA ASNIDENSIS DE HOLTHE ME FIERI FECIT (nachweisbar 1292-1326); mit architektonischen Motiven: zwei A. in St. Ursula in Köln, 14. Jh., mit gotischen Fenstern; das A. des ehemaligen Nonnenklosters zu Hochelten in faltenloser glatter Ärmelbildung (15. Jh., Abb. 8). Ferner das A. des hl. Stanislaus im Dom zu Breslau (1465, Abb. 9); mit üppigem Faltenwurf das A. des hl. Veit im Domschatz zu Bamberg (2. H. 15. Jh., Abb. 10), das zweite A. des hl. Basilius in der Münsterkirche zu Essen (E. 15. Jh., Abb. 11), zwei A. der hl. Hedwig (1513) bzw. des hl. Bartholomäus (1514) des Goldschmieds Andreas Heidecker für die Kreuzkirche zu Breslau; das A. des hl. Thomas in St. Lamberti zu Düsseldorf von 1590.

Als Beispiele außerdeutscher Arbeiten dienen nachfolgende erhaltene oder urkundlicherwähnte A.: A. in Rouen, 13. Jh.; A. des Stifters Robert von Anjou, 1337, Neapeler Arbeit, jetzt im Louvre; A. des hl. Zeno, im 14. Jh. für den Dom zu Pistoja angefertigt, mit der Aufschrift: FECIT FIERI LUATUS DE TABERTELIS DE PISTOIA ISTUD BRACHIUM AD HONOREM DEI ET BEATI JACOPI ET FUIT FACTUM PER MANUM HENRICI OR-LANDINI [4 S. 85f.]. Ein A. des hl. Blasius fertigte Goro für das Hospital St. Maria della Stella in Siena an (Conti correnti dal 1436, carte 390, Archiv des Hospitals S. Maria della Stella, Siena). Das A. mit dem Oberarm Karls d. Gr. im Domschatz zu Aachen, ein Geschenk Ludwigs XI. von Frankreich (1461-83), ist französische Arbeit (Inv. Rheinprovinz 10, 1 S. 226).

Eine eigenartige Abwandlung des A. schildert das Inventar des 1792 eingeschmolzenen Schatzes der Abtei von St. Denis. Das A. diente als Attribut einer lebensgroßen Büste des hl. Benedikt aus vergoldetem Silber, Geschenk des Duc de Berry an die Abtei von St. Denis vom Jahr 1401: „un reliquiaire de cristal richement décoré et terminé d’un bout par une main d’argent doré; il renfermait un bras de saint Benoit“ (Inventaire de St. Denis, Fol. 100).

Das 17. und 18. Jh. gehen stärker auf malerisch-prächtige Wirkung aus (Reichenau-Mittelzell, um 1600; Schnütgen-Mus., um 1600, Abb. 12; Hildesheim, Domschatz, 1717 und 1742). Im 19. Jh. entstehen unter dem rückblickenden historischen Kunstempfinden nüchtern wirkende Arbeiten in meist gotischem Stil.

Als A. bezeichnet man weiterhin jedes Reliquiar, in dem eine Armreliquie aufbewahrt wird. Alle Formen der Reliquiarien kommen hier vor; bevorzugt werden walzenförmige oder kastenförmige Behälter mit und ohne Füße. Erwähnt seien das A. Karls d. Gr. (1166, nach O. v. Falke, Werkstatt des Godefroi de Claire, ehemals Aachen, jetzt im Louvre) und das Simeon-Reliquiar im Aachener Münster, das als Gruppe der Darbringung im Tempel ausgebildet ist (14. Jh., vielleicht von Jacob Lasten, Inv. Rheinprovinz 10, 1 S. 223); als Reliquienbehälter dient der Altar. Seltener bleibt die Armreliquie ohne besonderes Gehäuse. In Königswinter (14. Jh., Abb. 13) ist der mumifizierte Arm liegend mit edelsteinbesetzten Bändern und Ringen gefaßt, sonst unverhüllt.

Dem A. verwandt sind Reliquiarien in Form eines Teiles des Armes, der Hand (manus), der Finger usw. Ein kupfervergoldetes Handreliquiar aus dem 15. Jh. besitzt z. B. die Stiftskirche zu Vreden (Inv. Westfalen, Kr. Ahaus, S. 87). Ein Fingerreliquiar des hl. Matthäus (oder des hl. Jakobus), byzantinische Arbeit des 11. (?) Jh. mit Email, Edelsteinen und Filigran, in späterem Ostensorium, im Dom zu Eichstätt; ebenda in St. Walburg ein Fingerreliquiar des hl. Willibald, 13. Jh. (Inv. Bayern II, 1, S. 134 u. 270); ein gotisches in Köln, St. Ursula (Inv. Rheinprov. 6, 3, S. 88, Nr. 10).

Zu den Abbildungen

1. Berlin, Welfenschatz, A. des hl. Sigismund, 11. Jh. Phot. Kunstgeschichtl. Seminar Marburg.

2. Essen, Münster, A. des hl. Basilius, 12. Jh. Phot. Renger-Patzsch, Essen.

3. Berlin, Welfenschatz, A. des hl. Theodorus, E. 12. Jh. Phot. Kunstgeschichtl. Seminar Marburg.

4. Hannover, Welfenmus., A. aus Lüneburg, Holzkern ohne den ursprüngl. Metallbelag, E. 12. Jh. Phot. Mus.

5. Berlin, Welfenschatz, A. mit Brustbildern Christi und der Apostel, E. 12. Jh. Phot. Kunstgeschichtl. Seminar Marburg.

6. Köln, St. Kunibert, A. nach 1222. Phot. Bildarchiv d. Rhein. Mus. Köln.

7. Essen, Münster, A. des hl. Kosmas, gestiftet von der Äbtissin Beatrix von Holte (1292-1327). Phot. Renger-Patzsch, Essen.

8. Hochelten (Rheinprov.), Stiftskirche, A., 15. Jh. Phot. Bildarchiv d. Rhein. Mus. Köln.

9. Breslau, Domschatz, A. des hl. Stanislaus, gestiftet vom Domvikar Jacobus Ketscher, 1465. Nach Erwin Hintze u. Karl Masner, Goldschmiedearbeiten Schlesiens, Breslau 1911.

10. Bamberg, Domschatz, A. des hl. Veit, 2. H. 15. Jh. Nach Ernst Bassermann-Jordan, Der Bamberger Domschatz, 1914, Taf. 22.

11. Essen, Münster, zweites A. des hl. Basilius, E. 15. Jh. Phot. Renger-Patzsch, Essen.

12. Köln, Schnütgen-Mus., A., um 1600. Phot. Bildarchiv d. Rhein. Mus. Köln.

13. Königswinter, Kath. Pfarrkirche, A. der hl. Margarethe, 14. Jh. Phot. Bildarchiv d. Rhein. Mus.

Literatur

1. A. Schnütgen, Sechs A. des 11. bis 16. Jh., Zs. f. christl. K. 22, 1909, Sp. 193ff. 2. Jos. Braun, Meisterwerke der deutschen Goldschmiedekunst, München 1922. 3. O. v. Falke und H. Frauberger, Deutsche Schmelzarbeiten des Mittelalters, Düsseldorf 1902. 4. J. Labarte, Histoire des arts industriels au moyen âge et à l’époque de la renaissance, Paris 18722. 5. H. Lüer und M. Creutz, Gesch. d. Metallkunst 2, Stuttgart 1909. 6. E. Redslob, Deutsche Goldschmiedeplastik, München (1922). 7. G. Lehnert, Illustr. Gesch. d. Kunstgewerbes, Berlin, o. J. 8. W. A. Neumann, Der Reliquienschatz des Hauses Braunschweig-Lüneburg, 1891. 9. O. von Falke, R. Schmidt, G. Swarzenski, Der Welfenschatz, Frankfurt a. M. 1930. 10. Georg Swarzenski, Aus dem Kunstkreis Heinrichs des Löwen, Städel-Jb. 7/8, 1932, S. 241ff. 11. Erwin Hintze und Karl Masner, Goldschmiedearbeiten Schlesiens, Breslau 1911. 12. Fritz Witte, Die Skulpturen der Slg. Schnütgen in Köln, Berlin 1912. 13. Ders., Die Schatzkammer des Domes zu Köln, Augsburg 1927. 14. Ders., Tausend Jahre deutscher Kunst am Rhein, Berlin 1932, II Taf. 77ff., III Taf. 149.

Vgl. ferner die unter Goldschmiedekunst und Reliquiar genannten Werke.

Verweise