Armleuchter

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englisch: Chandelier; französisch: Chandelier à bras; italienisch: Candelabro.


Gustav Barthel (1936)

RDK I, 1088–1105


RDK I, 1091, Abb. 1. Rom, Titusbogen, 81 n. Chr.
RDK I, 1093, Abb. 2. Essen, um 1000.
RDK I, 1093, Abb. 3. Braunschweig, E. 12. Jh.
RDK I, 1093, Abb. 4. Frankfurt a. O., E. 14. Jh.
RDK I, 1093, Abb. 5. Lund, E. 15. Jh.
RDK I, 1095, Abb. 6. Aarhus, 1515.
RDK I, 1095, Abb. 7. Léau, E. 15. Jh.
RDK I, 1095, Abb. 8. Olpe (Westf.), 18. Jh.
RDK I, 1097, Abb. 9. Gandersheim, Anf. 15. Jh.
RDK I, 1097, Abb. 10. Köln, St. Kunibert, 2. H. 15. Jh.
RDK I, 1099, Abb. 11. Halberstadt, Dom, 15. Jh.
RDK I, 1099, Abb. 12. Kappenberg, E. 15. Jh.
RDK I, 1101, Abb. 13. Flandern, 15. Jh. Essen.
RDK I, 1101, Abb. 14. Deutsch, 16. Jh. Herford.
RDK I, 1101, Abb. 15. Danzig, 15. Jh.
RDK I, 1101, Abb. 16. Meißen, ca. 1735. Berlin.
RDK I, 1101, Abb. 17. Berlin, 2. H. 18. Jh.
RDK I, 1101, Abb. 18. Greifswald, um 1800.
RDK I, 1101, Abb. 19. Flandern (?), um 1400. Passau.
RDK I, 1101, Abb. 20. Süddeutsch, 15. Jh. Berlin.
RDK I, 1101, Abb. 21. Deutsch, 16. Jh. Berlin.
RDK I, 1103, Abb. 22. "Wolfram", um 1160. Erfurt, Dom.

Armleuchter (lat. candelabrum, polycandelum, polycandela, arbor; frz. chandelier, candélabre, flambeau, girandole; ital. candelliere, girandola; engl. candlestick) nennen wir Standleuchter, bestehend aus Fuß, Schaft und zwei bis Sieben, selten mehr, kerzentragenden Armen, vorwiegend aus Bronze oder Messing, aber auch aus Kupfer oder Eisen, Edelmetall oder Porzellan. Vom Kandelaber unterscheidet sich der A. durch die besonders starke und betonte Ausbildung der Arme, die in der Regel nur nach zwei Seiten abzweigen. Beim Kandelaber dominiert der säulen- oder pfeilerhaft ausgebildete Stamm, und die Arme pflegen nach allen Seiten auszugehen (vgl. Abb. 18).

I. Der A. in kirchlichem Gebrauch

Kleinere A. kommen zu Zeiten im kirchlichen wie im profanen Gebrauch vor. Daneben gibt es, besonders in Domen und Stiftskirchen, große, bis über 6 m hohe A.; der verlorene der Kathedrale von Durham soll nach einer alten Quelle 32 engl. Fuß hoch gewesen sein [8, 108]. Diese großen A. (landen vor dem Kreuzaltar, am Beginn des Chors, unter der Vierung, mitunter auch vor oder neben einer Grabstätte.

a) siebenarmige Leuchter

Die größten und künstlerisch bedeutendsten A. des Mittelalters sind die siebenarmigen. Ihre Zahl war ebenso erstaunlich wie ihre Größe und der Reichtum ihres Schmuckes, die gelegentlich den Widerspruch puritanischer Kreise herausforderten (Bernhard von Clairvaux [8, 102]). Eine Inschrift an dem verlorenen Leuchter in Cluny (12. Jh., [8, 105]) brachte die sieben Arme mit den sieben Gaben des Hl. Geistes in Verbindung:

Ad fidei normam voluit Deus hanc dare formam,
Quae quasi praescriptum doceat cognoscere Christum,
De quo septenae sacro spiramine plenae,
Virtutes manant, et in omnibus omnia sanant.

Es mag sein, daß zahlensymbolische Spekulationen in späterer Zeit auch zu anderen Deutungen führten, doch sind überzeugende Schriftquellen noch nicht zusammengestellt worden. Wenn im Speculum humanae salvationis (Heilsspiegel) der siebenarmige Leuchter (und die Bundeslade) zur Darbringung Christi und zur Darstellung Samuels im Tempel gesellt wird (z. B. Spiegel menschlicher Behaltnis, Speyer bei Peter Drach, 1474, Nr. 43), so handelt es sich dabei um ein Symbol des Tempels ohne unmittelbaren Bezug auf die Handlung. Zur Frage der Symbolik vgl. im übrigen Leuchter.

Nach der Überlieferung gehen die siebenarmigen Leuchter auf den Leuchter im Tempel in Jerusalem zurück, den Titus nach der Zerstörung des Tempels nach Rom entführte. Im 2. Buch Mose 37, 17ff. (vgl. Zacharias 4, 2) ist er genau beschrieben: „... und (Bezaleel) machte den Leuchter von feinem getriebenem Golde, daran waren der Schaft mit Röhren, Schalen, Knäufen und Blumen. Sechs Röhren gingen zu seinen Seiten aus, zu jeglicher Seite drei; drei Schalen waren an jeglichem Rohr mit Knäufen und Blumen; an dem Leuchter aber waren vier Schalen mit Knäufen und Blumen, je ein Knauf unter zwei von den sechs Röhren, die aus ihm gingen; und die Knäufe und Röhren gingen aus ihm, und war alles aus getriebenem, feinem Golde. Und machte die sieben Lampen mit ihren Lichtschneuzen und Löschnäpfen von feinem Golde. Aus einem Zentner feinen Goldes machte er ihn und all sein Geräte.“ – Dargestellt ist der siebenarmige Leuchter am Triumphbogen des Titus in Rom (Abb. 1; s. a. The Jewish Encyclopaedia III S. 531ff. Auf frühchristlichen Glasgefäßen findet er sich zwischen jüdischen und christlichen Emblemen, ebenso auf Sarkophagen, an Katakombenwänden und in Miniaturen (Codex Amiatinus der Laurentiana; vgl. Jac. Zwarts, De zevenarmige Kandelaar in de romeinse Diaspora, Diss. Amsterdam 1935). Charakteristisch für alle Darstellungen ist, daß die Arme in strenger Kreislinie ausschwingen und sämtlich die gleiche Höhe erreichen, so daß alle Lichtschalen in einer wagerechten Linie liegen.

Wann zum erstenmal in der christlichen Kirche siebenarmige Leuchter verwendet wurden, wissen wir nicht. Sicher verbürgt sind sie für die karolingische Zeit. Die Vita S. Benedicti Anian. erwähnt im Kloster Aniane „septem candelabra fabrili arte mirabiliter producta, de quorum stipite procedunt hastilia, sphaerulaeque ac lilia, calami ac scyphi in nucis modum ad instar videlicet illius facta, quod Beseleel miro composuit studio“ (Schlosser, Schriftquellen S. 184); der Hinweis auf das Werk des Beseleel läßt keinen Zweifel darüber, daß es sich um siebenarmige Leuchter handelte. (Ob dagegen die in einem Inventar der Abtei Fontanella genannten „candelabra argentea tria“ [Schlosser, Schriftquellen S. 291] siebenarmige Leuchter bezeichnen sollen, ist völlig ungewiß.)

Der älteste erhaltene siebenarmige Leuchter ist der im Münster zu Essen, eine Stiftung der Äbtissin Mathilde (974-1011) und demzufolge um das Jahr 1000 ausgeführt (Höhe ohne Sockel 2,33 m; Abb. 2). Der aus Erz gegossene, ursprünglich vergoldete und an den Knäufen mit Edelsteinen (jetzt mit Glasflüssen) besetzte Leuchter verkörpert den klassischen Typ. Zwischen je zwei Knäufen des Schaftes zweigen zwei Arme halbkreisförmig ab; die sieben Lichtteller liegen in gleicher Höhe. Schaft und Arme sind in einzelnen kurzen Rohrstücken gegossen, die durch starke Eisenstangen zusammengehalten und außen durch prachtvolle Knäufe verbunden werden (die Querstange unter den Lichtschalen ist später zugefügt). Der quadratische Fuß, auf dessen Ecken Personifikationen der vier Himmelsrichtungen sitzen, ruht mit vier Löwenfüßen auf einem Steinpostament (Einzelaufnahmen bei K. Wilhelm-Kästner, Das Münster in Essen, 1929).

Der entwickelten romanischen Kunst gehört der 1196 zuerst erwähnte Braunschweiger Leuchter an, eine Stiftung Heinrichs des Löwen (Höhe ohne Sockel 4,80 m, Abb. 3, [18. 27]). Er führt die Armpaare nicht im Halbkreis, sondern läßt sie bogenförmig ausschwingen, so daß je zwei Arme die Form eines Kielbogens bilden; die Lichtteller sind in der Höhe leicht abgestuft. Alle Formen sind dünner und leichter als in Essen. Die Knäufe des Hauptstamms, über denen die Arme abzweigen, waren teils mit Grubenschmelz, teils mit Edelsteinen geschmückt. Von den vier hegenden Sockellöwen führen Drachen zum Stamm hinüber (die Füllungen dazwischen modern). – Angeblich ebenfalls ein Geschenk Heinrichs war der 1792 zerstörte, nur noch durch Zeichnungen bekannte Leuchter der Michaelskirche zu Lüneburg [19. 20], der dem Typus des Essener Mathildenleuchters nahestand. Der Fuß war ähnlich wie in Braunschweig aus Löwen und Drachen gebildet; die Füllungen zeigten Rankenwerk mit symbolischen Tierdarstellungen (Einhorn, Pelikan, Löwe, Phönix) und biblische Szenen (Eherne Schlange, Simson, Jonas). Den Braunschweiger Typus führt der riesige (6 m hohe) Arbor virginis im Dom zu Mailand weiter; von jeder der sieben Lichtschalen schwingen drei kleinere Kerzenhalter aus. Ungewöhnlich reich ist auch der plastische Schmuck. Der Fuß ruht auf vier Drachen; in ihre aufgerollten Schweife sind Paradiesflüsse und Freie Künste eingebettet, in das Rankenwerk der Füllungen alttestamentliche Szenen, Tugenden im Kampf mit den Lastern, Tierkreiszeichen. An einem Knauf ist die Anbetung der Könige dargestellt, alles in einem außerordentlichen Reichtum des Vortrags und in vollendeter Ausführung. O. v. Falke [23. 24], der den Mailänder Leuchter in zahlreichen Abbildungen veröffentlicht hat, hält ihn für ein Werk des lothringischen Goldschmiedes Nikolaus von Verdun, ausgeführt um 1200 als Ersatz für einen älteren, der bei der Eroberung von Mailand (1162) nach Prag verschleppt wurde und von dem sich ein Fuß im Schatz des Veitsdoms erhalten hat. Von einem verwandten siebenarmigen Leuchter stammt das Fußfragment in St. Remy in Reims (um 1150). Im Stift Klosterneuburg bei Wien [16] hat sich das Oberteil eines siebenarmigen Leuchters erhalten (Höhe 4,23 m), bei dem jeder Arm eine aufsteigende Wellenlinie beschreibt und die Lichtteller nach der Mitte zu in regelmäßigen Abständen ansteigen. Eine weitere Variante zeigt der Messingleuchter der Busdorfkirche in Paderborn (Inv. Westfalen, Taf. 95): nur zwei Arme schwingen sich vom Schaft bogenförmig nach oben; aus ihnen wachsen drei kleinere Arme heraus; alle Lichtteller liegen in gleicher Höhe. Der runde, mit Ranken und Tierfiguren geschmückte Fuß ruht auf drei Löwenklauen. – Nicht mehr erhalten sind literarisch erwähnte und teilweise in alten Ansichten überlieferte siebenarmige Leuchter in Hildesheim (Inv. Hannover 2, 4 S. 234), Bamberg, St. Maria im Kapitol und St. Severin in Köln [15].

Auch in gotischer Zeit sind siebenarmige Leuchter noch häufig ausgeführt worden. Dabei spielt die niederdeutsche Gießkunst eine besondere Rolle; zahlreiche A. Lübecker und Hamburger Herkunft finden sich in Norddeutschland und in den skandinavischen Ländern [26]. 1327 schuf Hans Apengeter den großen Leuchter im Dom zu Kolberg mit kräftigem Stamm (Höhe 4 m), an dem Statuetten der Apostel angebracht sind, und dünnen, weit ausschwingenden Armen. Der jüngere, aber ebenfalls noch aus dem 14. Jh. stammende Leuchter der Marienkirche zu Frankfurt a. O. (Höhe 4,70 m; Abb. 4) läßt vom obersten Knauf des Schaftes aus nach beiden Seiten zwei starke Arme wellenförmig ausschwingen, von denen kleinere Äste mit Kerzenhaltern abzweigen. Der von vier Adlern getragene Fuß ist eben so wie der Stamm überreich mit biblischen Szenen geschmückt. Die A. in Mölln (1436) und Eutin (1444) nähern sich durch ungefähr halbkreisförmige Führung der Arme dem klassischen Typ. Ein von Mithof erwähnter siebenarmiger Leuchter aus dem Jahr 1400 in der Nikolaikirche zu Lüneburg ist verschollen.

Die norddeutsche Produktion siebenarmiger Leuchter aus Erz erreicht ihren Höhepunkt im ausgehenden 15. und im frühen 16. Jh. [26]. Den Kolberger Typ vertreten – mit zeitstilistisch bedingten Abwandlungen – die siebenarmigen Leuchter in Lund (Evangelistensymbole als Buchpulte?, Abb. 5), in Stockholm (Storkyrkan) und in Fürstenwalde (1538; Inv. Brandenburg 6, 1 S. 82, Höhe 2,90 m), alle mit der Besonderheit, daß die Arme kurz unterhalb der Kerzenteller in einer scharfen Nase umknicken. Ein A. des Lübecker Meisters Dirk Kron im Dom zu Viborg (1491) zeigt nach der Mitte zu ansteigende Kerzenhalter; am Schaft ist ein Lesepult angebracht. Der Aarhuser A. des gleichen Meisters (1515, Abb. 6) führt die tauförmig gewundenen Arme zunächst im Viertelkreis hoch, um sie dann plötzlich in die Senkrechte überzuleiten. Oben sind die dünnen Arme durch eine Querstange verbunden. Die A. in Danzig (Marienkirche, 1517) und Reval (Nikolaikirche, 1519) nähern sich wieder mehr dem Kolberger Typ. Der A. von 1494 im Dom zu Magdeburg hat seinen alten Standort zu Füßen der von Peter Vischer geschaffenen Tumba des Erzbischofs Ernst von Sachsen (gest. 1494) bewahrt.– Überaus zahlreich und künstlerisch sehr bedeutend sind die flandrischen A. [13]. Sie waren so verbreitet, daß der Italiener Antonio de Beatis in seinem Reisetagebuch von 1517/18 vermerken konnte: „In tutte ecclesie di Fiandre sono arbori nel coro ...“. Erhalten hat sich allerdings nur ein Bruchteil. Der größte und schönste in St. Leonhard in Léau (Höhe 5,68 m, Abb. 7) strahlt in etwa halber Höhe des Stammes sechs Arme radial nach allen Seiten aus. Der obere Teil des Schaftes ist als Kruzifix ausgebildet und von drei Figuren auf besonderen Armen (Maria, Johannes, Magdalena) flankiert; unten ein Lesepult. Der Leuchter gilt als Werk des Reiner van Thienen in Brüssel und stammt aus dem späten 15. Jh. (angeblich 1483). – Im Süden haben sich siebenarmige Leuchter kaum erhalten; wir können nur das Beispiel im Augustinerkloster zu Brünn (Mähren [17]) nennen.

Mit dem Ausgang des Mittelalters verliert der große siebenarmige Leuchter seine Bedeutung als hervorragender Schmuck der Kirche. Es fehlt zwar nicht an vereinzelten Ausläufern aus späterer Zeit (Olpe, Abb. 8), die aber weder an Kostbarkeit des Materials, noch an Schönheit der Ausführung einen Vergleich mit den mittelalterlichen Stücken aushalten.

b) fünf- und dreiarmige Leuchter

Führend in der Entwicklungsgeschichte des kirchlichen A. im Mittelalter ist der siebenarmige Leuchter. Die fünf- und dreiarmigen Leuchter kirchlichen Gebrauchs treten ihm gegenüber an Alter, Zahl, Größe, Kostbarkeit des Materials und Schönheit der Bearbeitung meist zurück. Immerhin finden sich besonders in Mittel- und Norddeutschland nicht wenige A. zu fünf und zu drei Armen, darunter auch große und künstlerisch wertvolle, für die wir einige bezeichnende Beispiele nennen:

Fünfarmige Leuchter: Gandersheim, Stiftskirche, Anf. 15. Jh., Höhe 1,84 m (Abb. 9). Runder Fuß auf drei klauenförmigen, mit Figuren besetzen Ständern; am untersten Nodus des Schaftes ein Figurenfries in Blendarkade, einzelne Relieffiguren auch weiter oben am Stamm. Die Arme schwingen in kurzen Bogen, die Lichtteller liegen in gleicher Höhe. Die gelegentlich auftauchende Behauptung, der Leuchter sei ursprünglich siebenarmig gewesen, ist nicht bewiesen. – Untereinander und mit der siebenarmigen Gruppe Lund-Stockholm-Fürstenwalde (siehe oben Sp. 1096) verwandt sind die A. in Perleberg von 1475 (Inv. Brandenburg 1, 1 S. 226), Werben (Altmark) von 1487 und Ribe (Dänemark, E. 15. Jh. [26]). Die A. in Perleberg und Werben sind laut Inschrift Werke des Hamburger Gießers Hermann Bonstede. Am A. in Ribe, der ebenfalls von Bonstede ausgeführt sein dürfte, ein Lesepult. Eine Sonderstellung nimmt der A. in St. Kunibert in Köln ein (Abb. 10); der aus einem sechskantigen Fuß herauswachsende Leuchter ist als Astkreuz (Lebensbaum) gebildet und mit der Figur des Gekreuzigten verbunden. Es liegt nahe, die fünf Arme in zahlensymbolische Beziehung zu den fünf heiligen Wunden zu setzen.

Auch die dreiarmigen Leuchter lassen sich nicht über das Zeitalter der Gotik zurückverfolgen. Wieder zeigen sich Mittel- und Norddeutschland als Mittelpunkt der Produktion. Der Halberstädter Dom besitzt allein drei Leuchter zu drei Armen, von denen einer (der größte, 3,20 m hohe) wohl noch im 13. Jh. entstanden ist. Aus der Frühzeit des 15. Jh. stammt der kleine (1,33 m), bei dem sich die Kerzenteller der Seitenarme aus Löwenmäulern entwickeln [26]. Der weitaus eindrucksvollste mittlere (1,80 m, Abb. 11) erinnert in der stoßweisen Führung der Armkurven an den Gandersheimer Leuchter, ist aber untersetzter und in allen Einzelheiten schwerer; der quadratische Fuß ruht auf vier Löwen. Auch ein A. im Kloster Ebstorf (Hannover) scheint, nach der Statuette des heiligen Mauritius an der Gabelung der Arme, noch vor der Mitte des 15. Jh. entstanden zu sein. Der Fuß folgt in der Verwendung von vier Drachenfiguren mit Blattwerkfüllungen dazwischen offenbar einem romanischen Vorbild. Aus dem Jahr 1475 stammt der A. der Halberstädter Liebfrauenkirche (Inv. Prov. Sachsen 23, S. 346), aus dem Jahr 1490 der A. des Schusteramtes in der Stiftskirche zu Hameln; von einem A. in der Klosterkirche zu Börstel (Hannover) hat sich nur ein Bruchstück erhalten. Zwei dreiarmige Leuchter aus der Spätzeit des 15. Jh. stehen in Kappenberg (Inv. Westfalen, Kr. Lüdinghausen, Taf. 22) symmetrisch vor dem Hochaltar; am Stamm des rechten ist die Figur des Schmerzensmanns angebracht (Abb. 12), am linken, in Form eines Astkreuzes ausgebildeten A. der Gekreuzigte. Ein 1520 gestifteter A. im Dom zu Xanten (Inv. Rheinprovinz 1 S. 114, Höhe 2,35 m) füllt den Raum zwischen Armen und Schaft mit feinem Maßwerk. Ähnliches findet sich bei niederländischen A. wie dem in Gaurain, an dem auch noch ein Pultbrett angebracht ist [13 S. 364].

II. Der A. im Profangebrauch

Gegenüber den kirchlichen A. treten die profanen, zumal im Mittelalter, an Größe und Kostbarkeit erheblich zurück. Sieben- und fünfarmige Leuchter kommen im außerkirchlichen Gebrauch anscheinend überhaupt nicht vor. Dagegen sind drei- und zweiarmige in allen möglichen Varianten seit dem Ausgang des Mittelalters verbreitet (Abb. 13 und 15). Als Beispiel für A. der deutschen Renaissance sei der Altarleuchter in der Jacobikirche zu Herford genannt, der seiner Form nach ebensogut für profanen Gebrauch bestimmt sein könnte (Abb. 14).

Außerordentlich vielgestaltig sind dann die A., die im Zeitalter des Barock und des Rokoko entstanden. Edelmetall (namentlich Silber) und Porzellan werden nunmehr bevorzugtes Material (Abb. 16 und 17). Auch der Klassizismus hat noch beachtenswerte A. geschaffen, doch wird seit dem Empire die eigentliche A.-Form mehr und mehr durch Kandelaberformen verdrängt (Abb. 18).

III. A. mit figürlichen Trägern

Aus dem 15. und 16. Jh. gibt es zahlreiche A. profaner Bestimmung, deren Stamm von einer menschlichen Figur gebildet wird. Kleine, ritterlich oder (später) landsknechtmäßig gekleidete Männer tragen mit erhobenen Armen zwei Kerzenhalter (Abb. 19 und 21). Mitunter stehen auch auf einem sich gabelndem Fuß zwei Figürchen mit je einer Kerze (Abb. 20). Auch im 18. Jh. spielt der A. mit figürlichem Träger noch einmal eine Rolle (vgl. Abb. 16). – Ob der nach seinem Stifter „Wolfram“ genannte romanische Erzguß im Erfurter Dom (Abb. 22; Inv. Prov. Sachsen N. F. 1, 1929, S. 252ff.) ursprünglich als Leuchterträger diente, ist zweifelhaft. Die Lichtschalen („Pfannen“) in den Händen wurden erst 1501/02 ausgeführt, und auch der Dorn der dritten Kerze im Nacken ist offenbar nachträglich angebracht. Ad. Goldschmidt vermutet, daß die 1,50 m hohe, vollrunde Figur, die auf einem reich geschmückten, nach seiner Meinung erst nachträglich zugefügten Sockel steht (vgl. Sp. 202 Abb. 1), ursprünglich als Buchträger diente (s. Atzmann). Als Leuchterfigur wäre das Beispiel des Wolfram nach dem erhaltenen Denkmälerbestand sowohl in der kirchlichen wie in der profanen Kunst auf Jahrhunderte hinaus ohne Nachfolge geblieben. Andererseits ist jedoch zu bemerken, daß das 12. Jh. Sonnenuhren (Chartres), Lesepulte (Alpirsbach), Weihwasserbecken (Altstadt) und ähnliche Gegenstände gern mit anthropomorphen Trägern ausgestattet hat, so daß auch ein figürlicher Leuchterträger in dieser Zeit nicht ganz ausgeschlossen erscheint, zumal sich die Armhaltung des Wolfram mit einem Buchträger schwer vereinbaren läßt.

Über den neunarmigen jüdischen Kultleuchter vgl. Chanukkaleuchter. – Weiter s. die Artikel Gitterleuchter, Kandelaber, Kerzenständer, Leuchter, Osterleuchter, Standleuchter, Teneberleuchter.

Zu den Abbildungen

1. Rom, Titusbogen, 81 n. Chr.: Die Beute aus dem Tempel zu Jerusalem. Ausschnitt. Phot. Alinari.

2. Essen, Münster, siebenarmiger Leuchter, um 1000. Höhe ohne Sockel 2,33 m. Phot. Bildarchiv d. Rhein. Mus. Köln.

3. Braunschweig, Dom, siebenarmiger Leuchter, gestiftet von Heinrich d. Löwen († 1195). Höhe ohne Sockel 4,80 m. Phot. Staatl. Bildstelle Berlin.

4. Frankfurt a. O., Marienkirche, siebenarmiger Leuchter, E. 14. Jh. Höhe 4,70 m. Phot. Staatl. Bildstelle Berlin.

5. Lund, Dom, siebenarmiger Leuchter, hamburgisch, E. 15. Jh. Phot. Mus. f. Kunst- u. Kulturgesch., Lübeck.

6. Aarhus, Dom, siebenarmiger Leuchter von Dirk Kron aus Lübeck, 1515. Phot. Mus. f. Kunst- u. Kulturgesch., Lübeck.

7. Leau (Belgien), St. Leonhard, siebenarmiger Leuchter von Reiner van Thienen, E. 15. Jh. Höhe 5,68 m. Nach J. J. van Ysendyck, Documents classés de l’art dans les Pays-Bas ..., 1886/87.

8. Olpe (Westfalen), Stadtkirche St. Martin, siebenarmiger Leuchter, 18. Jh. Eisen, Höhe 1,37 m. Phot. Denkmalarchiv d. Prov. Westfalen, Münster.

9. Gandersheim, Stiftskirche, fünfarmiger Leuchter, Anf. 15. Jh. Höhe 1,84 m. Phot. Kunstgeschichtl. Seminar Marburg.

10. Köln, St. Kunibert, fünfarmiger Leuchter mit Kruzifixus, 2. H. 15. Jh. Phot. Kunstgeschichtl. Seminar Marburg.

11. Halberstadt, Dom, dreiarmiger Leuchter, 15. Jh. Bronze, Höhe 1,80 m. Phot. Ed. Bissinger, Erfurt.

12. Kappenberg (Westfalen), Stiftskirche, dreiarmiger Leuchter mit Schmerzensmann, E. 15. Jh. Höhe 2,20 m. Phot. Staatl. Bildstelle Berlin.

13. Essen, Folkwang-Mus., Standleuchter, flandrisch, 15. Jh. Phot. Kunstgeschichtl. Seminar Marburg.

14. Herford, Jacobikirche, Leuchter, 16. Jh. Bronze, Höhe 38 cm. Phot. Denkmalarchiv d. Prov. Westfalen, Münster.

15. Danzig, Kunstgewerbemuseum, Leuchter, 15. Jh. Phot. Mus.

16. Berlin, Schloßmus., Leuchter aus Meißener Porzellan, ca. 1735-38. Höhe 56 cm. Phot. Mus.

17. Berlin, Schloßmus., Silberner Leuchter, Berlin, 2. H. 18. Jh. Höhe 26 cm. Phot. Mus.

18. Greifswald, Heimatmuseum, kandelaberartiger Leuchter, um 1800. Bronze, vergoldet, Höhe 61 cm. Phot. Mus.

19. Passau, Dom, Figurenleuchter, um 1400. Messing, Höhe 22 cm. Phot. Bayer. Landesamt f. Denkmalpflege, München.

20. Berlin, Schloßmus., Doppelleuchter, süddeutsch, 15. Jh. Gelbguß, Höhe 24,5 cm. Phot. Mus.

21. Berlin, Schloßmus., Figurenleuchter, deutsch, 16. Jh. Höhe 30,5 cm. Phot. Mus.

22. Erfurt, Dom, sog. „Wolfram“, um 1160. Höhe ohne Sockel 1,50 m. Phot. Ed. Bissinger, Erfurt.

Literatur

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Verweise