Armbrust

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englisch: Crossbow; französisch: Arbalète; italienisch: Balestra.


Paul Post (1936)

RDK I, 1058–1063


RDK I, 1059, Abb. 1. Kriegsarmbrust mit Stegreif, 14.-15. Jh.
RDK I, 1059, Abb. 2. Abzugsvorrichtung von Abb. 1.
RDK I, 1059, Abb. 3. Hans Holbein d. Ä., 1516.
RDK I, 1061, Abb. 4. Deutsche Armbrustwinde, 15. Jh.
RDK I, 1061, Abb. 5. Deutsche Scheibenarmbrust, 1596.

Armbrust (armburst, armbrost, armborst, arbrost, armbst).

Die A. stammt vermutlich aus China, wo sie nach Max Jähns [2] bereits im 12. vorchristlichen Jh. nachweisbar ist. Das Mittelalter übernimmt die A. mit der Benennung – volksetymologische Umdeutung des mittellateinischen arbalista, arcubalista – aus der spätrömischen Bewaffnung, hier durch den Kriegsschriftsteller Vegetius Renatus (Epitome rei militaris. II. 15; IV. 22) und durch spätrömische Reliefdarstellungen im Mus. von Le Puy für das 4. Jh. nachgewiesen. Nach dem ersten Auftauchen auf Miniaturen und in der Literatur zu urteilen, beginnt eine allgemeine Verbreitung der A. im mittelalterlichen Europa erst seit dem 10. Jh. Der Mechanismus der A., der auf eine Steigerung der Wirkung des Flitzbogens abzielt, wurde vermutlich ursprünglich als Wurfmaschine in großen Dimensionen erdacht und ist als solche auch in der Antike als sog. Euthytonon (Rekonstruktion von Schramm im Berliner Zeughaus) verwandt. Eine mittelalterliche Standarmbrust, die 1330 dem Grafen von Rheinstein abgenommen wurde, bewahrt noch das Rathaus von Quedlinburg. Der Hornbogen der mittelalterlichen A., meist zusammengesetzt aus verleimten Horn- und Fischbeineinlagen (Abb. 1), seit E. 15. Jh. von Stahl, ruht mit gespannter Sehne im Holzschaft, der sog. Säule, die in ihrer Mitte die sehr mannigfaltig konstuierte Abzugsvorrichtung birgt. Die Grundform, auf die die meisten Abzugsvorrichtungen zurückzuführen sind (Abb. 2), besteht aus 2 Hauptelementen, der walzenförmigen „Nuß“ (2) aus Bein, die, drehbar in der Säule ruhend, in ihre Kerbe die gespannte Sehne aufnimmt, und dem doppelhebligen Abzugsbügel (3), der mittels einer auf den vorderen Hebel wirkenden Feder (4) die Nuß (bei a) in gespannter Lage festhält. Beim Abziehen muß der hintere Hebelarm des Abzugshügels gegen die Säule gedrückt werden, wodurch die Nuß freigegeben wird und die nach vorn schnellende Sehne den aufgelegten Bolzen abschießt (Abb. 3). Zum Spannen der Sehne, ursprünglich mit beiden Händen besorgt, indem man zugleich mit den Füßen auf den Bogen oder in den „Stegreif“ am Ende der Säule (Abb. 1) trat, werden mit der Steigerung der Spannkraft des Bogens die mannigfachsten Spannvorrichtungen benötigt. Im 13. und 14. Jh. genügt noch der auf Miniaturen häufig dargestellte Gürtelhaken, ein vom Taillengürtel vorn herabhängender Flaken, in den man die Sehne einhakte, während der hochgehobene Fuß in den Bogen oder den Stegreif trat und durch Strecken des Beines den Bogen spannte. Daneben tritt schon früh der sog. Geißfuß auf, ein einfacher Hebel mit Handhabe. Als Stützpunkt dienen 2 seitliche Knebel an der Säule, hinter die die geißfußförmigen Enden greifen, während 2 oberhalb des Angriffspunktes befindliche Haken die Sehne ergreifen und spannen. Wohl zugleich mit dem Stahlbogen kommen im 15. Jh. A.-Winden auf, die hinten auf die Säule geschoben mittels Zahnradgetriebes (deutsche Winde, Abb. 3 u. 4) oder Flaschenzug (englische Winde) die eingehakte Sehne nach hinten kurbeln und spannen.

Die A. stellt dank ihrer erheblichen Fernwirkung und Durchschlagskraft – nach M. Jähns [2] durchschlägt der Bolzen noch auf 300 Schritt einen Eisenhelm – in der spätmittelalterlichen Kriegführung als erste mechanische Faustwaffe, eine gefürchtete Waffe dar, bereits seit 1139 bezeugt durch wiederholte päpstliche Bannflüche gegen ihre Verwendung im Kampf mit Christen. Sie gewinnt vermutlich unmittelbaren Einfluß auf das Entstehen des spätgotischen Plattenharnisches. Neben der im 14. Jh. aufkommenden Handfeuerwaffe behauptet sie sich im Felde noch bis Anf. 16. Jh., zuletzt als ausgesprochene Reiterwaffe. Als Jagdwaffe erfreut sie sich bis ins 17. Jh. wegen ihres geräuschlosen Abschusses und der geringen Kosten großer Beliebtheit. Bis ins 19. Jh., stellenweise bis in die Gegenwart, ist die A., sehr gewichtig von Gestalt (Abb. 5), auf dem Scheibenstand anzutreffen. Es ist der letzte Rest: des weit ins Mittelalter zurückreichenden Freischießens, auf dem die A. bis ins 17. Jh. im sog. „Stahlschießen“ (Schießen mit der Stahlbogen-A.) eine beherrschende Stellung einnimmt. Spielarten der A. sind die unter Einfluß des Gewehrs entstandenen, vorzugsweise zum Verfeuern von Kugeln bestimmten Balläster und der Schnepper. Die zu Beginn des 16. Jh. in Italien aufkommende Balläster hat eine zwischen Bogen und (Stahl-) Nuß stark gekröpfte Säule, um dem Aufschlagen der vorschnellenden Sehne mit Kugelnetz vorzubeugen. Der zum Verschießen von Kugeln oder Bolzen dienende Schnepper führt seinen Namen nach der an Stelle der Nuß getretenen Abzugsvorrichtung, einer deutschen Erfindung des 17. Jh. Endlich ist eine deutsche Weiterbildung der Ballästerkonstruktion, die Abzugs- und Spannvorrichtung vereinigt, zu erwähnen.

Das Wurfgeschoß, der A.-Bolzen, von durchschnittlich 30 cm Länge (Abb. 5), dessen Spitze je nach Verwendung fürs Feld, für die Jagd oder den Scheibenstand verschieden geformt ist, wird in einem meist nach unten ausladenden Köcher mitgeführt, der auf den Boden gestellt werden kann. Zum Scheibenschießen dienen Bolzenkästen. (Bekannt der Bolzenkasten Kurfürst Augusts von Sachsen im Hist. Mus. Dresden von Franz Kaphan.)

Die ältesten erhaltenen A. reichen nicht über das 15. Jh. zurück. Reichere künstlerische Behandlung erfahren vornehmlich Jagd- und Scheiben-A. am Bogen und vor allem an der Säule. Die primitivsten Verzierungen sind am mittelalterlichen Hornbogen innseitig auf die zum Schutz aufgeleimte Birkenrinde aufgedruckte, einfache Ziermotive nach Art von Zeugdrucken. Am Stahlbogen erscheinen an der gleichen Stelle gelegentlich Ätzungen. Im 17. Jh. werden die Bogen gern mit Ornamenten in Gold, auch vielfarbig bemalt. Schöne Beispiele bietet das Berliner Zeughaus. Abgesehen von der wechselnden äußeren Gestaltung der Säule, die in gotischer Zeit schlank, später in der Mitte immer mehr balusterförmig anschwillt, bieten ihre Flächen, ähnlich dem Schaft des Jagdgewehrs, Raum zu reicher Entfaltung von Beinschnitzereien, Einlagen und Umkleidungen von mannigfaltigem Material, namentlich Bein, verziert mit gravierten Wappen, Inschriften, Ornamenten und figürlichen Darstellungen (Abb. 5). Reiche Schmiedearbeit weisen endlich deutsche A.-Winden auf, namentlich aus spätgotischer Zeit (Abb. 4). Auch an spätgotischen Bolzenköchern werden die Beschläge gelegentlich durch Treibarbeit künstlerisch belebt, wofür sich Beispiele in allen größeren Waffensammlungen finden.

Zu den Abbildungen

1. Berlin, Zeughaus, Kriegs-A. des 14.-15. Jh. mit Stegreif. Phot. Zeughaus, Berlin.

2. Detail von Abb. 1, Abzugsvorrichtung. Phot. Zeughaus Berlin.

3. Hans Holbein d. Ä., Sebastians-Altar, 1516. Ausschnitt. München, Alte Pinakothek. Nach „Galerien Europas“, Verlag E. A. Seemann, Leipzig.

4. Berlin, Zeughaus, Deutsche A.-Winde, 15. Jh. Phot. Zeughaus, Berlin.

5. Berlin, Zeughaus, Deutsche Scheiben-A. mit Wappen des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig und seiner Gemahlin Elisabeth, 1596. Phot. Zeughaus, Berlin.

Literatur

1. Wendelin Boeheim, Hdb. der Waffenkunde, Leipzig 1890, S. 401. 2. Max Jähns, Entwicklungsgeschichte der alten Trutzwaffen, Berlin 1899, S. 333. 3. Rolph Payne-Gallwey, The Crossbow, London 1903. 4. Hugo Th. Horwitz, Zur Entwicklungsgeschichte der A., Zs. f. Hist. Waffen- u. Kostümk. 9, 1922, S. 73, 114. 5. Paul Post, Das Zeughaus, Die Waffensammlung, I. Teil, Berlin 1929, S. 18, 109. 6. R. Ritter von Haidinger, Beitrag zur Kenntnis der Bolzen- und Pfeilformen vom Beginn der hist. Zeit bis zur Mitte des 16. Jh., Wien 1879. 7. Rudolf Prihoda, Zur Typologie und Chronologie mittelalterlicher Pfeilspitzen und Armbrustbolzeneisen. Sudeta, Bd. VIII, 1932, S. 43.

Verweise