Armband, Armring, Armreif, Armspange, Bauge

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Bracelet, wristlet; französisch: Bracelet; italienisch: Braccialetto, armilla.


Johanna Müller (1936)

RDK I, 1052–1058


RDK I, 1053, Abb. 1. Fränkische Armreifen. Mainz.
RDK I, 1053, Abb. 2. Armspange der deutschen Kaiser, E. 12. Jh.
RDK I, 1053, Abb. 3. Armspange der deutschen Kaiser, E. 12. Jh.
RDK I, 1055, Abb. 4. Hans Müelich, Miniaturbilder von Armbändern, 1554. München.
RDK I, 1055, Abb. 5. Armbandmodell von Hans Kels, 2. V. 16. Jh. Nürnberg.
RDK I, 1057, Abb. 6. Gußeisernes Armband, um 1830. Berlin.

Armband, Armring, Armreif, Armspange (lat. armillum, armilla, brachiale, manica), Bauge (von ahd. biogan = biegen; mhd. bouc, mittellat. bauga).

Das A. ist ein Schmuckstück aus Metall, häufig in Verbindung mit Perlen, Glasperlen, Edelsteinen, Email, aus Bernstein, Glas usw. Schon in vorgeschichtlicher Zeit und im Altertum gibt es alle später vorkommenden Formen des A.: aufgereiht aus Perlen oder durchbohrten Steinen, ringförmig – entweder geschlossen oder (öfter) offen, die Enden gegenüberstehend vor allem in der Völkerwanderungszeit als Tierköpfe gebildet –, spiralförmig – auch hier namentlich die Enden verziert –, starres reifenförmiges A., reifenförmig oder manschettenartig breit mit Scharnier, aus plättchenartigen Gliedern zusammengesetzt und schließlich kettenförmig; Beispiele bei [4].

Das A., das man im Altertum paarweise zu tragen pflegte, und zwar am Ober- und am Unterarm, bei Männern wie Frauen [5 S. 10ff., 25, 34, 41], war auch in der Völkerwanderungszeit ein sehr verbreiteter Schmuck und wird von Männern mindestens so häufig wie von Frauen getragen. Nach Boehn gehörte es zum Ornat des germanischen Priesters, und aus einem Zitat bei Du Cange [1] geht hervor, daß die Angelsachsen den Eid auf ihre Armspangen ablegten. Der Staats- und Privatschatz (Hort) des Fürsten, dessen Name im Altsächsischen Ringspender ist, enthielt neben anderem Schmuck auch A., denn es war üblich, Baugen, die zugleich Zahlmittel sein konnten, in großen Mengen zu verschenken: Walter von Aquitanien schenkte König Gunter 100 Baugen aus Etzels Schatz, Krimhild lohnt Siegfried mit 24 A. usf.; im Hildebrandslied, Heliand und Beowulf werden A. erwähnt [6 S. 190f.]. Auch in fränkischer Zeit wurden A. getragen; von Karl dem Großen und Karl dem Kahlen heißt es, daß sie Armspangen hatten [5 S. 72]. Daß das Tragen von A. eine Auszeichnung bedeutet, geht aus einem Capitulare Karls des Großen hervor [1]. Bei Schenkungen u. dgl. finden A. Erwähnung (Schlosser, Quellenschriften Nr. 79, 91, 652, 664 b).

Form und Ausführung der A. des frühen Mittelalters kennen wir aus den Gräberfunden. Sie sind häufig reifenförmig mit graviertem geometrischem Ornament, vorwiegend haben sie jedoch ovale offene Ringform, massiv oder leicht gehöhlt, oft in gegeneinander stehenden Tierköpfen endend, mit Niello, Email, Glaspasten und Almandinen verziert (Abb. 1). Übernahme römischer Ornamentformen läßt sich gelegentlich nachweisen (fränkischer Goldschmuck im Bonner Prov.-Mus. [9 S. 429 Fig. 375]). Seit der Christianisierung gibt es Schmuck, darunter auch A., mit christlichen Symbolen versehen [5 S. 40].

A. gehörten im Mittelalter – wohl auf Grund ihrer besonderen Bedeutung in germanischer und fränkischer Zeit – zum Krönungsornat der deutschen Könige und Kaiser. Sie werden unter den Reichskleinodien erwähnt, die auf Wunsch Konrads I. bei seinem Tod (919) Heinrich I. übergeben wurden [5 S. 73]. In der Wiener Schatzkammer, die heute die Reichsinsignien bewahrt, waren noch im 18. Jh. die A. der deutschen Kaiser aus dem E. 12. Jh. vorhanden; sie sind uns in einem Kupferstich von Delsenbach überliefert (Abb. 2 u. 3). Es waren ca. 19 cm lange und 13 cm breite, leicht gebogene Goldbleche, die mit Lederriemen am Arm befestigt wurden. In Email und Gravierung waren die Geburt Christi und die Darbringung im Tempel dargestellt. Zeitlich und stilistisch stehen sie wohl dem Klosterneuburger Altar nahe, und Bock [10] vermutet, daß die beiden Szenen inhaltlich zu anderen Darstellungen auf einer älteren königlichen Tunika gehören.

Anscheinend wurden A. von Männern nur bis zum 12. Jh. getragen, später nur noch in Dichtungen erwähnt. Tatsächlich sprechen noch die Minnesänger von A. der Männer; aber noch im 17. Jh. kommt es gelegentlich vor, wie von Sully, dem Minister Heinrichs IV. von Frankreich, berichtet wird [6 S. 191 u. 244f.].

Die Frauenmode bevorzugt als Schmuck im Mittelalter weit mehr Agraffe, Fürspan, Gürtel und kostbare Borten, was mit der Mode der langen Ärmel zusammenhängen mag. Erhalten ist anscheinend kein einziges mittelalterliches A., was aber sicher vor allem darin seinen Grund hat, daß Schmuck und Geschmeide immer wieder zu Geld gemacht werden mußten. Immerhin ist es auffallend, daß in einem Geschenkverzeichnis des Herzogs von Burgund vom Jahre 1439 neben anderem Schmuck überhaupt keine A. erwähnt werden [5 S. 93].

Etwas besser sind wir über die Renaissance unterrichtet. Gemälde der 1. H. 16. Jh. zeigen Männer und Frauen, auch bürgerlicher Kreise, mit reichstem und kostbarstem Schmuck überladen (Gold von Amerika!), doch werden sichtlich Halsketten, Anhänger und vor allem Ringe bevorzugt. Die Mode der gepufften und geschlitzten Ärmel hätte wohl das A. kaum recht zur Geltung kommen lassen. Wo es vorkommt, wird es daher meistens über dem Ärmel getragen ([5 S. 84], 15. Jh.; [6 S. 207; 13 S. 51 u. 65; 14. S. 51 u. 62] sämtl. 16. Jh.). Selbst bei Lukas Cranach, der in seinen Bildnissen mit besonderer Vorliebe Schmuck malt, findet sich nur ein einziges Beispiel eines A., bei halbem Ärmel getragen (weibl. Bildnis, Friedländer-Rosenberg, Taf. 50). Doch scheinen A. im Schmuck fürstlicher Personen reichlich vorzukommen, wie die Miniaturen des Hans Müelich beweisen, der in den Jahren 1546-55 ein Inventar der Kleinodien Herzog Albrechts V. und der Herzogin Anna von Bayern malte (Abb. 4 u. [12 Taf. 10 u. 23]). Besonders das aus acht Gliedern bestehende A., von denen jedes einzelne aufs kostbarste mit Diamanten und Edelsteinen gearbeitet und deren flache Unterseiten mit Mauresken und Bandwerk geschmückt sind, gibt einen Eindruck davon, wie reich und farbig der Schmuck dieser Zeit war. Das beim Tod der Kurfürstin Anna von Sachsen 1585 aufgestellte Inventar enthält 27 goldene A. [14]. Unter diesen befanden sich einige aus Amulettsteinen gefertigte (ein derartiges A. im Kasseler Landesmus.). Reifenförmiges und Glieder-A. werden im 16. Jh. bevorzugt. Ein mit Email und Rubinen gearbeitetes A. befindet sich im Germ. Nat.-Mus. Nürnberg [4 Taf. 65]. – Das Germ. Nat.-Mus. bewahrt außerdem zwei dem Hans Kels zugeschriebene Holzmodelle, die wegen ihrer Ausführung und Länge (20,5 cm) wohl mit Recht als Armbandmodelle gelten (Abb. 5 u. Kat. Josephi, Nr. 488, 489). Möglicherweise können auch Stiche des Virgil Solis (Friese mit Büsten in Medaillons; Berliner, Ornamentale Vorlageblätter II, Taf. 180) Vorlagen für A. sein.

Im 17. und 18. J h. kommt das A. als durch sich selbst wirkendes Schmuckstück kaum noch vor. Bei der Mode der Spitzenmanschetten und Handkrausen im 17. Jh. werden gelegentlich kettenförmige und Perlarmbänder getragen, in den meiden Fällen paarweise (Rubens und Isabella Brant, München Pinakothek; van Dyck, weibl. Bildnis, ebd., und Bildnis der Balthazarine von Limnick, Slg. Stroganoff u. ö.). Auch im 18. Jh. behält man trotz vorwiegend kurzer Ärmel Perlschnürchen, meist paarweise, bei (vgl. Bildnisse von Pesne in Berlin und Potsdam, Ziesenis u. a.), oder man trägt schmale, schwarze, mit einer Schleife gebundene Bändchen (Meißener Liebesgruppe von Kändler, ca. 1740, Pantheon 7, 1931, S. 349; Gemälde von Chr. W. E. Dietrich „Tanz im Freien“, Besitz des Hauses Wettin, Weltkunstkarte 405, u. ö.); und es ist wohl kein Zufall, wenn Dinglinger, seit 1698 Hofjuwelier Augusts des Starken, in einer Aufstellung vom Jahre 1701 nur ein einziges A. aufführt (das heute nicht mehr nachweisbar ist; Sponsel, Dinglinger, 1904, S. 10); die Zeit des Barock und Rokoko bevorzugte vielmehr das „Beiwerk“ in Form von Dosen, Fächern u. dgl.

Bei der um 1800 aufkommenden antikischen Mode werden A. aus goldgefaßten Gemmen und Kameen getragen. In der sentimentalisch gestimmten Zeit Anf. 19. Jh. wird es üblich, A. aus Haaren zu flechten und mit einem Medaillon zu schließen. Eine Besonderheit der Jahrzehnte nach den Freiheitskriegen ist der Schmuck aus Eisen; Eisenfeinguß wurde in London, Berlin und Paris hergestellt. Trotz des einfachen und einfarbigen Metalls wird bei Verwendung zierlicher Ornamentmotive eine feine Silhouettenwirkung erzielt (Abb. 6 u. [15]). Seit M. 19. Jh. erscheint das A. wie aller andere Dekor in vielfachen historisierenden Formen.

Zu den Abbildungen

1. Mainz, Altertumsmuseum. Fränkische Armreifen. Phot. Prof. Dr. E. Neeb, Mainz.

2. und 3. Armspangen aus dem Krönungsornat der deutschen Kaiser, E. 12. Jh. Kupferstiche von Joh. Adam Delsenbach (1687–1765). Nach Schlosser [11].

4. Hans Müelich, Kleinodienbuch der Herzogin Anna von Bayern, 1554. München, Staatsbibl. Cod. icon. 429 fol. 12 r. Phot. Handschriftenabteilung der Staatsbibl., München.

5. Nürnberg, Germ.-Nat. Mus., Armbandmodell mit Bildnis Ferdinands I. von Hans Kels. Holz, 2. V. 16. Jh. Phot. Christoph Müller, Nürnberg.

6. Berlin, Schloßmus., A. aus der Kgl. Eisengießerei, ca. 1830. Phot. Prof. Dr. H. Schmitz, Berlin.

Literatur

1. Du Cange I, S. 395 (armilla), S. 609 (bauga). 2. Grimm, Dt. Wörterbuch I, Sp. 556, 560. 3. Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch I, Sp. 333.

4. Rudolf Rücklin, Das Schmuckbuch I u. II, Leipzig 1901. 5. Ernst Bassermann-Jordan, Der Schmuck, Leipzig 1909, bes. S. 72ff., 95f., 116f. 6. Max v. Boehn, Das Beiwerk der Mode, München, o. J. (1928), S. 155ff. 7. Joh. Hoops, Reallexikon der German. Altertumskunde I, S. 124ff. u. 180. 8. W. A. v. Jenny und W. F. Volbach, Germanischer Schmuck des frühen Mittelalters, Berlin 1933. 9. H. Lüer und M. Creutz, Gesch. der Metallkunst II, Stuttgart 1909. 10. Franz Bock, Die Kleinodien des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation, Bd. I, Wien 1864, Anhang S. 9f. 11. Julius Schlosser, Die Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses in Wien, Wien 1918, S. 31. 12. J. H. v. Hefner-Alteneck, Deutsche Goldschmiedewerke des 16. Jh., Frankfurt a. M. 1890. 13. Bernh. Herm. Röttger, Der Maler Hans Mielich, München 1925, S. 23f. 14. Erna v. Watzdorf, Fürstl. Schmuck der Renaissance, Münchner Jb. N. F. 11, 1934, S. 50ff. 15. Hermann Schmitz, Berliner Eisenkunstguß, München 1917, S. 31 u. Taf. 36ff.