Arion

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Arion; französisch: Arion; italienisch: Arione.


Lothar Freund (1936)

RDK I, 1025–1027


RDK I, 1025, Abb. 1. Zeichnung um 1200. Reims.
RDK I, 1025, Abb. 2. Dürer, Zeichnung. Wien.

Nach der griech. Sage Sänger aus Lesbos, der auf einer Meerfahrt von räuberischen Schiffern bedroht wird; er springt ins Meer, und sein Gesang und Zitherspiel lockt die Delphine, Poseidons Boten, heran, die – bezwungen von der Macht der Töne – den frommen Sänger auf den Rücken nehmen und an Land tragen. Die Erzählung findet sich erstmalig bei Herodot, später u. a. bei Plutarch und Ovid (Fastes, Lib. II; vgl. Pauly-Wissowa 2, Sp. 836ff.).

Eine Miniatur des 13. Jh. in einem Liber Pontificalis der Reimser Stadtbibl. (Abb. 1; vgl. van Marle, Iconographie II, 277) stellt den Luftgott Aer als den Erzeuger aller Harmonie dar und ordnet ihm, außer den vier Winden und den neun Musen, drei antike Repräsentanten und Meister der Musik zu: Arion, Orpheus und Pythagoras. A. erscheint hier als jugendlicher Delphinreiter, gleich einem Triton in ein Horn blasend und mit einer Laute in der Hand.

Im späteren Mittelalter wird die Meerfahrt des A. gelegentlich zu den wunderbaren Begebenheiten gesellt, die man in Parallele zum Wunder der unversehrten Jungfräulichkeit Mariä stellt: „Wenn A. durch einen Delphin das Gestade erreicht, warum soll nicht eine Jungfrau durch den Hl. Geist Christus gebären?“ oder ähnlich fragen die verschiedenen Ausgaben des „Defensorium inviolatae virginitatis b. Mariae“, und demgemäß wird A. im späteren 15. Jh. mehrfach auf einem phantastischen Tier durch das Meer reitend dargestellt. Vgl. J. v. Schlosser im Jb. Kaiserhaus 23, 1902 p. 287ff. sowie Schreiber, Manuel IV S. 367ff. und Molsdorf Nr. 930.

In der italienischen Frührenaissance taucht das A.-Thema humanistisch abgewandelt wieder auf: A. wird, ähnlich wie Orpheus, ein Sinnbild poetischer Inipiration. So erscheint er auf der Rückseite einer dem venezianischen Dichter Maserano gewidmeten Medaille des Giovanni Boldù von 1457 mit der Beischrift: „Virtuti omnia parent“, und eine Kleinbronze des Andrea Riccio (Paris, Louvre) stellt ihn auf einem vom Delphin getragenen Tintenfaß sitzend dar. Eine Zeichnung Dürers (aus dem Kunstbuch in Wien, Lippmann 411, Abb. 2) gibt A. als Jüngling: auf dem Delphin hingestreckt, die Harfe in der Linken, schaut er empor; die Beischrift lautet: Pisce super curvo vectus cantabat Arion. Auch auf einem der nach Besançon gelangten Blätter aus dem Gebetbuch Kaiser Maximilians (fol. 80 r der Ausgabe von K. Giehlow, 1907) ist A. auf dem Delphin dargestellt, sitzend, Geige und Bogen abgesetzt in den Händen haltend und verträumt zum Himmel emporschauend.

Eine schöne Federzeichnung von 1508 im Kk. der Uffizien, die A. auf dem Fisch stehend und harfespielend zeigt, hat H. Beenken (Jb. d. pr. K.slg. 56, 1935, S. 62) dem Jörg Breu zugeschrieben. Auch in der Buchillustration des 16. Jh. spielt das Thema eine Rolle, beispielsweise in Petrarcas Trostspiegel (Musper, 1927, Nr. 85). – Wie schon Riccio, stellt sodann Georg Vischer in einer Kleinbronze von 1554 (Florenz, Mus. Naz.; Meller, Bronzestatuetten Taf. 36) A. auf einem Tintenfasse dar. An späteren Beispielen seien noch genannt: ein Stich des Abr. Diepenbeeck und ein Bild des Rubens (Paris, a. d. Slg. Ad. Schloß, um 1610-15), auf dem das Schiff mit den erstaunt auf das Wunder starrenden Seeräubern in die Szene einbezogen wurde, schließlich auch Ph. O. Runges Hamburger Entwurf für einen Theatervorhang.

Zu den Abbildungen

1. Reims, Stadtbibliothek, Zeichnung, um 1200. Phot. Archives photographiques d’Art et d’Histoire, Paris.

2. Dürer, Zeichnung aus dem Kunstbuch. Wien, Kunsthist. Mus. Nach Lippmann.