Apotropaion

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englisch: Apotropaeon; französisch: Talisman, apotropéen; italienisch: Apotropaion, oggetto apotropaico.


Oswald A. Erich (1935)

RDK I, 852–856


RDK I, 853, Abb. 1. Pestblatt, 15. Jh.
RDK I, 855, Abb. 2. Aachen, Münster, 9. Jh.

Apotropaion (von griech. ἀποτρόπαιον).

A. = Abwehr, Abwehrzauber ist der Oberbegriff zu Amulett: Der „Magische Gegenstand“, der als A. dient, wird erst durch das Umhängen oder Beisichtragen zum Amulett [3]. Das A., in der Volkskunst häufig, ist in der hohen Kunst verhältnismäßig selten.

Unzweifelhafte A. kommen auf den sogenannten Pestblättern des 15. Jh. vor, wo sie neben der Anrufung des Schutzheiligen als eine Art magischer Nachhilfe „für alle Fälle“ sichtbar werden (Abb. 1, [4]). Daß die Wirkung der Pestbilder in der Tat auf Religion und Magie zugleich beruhend gedacht ist, zeigt die Vorschrift ihrer Anwendung: man hat nicht nur die vorgeschriebenen Gebete zu sprechen, sondern seine Augen dabei auf die Darstellung mit dem magischen Zeichen zu richten, um sich und die Seinen für einen Tag vor der Pestilenz zu schützen. Das auf jedem dieser Blätter angebrachte apotropäische Zeichen ist das große griechische Tau, welches z. B. auch die Krücke am Pilgerstab des hl. Antonius bildet (vgl. Sp. 747). Wegen seiner Kreuzform wurde dieser Buchstabe als das Zeichen angesehen, mit dem nach Hesekiel 9, 4 und Apok. 7, 3 die Gerechten an der Stirn gesiegelt wurden, damit man sie am Tage des Gerichts erkennt. (Ähnlich auch Exod. 12, 7). Gregor von Tours berichtet über die Pest von 546, daß „plötzlich die Wände der Häuser und Kirchen bekreuzt waren, was man dem hl. Julian zu verdanken glaubte, den man deshalb den „Tau-Schreiber“ nannte. Die Gegend aber, wo das Tau geschrieben wurde, blieb verschont ...“ In Deutschland sind, neben den lokalen Helfern, St. Anna, St. Sebastian, St. Rochus (besonders in Frankreich und Italien) und St. Christophorus bekannt. Der Anblick des Riesen unter den Heiligen galt an und für sich in weiterem Sinne als apotropäisch:

„Christofori faciem, die quacumque tueris,
illa nempe die non morte mala morieris!“

Die Frage, ob die säulentragenden Löwenfiguren und namentlich die Löwenköpfe als Ringhalter an den Kirchenportalen apotropäisch gemeint waren, ist strittig. Sie wird von der Volkskunde im allgemeinen bejaht, von der Kunstgeschichte aber eher abgelehnt als zugegeben. Ob die den Ring haltenden Löwenköpfe der Aachener, Mainzer, Hildesheimer, Augsburger und anderer Kirchentüren apotropäisch gemeint waren, ist kaum mehr auszumachen (Abb. 2). Aber auch wenn man geneigt ist, ihnen magische Bedeutung abzusprechen, wird man ihnen eine andere, praktische Art des Schutzes zubilligen können. Es steht fest, daß ein Schutzsuchender in dem Augenblick das Asylrecht der Kirche genoß, wo er den Arm durch den Türring gesteckt hatte. Noch weiter gefaßt ist der Sinn der Löwenköpfe wohl der, daß sie nicht nur die Verfolger eines Schutzbedürftigen, sondern überhaupt Böswillige und Unwürdige vom Eintritt in das Heiligtum abschrecken oder ganz allgemein die Sünder stutzig machen und warnen sollten. – Sicherlich wäre der Löwe als schreckendes Tier in der christlichen Ikonographie weit mehr verbreitet, wenn er nicht in der Lehre eine zwiespältige Rolle hätte. Christus ist nämlich selbst in der Schrift so eindringlich als Löwe bezeichnet, daß man sich z. B. scheut, dem Teufel Löwengestalt zu geben, obwohl es 1. Petr. 5 unmißverständlich heißt: „inimicus enim noster diabolus ut leo rugiens ambulat, quaerens, quem devoret“.

Noch schwerer ist zu entscheiden, wieweit diese und andere Ungeheuer an und neben den Portalen der Dome sowie als Träger von Taufbecken, als Wasserspeier, an Sesseln usw., als apotropäisch zu gelten haben. Emile Male (II, S. 54 u. 58f.) verneint für die berühmten Chimären von Notre Dame jeden Symbolismus, ja „jeden Gedanken“ auf das entschiedenste. In Deutschland, wo neben Motiven aus dem Orient der Psalter und die Bestiarien als Vorbilder eine große Rolle gespielt haben, scheint weniger eine apotropäische Absicht als vielmehr die angeborene Lust am Fabulieren zu Darstellungen gereizt zu haben, wie an der Nordtür der Regensburger Schottenkirche (12. Jh., Richard Wiebel, Das Schottentor, 1927), oder am Tor des Pfarrhauses von Remagen. Der Gedanke des Schutzes ist noch lebendig in dem Spruche, der an der Marienkirche zu Neubrandenburg einen Eberkopf begleitet, wenn er auch den Schrecken nach Möglichkeit zu mildern freundlich bemüht ist:

„Iek heyte herman ram
ick bin tam
(zahm) zam (wie) ein lam. amen.“

Das Urbild des A., das Medusenhaupt, kommt, nicht mehr verstanden, als ein zweites Gesicht Athenens (statt der Gorgo ihrer Aegis) bisweilen in mittelalterlichen Hss. vor, so in dem Rhabanus Maurus-Cod. von Montecassino, im Kapitel de diis gentium (1028). Von der „heidnischen“ Göttin hat es der Teufel des Mittelalters geerbt, bei dem es schließlich als„Bauchgesicht“ die ursprunghaft apotropäische Bedeutung völlig ins Phantastisch-Komische und Abstruse verkehrt hat.

Die sicher magischen Zeichen wie Pentagramm, Drudenfuß, salus Pythagorae, Hakenkreuz u. a., zum Teil in positive Glücksbringer gewandelt, sind, so stark magisch geladen sie auch immer sein mögen, für die rein kunstgeschichtliche Ikonographie von untergeordneter Bedeutung. In der Regel sind sie völlig ins Dekorative gewendet wie etwa die hebräischen Zeichen am Rande des Topfes auf Grünewalds Weihnachtsbild (Rud. Günther, Die Bilder des Genter und des Isenheimer Altars, Leipzig 1924). Ebenfalls im kunstgeschichtlichen Sinne rein dekorativ zu verstehen sind die „Windmühlen“ und „Donnerbesen“ als Ziegelsteinmuster an niedersächsischen Häusern (z. B. in Braunschweig), die ursprünglich dazu bestimmt sind, das Gebäude gegen Blitz, Feuer und Hexen zu schützen.

Auch in das Bandgeschlinge altnordischer Schnitzkunst sind Gedanken der Abwehr hineinverwoben. Durch die Auffindung des Osebergschiffes im Fjord von Oslo sind die apotropäischen Begräbnisriten des 9. Jh. in helleres Licht gerückt worden. Ihr Niederschlag in der Kunst hat unser Wissen um die apotropäischen Geräte und Sinnbilder der Zeit aufs stärkste bereichert. Um die bösen Geister zu verscheuchen bediente man sich bei der Totenfeier der Königin Ase mehrerer Rasseln, deren Geräusch offenbar das Brüllen der mit ihnen verbundenen Tierköpfe bedeuten sollte. Die auf dem Schiffe gefundenen hölzernen Tierköpfe selbst sind also als apotropäisch zu werten, und die (Trotzenden animalisch-rankenhaften Bandverschlingungen ihrer überreichen Beschnitzung verstärken den Eindruck des zauberhaft-Geheimnisvollen. Auch die bärtigen Männerköpfe am Ende der Böcke des Wagenkastens sind Fratzen der Abwehr, und zauberhafte Zeichen (verschränkte Dreiecke und knotenartige Kreuze) tragen auch die Brettenden eines der auf dem Schiffe gefundenen Bettgestelle.

Zu den Abbildungen

1. Pestblatt mit St. Valentin und Tau-Zeichen, Holzschnitt, 15. Jh. Nach Heitz [4].

2. Aachen, Münster, kleine Westtür, Löwenkopf, Bronze, 9. Jh. Nach A. Goldschmidt, Die Bronzetüren des frühen Mittelalters, Marburg 1926.

Literatur

1. Pauly-Wissowa II, 1, 189f. 2. Handwörterbuch zur dt. Volkskunde I: Aberglaube, Bd. 1, Sp. 129ff.: Abwehrzauber. 3. Karl Beth, Religion und Magie, Leipzig 19272. 4. Paul Heitz, Pestblätter des 15. Jh., Straßburg 1901 (Einleitung von W. L. Schreiber). 5. Wolfgang Schultz, Altgermanische Kultur, München 1935. 6. Adolf Spamer, Die dt. Volkskunde II, Berlin und Leipzig 1935, S. 46.