Antoniter, Antoniusgilden

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englisch: Antonite; französisch: Antonite; italienisch: Antoniani, frati di S. Antonio.


Hans Wentzel (1935)

RDK I, 742–747


RDK I, 743, Abb. 1. Hans Sebald Beharn, 1526.
RDK I, 745, Abb. 2. Kleve, 15. Jh. (Anhänger später?).
RDK I, 745, Abb. 3. Kalkar, Anf. 16. Jh.

I. Namen

Die A. sind eine Ordensvereinigung regulierter Augustiner-Chorherren zur Krankenpflege in Spitälern (Spitalorden). – Die Benennung des Ordens schwankt; die ursprüngliche Bezeichnung Hospitaliter oder Hospitaliten vom Hl. Antonius wird später durch Antonierherren, Antoniusbrüder, Chorherren vom Hl. Antonius verdrängt; niederdt. Tönniesherren; franz. Hospitaliers de St. Antoine, Antonins; engl. Hospitalbrothers.

II. Geschichte der A.; Tracht

Die Gründung des Ordens geht vermutlich in das 11. Jh. zurück, als auf Grund von Mißernten und Hungersnöten besonders in Frankreich eine rotlaufartige Krankheit, das sog. Antoniusfeuer (vgl. Buchberger [9] 515 und Heimbucher [8] 412) ihre größte Ausbreitung erfuhr. Entstanden ist der A.-Orden in St. Didier-de-la-Mothe (Dauphiné), wo der Leichnam des Hl. Eremiten Antonius ruhte; es bleibt dabei unwesentlich, ob – wie die Literatur allgemein angibt – ein legendärer Ritter Gaston den Orden als zuerst ritterliche Genossenschaft von Krankenpflegern gegründet hat, die später die Augustinerregel erhielt oder ob man mit Uhlhorn [1] annimmt, daß es sich nur um eine Ausbreitung des Hospitals von St. Didier-de-la-Mothe auf Grund der Verehrung der dort ruhenden Gebeine des Heiligen handelt. 1218 übernahm der Orden freiwillig die drei Mönchsgelübde, 1297 erfolgte seine Bestätigung als Gemeinschaft regulierter Augustiner-Chorherren. – Die Ausbreitung der A., die seit rund 1200 lebhaft einsetzt, geht zunächst nach Westen, greift aber bald auch nach Deutschland über, wo Friedrich II. 1215 den A. das Patronat der Kirche in Memmingen schenkt. 1218 folgt Grünberg in Oberhessen, 1222 Tempzin in Mecklenburg. Von Tempzin aus wird der Orden weiter im Ostseegebiet verbreitet (Morkirchen in Schleswig-Holstein, Frauenberg in Ermland, Lennewarden in Livland). Als weitere wichtige Orte, an denen die A. Filialhäuser gründeten, nennen wir Rosdorf bei Hanau, Frankfurt a. M., Köln, Mainz, Oppenheim, Höchst, Brieg in Schlesien, Isenheim, Prettin in Sachsen.

Die Blütezeit des Ordens liegt im 14. Jh.; die höchste Zahl der zugehörenden Häuser wird mit 364 erreicht. Verschiedene Fehden und umfangreiche Landkäufe stürzten jedoch das Mutterkloster St. Didier-de-la-Mothe in Schulden, zu deren Deckung systematisch die Filialhäuser herangezogen wurden. Die A. wurden in der Folge zu einem reinen Bettelorden, der durch das Land zog, um die Geldsummen für das Mutterkloster einzutreiben. Ein eindringliches Beispiel bietet Tempzin, über dessen Geschichte wir besonders gut orientiert sind (Inv. Mecklenburg-Schwerin III, S. 397ff.). Eine neue Belebung erfuhr dann der A.-Orden durch die Gründung von Antonius-Confraternitäten oder Antoniusgilden. Diese Zweiggründungen verfolgten den Zweck, den herumziehenden A. Obdach zu gewähren und Gelder für die Präzeptoreien beizubringen; zum Teil verfolgten sie auch karitative Zwecke, indem sie an bestimmten Tagen Almosen verteilten. Die Antoniusgilden hatten ausgesprochen patriarchalischen Charakter, ihre Mitglieder waren vielfach angesehene Patrizier. (Vermutlich stellt Jan van Eycks Berliner Gemälde des Mannes mit der Nelke, der eine Kette mit Antoniuskreuz und -glöckchen trägt, den Angehörigen einer Antoniusgilde dar; vgl. auch das Doppelbildnis vom Meister des Amsterdamer Marientodes bei Friedländer X, Nr. 153). – Ein Beispiel der Satzungen von Antoniusgilden hat sich in den Statuten des Antoniterklosters Morkirchen aus dem J. 1510 erhalten [4].

Nach der Reformation breiteten sich die Gilden anscheinend besonders in den Rheinlanden aus, wo ihr ursprünglicher Sinn aber bald vergessen wurde; sie nahmen den Charakter von Bürger-Schützengilden an [10].

Die A. selber erlebten im 16. und 17. Jh. eine Reihe von Reformversuchen; der erste durchgreifende fand 1630 statt, doch nahmen von 33 deutschen Klöstern nur 4 teil. – 1777 wurden die A. mit den Maltesern vereinigt und 1803 mit diesen zusammen aufgelöst.

Die Ordenstracht bestand aus schwarzem Talar und Mantel mit blauem Antoniuskreuz auf der linken Brustseite (Abb. 1); nach den Reformen des 17. Jh. wurde sie vereinzelt der örtlichen Kanonikertracht angeglichen (vgl. die Stiche von P. Griffart bei Helyot [3] 18-19). – Die Attribute der A. sind Schwein und Glöckchen; sie hatten das Privileg, ihre durch ein Glöckchen kenntlich gemachten Schweine überall frei weiden zu lassen und ungehindert Almosen zu sammeln; um ihre Ankunft bemerkbar zu machen, trugen die A. an ihrem Kreuzstab ebenfalls Glöckchen.

III. Kunstgeschichtliche Bedeutung

Die Bedeutung der A. für die deutsche Kunstgeschichte ist, wenigstens auf architektonischem Gebiet, nicht sehr groß. Einen eigenen Kirchentyp haben sie nicht geschaffen; in der Regel schließen sie sich an die landesübliche Form der Bettelordenskirchen an, doch übernehmen sie gelegentlich auch andere (ältere) Kirchenbauten ohne wesentliche Veränderungen. Nur ausnahmsweise nimmt äußerer Skulpturenschmuck auf den Ordensheiligen Bezug (Antoniusstatue am Nordportal in Höchst; Portalrelief mit Antonius und Paulus in der Wüste vom Frankfurter A.-Kloster im dortigen Historischen Museum, vgl. Guido Schönberger, „Im Frankfurter Raum“ I, 1931, Heft 1). Dagegen fand sich im Innern der Kirchen anscheinend regelmäßig eine Statue (meist Sitzfigur) des Heiligen, oft von kolossalen Dimensionen (Tempzin, Höchst, Köln). Unter den dem Hl. Antonius gewidmeten Altären in A.-Klöstern finden sich so bedeutende Kunstwerke wie der Isenheimer Altar von Nikolaus v. Hagenau und Matthias Grünewald.

Die Antoniusgilden besaßen wie andere Bruderschaften häufig eigene Kapellen und Altäre in den zuständigen Pfarrkirchen (Lübeck, Burgkloster; Altar von B. Dreyer) oder wenigstens eine Statue des Patrons (Lübeck, Marienkirche; Burg auf Fehmarn). Der Komtur der Gilde, später der Schützenkönig, trug zu den Jahresfesten eine Ordenskette, an der als besonderes Kennzeichen ein„Antoniusschwein“ zu hängen pflegte; es ist an einer Kette des 15. Jh. in Kleve, deren einzelne Glieder mit dem Antoniuskreuz geschmückt sind, durch einen Löwen ersetzt (Abb. 2). Eine Kette des 16. Jh. in Emmerich [11, S. 87] endigt in einem Schild mit dem Relief des hl. Antonius und Odulphus; ähnlich eine Kette von 1580 in Kervenheim [11, S. 88] und in Kevelaer [11, S. 92]. Ein als Trinkgefäß dienendes silbernes „Antoniusschwein“, das nach Art der Zunft-Prunkbecher mit zahlreichen Gedenkmünzen behängt ist, besitzt die Antoniusbruderschaft in Kalkar (Abb. 3).

Über die Bedeutung des Antoniusschweins vgl. Hl. Antonius der Einsiedler.

Zu den Abbildungen

1. Hans Sebald Beham, Holzschnitt. Nach „Das Babstum mit seynen gliedern“, Nürnberg 1526.

2. Kleve, Kette des Schützenkönigs der Antoniusbruderschaft. Silber, 15. Jh. Anhänger später? Phot. Bildarchiv d. Rhein. Mus., Köln.

3. Kalkar, Silbernes Antoniusschwein der Antoniusbruderschaft. Anf. 16. Jh. Phot. Bildarchiv d. Rhein. Mus., Köln.

Literatur

1.G. Uhlhorn, Die christliche Liebestätigkeit im Mittelalter, Stuttgart 1884, Bd. II, 178ff. (Beste Zusammenfassung mit ausgezeichneten Literaturangaben.) 2. Aymarus Falco, Antonianae historiae compendium, Lugduni 1534. 3. Helyot, Histoire des ordres monastiques, religieux et militaires et des congrégations séculières de l’un et de l’autre sexe, qui ont esté etablies jusqu’à présent. Paris 1714, Bd. II, S. 188ff. 4. Statuta a diuinorum Rectoribus & Sacerdotibus in Angulia ac conuiuis fraternitatis Kalendarium corporis Christi in Moerkerken ordinata, ac ab Episcopo Slesuicensi Godschalco de Alevelde confirmata. E codice fraternitatis membranaceo. Dänische Bibliothec oder Sammlung von alten und neuen gelehrten Sachen aus Dänemark, 8. Stück. Copenhagen 1746, S. 189. 5. Christian Kuss, Das vormalige Kloster der Antonierherren zu Mohrkirchen in Angeln, Staatsbürgerliches Magazin, mit besonderer Rücksicht auf die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, Bd. 9, Schleswig 1829, S. 437. 6. Victor Advielle, Histoire de l’ordre hospitalier de St. Antoine de Viennois, Paris 1883. 7. Herzog-Hauck, Bd. I, S. 606. 8. Max Heimbucher, Die Orden und Congregationen der katholischen Kirche, Bd. II, Paderborn 1907–082. 9. Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche (2. Aufl. des Kirchlichen Handlexikons), Bd. I, Freiburg 1930. 10. Fritz Witte, Quellen zur rheinischen K.-Gesch., Bd. I, Berlin 1932, S. 15. 11. Wilhelm Ewald, Die Rheinischen Schützenbruderschaften bis zum 19. Jh. Zs. d. Rheinischen Vereins f. Denkmalpflege u. Heimatschutz, Jg. 26, 1933, H. 1.