Antichrist (Antenchrist, Entkrist, Endechrist, Widerchrist)

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englisch: Antichrist; französisch: Antichrist; italienisch: Anticristo.


Oswald Erich (1935)

RDK I, 720–729


RDK I, 721, Abb. 1. Apokalypse in Valenciennes, 9. (?) Jh.
RDK I, 721, Abb. 2. Bamberger Apokalypse, Reichenau, um 1000.
RDK I, 723, Abb. 3. Apokalypse in Cambrai, 9.-10. Jh.
RDK I, 725, Abb. 4. Hortus Deliciarum, E. 12. Jh.
RDK I, 725, Abb. 5. Liber floridus, 12. Jh.
RDK I, 725, Abb. 6. Deutsche Miniatur, um 1440-50. Berlin.
RDK I, 725, Abb. 7. Deutsche Miniatur, um 1440-50. Berlin.

Die Figur des A. wird in der Hl. Schrift an 3 Stellen der Johannisbriefe erwähnt: I, 2, 18, 22; II, 7. Sie schildern den A. als Lügner und Verführer und erblicken in ihm das Zeichen dafür, daß die „letzte Stunde“ gekommen ist. Die künstlerische Darstellung kann sich auf diese unbildhaften Angaben allein nicht stützen. Sie entlehnt Leben und Farbe der Gestalt aus der Apokalypse. Zwar wird in der Offenbarung Johannis der A. nicht mit Namen genannt, aber die Weltuntergangsstimmung des Buches wurde mit Recht als passend empfunden zu dem Auftreten des großen Verführers, der am Ende der Dinge („Endchrist“) erscheinen soll. Besonders scheint der „falsche Prophet“ und die „alte Schlange“ manchen Zug für die Darstellung des A. abgegeben zu haben, und die Bilder Satans, der am jüngsten Tage in den „feurigen Pfuhl“ geworfen wird, dürfen im engeren Sinne als Bilder des A. gelten.

Der Sturz des apokalyptischen Satans wird nicht eben häufig dargestellt. Die für die abendländische Bibelillustration so wichtige spanische Buchmalerei bringt den Vorgang im Pariser Beatus-Kommentar zur Apokalypse, Bibl. Nat. lat. 8878, fol. 145 v. (11. Jh.). In Deutschland folgt der „liber scivias“ der hl. Hildegard aus Rupertsberg bei Bingen (um 1200, in Heidelberg). Ohne Zugehörigkeit zum Text, rein ikonographisch betrachtet, ist die so dargestellte Szene in nichts von den Bildern zu unterscheiden, die Luzifers Fall zu Beginn der Schöpfung bringen. Dagegen kommt es für die Schriftstelle Apok. 20, 14 zu einer Art von Schema, an dessen Ikonographie noch andere Angaben der Apokalypse mitwirken. Die Beatus-Handschriften aus Spanien um 900, Paris, Bibl. Nat. lat. 1132, und Valenciennes, Bibl. mun. Ms. 99 (Abb. 1) zeigen Satanas mit dem Drachen (Schlange) zusammengebunden, dazu die Beischrift: „haec mors secunda est, hic est stagnus ignis et sulphur, ubi demissus est diabolus et infernus“. Dasselbe bringt dann im 1. V. 11. Jh. die Bamberger Apokalypse (Abb. 2). Die kastilianische Beatus-Apokalypse-Handschrift aus St. Andrea d’Arroyo (um 1200) bindet den zottelhaarigen Teufel mit dem falschen Propheten, letzteren in Menschengestalt, zusammen. An keiner Stelle der Offenbarung Johannis aber ist von einem Zusammenbinden die Rede, so daß man wohl an eine ikonographische Überlieferung denken darf. Auch in den Apokalypse-Handschriften der Familie des Cod. Trier, Stadtbibl. 31 („Trierer Apok.“), wie Cod. Cambrai 366 u. a., ist unter dem in die Hölle „abgeschobenen“ Teufel (Abb. 3) der A. zu verstehen. Sein Aussehen – Hirsch- oder Ziegenkopf, langes Gewand und Menschenfüße –, in einer Zeit (9.–10. Jh.), wo der Gehörnte sonst noch unbekannt ist, scheint deswegen bemerkenswert, weil es für eine Lokalisierung dieser noch umstrittenen Handschriften [1, S. 132f.] auf das südwestliche, ehemals alemannische Deutschland spricht [3, S. 65f.].

Verdankte schon der falsche Prophet dem Gegensatz zur Betonung der Prophetenerscheinung des Herrn seine Heranziehung für die Figur des A., so sind, bei der Vorliebe der christlichen Kunst für Antithesen, noch weitere Gegenüberstellungen rein symmetrischer Art für den A. festzustellen. So hält im Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (Elsaß, 12. Jh.) Satan den A. – so durch Beischrift bezeichnet – auf dem Schoße (Abb. 4). Zwar gebührte dieser Ehrenplatz eigentlich dem reichen Mann als dem Gegen spieler zu Lazarus in Abrahams Schoß, doch scheint das steigende Interesse für die Apokalypse schon früh dem A. die Rolle des „Lieblingssünders“ gegönnt zu haben. Als Vorstufen bzw. Parallelen für die Darstellung im Hortus sind ähnliche Bilder in syrischen Handschriften (Paris, Bibl. Nat., Ms. grec 74; Berlin, Kupferst.-Kab., Hamilton-Psalter) sowie die Mosaiken von Torcello anzusehen. Daß bei dieser Figur ursprünglich zugleich an ein bewußtes Gegenstück zu Christus selbst gedacht ist, beweist das lange Gewand und die segnende Gebärde des höllischen Schoßkinds (Torcello). Im Hortus ist er allerdings ein kleines Scheusal, würdig seines Beschützers mit dem teuflischen Zackenhaar (s. a. Teufel). Dagegen stellt der Liber floridus in Gent (Univ.-Bibl., Ms. 92, 12. Jh., Abb. 5), den A. ohne alle teuflischen Attribute, durchaus in Haltung und Gebärde des thronenden Christus dar. Nur die Beischriften und der Leviathan lassen erkennen, daß es sich um den A. handelt.

Eine Parallelisierung zwischen dem Herrn und dem A. hatte schon im 3. Jh. Hippolyt (Bonwetsch, Texte u. Untersuchungen, herausg. v. Gebhardt u. Harnack, Leipzig 1897f.) vorgenommen. Auf ihn stützt sich im wesentlichen die wichtigste Schrift für die mittelalterliche Gestalt des A., die um M. 10. Jh. verfaßte „Epistola ad Gerbergam reginam de ortu et tempore Antechristi“ von Adso, Abt von Moutier-en-Der (Karl Reuschel, Dt. Weltgerichtsspiele des MA. Teutonia, Bd. 4, IV, 1906.) Hier wurzeln die Vorstellungen der Scholastik über den A., sowie die Dramatisierungen des hohen und späteren Mittelalters, wie der Ludus de Antechristo aus Tegernsee, um 1160 (W. Meyer, Der ludus de A., 1852), oder die Entkrist Vasnacht (A. v. Keller, Fastnachtsspiele aus dem 15. Jh., Stuttgart 1853, Nr. 68). Bei dem starken Einfluß derartiger Vorführungen auf die Phantasie der bildenden Künstler mögen sie auch an der ikonographischen Gestaltung des A. nicht unwesentlich beteiligt sein.

Eine süddeutsche Handschrift des 15. Jh. (Berlin, Staatsbibl., Ms. germ. fol. 733, [5]) spinnt die Geschichte des A. in volkstümlicher Weise aus. In dem mit Bildern reich ausgestatteten Manuskript sieht man (fol. 1–4v) Juden, Amazonen, Lybier, Mohren und sogar Fabelwesen zum A. ziehen und ihm huldigen. Die folgenden Blätter (fol. 4v–5) stellen den nimbustragenden A. in seiner Machtvollkommenheit und Wundertätigkeit dar. Er verteilt Gold an die Gläubigen, zeichnet den König von Ägypten an der Stirn, erweckt die Eltern des Lybierfürsten vom Tode und läßt eine Säule reden, in die er vorher betrügerischerweise einen Teufel versteckt hat. Es folgen Marter und Flucht der „Ungläubigen“, Elias und Henoch werden umgebracht, und der Illuminator läßt sich den „Freudentanz der Mörder“ nicht entgehen. Um seine Täuschung zu vollenden, versucht der A. schließlich eine Himmelfahrt (Abb. 6), indem er sich von kleinen vogelartigen Dämonen in die Lüfte tragen läßt. Als er jedoch kläglich abstürzt, wenden sich seine Helfershelfer gegen ihn und zerren ihn hinab (Abb. 7) bis in den Höllenrachen, der ihn verschlingt. Jüngster Tag und Letztes Gericht (fol. 11–13) beschließen die Folge der (unschraffierten) kolorierten Federzeichnungen. Die Tracht der ziemlich unlebendigen Figuren erlaubte es, das Manuskript genauer auf 1440-50 zu datieren und nach Bayern zu lokalisieren. Die Handschrift erwähnt in ihrem Text mehrfach: „diß stet in Apokalypsi“ oder „diß stet in compendio Theoloye“. Aus dem gleichen gelehrten Kommentar schöpfen die etwas späteren Blockbücher (vgl. Apokalypse). Das älteste, aus Schwaben oder Franken stammend, wird von W. L. Schreiber (Manuel, IV, S. 217ff.) auf ca. 1460 datiert, die beiden anderen auf 1470–80. Das letztere, am vollständigsten erhaltene, kam aus dem Kloster Tegernsee in die Münchner Staatsbibl. (Xyl. 2) und ist von Hans Spoerer geschnitten [6]. Es schildert die Geschichte des „Entkrist“ noch umfassender als das Berliner Ms. germ. fol. 733, dem es inhaltlich in seinen mittleren Teilen gleicht. Schreiber führt als weitere Quellen dieser Gruppe die Dichtung der Nonne Ava († 1127) aus dem Kloster Göttweih in Österreich an. An erhaltenen Einzelblättern von dem Sturze des A. erwähnt W. L. Schreiber (Hdb. d. Holz- u. Metallschnitte, I) 4 verschiedene Kompositionen (Nr. 597 o, 597 x, 699, 699 a).

Auf einem Holzschnitt der Schedelschen Chronik aus der Wolgemut-Werkstatt (1493 bei Coburger in Nürnberg), dessen Entwurf Franz Nadler (M. Wolgemut ..., St. z. d. Kg. 161, Straßbg. 1913, Taf. 14) dem Pleydenwurff zuschreibt, wird dem A. bei seiner Himmelfahrt der Eintritt in das Paradies von einem Engel verwehrt. Phantastische Teufelsgestalten umgeben den A., wobei nicht hinreichend deutlich wird, ob sie ihn tragen und sich gegen den Engel richten, oder ob sie auf ihn selbst losschlagen und ihn herabzerren. Nach Analogie des Berliner Ms. germ. fol. 733 ist letzteres wahrscheinlich.

Zur Reformationszeit erschien den Protestanten der A. als brauchbares Bild für den Papst, dessen Gegenbild sie in der Leidensgestalt des erniedrigten Heilands sahen. Auf Luthers Veranlassung entwarf Lukas Cranach (um 1520) eine Folge von Holzschnitten, die er „Passional Christi und Antichristi“ nannte. Über ihrer Tendenz büßten die Blätter an Qualität ein, fanden aber Luthers vollen Beifall, der es „ein auch für Laien gutes Buch“ nannte. Die Schedelsche Chronik endlich bringt einen Holzschnitt (Nürnberg 1493), auf dem Papst Pius II. zusammen mit Kaiser Karl IV. auf dem Schiff fährt, das die Kirche bedeutet. Ein älteres Blatt (Deutsches Leben der Vergangenheit, Jena, Diederichs 1908, Abb. 362), das als Vorbild diente, zeigte einen anderen Kaiser, der sich ebenfalls in Rom hatte krönen lassen: Friedrich III. Noch weiter zurückgehende Vergleiche hatten in Nero und anderen berühmten Bösewichtern den A. erkennen wollen.

Zu den Abbildungen

1. Valenciennes, Bibl. mun. Ms. 99, fol. 36: Apokalypse, 9. (?) Jh. Nach A. Boinet, La miniature carolingienne pl. 159.

2. Bamberg, Staatsbibl. A II 42, fol. 49: Apokalypse, Reichenau um 1000. Nach Heinr. Wölfflin, Die Bamberger Apokalypse, München 1918, Taf. 46.

3. Cambrai, Bibl. mun. Ms. 366, Apoc. fol. 38, Apokalypse, 9. bis 10. Jh. Phot. Prof. W. Neuß, Bonn.

4. Hortus Deliciarum, ehem. Straßburg. Stadtbibl., Elsaß, E. 12. Jh. Nach J. Straub und Keller, Herrad de Landsberg, Hortus Deliciarum, Straßburg 1879–99.

5. Gent, Univ.-Bibl. Ms. 92: Liber floridus, 12. Jh. Der Antichrist. Phot. Geh. Rat P. Clemen, Bonn.

6. u. 7. Berlin, Staatsbibl., Ms. germ. fol. 733: Der Antichrist, Bayern ca. 1440–50, Bl. 9 v: Himmelfahrt und Sturz des Antichrist. Phot. Bibl.

Literatur

1. Wilh. Neuß, Die katalan. Bibel-Illustr., Bonn u. Leipzig 1922, S. 132ff. 2. Ders., Die Apokalypse d. hl. Johannes in d. altspan. u. altchristl. Bibel-Illustr., Münster 1931. 3. Oswald Erich, Die Darstellung d. Teufels in d. christl. K., Berlin 1931. 4. R. G. G., Artikel A. 5. Beschreib. Verzeichnisse der Miniaturen-Hss. der Pr. Staatsbibl. zu Berlin V, bearb. v. Hans Wegener, Leipzig 1928, S. 59ff. 6. Das Buch v. d. Entkrist, Faksimile-Druck nach d. Orig. in d. Bayer. Staatsbibl., München (Xyl. 1), hrsg. von Kurt Pfister, Leipzig 1925.