Annus

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englisch: Annus; französisch: Année; italienisch: Anno.


Olga Koseleff (1935)

RDK I, 713–716


RDK I, 715, Chronicon Zwifaltense, 1162. Stuttgart.

Annus (das Jahr) wird im Abendland seit der Spätantike durch den Tierkreis, die Monatsbilder und die Jahreszeiten symbolisiert. Diese Tradition wird besonders lebhaft im 9. Jh. in Handschriften des Ostens und Westens wieder aufgenommen, führt dann weiter zu den monumentalen plastischen und musivische Monats- und Tierkreiszyklen der Kirchen des 11.–13. Jh. und gipfelt schließlich in den Monatsbildern der Stundenbücher des 14. und 15. Jh. Mit dem beginnenden Mittelalter tritt A. verschiedentlich als Einzelfigur im Rahmen von Monaten, Tierkreis, Jahreszeiten, Tageszeiten, Elementen, Winden u. a. m. auf. Die ersten bekannten Darstellungen des A. sind die der Handschriften in Göttingen und Berlin um 975 n. Chr. [1 u. 2]. Der antikisierende Stil verrät, daß der Fuldaer Schreiber sich eng an eine Vorlage gehalten hat; es ist somit wahrscheinlich, daß die A.-Figur schon früher, vielleicht schon in der Antike, bekannt war. Im Mittelalter findet sich A. meist in deutschen und italienischen Handschriften (Abb.), [1-3, 8, 11], auf italienischen Mosaiken [6, 9, 10] und auf Stickereien [4 u. 5]. Die plastischen Portalzyklen, die besonders in Frankreich und Italien verbreitet sind, haben die Figur des A. nicht in den Rahmen der Monats- und Tierkreisbilder aufgenommen. Die einzige plastische Darstellung ist wohl die von St. Lazare in Autun [7]. Mit dem 14. Jh. scheint sich die A.-Figur ganz zu verlieren.

A. thront meist frontal im Mittelpunkt kosmologischer Zentralkompositionen. Stehend als ¾ Figur zeigen ihn der Teppich von Gerona [4], als Ganzfigur die Psalterien des 11. und des 13. Jh. [3 u. 11]. Häufig ist A. ein Greis mit langem, spitzem Bart und in der Mitte gescheiteltem Haar. In der Regel ist er reich mit Tunika und Mantel bekleidet und erhebt in beiden Händen Sol und Luna (auf der Stickerei in Köln [5] sind es Dies und Nox). Auf dem Paveser Mosaik [6] ist A. ein jugendlicher König mit Krone, Szepter und Reichsapfel. Im Göttinger Kodex [1] ist A. besonders charakterisiert durch 7 Strahlen auf dem Kopf und 4 ihn begleitende Räder – die Räder der Zeit. Im Chronicon Zwifaltense (Abb.) ist aus der Tunika ein enganliegender Pelz geworden, wahrscheinlich in Anlehnung an Monatsfiguren, deren Bekleidung Rücksicht auf das Klima der Jahreszeiten nimmt. Bemerkenswert ist der A. des Liber Scivias [8], dessen Zeittafel auf das Chronicon Zwifaltense zurückgeht: hier sind Lux und Tenebrae zu knienden Gestalten zu seiten von A. geworden. In Autun [7] ist A. dagegen nur ein nacktes, hockendes Männchen. Einzigartig ist A. im Psalter Plut. XXV, Cod. 3, der Laurentiana [11]; vom ursprünglichen A.-Typus ist nur wenig geblieben; A. erinnert hier eher an ein Mikrokosmosmännchen.

Zur Abbildung

Stuttgart, Landesbibliothek, Chronicon Zwifaltense minus, zw. 1162 und 1169. Phot. Bibl.

Literatur

I. Zusammenstellung wichtiger A.-Darstellungen: 1. Göttingen, Univ.-Bibl., Cod. Theol. Fol. 231, um 975 (E. H. Zimmermann, Die Fuldaer Buchmalerei in karolingischer u. ottonischer Zeit, Wien 1910, Taf. III a). 2. Berlin, Staatsbibl., Ms. Theol. Lat. Fol. 192, um 975 (Zimmermann, a. a. O., Taf. III b). 3. Florenz, Bibl. Laur., Psalterium Plut. XVII, Cod. 3, 11. Jh. (Paolo d’Ancona, La miniatura fiorentina, 2 Bde., Florenz 1915, Vol. I, S. 5, Taf. 2 a; Vol. II, S. 5). 4. Gerona (Spanien), Teppich, um 1100 (Puig y Cadafalch, L’Arquitectura rom. a Catalunya, II, Fig. 505). 5. Köln, St. Kunibert, Stickerei, um 1100; (Inv. Rheinprov. VI, 4, S. 303). 6. Pavia, S. Michele, Mosaik, um 1100 (Paul Brandt, Schaffende Arbeit u. bildende K., I, Leipzig 1927, Abb. 201). 7. Autun, St. Lazare, Archivolte der inneren Vorhalle, 1120–1130; (Victor Terret, La sculpture bourguignonne aux XIIe et XIIIe siècles, I, Autun 1925, Taf. XLII). 8. Heidelberg, Univ.-Bibl., Liber Scivias, Sal. X. 16., 12. bis 13. Jh.; (A. v. Oechelhäuser, Die Miniaturen der Univ.-Bibl. zu Heidelberg, Heidelberg 1887, Taf. 12). 9. Aosta, Mosaik, 12. Jh. (Brandt, a. a. O., Abb. 203). 10. Piacenza, S. Savino, Mosaik, 13. Jh. (A. Venturi, Storia dell’Arte italiana, III, Mailand 1904, Abb. 402). 11. Florenz. Bibl. Laur., Psalterium Plut. XXV, Cod.3, v. J. 1293 (Paolo d’Ancona, L’Uomo e le sue opere, Florenz 1924, S. 93, Anm. 1, Taf. XXXIX).

II. Allgemeines: 12. Jos. Sauer, Symbolik d. Kirchengebäudes, Freiburg i. Br. 19242, passim. 13. Wilh. Molsdorf, Christl. Symbolik, Leipzig 19262, § 1113.