Anker (B. In der Architektur)

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englisch: anchor tie beam; französisch: Ancre (de construction); italienisch: tirante di ancoraggio, tirante, catena da muro.


Otto Gruber, Aachen (1935)

RDK I, 708–713


RDK I, 709, Abb. 1. Zug-A.
RDK I, 709, Abb. 2. Zug-A.
RDK I, 711, Abb. 3. Zug-A.
RDK I, 711, Abb. 4. Ring-A.
RDK I, 711, Abb. 5. Wohnhaus in Köln.
RDK I, 713, Abb. 6. Zug-A.
RDK I, 713, Abb. 7. Stralsund, Jakobikirche.

Der A. (Ankerbalken, Zugbalken, Ringanker, Maueranker) ist ein Konstruktionsteil, der dazu dient, Zugspannungen, die durch Schubwirkung irgendwelcher Art entstehen, aufzunehmen oder eine Konstruktion zugsicher mit einer anderen zu verbinden (vgl. Abschn. 4). Er besteht deshalb aus einem Material, das auf Zug beansprucht werden kann, also in der Regel aus Holz oder Eisen. In ganz seltenen Fällen ist auch der für Zugbeanspruchung sehr ungeeignete Stein verwendet. A. werden verwendet, wo es sich darum handelt:

1. Den Schub der Gespärre eines offenen Dachwerkes auf die Außenwände aufzunehmen. a) Diese Konstruktion (Abb. 1) findet sich bei zahlreichen mittelalterlichen und nachmittelalterlichen Fachwerkbauten des Bauern- und Bürgerhauses in West- und Nordwestdeutschland und darüber hinaus bis an die Küsten des Ärmelkanals. Die aus dem Sparrenpaar ss und dem Kehlbalken k (Abb. 1 a–c) gebildeten Gespärre würden durch ihre Schubwirkung die Außenwände auseinanderwerfen. Der A.-Balken r, der durch die Stiele der Außenwände durchgesteckt und verkeilt ist, nimmt den Schub auf, ist also auf Zug beansprucht. b) Dieses konstruktive System wird in den mittelalterlichen Kirchenbau der germanischen Länder übernommen. Der Schub der Gespärre des Dachwerks auf die Hochschiffwände wird durch A.-Balken aufgenommen, die senkrecht zu den Längswänden den Raum überspannend den Mauerlatten aufgekämmt und im Abstand von 4–6 m voneinander verlegt sind. Die Konstruktion findet sich auch in den Dormenten der Klöster und im Profanbau, z. B. den Rathaussälen zu Nürnberg und Mühlhausen in Th. In seltenen Fällen [1] liegen die A.-Balken unter den Mauerlatten [3]. Abb. 2 a und b Dachwerk der Kirche St. Jean zu Châlons-s.-M., 14. Jh. (a Bindergespärre mit A.-Balken, b Leergespärre) [3]. Die Konstruktion ist offen bis unter die Sparren; Abb. 2 c Dachwerk des Münsters zu Reichenau-Mittelzell, wahrscheinlich 12. Jh.; Balkenstümpfe, die etwa 1 m unter der Traufhöhe im Mauerwerk der Hochschiffwände stecken, machen es wahrscheinlich, daß die notwendige Balkenverankerung der Hochschiffwände unter dem Dachfuß an dieser Stelle lag; Abb. 2 d Dachstuhl der Kirche des Wiperti-Klosters zu Quedlinburg (über der Wiperti-Krypta), Ende des 13. Jh. Der Dachstuhl war als Holztonne verschalt. Abb. 2 e typische Bildung des Dachfußes mit A.-Balken beim offenen Dachwerk.

Eine sehr ähnliche Konstruktion vielleicht lombardischen Ursprungs in den großen Bürgersälen von Vicenza und Padua, nur ist dort der hölzerne A.-Balken durch einen Eisen-A. ersetzt [4].

2. Zug-A. werden verwendet als Sicherungskonstruktionen gegen die Schubwirkung gemauerter Bögen oder Gewölbe. Sie finden sich a) bei bogenüberwölbten Freistützen (Pfeilern oder Säulen), die an sich nicht imstande sind, den Schub aufzunehmen. Beispiel: die vielen Vorhallen oder Loggien an kirchlichen und profanen Gebäuden nördlich und südlich der Alpen (Abb. 3). Zug-A. dieser Art sind in großem Maßstabe verwendet bei den Bauten des Barock und Empire zur Sicherung der als scheitrechte Quaderbogen gebildeten Architrave über den Säulenvorhallen; diese scheitrechten Bogen, für die über den freien Ecksäulen die nötigen Widerlager fehlen, sind ohne die eisernen, im Mauerwerk sorgfältig verdeckten A. nicht zu konstruieren. Beispiele sind die Kolonnaden des Louvre und die Vorhalle von St. Sulpice in Paris [5]. b) Im Gewölbebau werden eiserne oder hölzerne Zug-A. als Sicherung der Stützen sowohl gegen den Gewölbeschub wie gegen ein Ausweichen der Stützen infolge schlechten Baugrundes verwendet. Viele mittelalterliche Kirchen, namentlich im Gebiete des Backsteinbaues nördlich und südlich der Alpen, haben solche A. entweder ursprünglich oder als spätere Zutat erhalten. Beispiele: Danzig, Rostock, Stralsund, Wismar und viele andere; vgl. Abb. 6 a u. b, 7.

3. In besonderer Form treten A.-Konstruktionen in den Kuppelbauten auf. Die bei Kuppel- und achteckigen Klostergewölben entstehenden Ringspannungen werden (byzantinische Vorbilder!), soweit die Mauerkonstruktion mit ihren Verstrebungen selbst nicht genügt, durch Ring - A. aus Holz oder Eisen aufgenommen.

Vorbilder für die Kuppelbauten der Renaissance und des Barock sind die Kuppeln des Domes zu Florenz und der Peterskirche zu Rom. So liegt um den Fuß der Florentiner Domkuppel ein Ring von Kastanienholzbalken (35/30 cm stark), die an den Stößen durch Eichenholzlaschen verbunden sind [6]. Abb. 4 a Schnitt, 4 b Eckverbindung. In Deutschland zeigen von der Kuppel des karolingischen Zentralbaues zu Aachen [7] bis zu den Konstruktionen Balthasar Neumanns viele Beispiele eine ähnliche Anordnung der Ringe.

4. A.-Konstruktionen werden ferner angewandt, wo es sich in der mittelalterlichen Baukunst darum handelt, hohe und schlanke Außenpfeiler polygonal geschlossener oder zentral angelegter Räume (Chöre und Türme) gegen den Gewölbeschub und gegen den Angriff horizontaler Windkräfte zu sichern. So waren die Pfeiler des gotischen Chores im Aachener Münster durch 5 horizontale eiserne Ring-A., die in den Ebenen der Fensterverglasungen lagen und durch die Pfeiler hindurchgriffen, zusammengehalten. Die Entfernung dieser A. bei einer Renovierung des Chores im 19. Jh. hatte den Baubestand so gefährdet, daß eine neue Verankerung und deren Anschluß an den karolingischen Zentralbau notwendig wurden [7]. Der Turm des Freiburger Münsters weist im Oktogon unter der Pyramide ebenfalls Ring-A. auf, die in den Öffnungen der Achteckseiten sichtbar sind. Die A. dienen zur Sicherung der schlanken hohen Pfeiler gegen den Schub der Pyramide und gegen den bei der Höhe des Turmes sehr beträchtlichen Winddruck. Ähnlich wahrscheinlich am Turm des Straßburger Münsters. Es ist anzunehmen, daß diese Ring-A.-Konstruktionen bei stark durchbrochenen und hohen mittelalterlichen Bauwerken häufig verwandt wurden. Sie sind von der Bauforschung meist übersehen und wenig bekannt; eine zusammenhängende Arbeit über diese Konstruktionen fehlt. Nur dort, wo Renovierungsarbeiten zu ihrer Entdeckung führten, sind sie bekannt geworden [8]. Auch wo man auf zusammenhängende eiserne Ring-A. verzichtete, sind häufig einzelne Quaderschichten durch hakenförmige eiserne Verklammerungen möglichst zugfest miteinander verbunden.

5. Eiserne A. finden sich schließlich als Verbindung einer Balkenlage mit den gemauerten Außenwänden. Sie sind selten in den Gegenden, in denen die Decke aus „ganzen Hölzern“ üblich ist, dagegen sind solche Verankerungen die Regel in den Gebieten der Decken aus „halben Hölzern“, also im Gebiete des Niederrheins, der Eifel und Westdeutschlands, Belgiens, Hollands, Nordfrankreichs und Südenglands. Meist sind die aus den A.-Balken des ursprünglichen Holzhauses (s. 1 a) entwickelten Unterzüge offenbar in Erinnerung an die urtümliche Konstruktion durch eiserne A. zugfest mit der Außenwand verbunden. Die A.-Eisen greifen durch die Mauern durch und erhalten als Sicherung einen Splint (Abb. 5 unten), der als Jahreszahl oder in freier ornamentaler Form gebildet ist. Später wurden die durch zahlreiche Fenster durchbrochenen Fassadenwände der schmalen und hohen Wohnhäuser durch A. mit der Balkenlage zusammengehängt. Zahlreiche Beispiele in den Städten Westdeutschlands, Hollands und Belgiens. Abb. 5 Haus aus Köln [9].

Zu den Abbildungen

1. Zug-A.

2. a) u. b) Zug-A. im Dachwerk der Kirche St.-Jean, Châlons-s.-M., 14. Jh.; c) desgl. im Dachwerk des Münsters von Reichenau-Mittelzell, 12. Jh.; d) desgl. im Dachstuhl der Kirche des Wipertiklosters, Quedlinburg, E. 13. Jh.

3. Zug-A.

4. Ring-A. Florenz, Domkuppel, nach Durm [6].

5. Wohnhaus in Köln, 1615, nach Vogts [9].

6. Zug-A. in einer gotischen Basilika.

7. Stralsund, Jakobikirche. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

Literatur

1. Fr. Ostendorf, Geschichte des Dachwerks, Leipzig-Berlin 1908, S. 2ff., S. 134ff. 2. O. Gruber, Deutsche Bauern- und Acker-Bürgerhäuser, Karlsruhe 1926, S. 68ff. 3. Eug. Viollet-le-Duc, Dictionnaire raisonné de l’architecture française, Paris 1867–69, Bd. III, Charpente S. 26, Bd. II, Chaînage, Abb. 19. 4. O. Mothes, Die Bauk. des Mittelalters in Italien, Jena 1884, S. 428/29. 5. Rondelet, Traité de l’art de bâtir, Tl. III, S. 94ff., Pl. XXVIII und XXIX. 6. Josef Durm, Die Domkuppel in Florenz und die Kuppel der Peterskirche in Rom, Berlin 1887. 7. Josef Buchkremer, Aachener Münster- und Denkmalpflege, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz, Jahrg. 1931, S. 101ff. und S. 109ff. 8. Josef Buchkremer und O. Schulz, Ringverankerungen an gotischen Bauwerken, Wasmuths Monatshefte für Bauk., Jahrg. 1929, S. 435/36. 9. Hans Vogts, Das Bürgerhaus der Rheinprovinz, Düsseldorf 1929, Abb. 174.