Ambo

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englisch: Ambo, pulpit; französisch: Ambon; italienisch: Ambone.


Leonie Reygers (1934)

RDK I, 627–635


RDK I, 629, Abb. 1. Ambo und Osterleuchter.
RDK I, 631, Abb. 2. Ravenna, Dom.
RDK I, 631, Abb. 3. Zürich, Schweizer. Landes-Museum.
RDK I, 633, Abb. 4. Aachen, Münster.
RDK I, 633, Abb. 5. Magdeburg, Dom, 12 Jh.
RDK I, 827, Bücken (Hannover), Stiftskirche.

Ambo (griech. ἄμβων, im Gebrauch vielfach durcheinandergehend mit den Bezeichnungen für Lesepult, Lettner, Presbyterium und erhöhte Sitze überhaupt: analogium, auditorium, bema, dicterium, gradus, lectorium, pluteus, pulpitum, pyrgus, suggestus, tribunal, tribuna usw.) nennt man in der frühchristlichen und mittelalterlichen Kirche die erhöhte, von einer Brüstung umgebene und durch einen Stufenaufgang erreichbare Plattform zum Verlesen der Epistel und des Evangeliums, zum Vorsingen liturgischer Texte und zum Predigen. Er bleibt bis in das 13. Jh. hinein gebräuchlich und bildet eine wesentliche Voraussetzung der Kanzel, der Chorschranken und des Lettners.

Der A. ruhte entweder auf einem massiven Unterbau oder auf einer offenen Säulenstellung; zuweilen war er von einer säulengetragenen Kuppel überdeckt. Seine Schauseite zeigte häufig einen halbrunden oder polygonalen Ausbau, der ein kleines Pult zum Auflegen der Bücher trug. Der A. hatte entweder einen Aufgang, in der Regel von Osten, oder symmetrische Treppen von zwei Seiten (vgl. hierzu die Angabe des Liber Pontificalis über den A., den Konstantin der Gr. in S. Lorenzo fuori le mura errichten ließ [1]. Das Material der A. bestand im Süden meist aus Stein, vor allem Marmor, und Stuck mit Skulpturen oder Kosmatendekor, nördlich der Alpen mehr aus Holz, das mit Tüchern oder getriebenen Metallplatten verkleidet und mit Edelsteinen, Elfenbein und Mosaiken geschmückt war. In den meisten Fällen besaßen die Kirchen nur einen A., der, freistehend, seinen Platz auf der Grenze von Chor und Langhaus innehatte; in den größeren Bauten aber war er der leichteren Verständlichkeit wegen in der Mittelachse der Kirche vom Chor aus ein Stück in das Langhaus vorgeschoben (H.Sophia in Konstantinopel). Bei Anlage zweier einander gegenüberliegender A., von denen der auf der rechten (bei geosteten Kirchen also auf der südlichen) Seite für die Epistel-, der oft prächtigere der linken Seite für die Evangelienlesung diente, waren sie den seitlichen Schranken (cancelli) der schola cantorum, des Chores, verbunden (S. Clemente und S. Maria in Cosmedin in Rom). Im späteren Mittelalter wurden die A. auch dem Lettner eingebaut (Lettnerkanzel, s.Lettner; vgl. Sp. 411, Abb. 1).

Eine dem A. verwandte Einrichtung war schon in der jüdischen Synagoge bekannt (vgl. Almemor, Sp. 384ff.); dem heidnischen Kultus blieb sie fremd; von griechischen und römischen Rednern hingegen wurde sie in primitiver Form, als einfaches Podium, häufig benutzt, um sich sichtbar und weithin vernehmbar zu machen [3]. Im Urchristentum ist schon für die ersten Jahrhunderte das Amt besonderer Lektoren überliefert, für die immer ein gesonderter, wenn möglich erhöhter Platz anzunehmen ist [1, 3 und 4]. Aus vorkonstantinischer Zeit kann aber weder die Bezeichnung ambo für eine Rednerbühne, noch eine direkt als A. anzusprechende Einrichtung nachgewiesen werden. Erst seit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im 4. Jh. tritt der A. in fast allen Kirchen als monumentales Inventarstück auf. Von jetzt an werden nicht nur die liturgischen Lesungen der Lektoren, sondern auch die Predigt des Bischofs (schon Chrysostomus und Augustin, Ende 4. Jh.) vom A. statt von den Chorstufen oder der Kathedra aus bezeugt [1, 4]. Der Stufenaufgang des A. hatte für die verschiedenen Lesungen auch verschiedene Absätze; auf dem obersten fand neben der Evangelienlesung auch die Predigt des Bischofs statt [1]. Durch das Konzil von Laodicaea 371 wurde nur den liturgischen Vorsängern (nicht dem Chore) gestattet, den A. zu besteigen [10]. Vereinzelt (in der H. Sophia zu Konstantinopel) fanden auch Kaiserkrönungen auf dem A. statt [4].

Als eines der ältesten, heute noch erhaltenen Beispiele, gilt ein A. des 5. Jh. aus Saloniki, jetzt im Mus. zu Konstantinopel, dessen Brüstung die Doppelszene der Magierhuldigung (unter Beifügung eines Engels) und der abgekürzten Hirtenanbetung mit thronender Madonna zeigt [10]. – Aus dem frühen 6. Jh. stammte der berühmte, an Pracht nie übertroffene goldene A. Kaiser Justinians in der H. Sophia zu Konstantinopel, der uns aber nur durch die dichterische Beschreibung des Paulus Silentiarius bekannt ist [10]; in der von Säulen getragenen Kuppel dürfte ihm der A. von S. Marco in Venedig verwandt sein.

In der durch den hellenistischen Osten vorgebildeten Form setzte sich der A. im frühen 6. Jh. in Italien, vor allem in Ravenna, durch. Aber auch in Rom (Marmor-A. und Schranken in S. Clemente; Kosmatenarbeiten des 12. und 13. Jh. in S. Lorenzo f. l. m., S. Maria in Cosmedin u. a.), in Ancona, Voghenza (jetzt in der Universität Ferrara) und anderwärts haben sich zahlreiche (meist später restaurierte) A. erhalten [3, 4, 12, 15]. Genannt sei hier der A. im Dom zu Ravenna (6. Jh.) mit der Inschrift: Servus Christi Agnellus Episcopus Hunc Pyrgum Fecit. Die Brüstung ist in kleine quadratische Felder mit symbolischen Tierdarstellungen aufgeteilt (Abb. 2). Grundform und liturgische Bedeutung der A. halten sich in den folgenden Jahrhunderten fast unverändert. Die Dekoration an Brüstung- und Treppengeländer zeigt häufig stilisiertes Band- und Rankenwerk, Tiergestalten und anderen, meist symbolischen Schmuck [12, 15]. Das Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin besitzt, neben einer A.-Brüstung aus Nicäa mit geometrischem Ornament (6. Jh.), Bestandteile süditalienischer A. des 12. u. 13. Jh. [16].

Von Italien aus dringt der A. bald über die Alpen und über die Pyrenäen: Schon Gregor von Tours und Isidor von Sevilla sprechen von ihm [4]. Die erste Erwähnung auf deutschem Boden betrifft den A., den Bischof Chrodegang von Metz 755 in seiner Basilika Petri Maior errichten ließ, auro argentoque, nobilissime decoratum [9]. Erst in der Karolingerzeit aber läßt sich eine häufigere Verwendung des A. vermuten, angeregt vielleicht durch den Nachdruck, den Karl der Gr. auf die Predigt legte. Im Grundriß des St. Gallener Klosters (um 820), der als Musterplan für Klosteranlagen dieser Zeit zu gelten hat, ist der A. im Mittelschiff eingezeichnet, nicht weit von den westlichen Chorschranken. Die Beischrift lautet: hic evangelicae recitatur lectio pacis.

Schon früher aber, vor dem Neubau des 9. Jh., muß in der Klosterkirche ein A. existiert haben. Der Mönch Jso von St. Gallen berichtet, daß die Leiche des Hl. Otmar, der 759 als Abt von St. Gallen gestorben war, im Jahr 794 feierlich und unter Anteilnahme des Volkes in die Kirche des Hl. Gallus überführt wurde; der Bischof von Konstanz befahl dabei einem Erzpriester, „den A. zu besteigen und vor seinen Augen zum Volke zu reden – und zwar geschah dies so, daß der selbst etwas erhöht stehende Priester das vortrug, was ihm der in der Nähe sitzende Bischof angab“ [4, 9]. Zum Jahre 937 wird von einem schweren Brande berichtet, der u. a. die Chorschranken und damit auch wohl den A. vernichtete [9]. Man muß ihn aber wieder neu errichtet haben, da im 11. Jh. erneut von einem mit Silberplatten belegten pulpitum publicum gesprochen wird, das einen ebenso verzierten Unterbau besaß [9].

Auf deutschem Boden haben sich A. aus dem 1. Jahrtausend überhaupt nicht erhalten; dagegen finden sich mehrfach in der Schweiz (in Baumes, Romainmôtier, St. Maurice d’Agaune) Fragmente von A., die mindestens in die karolingische Zeit zurückreichen [5, 6, 7, 8]. In allen Fällen handelt es sich um das schildförmig (scutum-artig) gekrümmte Mittelstück der Brüstung, an das sich seitlich weitere, aber flache Platten anschlossen. Die Dekoration der Frontseite (ornamentiertes Kreuz, Flechtband, Rosetten, stilisierte Weinranken) weist auf Entstehung im frühen Mittelalter, in der Blütezeit der sog. langobardischen Ornamentik, hin. Die Inschrift der A.-Brüstung in Romainmôtier (Abb. 3) nennt einen Abt Gudinus als Stifter, der in den seit 888 bekannten Abtslisten nicht vorkommt, also früher regiert haben muß. S. Guyer [8] u. a. setzen alle drei Denkmäler in das 7. Jh.

Aus dem 11. Jh. stammt der einzige auf deutschem Boden erhaltene A. mit Metallverkleidung, der A. Heinrichs II. (Abb. 4) im Münster zu Aachen [13, 14 und Inv. Rheinprovinz 10, 1]. Von seinem ursprünglichen Platz im Oktogon wurde er in die 1414 geweihte gotische Chorhalle überführt, wo er oberhalb der Sakristeitür (wesentlich höher als früher) angebracht ist. Ein ursprünglicher Stufenaufgang ist nicht erhalten, aber wohl anzunehmen [9]; die jetzige Treppe Stammt aus dem 18. Jh. Der Aachener A. zeigt über einem dreiteiligen, im Grundriß kleeblattförmigen Eichenholzkern von 1,15 m Breite und 1,46 m Höhe kunstvoll getriebene kupfervergoldete Platten. Alle drei Teile, der halbkreisförmige Mittelteil und die seitlichen Kreissegmente sind in rechteckige Felder aufgeteilt, die ein nur noch in Resten erhaltenes Rahmenwerk mit reichen Filigranornamenten und Edelsteinen verbindet. Oben und unten ist der A. von einem einfachen Gesims begrenzt, das in Braunfirnis die Weihinschrift Heinrichs II. trägt. Von den 9 Quadraten des Mittelteiles zeigt jedes der 4 Eckfelder das in Kupfer getriebene und feuervergoldete Relief eines Evangelisten; doch ist von den ursprünglichen nur noch das des Matthäus erhalten. Die einfallenden Rahmen sind von Inschriften bedeckt. Das Mittelfeld schmückte ursprünglich eine antike Rippenschale, seit 1816 aber ein Messingrelief mit der Figur Karls des Großen, das bei der jüngsten Restauration (s. unten) wieder durch eine der ursprünglichen ähnliche antike Schale ersetzt wurde. Zu beiden Seiten dieses Mittelfeldes ist links eine fatimidische Tasse aus Bergkristall und rechts die dazugehörige Untertasse, oberhalb des Mittelfeldes eine antike Achatschale und unter ihm heute ein Achatstein befestigt; früher saß hier eine antike Schale. In den Ecken dieser vier Quadrate sind (oder waren) Schachfiguren aus Achat und Chalcedon angebracht. Die beiden seitlichen Viertelrundungen schmücken Elfenbeinreliefs, die von Strzygowski als koptisch-alexandrinische Arbeiten erkannt wurden. Der von den schmalen Platten (ca. 24 cm hoch und 11 cm breit) nicht ausgefüllte Raum wird von Metallplättchen mit Braunfirnis eingenommen. Es haben sich auch Reste des alten, anscheinend äußerst prächtigen Buchpultes mit Filigranarbeit erhalten. Eine wenig erfreuliche Restauration des Aachener A. von 1816 ist 1926 durch eine sorgfältige Wiederherstellung soweit wie möglich ausgeglichen worden [13, 14].(Rademacher [9] vermutet für den A. Heinrichs II. einen karolingischen Vorgänger, durch den er sich mittelbar an einige ravennatische, wahrscheinlich aus dem 6. Jh. Stammende Marmor-A. anschließe: an den des Agnellus und mehrere ihm verwandte Stücke.)

Vom 10.–12. Jh. werden A. in Deutschland wenig erwähnt – im Gegensatz zu Italien [12] –, und noch seltener sind sie erhalten. Wahrscheinlich stammen von einem 1181 errichteten A. die prachtvollen Emailplatten von Nikolaus von Verdun in Klosterneuburg, die im 14. Jh. auf ein Altarretabel übertragen wurden („QUE PRIUS ANNEXA FUIT AMBONIQUE REFLEXA“), doch fehlt jede Möglichkeit, die ursprüngliche A.-Anlage zu rekonstruieren. Mit einem A. des 12. Jh. werden glaubhaft einige Marmorreliefs in der Marienkapelle des Magdeburger Domes (Abb. 5) in Verbindung gebracht. In Kirchen mit Krypten konnte wohl die vordere Brüstung des hochliegenden Chors als Ersatz für einen besonderen A. dienen (vgl. die, allerdings moderne, Anlage in Jerichow); häufiger benutzte man die Podeste zu Seiten einer zum Hochchor führenden Mitteltreppe zur Aufstellung von einem oder zwei A.; vgl. Gernrode, Abdinghofkirche zu Paderborn, Bücken (Abb. im Art. Apostelbalken), sämtlich im 19. Jh. gründlich erneuert, z. T. willkürlich verdoppelt, weiter Wieprechtshausen bei Nordheim (Hannover). Eine ähnliche Anlage könnte es in der Liebfrauenkirche zu Halberstadt gegeben haben.

In der Folgezeit löst sich der A. vollständig von der Chorschranke; nur in Verbindung mit dem Lettner kommt er auch im späten Mittelalter noch als sogenannte Lettnerkanzel vor; vgl. Magdeburg, Dom, 1445 (Sp. 411, Abb. 1) und Stendal, Dom, 15. Jh. (Sp. 486, Abb. 19). In Wechselburg [11] und Goslar, Neuwerkkirche, ist der A. später vom Lettner gelöst und als selbständige Predigtkanzel im Langhaus aufgestellt worden.

Mit dem Ausgang des Mittelalters schließt die Geschichte des A. endgültig ab. Er verschwindet ganz vor dem selbständig gewordenen Gebilde der Kanzel, deren eigentliche Geschichte mit der Loslösung von Chor und Chordienst ein setzt.

Zu den Abbildungen

1. Stich nach einer romanischen Exsultetrolle aus Martin Gerbert, De cantu et musica sacra, St. Blasien, 1774, Bd. I, Taf. 4 (pag. 534: „In bibl. Vaticana, Barberina, Casanatensi vidi rotulos picturis ornatos, ex quibus canebat diaconus ex ambone, prout depictum cernere licet in fragmento eiusmodi rotuli nostrae San-Blasiae bibliothecae, quod alibi exhibebimus“).

2. Ravenna, Dom, A. des Bischofs Agnellus (556–569). Phot. Anderson, Rom.

3. Zürich, Schweizer. Landes-Museum, A. aus Romainmôtier, 7. (?) Jh. Phot. Mus.

4. Aachen, Münster, A. Kaiser Heinrichs II., Anf. 11. Jh. Phot. Prof. Jos. Buchkremer, Aachen.

5. Magdeburg, Dom, A. des 12. Jh. Rekonstruktion von Herm. Giesau, Halle.

Literatur

1. F. X. Kraus, Real-Enzyklopädie der christl. Altertümer, Freiburg 1880, Bd. I, S. 43ff. 2. Otte I, S. 293ff. 3. Rohault de Fleury, La Messe, Bd. III, Paris 1883. 4. Cabrol-Leclerq I, 1, S. 1330ff. 5. Pierre Bourban, Étude sur un Bon Pasteur et un Ambon de l’antique monastère d’Agaune, Mélanges d’histoire et d’archéologie de la société helvétique de St. Maurice I, Fribourg 1894, S. 1ff. 6. Albert Naef, Les phases constructives de l’Eglise de Romainmôtier, Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde, N.F. 7, 1905/06, S. 210ff. 7. Jos. Zemp, Die Kirche von Romainmôtier, Zs. f. Gesch. d. Architektur I, 1907/08, S. 89ff. 8. Sam. Guyer, Die christl. Denkmäler des 1. Jahrtausends in der Schweiz (Stud. über christl. Denkmäler, hrsg. von Joh. Ficker, H. 4), Leipzig 1907, S. 53ff. 9. Fr. Rademacher, Die Kanzel in ihrer arch. und künstl. Entwicklung in Deutschland bis zum Ende der Gotik, Zs. f. christl. K. 34, Düsseldorf 1921. 10. C. M. Kaufmann, Hdb. der christl. Archäologie, Paderborn 19233. 11. Ad. Goldschmidt, Die Skulpturen von Freiberg und Wechselburg, Berlin 1924. 12. Corrado Ricci, Romanische Baukunst in Italien, Stuttgart o. J. (1925). 13. Jos. Buchkremer, Der Ambo der Münsterkirche zu Aachen, als Hdschr. gedr. in Aachen 1926 (ausführliche handschriftliche Ergänzungen wurden vom Verfasser zur Verfügung gestellt). 14. Edm. Renard, Zur Wiederherstellung der Kanzel Heinrichs II. im Aachener Münster, Zs. f. Denkmalpflege 1, 1926/27, S. 26ff. 15. A. Haseloff, Die vorromanische Plastik in Italien, Berlin 1930. 16. W. F. Volbach, Ein antikisierendes Bruchstück von einer kampanischen Kanzel in Berlin, Jb. d. preuß. K.slg. 53, 1932, S. 183ff.

Verweise