Altarvelen

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englisch: Altar-curtains, altar-veils; französisch: Voiles d'autel; italienisch: Veli, cortine dell'altare.


Joseph Braun, S.J. (1934)

RDK I, 621–623


RDK I, 621, Abb. 1. Paris, Bibl. Nat.
RDK I, 623, Abb. 2. Paris, Bibl. Nat.
RDK I, 623, Abb. 3. Paris, Bibl. Nat.

Altarvelen sind vor dem Altar, seitlich von ihm oder um ihn herum angebrachte Vorhänge, in den Inventaren des späteren Mittelalters vela, cortinae, custodes, ridelli, alae genannt. Sie werden im Osten schon E. 4. Jh. erwähnt, gewannen daselbst allgemeine Verbreitung und finden noch heute in den dortigen Riten Verwendung. Im griechischen Ritus früher an dem Gebälk der Altarschranken aufgehängt, wurden sie in ihm nach Umbildung dieser letzteren in eine Bilderwand nur mehr hinter der Mitteltür derselben angebracht.

Im Westen werden die A. erst um 700 bezeugt. Sie waren bis ins 13. Jh. vornehmlich zu Rom in Gebrauch, außerhalb Roms aber, wie es scheint, nur vereinzelt, weshalb auch bis dahin bei den Liturgikern, anfangend mit Amaler von Metz und Rhabanus bis zu Innozenz III. und Sicardus von Cremona einschließlich, nie von ihnen die Rede ist. Allgemeiner bürgerten sie sich erst seit dem 13. Jh. ein, in dessen Spätzeit sie sogar schon von einzelnen Synoden, wie der Münsterischen von 1279, der Kölner von 1281, der Lütticher von 1287, der Cambraier von ca. 1300, ausdrücklich vorgeschrieben werden. Im 14. und 15. Jh. waren sie fast allenthalben heimisch geworden, namentlich auch in Deutschland, wie besonders aus den Inventaren erhellt. Seit dem späten 16. Jh. verlieren sie dann jedoch an Beliebtheit, im 17. und 18. Jh. kamen sie nur mehr vereinzelt zur Verwendung, nicht zum wenigsten wohl weil sie zu den nun allenthalben entstehenden mächtigen Spätrenaissance- und Barockretabeln nicht mehr paßten.

Angebracht waren die A. in der älteren Zeit an den 4 Seiten des Altarciboriums (Abb. 1), daher man sie auch zu Rom mit tetravela, einem griechisch-lateinischen Mischwort, bezeichnete. Die A. des 13. Jh. und der Folgezeit befanden sich seitlich vom Altar, dessen Flügel sie gleichsam bildeten, weshalb sie auch alae, in deutschen Inventaren vleugels genannt wurden. Aufgehängt aber waren sie entweder an einem am Retabel oder an der Wand neben dem Altar befestigten drehbaren Arm (Abb. 2) – so besonders bei den Nebenaltären – oder – so besonders beim Hochaltar – an einer von 4 oder 6 Säulen getragenen Stange aus Holz, Bronze oder Stein, auf deren Kapitell gern cm Leuchterengel oder doch eine Kerze angebracht war (Abb. 3). Beispiele gibt es noch in St. Stephan zu Mainz (1509 von Georg Krafft von Speyer gegossen; vgl. Mainzer Zs. Jg. V, 1910, S. 44ff.), zu Schwerte in Westfalen und im German. National-Museum zu Nürnberg. Hergestellt waren die A., wo das die Mittel gestatteten, vornehmlich aus Seidenstoffen, zumal die Festtagsvelen, einfachere aus Wollzeugen, in der Fastenzeit aber auch aus weißer Leinwand.

Die A. in den Riten des Ostens hatten und haben auch jetzt noch liturgischen Charakter, da sie dazu dienen, den Altar und den an ihm amtierenden Priester bei der Konsekration und anderen Gelegenheiten in der Messe den Blicken der Gläubigen zu entziehen. Die A. des Westens waren stets lediglich Schmuck, und zwar sowohl schon die Ciborienvelen wie die neben dem Altar aufgehängten spätmittelalterlichen; doch sollten die letzteren, namentlich an Nebenaltären, auch Störungen der zelebrierenden Priester vorbeugen, wie z. B. eine Synode zu Soissons von 1403 ausdrücklich angibt.

Eine besondere Art von A. war das vor dem Altar in der Fastzeit aufgehängte, den Altar verhüllende Fastenvelum, das sog. Hungertuch.

Zu den Abbildungen

1. Paris, Bibl. Nat., Elfenbeinrelief (seitenverkehrt!) vom Deckel des Drogo-Sakramentars, 9. Jh. Phot. Pfarrer Louis Weber, Reiningen.

2. Paris, Bibl.Nat., Miracles de Notre-Dame, 15. Jh. Nach H. Omont, Mir. d. N. D., Paris o. J.

3. Paris, Bibl.Nat., Miracles de Notre-Dame, 15. Jh. Ebenda.

Literatur

1. Jos. Braun, Der christliche Altar, II, München 1924, S. 133ff. 2. Ders., Die liturg. Paramente in Gegenwart und Vergangenheit, Freiburg i. Br. 1924, S. 197ff. 3. Fr. Bock, Gesch. d. liturg. Gewandung, III, Bonn 1871, S. 82.