Altartabernakel

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englisch: Tabernacle; französisch: Tabernacle d'autel; italienisch: Tabernacolo.


Joseph Braun, S.J. (1934)

RDK I, 605–611


RDK I, 545, Abb. 13. Landshut, St. Martin, 1424.
RDK I, 557, Abb. 30. Erfurt, Dom, 1697.
RDK I, 557, Abb. 31. Rohr, 1720.
RDK I, 607, Abb. 1. München, Bayr. National-Museum.
RDK I, 607, Abb. 2. New York, Metropolitan Museum.
RDK I, 607, Abb. 3. Semlow (Pommern), Kirchhofskapelle.
RDK I, 609, Abb. 4. Halberstadt, Dom.
RDK I, 611, Abb. 5. Laibach (Jugoslawien), Kirche.
RDK I, 611, Abb. 6. Starnberg, Kirche.

I. Im Mittelalter

Mittelalterlicher Brauch. Im Mittelalter zeigte das Tabernakel, d. i. das Gehäuse, in dem der Behälter mit den stets wenigen für die Kommunion der Kranken bestimmten konsekrierten Hostien aufbewahrt wurde – denn nur für diese wurde bis in das 16. Jh. das Allerheiligste aufbewahrt, da die Gesunden stets in der Messe mit den in derselben konsekrierten Hostien kommuniziert wurden –, wenn es nicht Wandtabernakel oder, wie später Sakramentshäuschen, sondern Altartabernakel war, 3 verschiedene Formen.

a) auf dem Altar schwebend, beweglich

Bei der ersten bestand es in einem mäßig großen, beweglich auf dem Altar aufgestellten, die - entsprechend der geringen Zahl der in ihr befindlichen Hostien nur kleine – Pyxis mit dem hl. Sakrament bergenden Behälter. Es ist die Tabernakelart, von der Honorius in seiner Gemma animae (L. 1, c. 136, M. 172, 587) um 1120 und Durandus in seinem Rationale (L. 1, c. 2, n. 5; c. 3, n. 26) um das E. 13. Jh. reden und die bei jenem propitiatorium heißt, weil in ihr Christus, unsere Versöhnung (propitiatio), aufbewahrt werde, bei diesem nach ihrer Form arca und tabernaculum genannt wird. Allgemein in Brauch war sie, wie aus des Durandus Angabe erhellt, zu dessen Zeit nicht. Der Behälter hatte entweder die Gestalt eines Kästchens mit Klapp- oder Schiebedeckel, eines mit satteldachartigem Deckel versehenen oblongen Schreinchens (Abb. 2) oder eines mit Pyramidendach oder 2 einander überschneidenden Satteldächern ausgestatteten turmförmigen Behälters von quadratischem Grundriß (Abb. 1). Ein aus Holz geschnitzter Behälter dieser Art in Form eines Kästchens mit Schiebedeckel aus dem 12. Jh. hat sich in der Pfarrkirche zu Lugnano in Umbrien erhalten, ein Behälter in Gestalt eines mit Malereien verzierten Schreinchens mit sattelförmigem Deckel aus dem 13. Jh. im Bischöfl. Mus. zu Vich. Von turmförmigen Behältern sind noch mehrere vorhanden, so im Mus. des Bargello zu Florenz, in S. Sepolcro zu Barletta, im Kunstgewerbemus. zu Prag, im Bayr. Nat.-Mus. zu München (Abb. 1) u. a. Alle sind Arbeiten des frühen 13. Jh., entstammen Limoger Werkstätten, bestehen aus einem mit Emailplatten bekleideten Holzkern und sind an einer Seite mit einem Türchen ausgestattet. Der Behälter in S. Sepolcro zu Barletta wird noch heute am Gründonnerstag zur Aufbewahrung der für die Karfreitagszeremonien bestimmten konsekrierten großen Hostie verwendet. In Deutschland dürfte das A. der ersten Form wenig in Gebrauch gewesen sein, da es hier, wie ein Beispiel zu Deutz bekundet, von dem Rupert von Deutz berichtet (De incendio Tuitiensi; M. G. SS. XII, 631), schon früh in einer in dem Altarraum befindlichen Wandnische, im späten Mittelalter mit Vorliebe aber in einem sog. Sakramentshäuschen aufbewahrt zu werden pflegte. Noch die Brixener Synode von 1603 bezeichnet das als mos germanicus. Ein Beispiel eines spätmittelalterlichen Tabernakels der 1. Form findet sich im Prov.-Mus. zu Hannover.

b) schwebend über dem Altar aufgehängt

Das A. der zweiten Form bestand in einem schwebend über dem Altar aufgehängten Gehäuse. Hier in einem Gezelt aus Zeug, dort in einem laternenförmigen Behälter, anderswo in einem größeren pyxidenartigen Gefäß, das auf dem Scheitel des Deckels mit einer Vorrichtung zum Aufhängen ausgestattet war. Über dem Gehäuse war häufig ein kleiner Baldachin angebracht. Befestigt war es an einem zum Auf- und Niederziehen eingerichteten Seil, das über dem Altar entweder vom Gewölbe, beim Vorhandensein eines Ciboriums aber von dessen Decke herabhing oder an einem hinter dem Altar befindlichen, über diesen vorkragenden Krummstab befestigt war, oder endlich, wo der Altar mit einem Retabel ausgestattet war, an einem aus diesem vorspringenden Arm hing. Diese 2. Form des A. war im Mittelalter besonders in Frankreich sehr verbreitet und erhielt sich hier mehrfach noch bis in die nachmittelalterliche Zeit, in der Kathedrale zu Amiens sogar bis in die Gegenwart. Für Deutschland sind nur vereinzelte Beispiele derselben bezeugt, wie für Petershausen bei Konstanz, für die Laurentiuskirche zu Lüttich und den Dom zu Prag.

c) in das Altarretabel eingebaut

Die dritte Form des mittelalterlichen A., die Vorläuferin des nachmittelalterlichen, bestand in einem ständig und unbeweglich auf dem Altar angebrachten kleinen Schrank. Sie kam, wie es scheint, erst im späten Mittelalter auf. Die Weise, ihn mit dem Altar in eine feste Verbindung zu bringen, war verschieden. Hier der Predella des Retabels eingebaut (Abb. 3), hatte er anderswo seinen Platz im Retabel selbst oder war diesem in Gestalt eines turmartigen Sakramentshäuschens angebaut. In der Heilig-GeistKirche zu Landshut aber führte man ihn durch den Mittelpfeiler des Chorumganges oberhalb des ihm vorgesetzten Hochaltars, indem man ihn an der Vorderseite des Pfeilers mit einem Gitterverschluß, an dessen Rückseite mit einem Türchen versah. Im 15. Jh. im ganzen nur erst selten, begegnet uns ein Altartabernakel des 3. Typus noch am häufigsten in Deutschland, so im Retabel beim Clarenaltar im Dom zu Köln, einem heute in der Friedhofkapelle zu Oberndorf bei Kelheim befindlichen Steinretabel sowie dem Hochaltarretabel in St. Martin zu Landshut (Sp. 545, Abb. 13), in der ehemaligen Dominikanerkirche zu Erfurt, in der Walburgiskirche zu Eichstätt und in der Schloßkirche zu Sierndorf bei Wien, in der Predella bei Flügelschreinen zu Ebstorf und Buxtehude in Hannover, zu Semlow in Pommern (Abb. 3), beim Retabel des Kurt Borgentrik im Mus. zu Braunschweig, einem flämischen Schrein zu Affeln in Westfalen, beim Retabel des ehemaligen Hochaltars des Doms zu Halberstadt, von dem heute nur noch die Rückseite der Predella vorhanden ist (Abb. 4). Von Gelassen zur Aufbewahrung von Reliquien unterschieden und als A. kenntlich gemacht wird es durch an ihm angebrachtes Bildwerk und Inschriften. Eine Sonderart von A. der 3. Form bürgerte sich im 15. Jh. in Spanien ein. Es bestand in einer oben hinter dem Retabel angebrachten Kammer (cammarin), zu der eine Treppe hinaufführte und die durch ein im Retabel angebrachtes rundes oder spitzovales Fenster, hinter dem Lichter brannten, mit der Kirche in Verbindung stand.

II. In nachmittelalterl. Zeit; Verbindung mit dem Altarretabel

Nachmittelalterlicher Brauch. In nachmittelalterlicher Zeit hat sich das A. der 1. Form ganz verloren. In Frankreich erhält sich vereinzelt das der z. Form, im übrigen aber herrscht nun das der 3. nicht nur vor, es wird auch geradezu Vorschrift. Es tritt in 4 Typen auf. Das des ersten stellt einen 1- oder 2geschossigen, ohne Beziehung zu einem etwa hinter dem Altar befindlichen hinten auf der Mensa sich erhebenden Aufbau dar, dessen oberes Geschoß, wo ein solches vorhanden ist, als Thron zur Aussetzung des Allerheiligsten diente. Das Tabernakel des zweiten ist dem Sockel oder der Predella des Retabels eingebaut, ähnlich wie es im ausgehenden Mittelalter der Fall war. Das A. des dritten hat im Retabel selbst seinen Platz, dessen Bild es ersetzt, so besonders in Spanien und Italien. Beim vierten Typus ist das Tabernakel dem Retabel nicht eingefügt, sondern in der Weise vorgesetzt, daß es demselben zwar nicht organisch eingegliedert ist, jedoch mit ihm zu einem einheitlichen Ganzen verbunden erscheint (Abb. 5 u. 6). Es ist der gewöhnlichste, bei deutschen Renaissance- und Barockretabeln geradezu herrschende Typus, die Regel (vgl. Sp. 557ff., Abb. 30ff.).

Allgemeingeltende Bestimmungen über die Form und das Material des A. bestehen nicht. Was seine Ausstattung anlangt, so soll es im Innern vergoldet oder mit weißer Seide ausgekleidet und mit einem Behang von weißer Farbe oder der liturgischen Tagesfarbe, dem sog. Konopeum umhüllt sein, der sich in Deutschland jedoch nicht eingebürgert hat. Auf das Tabernakel darf zwar ein Kreuz, nicht aber eine Statue gestellt werden. Angebracht werden soll es, wo nicht besondere Verhältnisse das anders wünschenswert machen, auf dem Hochaltar.

Zu den Abbildungen

1. München, Bayr. Nat.-Mus., bewegliches A. Aus Limoges, Anf. 13. Jh., Höhe 32 cm. Phot. Verf.

2. New York, Metropolitan Mus., bewegliches A., rheinisch, 14. Jh. Nach Hirth, Formenschatz.

3. Semlow (Pommern, Kr. Franzburg), Kirchhofskapelle, Altarpredella mit Tabernakel. Aus Deyelsdorf, E. 15. Jh. Phot. Slg. d. „Stimmen d. Zeit“.

4. Halberstadt, Dom, Altarpredella mit Tabernakel (Rückseite), Holz, 15. Jh. Phot. Verf.

5. Laibach (Jugoslawien), ehem. Jesuitenkirche, Tabernakel, 18. Jh. Phot. Graus.

6. Starnberg (Oberbayern), Hochaltar, um 1765. Nach Ad. Feulner, Ignatz Günther, Wien 1920, Taf. 6.

Literatur

Jos. Braun, Der christliche Altar, München 1924, Bd. I, S. 574ff.

Verweise