Altarpult (A. In der katholischen Kirche)

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Lectern (Roman Catholic), missal-stand (Roman Catholic); französisch: Pupitre d'autel (catholique); italienisch: Leggio (da altare) (cattolico).


Joseph Braun, S.J. (1934)

RDK I, 523–529


RDK I, 465, Abb. 1. Lyon, Bibl. Mun.
RDK I, 525, Abb. 1. Salzwedel, E. 13. Jh.
RDK I, 525, Abb. 2. Salzwedel, E. 13. Jh.
RDK I, 525, Abb. 3. Kempen, 1514.

Altarpult (pulpitum, legile, lectorile, lectreolum) nennt man ein liturg. Gerät in Gestalt eines ca. 40 cm breiten, 30 cm tiefen, vorn 10–15 cm, hinten etwa doppelt so hohen Pültchens, das während der Messe dem auf dem Altare befindlichen Missale als Untersatz dient. Es vertritt ein Kissen, das nach dem römischen Missale (Rubr. gen. XX) diesem bei der Messe untergelegt werden soll, das aber nach dem Cäremoniale für die Bischöfe (L. 1, c. 12, n. 15) auch durch ein Pültchen ersetzt werden kann. Wie dieses ist es nicht sowohl ein Zubehör zum Altar, sondern zum Missale, weshalb es auch zutreffender Meß- oder Missalpültchen genannt wird. Sein Zweck ist wie der des Meßbuchkissens oder Altarkissens ein zweifacher, ein praktischer und ein ideeller; nach jenem soll es die Benutzung des ohne Pültchen zu tief liegenden Missales wie auch seine Handhabung beim Umtragen von der Epistel- zur Evangelienseite und umgekehrt erleichtern; nach diesem bildet es eine Art auszeichnenden Thrones für das wegen des in ihm sich findenden Evangeliums einem Evangeliar gleichwertige Missale.

Kissen (cussini, cussinelli, pulvinaria), die als Unterlage des Meßbuchs dienten, werden erst im 13. Jh. erwähnt, waren aber zweifellos schon früher im Gebrauch. Die Inventare geben uns, obwohl sie häufig Kissen vermerken, nur sehr wenig Aufschluß über sie, da sie nur ausnahmsweise angeben, welchen Zwecken dieselben dienten. Aber auch auf den Bildwerken des Mittelalters ist nur selten das Meßbuchkissen zur Darstellung gekommen (ein Beispiel s. Sp. 466, Abb. 1). Erhalten hat sich aus dem Mittelalter kein Kissen, das als solches anzusprechen wäre, was übrigens begreiflich ist. Quadratisch oder annähernd quadratisch, 40-45 cm breit, mußte es, um seinem Zwecke dienen zu können, dick und prall gefüllt sein, was denn auch der hl. Karl Borromäus in seiner Instructio fabricae ecclesiae ausdrücklich betont. Heute ist es fast nur noch in einzelnen Teilen Italiens und Österreichs in Gebrauch. Als Unterlage des Missales anstatt eines Kissens wird das A. schon im 13. Jh. erwähnt in einem Ordinarium der Kathedrale zu Bayeux aus der Zeit vor 1228 (Ed. Martène, De antiq. eccl. rit. L. 1, c. 4, art. 12, ordo 24), in einem Ordinarium der Kathedrale zu Lyon (ebendort ordo 20), im Inventar des Apostolischen Stuhles von 1295 (Item unum lectorile argenti deauratum, cum diversis lapidibus vitreis ad tenendum librum super altari pond. 9 M. et 7 unc. Vgl. Bibl. de l’École des Chartes 42, 1882, S. 635) und in einem Inventar der Kathedrale zu Angers von 1297 (Revue de l’art chrét. 33, 1880, S. 192). Welcher Verbreitung es sich damals erfreute, läßt sich jedoch nicht feststellen. Auf den Bildwerken dieser Zeit begegnet es uns noch nicht. Ein Beispiel aus dem 13. Jh. bietet ein reich geschnitztes Lesepültchen in der Marienkirche zu Salzwedel (Abb. 1 u. 2), das wohl als A. angesprochen werden darf. Ein silbernes A. angeblich des 13. Jh. in Kölner Privatbesitz, das seinerzeit großes Aufsehen erregte und selbst von Fachleuten als echt betrachtet wurde [2], erwies sich schließlich als unecht (vgl. Stephan Beissel, Gefälschte Kunstwerke, Freiburg i. Br. 1909, S. 88). Im späten Mittelalter muß das A. schon vielerorten verwendet worden sein, wie die zahlreichen Bildwerke aus dieser Zeit, auf denen es sich findet, bekunden, wie z. B. 3 Miniaturen der Miracles de Notre Dame in der Nationalbibliothek zu Paris (II, Taf. 7, 26, 28; vgl. Altarvelum Abb. 3), 7 Miniaturen französischen, englischen und flämischen Ursprungs bei Percy Dearmer (Fifty pictures of gothic altars, London 1910, n. 7, 25, 28, 30, 37, 39, 45), eine Miniatur im sogenannten Gundekar-Pontifikale zu Eichstätt von 1496 (F. Mader, Eichstätts Kunst, S. 110), die Malerei der Predella eines Bamberger Retabels von 1429 im National-Museum zu München, die Darstellung der Gregoriusmesse auf einem Retabel im St.-Annen-Museum zu Lübeck von 1496 (Braun, Christl. Altar II, Taf. 269), das Bernt Notke zugeschriebene Gemälde gleichen Gegenstandes in St. Marien zu Lübeck, Tafelbilder im Museum zu Köln und manche andere. Aber auch die A., die sich aus dem Spätmittelalter und dem frühen 16. Jh. erhalten haben, bezeugen das: ein A. aus der Pfarrkirche zu Kempen im Museum daselbst (Abb. 3), in der Marienkirche zu Dortmund (Inv. Westfalen, Dortmund-Stadt, Taf. 15, 1), in der Pfarrkirche zu Königsberg i. d. Neumark (Bergau, Kunstd. v. Brandenburg, S. 447), in der Pfarrkirche zu Ebstorf (Mithoff, Kunstd. im Hannoverschen 6, S. 172), in der Pfarrkirche zu Zimmern (Inv. Prov. Sachsen 2, S. 85) und zu Koldenbüttel (Inv. Schleswig-Holstein 1, S. 209), im Stift Kremsmünster [2, S. 136], im Schloßmuseum zu Berlin [5, Taf. 143], im Kunstgewerbemuseum zu Köln, im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und im Bayerischen National-Museum zu München [5, Taf. 143] sowie drei in der ehemaligen Sammlung Figdor, ein süddeutsches, ein oberösterreichisches und ein aus Tirol stammendes [5, Taf. 143 u. S. LXIV]; desgleichen ein einst im Halleschen Heiltumsschatz befindliches (Halm und Berliner, Taf. 105 a) und ein im Wittenberger Heiligtumsbuch von 1509 abgebildetes (4. Gang, Nr. 13). In nachmittelalterlicher Zeit bürgerte sich das A., weil handlicher, unter Verdrängung des Missalekissens allenthalben allgemein ein, besonders auch in Deutschland.

Angefertigt wurden die A. in der Regel aus Holz. Daß aber auch noch im späten Mittelalter bisweilen solche aus Silber hergestellt wurden, beweisen ein im Inventar Karls VI. von Frankreich von 1420 aufgeführtes A. (Douët d’Arcq, Choix de pièces inédites relatives au règne de Charles VI, Bd. 2, S. 390) sowie die vorhin erwähnten des Halleschen und Wittenberger Heiligtumsschatzes. Wenn aus Holz angefertigt, be- standen sie außer aus dem schräg aufwärts gerichteten, mit Haltleiste versehenen Deckel entweder aus 4 unten meist mit bogenförmigem Ausschnitt versehenen oder nur aus 2 durch einen Riegel verbundenen Seitenteilen. Zu den beiden mittelalterlichen Typen des A. kamen in nachmittelalterlicher Zeit bisweilen solche mit aufklappbarem Deckel hinzu. Stilistisch traten in ihr beim A., soweit es überhaupt Stil zeigte und nicht lediglich Zweckstück war, an Stelle der gotischen Renaissance- und Barockformen. Eine reichere dekorative Ausstattung dürfte das A. zu aller Zeit nur ausnahmsweise erfahren haben.

Von den A., die sich aus dem Mittelalter erhalten haben, weisen figürliche Darstellungen das A. in der Marienkirche zu Dortmund (Kruzifixus und Evangelistensymbole), das A. zu Kempen (Maria mit Kind) und Salzwedel (Mariä Krönung, Evangelistensymbole, Löwe und Pelikan) auf; Maßwerk zeigen als Dekor das A. zu Koldenbüttel, im Schloßmuseum zu Berlin und zu Zimmern; Flachornament das A. zu Königsberg (Neumark) und zu Kremsmünster sowie die drei A. der Sammlung Figdor; Inschriften das A. des Bayerischen National-Museums in München. Mit einer gestickten Darstellung (Einhornjagd) ist die Platte des A. zu Ebstorf überzogen. Mit Füßchen waren die A. des späten Mittelalters nicht immer versehen, wenn anders wir den auf den Bildwerken dargestellten Glauben schenken dürfen. Auf Kugeln saß das A. des Halleschen Heiltumsschatzes, auf 4 Engeln das des Wittenberger, welche zugleich bekunden, daß man auch wohl Reliquien in A. einschloß. Ein Renaissance-A. hat sich im Museum zu Kempen erhalten. Solche der Barockzeit sind zahlreicher. Heute ist es Brauch, wenigstens an Sonn- und Festtagen das A. mit einem Deckchen zu schmücken, wenn möglich, von der liturgischen Farbe des Tages. Inwieweit das auch schon im Mittelalter geschehen ist, läßt sich nicht feststellen. Auf den diesem entstammenden Bildwerken erscheint es fast ausnahmslos ohne Deckchen.

Zu den Abbildungen

1./2. Salzwedel, Marienkirche, E. 13. Jh. Phot. Albert Schwanz, Berlin.

3. Kempen (Rheinld.), Pfarrkirche, A. von 1514. Phot. Bildarchiv des Rhein. Mus. Köln.

Literatur

1. Andr. Schmid, Der christl. Altar, Regensburg 1871, S. 233 u. 302. 2. Alex. Schnütgen, Ein silbernes Meßpult des XIII. Jh., Bonner Jahrbücher, Heft 84, 1887, S. 127ff. 3. Wilh. Effmann, Gothisches Meßpult zu Kempen a. Rh., Zs. f. christl. K., Jg. 10, 1897, S. 171ff. 4. Jos. Braun, Die liturg. Paramente, Freiburg i. Br. 1924, S. 221. 5. Otto v. Falke, Deutsche Möbel des Mittelalters und der Renaissance, Stuttgart o. J. (1924).

Verweise