Altarkreuz (B. In der protestantischen Kirche)

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englisch: Altar-cross (Protestant), crucifix (Protestant); französisch: Croix d'autel (protestante); italienisch: Croce d'altare (protestante).


Georg Stuhlfauth (1934)

RDK I, 506–511


RDK I, 507, Abb. 1. Stockholm, um 1650 (Augsburg).
RDK I, 507, Abb. 2. Bayreuth, 1668 (Augsburg).
RDK I, 507, Abb. 3. Königsberg, 1710.
RDK I, 509, Abb. 4. Ahrensböck, 17. Jh.
RDK I, 509, Abb. 5. Carlsfeld, 1688.
RDK I, 509, Abb. 6. Thalmannsfeld, 1717.

Ein A., d. i. ein auf dem Altar stehendes Kreuz mit (sehr selten ohne) Korpus Christi, haben in der evangelischen Kirche nur die Lutheraner, die hierin wie bei den Altarlichtern den Brauch der mittelalterlichen Kirche weiterführen (s. Christoph Hch. Zeibich: De signo Crucis e templis nostris non eliminando, Wittenberg 1735), und die Kirchen lutherischer Form. Das A. kann fehlen, wenn der Gekreuzigte im Altarretabel dargestellt ist (vgl. die Abb. im Art. Altarretabel, prot.); doch kommen in den meißen Fällen A. und Kreuzigungsdarstellung im Retabel nebeneinander vor. – Das Kreuz pflegt aus Holz zu bestehen, während die Figur des Heilands häufig aus anderem Material (Silber, Messing, Blei, Elfenbein, Knochen, Marmor, Alabaster, Fayence, Porzellan) gearbeitet ist. Die Zahl der erhaltenen A. ist sehr groß. Für das 16. Jh. lassen sich allerdings gesicherte Beispiele nicht nennen; jedenfalls ist die ursprüngliche Bestimmung als A. weder für einen 23 cm hohen Holzkruzifix mit Stifterwappen aus dem mittleren 16. Jh. in Rethen (Inv. Hannover III, 4, S. 271) noch für das ungefähr gleichzeitige Messingkreuz von 73 cm Höhe in der Stadtkirche zu Pirna (Inv. Sachsen I2, S. 104f.) zu erweisen. Sichere A. begegnen hingegen seit dem 17. Jh. in wachsender Zahl. Als eines der ältesten nennen wir das A. der Kirche zu Lauenstein (Inv. Sachsen 2, Taf. 9; vor 1619), dessen Korpus aus Alabaster besteht; am Fuß ein Pelikan. 1649 ist ein ganz aus Holz geschnitzter Kruzifix mit blutauffangenden Engeln in der Stadtkirche zu Weida gestiftet (Abb. im Inv. Sachsen-Weimar-Eisenach V, S. 381), 1689 ein A. aus Eichenholz in Prillwitz (Mecklenburg). Ein A. des mittleren 17. Jh. mit Silberkorpus besitzt die Georgenkirche in Eisenach (phot. Dr. F. Stödtner, Nr. 123644), ein gleichzeitiges mit der knienden Magdalena von Andreas Hamburger in Augsburg die Storkyrka in Stockholm (Abb. 1), ein besonders schönes, 1668 von dem Augsburger Goldschmied Heinrich Mannlich ausgeführtes die Stadtkirche zu Bayreuth (Abb. 2; Körperlänge 74 cm!). Aus vergoldetem Blech mit getriebenem Weinrankenschmuck und silbervergoldetem Corpus besteht das prächtige A. des Domes zu Bautzen, um 1670 (Inv. Sachsen 33, S. 42).

Aus dem 18. Jh. erwähnen wir an ganz in Holz geschnitzten Kruzifixen das A. von 1701 in St. Ägidien zu Quedlinburg, in der evangelischen Schloßkirche in Königsberg (gegen 1710; Abb. 3), in Wesenberg (Inv. Mecklenburg-Strelitz I, 1, S. 256; 1736), in Großharthau mit einem auf Blech gemalten Marienbild auf der Vorderseite des Postaments (Inv. Sachsen 31, S. 92; um 1760) und die Kreuzigungsgruppe mit Maria und Johannes in der Neuwerkskirche zu Goslar. Zahlreich und vielfach von hervorragender Schönheit sind die Goldschmiedearbeiten des 18. Jh.: A. von 1711 in der Friedenskirche zu Schweidnitz, an den Enden der Kreuzbalken die 4 Evangelisten, auf der Rückseite das Osterlamm und die Apostel; aus der Mitte des Jahrhunderts in der Leipziger Thomaskirche (Graul, Taf. 45) und in St. Georgen in Eisenach (phot. Dr. F. Stödtner, Nr. 123 638), um 1780 in der Erfurter Kaufmannskirche (Inv. Prov. Sachsen II, 22, S. 379), von 1792 das Treffurthsche Kreuz in der Jakobikirche zu Chemnitz. Ein schönes A. mit Elfenbeinkorpus in der Klosterkirche Doberan. Ausgezeichnete Porzellankruzifixe (Kreuz aus Holz) haben die Martinskirche zu Meißen (mit kniender Maria, hügelartigem Untersatz mit Gräsern und Blumen, Schädel und Gebein; Inv. Sachsen 39, S. 118) und die Kirche zu Prietitz (Inv. Sachsen 35, S. 277). Die namentlich in Landkirchen häufigen Bleikruzifixe sind teilweise von beachtlicher Qualität.

Ein allgemeingültiger oder auch nur bevorzugter Typus läßt sich für das protestantische A. in der Form so wenig wie im Material feststellen. Im ganzen sind sie einfacher als die katholischen. Meist verzichtet man auf alle Nebenfiguren (Johannes und Maria, Magdalena, Engel – doch i. oben Weida, Stockholm, Abb. 1, Großharthau, Goslar und Meißen); während der Adamsschädel (vgl. Sp. 157ff.) bzw. die Knochen zu Füßen des Gekreuzigten nicht regelmäßig gegeben werden, fehlt der Titulus nie. Häufiger sind die 4 Enden des Kreuzes irgendwie hervorgehoben, doch nur ausnahmsweise figürlich geschmückt (Schweidnitz).

Kaum noch als A. im eigentlichen Sinn kann man jene großen Kreuze und Kreuzigungsgruppen bezeichnen, die, gewissermaßen an Stelle eines Retabels, auf oder unmittelbar hinter dem Altar aufgestellt und unverrückbar befestigt sind. Vertreter dieses Typus, der nach alten Abbildungen nicht selten gewesen zu sein scheint, lassen sich in den verschiedensten Teilen Deutschlands nachweisen. Wir nennen und bilden ab: Ein sehr schönes Astkreuz des 17. Jh. aus Holz von 3,19 m Höhe in der Kirche zu Ahrensböck (Holstein; Abb. 4), das den Ausgangspunkt einer ganzen Reihe ähnlicher Kruzifixe in der Nordmark bildet; vgl. Gustav Brandt in Zs. f. bild. K., N.F. 10, 1899, S. 93ff., und Hugo Rathgens in Nordelbingen 3, 1924, S. 97ff. Ein Kruzifix auf dem Altar der Kirche zu Thalmannsfeld in Mittelfranken (Abb. 6) von 1717 ist – möglicherweise angeregt durch katholische Denkmäler von der Art des Kruzifixus in Untermässing (Inv. Bayern V, 3, S. 314) – von prächtigem Akanthus umrahmt, der sich unten postamentartig verbreitert. Durchaus als Retabel ist behandelt und aufgestellt die Kreuzigungsgruppe von 1688 in Carlsfeld (Sachsen; Abb. 5): auf einem breiten Sockel hinter dem Altar erhebt sich das Kreuz zwischen Maria und Johannes, anbetenden Engeln und 2 weiteren Figuren; die Gruppe leitet geschickt zu der an der Wand hinter dem Altar angebrachten Kanzel (und Orgel) über. – Daß hier wie in den erwähnten anderen Fällen ein Standkreuz auf der Mensa fehlt, kann nicht überraschen.

Zu den Abbildungen

1. Stockholm, Storkyrka, silbernes A., um 1650 von Andreas Hamburger in Augsburg. Phot. Bildarchiv der K. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademien Stockholm.

2. Bayreuth, Stadtkirche, A. mit Silberkorpus, 1668 von Heinr. Mannlich in Augsburg. Phot. Prof. Dr. h. c. Karl Sitzmann, Bayreuth.

3. Königsberg (Preußen), Evangelische Schloßkirche, A. aus Holz, gegen 1710. Phot. Prof. Dr. Anton Ulbrich, Königsberg.

4. Ahrensböck (Holstein), Kruzifix auf dem Altar, Holz, Höhe 3,19 m. 2. H. 17. Jh. Phot. Provinzialkonservator für Schleswig-Holstein, Kiel.

5. Carlsfeld (Sachsen, Amtshauptmannschaft Schwarzenberg), Altar mit Kreuzigungsgruppe, Holz, 1688. Phot. Sächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Dresden.

6. Thalmannsfeld (Mittelfranken), Kruzifix auf dem Altar, Holz, 1717. Phot. Bayrisches Landesamt für Denkmalpflege, München.

Verweise